Am Dienstag herrschte wieder einmal Corona-Alarm. „RKI: Ansteckungsrate steigt wieder“ schrieb „Bild“ unter die beunruhigende Headline „Mehr als 6000 Tote gemeldet“. Ähnlich verlautbarten zahlreiche andere Medien bis hin zur „Wetterauer Zeitung“: „RKI: Corona-Todesrate steigt seit Tagen – Ansteckungszahl wird kritisch“. Sogar das Erdogan-Sprachrohr „Hürriyet“ warnte die Leserschaft auf Deutsch: „RKI: Corona-Ansteckungsrate steigt wieder – jetzt bei 1,0“.
Die Nachricht konnte kein Fake sein. Schließlich titelten auch die Faktenchecker der „tagesschau“: „Ansteckungsrate in Deutschland gestiegen“. Kein Grund zur Epidemie-Entwarnung also, denn: „Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte im Zuge der Ankündigung erster Lockerungen der Schutzauflagen deutlich gemacht, dass schon vermeintlich kleine Änderungen der Reproduktionszahl erhebliche Folgen haben können.“
Das ZDF wollte da nicht nachstehen und versetzte die Nation abends per „heute“-Beitrag (ab 03:25) in Unruhe. Zurück zu „einer Art Normalität“ gehe es nur, „wenn die Pandemie sich entsprechend entwickelt“. Aber „ausgerechnet die Reproduktionszahl, also die Zahl, die als ein entscheidender Faktor im Kampf gegen Corona gilt“, sei „heute“ erstmals wieder angestiegen. „Zahlen, die aufhorchen lassen“, raunte das ZDF und zitierte Bayerns Ministerpräsident Söder: Die gestiegene Reproduktionszahl zeige, was passiere, wenn man ohne Plan lockere.
„R“ ist immer Schnee von gestern
Was bei all der Aufregung unterging: Bereits am Dienstagnachmittag hatte das Robert-Koch-Institut die Meldung vom Vormittag wieder korrigiert. Die berüchtigte Zahl „R“ liege nun doch nur bei 0,9 und nicht bei 1,0. All das ist aber nicht entscheidend.
Viel wichtiger ist, was – wieder einmal – niemand klarstellte: R ist grundsätzlich Schnee von gestern. Genauer, Schnee von vor mindestens einer Woche. Den von Medien und Politik suggerierten akuten zeitlichen Zusammenhang zwischen dem „aktuellen“ Anstieg von R und verändertem Verhalten aufgrund gelockerter Ausgangsbeschränkungen gibt es nicht.
Um das zu verstehen, muss man wissen, wie das mysteriöse R berechnet wird. Vereinfacht gesagt, bildet die Reproduktionszahl R zu einem bestimmten Zeitpunkt das Verhältnis zwischen neu Infizierten und ihren Infizierern ab. Wenn also an einem Tag X zum Beispiel 2.000 Personen von 1.000 bereits Infizierten angesteckt werden, ist R = 2. Anders ausgedrückt: Ein Infizierter steckt zwei bisher Gesunde an. Das ist schlecht, denn in diesem Fall wächst die Zahl der Infizierten sehr schnell. Also versucht man R in Richtung 1 zu drücken (Infiziertenzahl bleibt gleich), idealerweise darunter (Infiziertenzahl sinkt).
Mindestens eine Woche verzögert
Tatsächlich ist R kein schlichter Quotient, sondern eine Schätzung als Ergebnis einer reichlich komplizierten mathematischen Operation, die uns im Detail nicht kümmern muss. Entscheidend ist, dass zwischen dem Infektionsgeschehen und seinem Bekanntwerden geraume Zeit vergeht. Mathematiker der Technischen Universität Ilmenau, die – auf Basis von RKI-Daten – eigene Berechnungen zur Corona-Reproduktionszahl anstellen, erläutern:
„Zu beachten ist weiterhin, dass das Meldedatum der Fälle aufgrund der Inkubationszeit (ca. fünf Tage, WHO 2020) und der Zeit für die Durchführung der Tests sowie der Meldung an die Behörden wesentlich später liegt als das tatsächliche Infektionsdatum. Der Einfachheit halber wird hier von einer Verzögerung von 7 Tagen ausgegangen. Daher wird auch die Schätzung der Reproduktionszahl um eine Woche zeitversetzt zu den gemeldeten Fällen angezeigt.“
Ihre täglich aktualisierten eigenen R-Werte präsentiert die TU Ilmenau sowohl für Deutschland insgesamt als auch für die einzelnen Bundesländer in einer anschaulichen Grafik zusammen mit den jeweils neu gemeldeten Corona-Fällen.
