Cora Stephan / 13.01.2022 / 10:00 / Foto: Bundesarchiv/Georg Pahl / 10 / Seite ausdrucken

Cora Stephan: Die Stimme der Provinz: Leben im Großraumbüro

Entwarnung! Sie kommen doch nicht massenhaft, die frustrierten Städter, die dank Corona die Vorzüge vom Arbeiten im Homeoffice inmitten blühender Landschaft kennengelernt haben. Die Stadt ist noch nicht verloren, lautet die aktuelle Botschaft. Dabei hieß es doch vor Kurzem noch, wegen Corona traue sich kein Angestellter mehr in den Aufzug zum 33. Stockwerk des Bürocontainers. Einkaufscenter und Großraumbüros galten als überholt, wegen des überall lauernden Virus. Nun also wieder volle Fahrt zurück!

Wir hier in der Provinz atmen auf. Die Stadtflucht sei nur ein temporäres Problem gewesen, hat die Umfrage einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft ergeben. Die Flucht aus der City ende meist schon am unmittelbaren Stadtrand. Und die Zuwanderung aus dem Ausland in die Ballungsräume halte an. (Wobei uns leider nicht mitgeteilt wird, um welches Ausland es sich handelt. Europa ist ja nicht gemeint. Doch möchte man in Japan, den USA, Indien oder China ins marode Europa auswandern? Wer‘s glaubt.)

Zugleich wachsen die Ansprüche, heißt es: Mieter möchten größere Wohnungen mit separatem Arbeitszimmer. Doch wie sollen solche Wünsche befriedigt werden angesichts knapper Fläche in den Innenstädten und steigender Mieten? Wohnungsneubau? Das scheitert schon daran, dass es an Material und Kapazität im Bauhandwerk fehlt, selbst wenn die Bürokratie einmal nicht verhindernd unterwegs ist.

Vor allem: Womit verdienen die Menschen das Geld für hohe Mieten? In Frankfurts Bankentürmen wird kein Geld gestapelt, höchstens mehr oder minder gut verdienende Angestellte. Für Umsätze sorgen dort Dienstleistungen aller Art – alles also, was nicht unter produktive Tätigkeit fällt – vom Verkäufer über den Schornsteinfeger über den Koch, Kaufmann, Friseur bis zum Müllmann. Ganz zu schweigen von staatsabhängigen Verwaltungsangestellten, die nun bereits im zweiten Jahr im Homeoffice vor sich hin schnarchen dürfen.

Die Gastronomie und das Hotelgewerbe sind dank all der einfallsreichen Panikpandemiemaßnahmen bereits weitgehend abgewickelt, der Einzelhandel leidet ebenfalls an Schwindsucht, und nur die Müllabfuhr hat genug zu tun, dank all der Pappen und Kartons, mit denen uns der Onlinehandel beschickt.

Wir hier halten den Laden am Laufen

Darf man also an der frohen Botschaft zweifeln, dass die Städte zu neuem Leben erwachen, also vielleicht, womöglich demnächst, falls nicht eine neue Welle die Maßnahmenphantasie unserer Politiker wieder in höchste Höhen schraubt?

Nun, in Unternehmen wie Google, Roche oder Deloitte wird darüber nachgedacht, wie man künftig das Büro wieder zum Machtzentrum machen und dabei mit jenem Kuschelfaktor ausstatten kann, der es den Angestellten erspart, sich noch irgendwo anders aufhalten zu wollen, etwa in der Kneipe (gibt's nicht mehr) oder gar im heimischen 40-Quadratmeter-Wohnklo (zu teuer) oder gar beim Shoppen (erledigt man online). Google etwa hat sein Züricher Büro mit einer Rutsche ausgestattet – die wird, so heißt es, zwar selten benutzt, aber „die Angestellten identifizieren sich damit“.

Identifikation with a slippery slope? Sonderlich zukunftsfest klingt das nicht. Doch halt: Googles Büro will die Kreativität der Angestellten fördern, mit Spielplatz und Iglu. Die Idee lässt sich weiterentwickeln: Wer sich in seiner Arbeitsumgebung wohl fühlt, ist leistungsfähiger. Also wird in „Wellbeing“ und „Recharge“ investiert. Die Angestellten sollen Yoga treiben, meditieren, schlafen, ins Schwimmbad oder ins Fitnesscenter gehen und im Restaurant ihren „kulinarischen Horizont“ erweitern.

Mal ehrlich: Wer will angesichts dieser Aussichten überhaupt noch nach Hause gehen? Das Büro der Zukunft spart Wohnraum und Arbeitswege. Was könnte schöner sein? Doch wo bleibt die Wertschöpfung, ohne die das alles nicht funktioniert? Dass der Dienstleistungssektor die industrielle Wertschöpfung ersetzen könnte, ist ein Irrtum, den schon Großbritannien einst bitter bereut hat. Und obwohl sich Deutschland als Industrieland soeben abschafft: Es gibt sie durchaus noch, die produktive Arbeit, nicht alles kann in Büros oder von Robotern erledigt werden.

