Gehört ein wissenschaftliches Thema zu den medial und politisch breit akzeptierten Narrativen, ist es also irgendwo zwischen Klimawandel, Migration, Diversität, Diskriminierung und Gerechtigkeit angesiedelt, bleibt den dazu gehörigen Protagonisten einiges an Ungemach erspart – eine korrekte Haltung allerdings vorausgesetzt. Mit einer etwas tiefer schürfenden oder gar fundamentalen Kritik muss sich ein solcher Wissenschaftler nur noch selten auseinandersetzen.
Für Haltungswissenschaftler mag das zunächst recht kommod sein, doch ist es nicht frei von Kollateralschäden. Steht nämlich eine wissenschaftliche Richtung erst einmal unter einer Art Welpenschutz, brauchen sich deren Vertreter argumentativ nicht mehr besonders ins Zeug zu legen. Etwa, um sorgfältig zu begründen, warum ihre Auffassungen und Ergebnisse stimmiger und besser belegt sind als konkurrierende.
Ein aktuelles und schönes Beispiel für die Erosion wissenschaftlicher Standards ist die Äußerung des Vorsitzenden des Deutschen Klima-Konsortiums, Prof. Mojib Latif, zu den fehlenden messbaren Effekten auf die atmosphärische CO2-Konzentration, trotz des starken Rückgangs der CO2-Emissionen während der letzten zwei Monate: „Die kurze Pause aufgrund des Shutdowns reicht bei Weitem nicht, um die Klimaentwicklung auf einen Pfad zu lenken, der dem Klimaziel von Paris entspricht.“ Den Wissenschafts-Chefkorrespondenten der Welt (Printausgabe vom 20.05.) jedenfalls überzeugen solche substanzlosen Sprüche – und da wird er mitnichten der Einzige sein.
Wissenschaftliche Qualitätsstandards sind von zunehmender Erosion bedroht, was auch das auflagenstarke Deutsche Ärzteblatt (DÄ) immer wieder eindrucksvoll belegt. Besonders, wenn es um das Lieblingsthema der Redaktion geht, den menschengemachten Klimawandel. Da dürfte die Vorfreude auf den für Mai geplanten 123. Deutschen Ärztetag groß gewesen sein, bis Corona den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung machte: Jetzt fällt nicht nur der Ärztetag ins Wasser, sondern auch sein Schwerpunktthema: „Klimawandel und Gesundheit“.
Ein aufschlussreiches Interview
Für den wissenschaftlichen Hauptvortrag dürfte Prof. Dr. Dr. Sabine Gabrysch vorgesehen gewesen sein, die „erste Universitätsprofessorin für Klimawandel und Gesundheit in Deutschland“, wie das DÄ im letzten Jahr erfreut meldete. Dass sie berufen wurde, ohne auch nur eine einzige einschlägige Forschungsarbeit veröffentlicht zu haben, verschwieg man allerdings. Um in Coronazeiten endlich wieder einmal den Klimawandel thematisieren zu können, führte das DÄ mit ihr kürzlich ein Interview und titelte: „Ärzte könnten zu wichtigen Akteuren des Wandels werden“.
Offenbar hat sie sich bisher auch nur sehr selektiv in ihr künftiges Fachgebiet einlesen können, wenn sie den Lesern gleich zu Interviewbeginn den Klassiker auftischt: „Wären unsere Kliniken voll mit Coronapatienten und träfe dann eine heftige Hitzewelle die Alten und die Kranken, hätte das dramatische Folgen.“ Eher nicht, denn zum einen fällt bekanntlich die Saison für Grippe und ähnliche Erkrankungen gerade nicht in die warme Jahreszeit. Zum anderen führen stärkere Hitzewellen nicht vorrangig, wenn überhaupt, zu einer echten Übersterblichkeit, sondern zum Harvesting-Effekt, also einem um Tage oder maximal vier Wochen vorgezogenen Ableben von bereits todgeweihten Personen.
