Mit dem Tod der Queen geht eine Epoche zu Ende, in vieler Hinsicht. Ihr Nachfolger wird dem Reich keine 70 Jahre dienen können. Und doch ist nicht auszuschließen, dass die konstitutionelle Monarchie Großbritanniens überlebt – und Großbritannien selbst!
Die Monarchie verweist auf die Vergangenheit des einst weltumspannenden Imperiums, die Royals sind lebende Symbole einer ungebrochenen Geschichte, auf die man stolz sein darf. Und ja, das hilft, über die dunkleren Seiten der britischen Weltherrschaft hinwegzusehen.
Wer hätte Kontinuität eindrucksvoller verkörpert als die Queen? Denn sie hat das Band zur Vergangenheit gerade in Zeiten festgehalten, in denen die Brüche weit heftiger ausfielen als im seligen Jahrhundert vor dem 20. Sie hat die Inseln vorm Abdriften bewahrt, während das Empire zerfiel.
Ein biografischer Zufall wollte, dass ich vor elf Jahren einmal im VIP-Zelt drei Reihen hinter ihr saß, bei einem royalen Spektakel namens „Beating Retreat“, der Leistungsschau der Household Division der Queen. Das Spektakel heißt nach dem Hornsignal zum Sammeln am Ende der Schlacht und ist seit 1945 auch dem allgemeinen Publikum zugänglich – womöglich damals gedacht als ein Signal an die vom Krieg erschöpfte Bevölkerung.
Warum eine Erbmonarchie?
Die kleine, schon etwas gebeugte Dame im schlichten eierschalenfarbenen Kleid mit den weißen Löckchen kam im letzten Moment vorgefahren. Und obwohl ihr das Schauspiel nicht gerade neu gewesen sein dürfte, es findet schließlich jedes Jahr statt, schien sie sich keineswegs zu langweilen, im Gegenteil: Ohne royale Zurückhaltung scherzte und schäkerte sie mit den zwei kunstvoll verpackten Herren rechts und links von ihr, beide im blauen Rock, einer mit Schwanenfedern auf dem Helm.
Deutsche Puritaner mögen die Verkleidung lächerlich finden, viele deutsche Soldaten hingegen bedauern, dass ihre Paradeuniformen im Vergleich gerade aschenputtelmäßig wirken. Die Kostümierung zeigt, worüber deutsche Soldaten aus Gründen nicht verfügen: Verwurzelung in der Geschichte, Stolz insbesondere auf die jeweilige Regimentstradition. Dabei ist zwar der Monarch der alleinige Oberbefehlshaber der British Army, aber seit dem 17. Jahrhundert muss das Parlament jährlich das Bestehen des Heeres genehmigen, ein rein formaler Akt, aber immerhin.
Denn wir haben es ja bekanntlich mit einer konstitutionellen Monarchie zu tun. Deshalb jetzt der unweigerliche Einwand: wozu braucht man das? Warum eine Erbmonarchie, wo man doch weiß, dass die Kinder und Enkel nicht immer so ausfallen, wie es wünschenswert wäre? Es gab Zeiten, in denen die Royals die Klatschspalten dominierten, in denen die Monarchie nur noch lächerlich wirkte.
Philip lockerte das höfische Trara auf
Wäre Elisabeth die Zweite nicht gewesen, die den Ruf wahrte, als einige ihrer Familienmitglieder Amok liefen. Wer die Netflixserie „The Crown“ gesehen hat – geschrieben übrigens von einem, der gewiss kein Monarchist ist – bekommt einen Eindruck davon, welche Selbstbeherrschung ihr Amt der Queen abverlangte. Bereits ihre Schwester Margaret machte durch Affären und Skandälchen auf sich aufmerksam, Zurückhaltung war ihr nicht gegeben. Der Sohn und Thronfolger Charles ließ sich überreden, eine Vernunftehe mit Diana einzugehen, die sich mit der Rolle der von ihm nicht geliebten und schließlich hintergangenen Frau so gar nicht abfinden mochte. Schweigen wir von den Söhnen Edward und Andrew oder von Meghan, der Albtraumfrau ihres Enkels Harry. Allein von ihrer Tochter Anne hört man nichts Unrühmliches, sie wäre mit ihrem Pflichtbewusstsein und ihrer Zurückhaltung die ideale Queen, wenn es jetzt nicht einen King geben müsste.
