Cora Stephan / 28.10.2021 / 11:00 / Foto: Pixabay / 31 / Seite ausdrucken

Cora Stephan: Die Stimme der Provinz: Es lebe die Grenze

Man sieht kaum noch, dass da mal eine Grenze war – aber jedes Mal, wenn ich bei Mulhouse von Deutschland aus gen Frankreich fahre, gibt es noch ein Spürchen des alten Gefühls: Gleich beginnt ein Abenteuer.

Gut, mit der Zeit ist es nicht mehr ganz so abenteuerlich. Baguette und Cigarette und Baskenmütze sieht man, bis auf das Brot, nur noch selten, und dass es in jeder Kaschemme an der Route National hervorragendes Essen gibt, ist auch ein Gerücht. Und niemand muss französischen Weißwein trinken, wenn er auch guten deutschen haben kann. Dennoch: Wir unterscheiden uns, die Deutschen und die Franzosen, nicht nur in den nationalen Klischees. Ganz abgesehen von den Briten, den Polen, den Belgiern, den Ungarn, den Niederländern.

Darf man das Nationalcharakter nennen? Er war sichtlich entsetzt und musste mir sofort in die Parade fahren, der Schweizer Qualitätsschriftsteller, als ich bei einer öffentlichen Podiumsdiskussion von „Nationalcharakter“ gesprochen habe. Das sei, empörte er sich, na was wohl: nationalistisch.

Lieber links fahren und warmes Bier trinken

Also sind alle Unterschiede zwischen den europäischen Ländern zu leugnen oder, soweit sie stören, zu planieren? Das ist das, räusper, „Narrativ“ der Europäischen Union, die ihren Mitgliedstaaten eine „immer engere Union“ aufnötigen möchte.

Nationalstaaten gelten als Relikte des 19. Jahrhunderts, sie führen zu Krieg und Aggression, also weg damit. Dabei helfen Resettlementprogramme, nach denen es keine Nationen mehr gibt, nur mehr Siedlungsräume, und die Feier von „Diversität“ anstelle von Staatsbürgerschaft. Hautfarbe und sexuelle Orientierung ersetzen so etwas Altmodisches wie „deutsch“ oder „englisch“. Die Zukunft gehört dem „identitätslosen und provinziellen EU-Weltbürger“ (Tomas Spahn).

Noch wehrt sich der eine oder andere – vor allem die Visegrad-Staaten bestehen auf ihrer nationalen Souveränität. Warum sollte man sich auch dort schon wieder einer demokratisch nicht legitimierten Macht unterwerfen, nachdem man eben erst aus der eisernen Klammer der Sowjetunion entlassen wurde?

Großbritannien ist gleich ganz ausgestiegen aus der Veranstaltung namens EU. Egoisten! Die wollen halt lieber links fahren und warmes Bier trinken …

Im Ernst: Ich habe den Wegfall innereuropäischer Grenzen mitnichten nur begrüßt. Sie waren ja auch zuvor bereits durchlässig – und doch zugleich ein sichtbares Zeichen: Man gelangte in ein anderes Land, mit anderen Sitten und Unsitten.

Beharren auf einer gemeinsamen Geschichte

Und das ist noch immer so. Nein, liebe Annalena Baerbock, es stimmt nicht, dass der größte Vorteil der EU darin liegt, dass überall der Stecker in die Steckdose passt. Der einfache Eurostecker vielleicht. An allen anderen Steckern und Steckdosen aber kann man den noch immer nicht verblichenen Nationalcharakter perfekt ablesen.

Nichts anderes als der Unterschied macht den Charme unseres Kontinents aus. Selbstredend gehören zum Nationalcharakter nicht nur der französische Käse oder das englische Ale oder der schottische Dudelsack und andere Klischees. Auch die Geschichte der Nationwerdung unterscheidet sich jeweils – und natürlich auch die Erinnerung an Kriege und Erbfeindschaften. Frankreich zehrt vom Mythos nationaler Glorie – auch wenn es sich von den Briten sagen lassen muss, dass es die beiden letzten Kriege ohne Hilfe nicht gewonnen hätte. In Großbritannien wiederum vergisst man gern, dass man sein Imperium selbst verspielt hat, in dem man sich im Übrigen keineswegs nur zivilisiert benommen hat. Polens Nationalstolz, in der Vergangenheit durchaus aggressiv, speist sich aus der Erfahrung der polnischen Teilungen.

Außerhalb von Deutschland ist man mitnichten geneigt, sich zum Siedlungsgebiet zu erklären für alle, die aus ihren Heimatländern fortwollen. Das kann, aber es muss nicht Ausländerfeindlichkeit sein. Es ist das Beharren auf einer gemeinsamen Geschichte und Kultur, ganz abgesehen von der Sprache. Nur Anywheres, die glauben, es sei kosmopolitisch, sämtliche Flughäfen der Welt zu kennen, scheinen darauf weniger Wert zu legen.