Aber um altmodische Wissenschaft, also um so etwas wie die Suche nach der Wahrheit, geht es bei der neu geschaffenen Professur für Klimawandel und Gesundheit auch nicht wirklich. Das Ganze dient vielmehr politischen Zielen und einer Erweiterung des PR-Spektrums vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK), an dem Gabryschs Professur – neben der Charité – angesiedelt ist. Zielgruppe ihrer Arbeit, so Gabrysch in dem Interview, sei die Ärzteschaft, deren wichtige Aufgabe die „Aufklärung“ der Patienten sei: „Was gegen häufige Gesundheitsprobleme wie Übergewicht, Herz-Kreislauf- oder Atemwegserkrankungen hilft, hilft gleichzeitig dem Klima: Etwa Kohlekraftwerke abschalten für saubere Luft, mehr Fahrrad statt Auto fahren, weniger Fleisch und dafür mehr Gemüse essen.“
Die Strukturen müssen geändert werden
Nun weiß auch Gabrysch, dass viele Menschen ihren Lebensstil zugunsten einer (vielleicht) gesünderen Lebensweise nicht wesentlich verändern wollen oder können. Aber das wird mittelfristig kein Problem mehr sein, da die Wahlfreiheit abgeschafft oder stark eingeschränkt werden soll: „Es sind (…) die Strukturen, die sich in einer Art und Weise gewandelt haben, dass sich immer mehr Menschen ungesund ernähren und weniger bewegen. Deshalb müssen wir auch diese Strukturen wieder verändern (...).“ Da beide Interviewer hier lediglich als Stichwortgeber fungieren, bleibt unausgesprochen, was Gabrysch damit genau meint, vor allem mit den Strukturen.
Das können im Rahmen der geplanten Wenden in Bezug auf Verkehr, Ernährung und Landwirtschaft aber doch wohl nur Verbote, Verknappung und Verteuerung sein. Fleisch essen und Autofahren soll wieder Luxus werden. Auch wenn Gabrysch bei der Beschreibung ihrer Forschungspläne das etwas vornehmer formuliert, nämlich als „Transformationsprojekte“, die in „einer größeren Zahl von Städten“ durchgeführt und von ihr dann, wie auch immer, wissenschaftlich evaluiert werden sollen. Offenbar gibt es also auf politscher Ebene bereits konkrete Planungen, wo mit solchen Transformationsprojekten begonnen werden soll. Vielleicht in den Städten, die im letzten Jahr den Klimanotstand ausgerufen haben?
Während ihrer bisherigen medizinischen Karriere hat Gabrysch vorrangig versucht, im Rahmen von verschiedenen wissenschaftlich begleiteten Entwicklungshilfeprojekten in Bangladesch und Subsahara-Afrika gegen Mangel- und Unterernährung sowie ungenügende Hygiene anzukämpfen. Nun ist seit jeher ein großes Problem dieser Art von Entwicklungshilfe ihr bloß vorübergehender Effekt: Sind die Helfer weg, etablieren sich meist rasch wieder – ganz überwiegend oder auch völlig – die alten Gewohnheiten. Da ist es, sozusagen aus psychologischer Sicht, schon nachvollziehbar, dass es eine solche Helferin irgendwann in eine Region mit etwas verbindlicheren Strukturen und einer duldsameren Bevölkerung zieht, wo dann eine gesunde und klimagerechte Lebensweise mit Verboten, Strafen und Geboten durchgesetzt werden kann, und das auch noch nachhaltig. Hätte Gabrysch dagegen im muslimischen Bangladesch ähnliches versucht, wäre ihre Professur sicherlich noch immer vakant.

Sollte man nicht besser von Haltungsgläubigkeit sprechen? Mit Wissenschaft und all den damit verbundenen Zweifeln hat diese pol. Haltung mit ihren Glaubenssätzen doch wirklich nichts zu tun. Entweder Gläubigkeit oder Wissenschaft.
Bei der Berufung von Professoren zählte früher in erster Linie wissenschaftliche Reputation. Heute ist es (Mainstream-)Haltung. Ich kann nur sagen : „Deutschland schafft sich ab“. Ich bin darüber tieftraurig - aber das nützt nix ...