Und was war mit Prince Philip, dem Gemahl der Queen, der Fettnäpfchen liebte? Er hat die in jahrhundertalter Tradition gefangene Inszenierung der Krone konterkariert, der statuesken Aufführung einen weltlichen Anker hinzugefügt. Seine Sottisen lockerten das höfische Trara auf. Sein berüchtigter Humor war die Brücke zum britischen Volk, dessen Vorstellung von Witzischkeit ähnlich brachial ist. Das Geheimnis der royalen Ehe dürfte das gewesen sein, was auch King Charles und Queen Consort Camilla verbindet: gemeinsam noch über den dümmsten Witz schallend lachen zu können.
Nun, die große Trauer um sie, die Queen, die Ehrerbietung, die ihre einstigen Untertanen in kilometerlangen Warteschlangen ihr erweisen, das alles könnte sich ebenso aus der Erkenntnis speisen, dass mit Elizabeth der Großen auch die lange schon schwindsüchtige britische Weltmacht begraben wird, endgültig. Das große Theater, das Zeremonielle, wird bloße Folklore, eine Touristenattraktion, die immerhin ein wenig von dem wieder einspielt, was so ein royaler Zirkus kostet.
Gut für den nationalen Zusammenhalt
Ja, die Monarchie ist ein Anachronismus, überall. Auch die übernationale Bindung des europäischen Adels blüht längst nur noch im Verborgenen. Sie hat sich bereits im Ersten Weltkrieg verabschiedet, als sich das Haus Sachsen-Coburg und Gotha, das nach dem Tod von Queen Victoria das Haus Hannover auf dem britischen Thron ablöste, in „Windsor“ umbenannte. Nur der europäische Adel hätte das Unglück des Großen Krieges verhindern können.
Also noch einmal: wozu eine Erbmonarchie? Wieso eine so große, wenn auch nur symbolische Macht für eine Person, die nicht gewählt wird? Nun, wenn es einen wirklich triftigen Grund gibt, warum der Anachronismus einer Monarchie einem Land guttun kann, dann ist es genau dieser: Die Monarchin ist nicht Gegenstand eines unwürdigen Spektakels wie Wahlkampf. Das ist das eine. Sie ist auch nicht Objekt einer Ernennung auf Parteitagen. Sie schwebt über den Parteien und der Politik – meistens jedenfalls. Nicht wie eine EU-Kommissarin, die ungewählt, aber nicht unabhängig ist, oder ein sozialdemokratischer Bundespräsident. Und es dürfte den vierzehn Premierministern, die sie begrüßt und verabschiedet hat, nicht geschadet haben, allwöchentlich mit ihr zusammenzutreffen, kniefällig, um berichtend womöglich zugleich zu reflektieren, was wichtig und richtig ist und was nicht.
Ist eine Monarchie gut für den nationalen Zusammenhalt? Das jedenfalls behauptet manch ansonsten unsentimentaler Brite. Eine Königin könne man lieben und verehren. Einen Staat könne man schätzen. Die meisten Politiker aber müsse man leider ertragen.
Veranstaltungshinweis
Heute stellt die Schriftstellerin und Achgut-Autorin Cora Stephan ihren Roman „Ab heute heiße ich Margo“ um 18.00 Uhr in der Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Kommunismus in Berlin vor.
In ihrer deutsch-deutschen Geschichte geht es um zwei Frauen, zwei Töchter, zwei Kriege, zwei Deutschlands – und ein gemeinsames Schicksal. Aus der Programmankündigung:
„Die Wege von Margo und Helene kreuzen sich in Stendal in den Dreißiger Jahren. Margo ist Lehrling in der Buchhaltung, Helene Fotografin. Sie lieben denselben Mann, werden durch den Krieg getrennt und bleiben doch miteinander verbunden. Selbst das Ende der DDR bedeutet kein Ende ihrer dramatischen Verstrickung, die noch bis ins letzte Jahr des 20. Jahrhunderts reicht. Cora Stephan erzählt Zeitgeschichte als Familiengeschichte und entwirft Charaktere, denen man voller Spannung folgt, getrieben von dem Wunsch, dem Rätsel von Liebe, Verwandtschaft und Verrat auf die Spur zu kommen.“
Die Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Kommunismus befindet sich am Nikolaikirchplatz 5-7, 10178 Berlin-Mitte (Nikolaiviertel).
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