Doch dafür haben wir, gottlob, die Hidden Champions, und die hausen nicht in den Städten, ganz im Gegenteil. „Hidden Champions“ nennt man kleine bis mittlere, meist inhabergeführte Betriebe, spezialisiert, innovativ und häufig Weltmarktführer. Sie sind oft wenig bekannt, doch sie waren und sie sind das Rückgrat des deutschen Wohlstands. Insofern sind wir hier in der Provinz ganz gelassen. Lasst sie in den Städten in ihren Großraumbüros kuscheln. Wir hier halten den Laden am Laufen.

 

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Foto: Bundesarchiv/Georg Pahl CC BY-SA 3.0 de via Wikimedia Commons

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Stefan Riedel / 13.01.2022

“Zugleich wachsen die Ansprüche, heißt es: Mieter möchten größere Wohnungen mit separatem Arbeitszimmer. Doch wie sollen solche Wünsche befriedigt werden angesichts knapper Fläche in den Innenstädten und steigender Mieten? ” Das uralte Problem: Angebot und Nachfrage. Entschuldigung! So etwas Kapitalistisches. VEB Wohnungsfürsorge Rhein-Main wird das Problem lösen. In 3 Jahren wird es in Frankfurt/M. aussehen wie in Leipzig 1989. Da will niemand irgendetwas, weil es nichts mehr gibt.

Oliver König / 13.01.2022

“Die Stadtflucht sei nur ein temporäres Problem gewesen” Gott sei dank! Wir wollen die woken, linken, grünen Spinner aus der Stadt haben hier auf dem Land.

Stanley Milgram / 13.01.2022

(Nicht nur) In Koblenz schließen reihenweise große Geschäfte mit tausenden Quadratmetern. Frage an die Regierung: “Was macht man damit?”

Matthias Ditsche / 13.01.2022

Möchte mal sehen, wie einer der Cityhippster mit vorgeschnalltem Säugling und einhändig E- Roller fahrend, imaginäre Selbstgespäche führend, wie so einer eine fachgerechte Kehlung aus Schiefer an die Gaubenwange seines Hauses hinkriegen will. Wäre ich Handwerker, würden die bluten, aber richtig. Der Zeitpunkt könnte nicht günstiger sein als heuer. Neue Dachrinne? Gerne! Aber zu meinen Preisen. Ärzte machen es schon lange vor, die wissen, wie man mit Angst und Bedenken die Börse der Patienten lockert. Wertschöpfung geht da nur in eine Richtung.

Ralf.Michael / 13.01.2022

Irrtum, Frau Stephan ! Ein gewisser Hubertus Heil wird in Kürze ein Gesetz erlassen : ” Rechtsanspruch auf Home-Office für Alle ” !! Darauf sofort einen Jäger-Bomb-....Prosit !

Frank Danton / 13.01.2022

Was fehlt im hippen Großraumwohlfühlbüro ist Sex. Wo man auf dem Land noch seine Promiskurität zu fröhnen weiß, und Fensterln zum guten Ton gehört, da bleibt dem Großraumverwöhnten nur noch die Rutsche und Yoga. Welcher Bauer und Landbewohner kennt nicht die aphrodisierende Wirkung von Hühnersuppe an Kartoffelpuffer, wer sieht in einer Schweinshaxe nicht die fleischgewordene Libido? Die Veganer bei Google sind doch allesamt Objektfetischisten, Menschen die Sinnlichkeit nur dann erfahren wenn sie ihr Apple Gerät sanft streicheln. Man kann sie zwar mit Spielzeug in ihrer astralen Welt begeistern, aber die wesentliche Triebfeder allen Seins bleibt in ihrer stagnierenden embryonalen Entwicklung unerforscht. Wenn also das woke Völkchen noch nicht bis in ihr Dorf vorgedrungen ist, Frau Stephan, dann deshalb weil sich auf dem Land alles um die Wechselwirkung der Geschlechter dreht, und die Neutrinos damit komplett überfordert sind.

Claudius Pappe / 13.01.2022

Ich hätte jetzt einen Artikel über die 190 000 illegalen Grenzübertreter im Jahr 2021 erwartet, die das deutsche Sozialsystem, zusätzlich zu den schon vorhandenen über 2 Millionen Kultur-und Arbeitsfremden, ausrauben.

Albert Dambeck / 13.01.2022

“... endet meist schon am Stadtrand.” Da fällt mir die Erzählung über Li Jutzie ein, der das Grab der Ahnen in der Provinz besuchen wollte, aber schon nach einhundert Schritten, sich ausruhen, innehielt. Die Rührung hatte ihn überrannt, wie es in den taoistischen Schriften heißt.

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