Bei der Aufzählung "... irgendwo zwischen Klimawandel, Migration, Diversität, Diskriminierung und Gerechtigkeit ..." muss unbedingt "Gender" ergänzt werden, denn ohne die strukturelle Feministenförderung - des Hauptziel dieser "Wissenschaft" hätt es die genannte Dame nicht auf einen Lehrstuhl geschafft. Besonders schön sind ja solche Thesen, dass Übergewicht etwas mit Kohlekraftwerken zu tun hat ... Ich hoffe ja immer noch, dass das Pendel irgendwann zur Mitt zurückschlägt und dass die steuerliche Förderung von Schwachsinn eingestellt wird. Man wird dann allerdings mit den Problem zu tun haben, wie die einmal etablierten Strukturen korrigiert werden können. Projektförderung kann sofort aufhören, die Beseitigung von Planstellen per "kw-Vermerk" dauert Jahrzehnte. Und für die Korrektur der unguten Bevölkerungsentwicklung scheint es überhaupt keine Lösung zu geben.
Die Tatsache, dass Wissenschaft immer mehr durch Haltung und Ideologie ersetzt wird - deutlich ablesbar u.a. an der Einrichtung der viel zu großen Zahl an Gender-Lehrstühlen und dem hier erwähnten Lehrstuhl für Klimawandel und Gesundheit (beides rein politische Lehrstühle) - wird diesem Land mit seinen früher einmal großen wissenschaftlichen und technischen Ambitionen so viel Schaden zufügen, dass wir es kaum noch wiedererkennen werden. Aber das scheint wohl das Ziel der links-grünen Politik der letzten Jahre zu sein.
@Hanisch. Das CO2 Molekül ist denkbar ungeeignet um Wärme zu halten, es nimmt eine sehr geringe Menge auf und gibt diese nach 0,0001 Sekunden wieder ab. +++ Nehmen Sie z.B. hinzu, dass in der Sahara nachts (sehr kalt) und tags (sehr warm) die CO2 Konzentration gleich ist. Ärzte haben daher genug Zeit für Patienten.
Bei Gestalten wie Prof. Dr. Lauterbach, Prof. Dr. Latif, Prof. Dr. Dr. Gabrysch, um nur diese drei zu nennen, frage ich mich, wie die zu ihren akademischen Weihen gekommen sind. Gab es nicht mal eine Wissenschaft, die, anstatt "united" zu sein, zwischen Korrelation und Kausalität unterscheiden konnte und auch sonst nach strengen Kriterien zu arbeiten bestrebt und auch in der Lage war? Wird es so etwas wieder geben, außer den wenigen, die sich in unserer Zeit in ihrer Nische verstecken müssen, um nicht öffentlich heruntergemacht und angefeindet zu werden? Wird irgendwann die Zahl der echten Wissenschaftler wieder steigen, die sich das Zitat von Prof. Bolz zu Herzen nehmen und danach handeln, das da lautet »Es tut der Wissenschaft nicht gut, wenn Wissenschaftler mit Politikern an einem Tisch sitzen«? Im übrigen bezweifle ich, dass ein Einstein, ein Pauli, ein Robert Koch (trotz oder gerade wegen des nach ihm benannten Instituts) in unserer Zeit recht weit gekommen wären.
Das ist ein ganz zentrales Problem: Die Erosion der Wissenschaft. 95% der Menschheit fehlt Wille oder Fähigkeit zum klaren Denken und in der Wissenschaft ist diese Zahl gar nicht so viel geringer und wie ich als Wissenschaftler seit Jahrzehnten beobachten kann, die Annäherung an diese Werte geht weiter. Vor 30 Jahren schrieben wir irgendwas mit HIV in den Förderantrag- obwohl thematisch abseitig- und das Geld floss. Faulheit, aber besonders die 3 großen I- Ignoranz, Inkompetenz und Ideologie beherrschen die Szene. Seit den 70ern beschränkt sich der Fortschritt im Wesentlichen auf IT und Telekommunikation- alles immer ziemlich Beta- und in seinem Auswirkungen oft nicht so dolle. Digitalisierung macht oft vor allem blöd, arm und krank, der schlimmste Virus der Welt ist wahrscheinlich Windows- schon wieder Gates.