Laut TU Ilmenau lag R nur bei 0,29
Die von der TU Ilmenau am Dienstag (28.04.) publizierte Zahl gibt also den Datenstand des Vortages wieder (27.04.) und damit die geschätzte Reproduktionszahl für Montag, den 20. April – ähnlich verzögert wie beim RKI, nur mit dem Unterschied, dass die Ilmenauer Stochastiker den Zeitversatz transparent und unmissverständlich kommunizieren.
An jenem Montag vor anderthalb Wochen traten die Lockdown-Lockerungen gerade erst in Kraft. Eine R-Zahl für diesen einen Tag kann daher nicht aussagekräftig für Verhaltensänderungen der Bevölkerung aufgrund erweiterter Bewegungsmöglichkeiten sein. Würde man R trotzdem eine solche Aussagekraft beimessen, dann wäre die Nachricht allerdings eine sensationell erfreuliche: Die Ilmenauer bezifferten R für den 20. April nämlich mit nur 0,29. Auch der Wochenschnitt vor dem 20.04. (zwischen 0,5 und 0,6) zeigt sich weitaus positiver als beim RKI.
Die Nachrichtenlage am Dienstag beherrschte jedoch einzig die alarmistische Darstellung der Regierungsbehörde Robert-Koch-Institut. Kein einziges großes Medium stellte den RKI-Zahlen andere Berechnungen auf gleicher Datenbasis gegenüber. Und kein Medium wies auf den Zeitversatz der „aktuellen“ Reproduktionszahl hin.
Zahlen-Voodoo ohne Ende
Die Episode vom Dienstag fügt sich geschmeidig in eine lange Kette einseitiger Corona-Berichterstattung. Sterblichkeitsraten, Todesursachen, Bezugsgrößen, der Unterschied von relativen zu absoluten Werten, die Bedeutung von Zeitverschiebungen – diverse Fachleute haben auf der Achse wiederholt auf die zahlreichen Ungereimtheiten und Widersprüche im Zusammenhang mit Corona-Verlautbarungen hingewiesen (zum Beispiel hier, hier, hier und hier).
Ob bei den Medien-Darstellungen übertriebene Regierungsnähe, bewusste Propaganda, schlichte Inkompetenz oder ein bisschen von allem im Spiel ist, lassen wir dahingestellt. Fakt ist, dass die Bevölkerung nicht neutral und ausgewogen informiert wird. Speziell ein Ende des Zahlen-Voodoos ist nicht abzusehen.
Die Dienstagswelle zur angeblich gestiegenen R-Zahl hatte übrigens noch einen Nebeneffekt. Eine interessante Corona-Meldung des Tages ging in der allgemeinen Aufregung nämlich komplett unter: „NRW meldet keine erhöhte Sterblichkeit.“ Bestimmte Nachrichten könnten die Bevölkerung einfach zu sehr beruhigen.
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Bei den Maßnahmen, die die Bundesregierung im Verein mit den Landesregierungen durchgesetzt hat, bei diesem tiefen Einschnitt in die Grundrechte, diesen Auswirkungen auf Unternehmen kann niemand Entwarnung geben. Das Hysteriepotential muss hoch bleiben, denn sonst käme womöglich jemand auf die Idee zu fragen, ob diese Einschnitte wirklich gerechtfertigt waren. Angst machen, Panik verbreiten ist daher für das RKI wie die Bundesregierung das Gebot der Stunde, nur so entgeht man dem Rechtfertigungsdruck.
@ Herr Schleif, Sie amüsieren mich, wahrscheinlich sind Sie neuer achgut-Leser. Immer wiedergesagt, die Todesrate beim Menschen liegt exakt bei 100% ! Rechnen wir runter von 83 Mio auf gerundet 80 Mio EW, rechnen wir rauf die durchschnittliche Lebenserwartung von jetzt ca. 78 auf 80 Jahre, so ist der von der Natur vorgegebene Sterbe"plan" bei 1 Mio pro Jahr . Runterrechnen auf Monate oder Wochen können Sie selbst ! Gestorben sind in den letzten Jahren im Schnitt ca. 950 000 EW, also eine latende Untersterblichkeit. Sie könnten ja jetzt die wöchentliche normals Sterberate der aktuellen gegenüberstellen, das wird aber tunlichst in der Öffentlichkeit vermieden ! Allein eine statistisch ungewöhnliche Abweichung der Übersterblichkeit könnte einen Zusammenhang zu Corona-Toten herstellen. Dem Sie hier zum Opfer fallen, ist Desinformation, Propaganda, Dummenfang, in letzter Konsequenz Verschleierung der Politikfolgen in Wirtschaft und Gesellschaft , Politik der göttlichen Raute und ihrer Einheitspartei. Entschuldigung, aber Sie haben ja selber einen Kopf zum Denken !
Heinz Gerhard @Schäfer, das sind ja ganz neue Töne, haben Sie sich von Ihren viralen Covid-19-Attacken erholt?
Herr Abbé, Sie wollen nicht etwa zum Hamstern von Pampers o.Ä. aufrufen? Aber gut beobachtet, ich stimme Ihnen zu und freue mich auf die leeren Regale und auf die, die auf "dicke Hose" machen.