Nationalstaaten beruhen auf der Unterwerfung der Provinzen

Die meisten europäischen Nationalstaaten bestehen aus Regionen und Provinzen, die sich oft nicht weniger unterscheiden als die europäischen Staaten untereinander. Die Sachsen sind nicht wie die Bayern und die wiederum nicht wie die Niedersachsen. In Frankreich ist das nicht viel anders. Das Vivarais etwa, wo ich das hier schreibe, einer der Austragungsorte des Bellum Gallicum und Heimat einer der ältesten Bilderhöhlen Europas – man schätzt das Alter der Gemälde in der Grotte Chauvet auf mehr als 30.000 Jahre –, ist nicht mit südfranzösischer Leichtigkeit gesegnet. Dafür sorgt auch die Erinnerung an die brachiale Verfolgung der Hugenotten im 16. Jahrhundert – „die Cevennen müssen brennen“, deklarierte damals ein Befehlshaber der königlichen Heere.

Nationalstaaten beruhen auf der Unterwerfung der Provinzen. Eine EU, die auf der Unterwerfung ihrer Mitglieder beruht, wäre eine schlechte Kopie. Es lebe der Unterschied. Niemand hier wie dort möchte nationale Souveränität an eine durch nichts legitimierte Instanz wie die EU-Bürokratie abtreten. Nicht nur in Polen, nicht nur in den Visegrad-Staaten stößt das Ziel der „immer engeren Union“ zunehmend auf Widerstand. „Die EU bekommt es mit einer veritablen demokratischen Konterrevolution zu tun, die das alte, nur scheinbar gelöste Problem der nationalen Souveränität in einem Staatenbund zur Diskussion stellt“, schreibt Karl-Peter Schwarz zum aktuellen Konflikt um Polen.

Widerstand gegen Grenzüberschreitungen der EU-Bürokratie gibt es selbst im kreuzbraven Deutschland – und in Frankreich. Es lebe die Grenze.

 

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Foto: Pixabay

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Dietmar Blum / 28.10.2021

@ Herrn Christian Feider / 28.10.2021: ” ...  dem jeweiligen “Gastland” den Respekt zu zollen, an der Grenze kurz den Reisepass hinzustrecken(meist wollte man den eh nicht sehen). “ Persönlich stamme ich aus der Eifel (vor Schengen “Zollgrenzbezirk” zu Belgien und Luxemburg) und kenne das ehemalige Grenzgeschehen zu Genüge. Interessant ist allerdings, dass es damals gerade der DEUTSCHE Zoll war, der rigoros bei der Einreise Papiere verlangte und in mind. 90% der Fälle auch das Reisegepäck kontrollierte, während das “Gegenüber” nonchalant davon absah. Wie heißt es so schön bei der Uckermärkerin “Die Grenzen sind nicht zu schützen”. Damals ging es, damals gab aber auch noch ein BundesGRENZSCHUTZ und keine Bundespolizei. Ps.: ICH bin übrigens auch zuerst Eifeler und dann Bundesbürger.

Christian Feider / 28.10.2021

ich habe diese linke EU-Fankultur nie verstanden,ausser,als linkes Beherrschungsvehikel hat es nie Sinn gemacht(einfach mal googlen,wer da alles schon das “Zepter” geschwungen hat wie zb Baroso). Ich bin etwas aelter,kenne die Schweiz,Italien,Frankreich,Polen,Monte Carlo,Österreich etc alles VOR Schengen und habe nie ein Problem darin gesehen, dem jeweiligen “Gastland” den Respekt zu zollen,an der Grenze kurz den Reisepass hinzustrecken(meist wollte man den eh nicht sehen). Das damalige EU-Gefühl war weitaus positiver als das heutige einer Zwangsjacke mit einer “Chefetage” in Brüssel,von niemandem gewählt und dessen Ziele erkennbar nicht mit den eigenen überein stimmen KÖNNEN. Jeder Vertrag wird garantiert gebrochen, jede “Grenze” überschritten! Weg mit diesem “Projekt”,das schon mit den Volksabstimmungen in Frankreich und den Niederlanden zu der angeblichen “Verfassung” gescheitert war und zurück zur guten alten EWG,gern mt sichtbaren Grenzen und Souveraenität in Unterschiedlichkeit! Ich bin Badener und dann DEUTSCHER,alles Andere ist Quatsch

Mathias Bieler / 28.10.2021

Sachsens Regierungschef Kretschmer war heute in Brüssel vorstellig und sprach davon, dass die EU-Aussengrenze Zäune und vermutlich auch Mauern braucht. Was wollteTrump noch mal an der mexikanischen Grenze machen ?

Wojciech Kacpura / 28.10.2021

“Das Schloß” von Kafka hat eine reale Form eingenommen, noch düsterer, als original. Auflösung der Staaten, Auflösung der Kultur, der Tradition, der Bindungen ist das Ziel. An wem kann ich mich wenden, wenn mir Unrecht getan wird- an EU? in welcher Sprache? nach welcher Grundlage? EU besitzt keine Verfassung. Der durch GG garantierte Schutz des Staates wird sich auflösen in ominösen “EU-Werten”. Nach Augustin, leicht abgeändert, kann ich sagen: ” Eine Union ohne den Staat und sein Recht ist eine Räuberbande”.

Alexander Rostert / 28.10.2021

Für das Elsass waren und sind weder geschmacksneutrale Weißbrotstangen noch Baskenmützen noch Käseplatten typisch, und der Gewürztraminer ist auch eher weiß als burgunderrot, da die künstlich geschaffene Staatsgrenze am Rhein eben nicht zugleich die Kulturgrenze ist. Das Problem mit der EU-Demokratiesimulation, vor dem die (meisten) nationalen Demokratien eben nicht stehen, ist denn auch weniger die Unterschiedlichkeit der regionalen Gemüter als Vielmehr die Unterschiedlichkeit der Sprachen. Ein gleichberechtigter Diskurs könnte nur zustande kommen, wenn man eine gemeinsame Sprache spräche, und diese technisch auf Augenhöhe. Dies wäre dann aber wieder eine Hegemonialsprache, die die nationalen Unterschiede einebnet statt ihre Stärken zu Geltung kommen zu lassen.

Peter Wagner / 28.10.2021

Es lebe die Vielfalt! Jaja, beim Gedöns um die tausenden Geschlechtertypen geht das ja auch! Und erst die vielen Hautfarben - supertoll! Ich will, dass die nationalen Besonderheiten - wie Sprachen, Lebenseinstellungen, Geschichte, Nahrungsmittel, Feierlichkeiten usw. - der Länder und Regionen unbedingt erhalten bleiben, weil das auch die Gründe für meine Urlaubreisen dorthin sind. Anderes erleben, Vielfalt genießen! Schon diese gruselige Währung EURO ist eine Zumutung. Ich werde nie ein uniformer EU-Bürger werden, der aalglatt den politischen Schwachsinn der Euro-Bürokraten mitmacht. Zumal das leitende Personal in der EU in meinen Augen zu den unfähigsten und dümmsten gehört.

S.Wietzke / 28.10.2021

@Heiko Stadler Es gibt eh nur noch ein relevantes Geberland, wobei auf zwei Arten gegeben wird. Erstens direkt über die EU Geldflüsse und innerhalb der Euro-Staaten über die Target-Salden bei der EZB. Wenn der einzige Geldgeber in absehbarer Zeit Pleite ist, fliegt der ganze Laden auseinander. @Dr. Inge Frigge-Hagemann Nie. Wobei ich mich bei dem Verhalten meiner Mitbürger eh frage, warum man da was verteidigen sollte.

Erwin Engelbogen / 28.10.2021

Geschichtlich gesehen ist die EU eine Naziidee. Gegründet in Frankreich aus der Montanunion zusammen mit der CIA. Praktisch ist sie der verlängerte Arm der US Geldeliten… der Globalplayer, Kriegsherren, Virenschleudern und Katastrophen-Verantwortlichen. Möge sie dorthin wandern, wo sich heute ihre Gründer befinden.

Joachim Schmidtke / 28.10.2021

Ich moechte bemerken, dass das Bild im Artikel mit der roten Bruecke nicht am Rhein liegt, sondern am Keelong River in Taipei, Taiwan. Mit Gruessen von einem Leser aus Taipei.

Detlef Rogge / 28.10.2021

Der Sinn von Staatsgründungen liegt darin, Leib und Leben, Hab und Gut eines weitgehend homogenen Volkes zu schützen. Staatsgrenzen sollen die Bürger vor Barbareneinfällen - gleich ob kriegerisch oder friedlich - bewahren. Im Innern soll Landfrieden herrschen, Recht und Gesetz als Primat bei der Regelung von Unfrieden. Die Landesgrenzen stehen offen für jedermann, ob harmloser Nachbar aus Frankreich oder brutalisierter Schutzsuchender aus der Levante. Die Außengrenzen finden nun ihre Entsprechung in Stahlpollern und Betonkloben vor Weihnachtsmärkten.

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