Interessanter Beitrag. Danke, Löwenstern. Zum Komplex RKI-Zahlen, Drosten usw.: Auf wikipedia finde ich die erstaunlich präzisen Angaben, dass Herr Prof. Dr. Drosten im Bonifatius-Hospital Lingen geboren wurde und auf einem namentlich bezeichneten Bauernhof aufwuchs. Auch über seine dem Vernehmen nach mit summa cum laude bewertete Dissertation zum Dr. med. (Univ. Frankfurt am Main) wird detailliert berichtet. Die entsprechenden (wohl empirischen) Untersuchungen wurden demnach an einem Institut des Blutspendedienstes des Deutschen Roten Kreuzes realisiert. Leider habe ich bislang für diese Dissertation keinen Bibliotheksnachweis finden können. Handelt es sich möglicherweise um eine Geheimdissertation (technische Geheimnisse, Patente o. dgl.) oder um eine aus anderen Gründen nicht publikationspflichtige Arbeit (etwa kumulativ)? Ich würde die Dissertation von Herrn Prof. Dr. Drosten gern einmal lesen. Nur wo finde ich sie? Vielleicht weiß jemand unter den Kommentatoren eine Antwort. Ggf. könnte ich auch versuchen, die Information direkt bei Herrn Prof. Dr. Drosten im RKI zu erhalten, doch vermute ich, dass er weiterhin extrem beschäftigt sein wird (qualifizierte Bewertung neu zu kompilierender Zahlen, konstruktiver Austausch mit Entscheidungsträgern der Bundesregierung, Vorbereitungen zur Teilnahme an weiteren wichtigen Talkshows, Entgegennahme von Preisen und Auszeichnungen anderer staatlicher Forschungseinrichtungen). In Anbetracht all dieser verantwortungsvollen, dem Gemeinwohl dienlichen Tätigkeiten möchte ich Herrn Prof. Dr. Drosten mit meiner Anfrage eigentlich nur ungern stören. Hier kämpft schließlich, unter der Führung unserer Bundeskanzlerin („Corona-Krise ist die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg“), ein Mann an vorderster Forschungsfront in Berlin um das Überleben Deutschlands und Europas.
@Sabine Schönfelder: Ihrem Kommentar kann ich Wort für Wort unterstützen. Darf ich Ihren Kommentar mit den Worten, in Anlehnung an Einstein, ergänzen, "Das Universum und die menschliche Dummheit sind unendlich, nur beim Universum bin ich mir nicht so sicher". Das heutige "Sahnestück", resultierend aus dem täglich tobenden Schwachsinn in der Anstalt Deutschland, habe ich wieder kosten dürfen. Hatte heute einen Termin beim Zahnarzt. Dort wurde ich gleich erst mal, von der Sprechstundenhilfe, forsch angemahnt, wieso ich denn keine Maske aufhabe. Das ist doch Vorschrift! Nun stand das leider nirgends. Woher sollte ich das wissen? Vor drei Wochen war das dort noch überhaupt kein Thema. Sie motzte weiter "wenn ich nun einen anderen Patient im Wartezimmer anstecke....". Zu dumm nur, ich war der einzige Patient im Wartezimmer. Außer mir weit und breit keiner da. Wem soll ich anstecken? Den Stuhl? Ist schon seltsam, beim Hausarzt, gestern, brauchte ich keine Maske, beim Zahnarzt brauche ich eine???? Dann überkam es mich und ich konnte einfach nicht anders, als der "motzigen Mamsell" noch ein wenig den Blutdruck anzuheben. Ich habe glatt nachgefragt, ob ich die Maske auch im Behandlungszimmer auflassen soll. Es könnte ja sein das der Zahnarzt ungeahnte (Um)Wege gefunden hat, um den Zahn zu gelangen. Wer weiß? Nichts ist unmööööglich! Coroooona!
Abgesehen von den Zahlen wird noch sehr genau nach den Vorerkrankungen geschaut werden. Falls es Sie interessiert, Herr v Loewenstern - ich habe bei Herrn Buurmann einen entsprechenden nachvollziehbaren Fall geschildert, heute, ist noch nicht erschienen. Eine wahre Katastrophe, so einen Fall unter "gestorben an CoviD 19" zu publizieren und Leuten, die sich mit der Medizin nicht auskennen (die meisten) damit einzuschüchtern. Ich schätze mal, falls ein paar von der Art Recherchejournalismus übrig bleiben oder vielleicht sogar mehr werden, werden sie noch Jahre damit zugange sein, außerdem Heerscharen an Anwälten. Jede Regierung außer Schweden ist auf dieser Bananenschale ausgerutscht und hat vorher nicht gemerkt, dass sie ein Lager mit reichlich Protektionsmaterial braucht.