Cora Stephan / 16.09.2021 / 12:00 / Foto: Goldlocki / 8 / Seite ausdrucken

Cora Stephan: Die Stimme der Provinz und die Verdorfung der Literatur

Entgegen den Prognosen von „Zukunftsforschern“ sind Großstädte längst keine Sehnsuchtsorte mehr. Die städtischen Prenzlbergblasen sind langweilig geworden. 

Hat sich die Literatur neuerdings aufs Land verkrochen? Das mutmaßt Julia Encke, Literaturkritikerin bei der FAZ, beim Blick auf einige Neuerscheinungen der vergangenen Jahre. Überall „Baumalleen (als) Sinnbild für Lebenswege“, Wildschweinwurst bei urigen Nachbarn samt ehrlichem Betrinken, oder Zirkuspferde wie eine gewisse Mimi, die nackt durch den Garten springt. Knorrig, urig, ehrlich, nackt: Encke macht sich trefflich lustig über die eine oder andere Innerlichkeitsschote, insbesondere von Schriftstellerinnen, vorzugsweise aus Brandenburg.

Nun, entgegen den Prognosen von „Zukunftsforschern“ sind Großstädte längst keine Sehnsuchtsorte mehr. Die städtischen Prenzlbergblasen sind als „homogene Mittelstandsoasen“ langweilig geworden. Die einen sind von der Einförmigkeit der „bunten Vielfalt“ ihrer Viertel übersättigt – die anderen spüren die „bunte Vielfalt“ wenig wohltuend auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt, im Park oder nächtens auf der Straße. Da es Migranten überwiegend zu ihresgleichen in die Großstädte zieht, ist es selbst für städtische Altbaubewohner nicht mehr ganz so gemütlich wie einst im besitzergreifend „Kiez“ genannten Viertel. Bald dürfte die Zeit reif sein für eine Neuauflage der Westend Story. Ich vermute mal, diesem Thema werden sich eher die Männer unter den Schriftstellern zuwenden.

Jedenfalls: Dies alles und Corona haben den Trend aufs Land verstärkt – weil es dort billiger und ruhiger sei? Hah! Wer das glaubt, gehört zu jenen irrenden Unglückseligen, die den Klageweg beschreiten, wenn Nachbars Hähne krähen oder die Landwirte mit Fendts „German Meisterstück“ von morgens bis abends über die Dorfstraße donnern. Ganz zu schweigen von schreienden Schweinen und muhenden Kühen.

Die Traktoristen sind nebenbei gar nicht so ursprünglich und pittoresk, wie es Encke bei ihrer Auswahl gelesen hat, sondern hart arbeitende Spezialisten, und die Mutterkühe werden rabiat, wenn man glaubt, ihre Kälbchen streicheln zu dürfen. Und vergesst das Lastenfahrrad – bei uns in der Provinz geht nichts ohne den treuen Diesel oder Benziner, vulgo: Verbrenner. Ländliche Idylle und „absolute Innerlichkeit“ – daran glauben womöglich nur treue Abonnenten von „Landlust“. 

Miss Marples Dörfchen St Mary Mead als pars pro toto

In der Literatur aber ist die Landlust ganz und gar nicht neu. Enckes Frage „ist die ganze Welt ein Dorf? Und kann man anhand eines Dorfes die ganze Welt erzählen?“ wurde bereits von Agathe Christie beantwortet: Ja, man kann. Nicht nur in ihren Kriminalromanen steht Miss Marples Dörfchen St Mary Mead pars pro toto – ähnlich geht es bei Dorothy Sayers und vor allem Martha Grimes zu. 

Auch ich bekenne mich schuldig: Anne Chaplet hat zwölf Krimis geschrieben, die nicht nur auf dem Land spielen, sondern in denen es auch um den Kontrast und manchmal Konflikt zwischen Stadt und Land geht. Dass das, was im Krimi schon länger üblich ist, nun auch in der „richtigen“ Literatur eine Rolle spielt, schadet nicht, ganz im Gegenteil. 

Die Provinz erdet – das hat nicht zuletzt Juli Zeh immer wieder gesagt (und bewiesen). Es bereichert die Perspektive auf die Welt enorm, wenn man sich einmal an die Arbeit gemacht hat, ein unwirtliches Stück Land mit Spaten und Harke in einen Garten zu verwandeln. Ich spreche aus Erfahrung. Und was gibt es alles für Entdeckungen zu machen, wenn man mal jene Orte aufsucht, die sonst nur in den Staumeldungen auftreten!

Ja, die Provinz ist weit vielfältiger und, tja, bunter, als das, was die städtischen Blasen von sich behaupten. Dort ist der Konformitätsdruck erheblich größer – während man auf dem Land auch mit Leuten zu tun hat, mit denen einen womöglich nicht viel verbindet – das kann sehr entspannend sein. Ideologien und Moden spielen eine weit geringere Rolle – und mittlerweile zieht es auch den Nachwuchs nicht mehr magisch in die nächstgelegene Großstadt.

Im Garten sitzen und über den Reifeprozess der Tomaten nachsinnen

Man muss das Landleben beileibe nicht romantisieren – und sofern Schriftsteller innen und außen das tun, schließen sie von ihrer Lage aufs Gesamtkunstwerk. Schriftsteller müssen nicht pendeln, weder in die Werkstatt, die Fabrik, den Laden oder das Büro gehen, sie können mit dem Notebook im Garten sitzen und über den Reifeprozess der Tomaten nachsinnen. Das sagt etwas über sie, doch nichts übers Dorfleben aus.

Dennoch – dein Land, das unbekannte Wesen: Schön, wenn die Provinz hier und da eine Rolle spielt, es gibt noch so viel zu entdecken! Der Vorteil könnte auf beiden Seiten liegen: Wenn schriftstellernde Landbewohner erfolgreiche Romane schreiben, weil sie sich in der Idylle aufgehoben fühlen, haben ihre Nachbarn womöglich einen Grund, wenigstens ein klein wenig stolz auf sie zu sein. 

 

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Leserpost

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Regina Lange / 16.09.2021

Och nö,  bitte nicht! Die urbanen Vielfältigen sollen mitsamt ihrer Buntheit mal schön da bleiben wo sie sind. Auf die städtisch klugscheißenden Weltverbesserer wartet auf dem Land wirklich niemand.

Fred Burig / 16.09.2021

@Marianne Denninger : “Der Mietvertrag wird mit der Gemeinde abgeschlossen.” Genau, von unseren Steuergeldern! Solange wir eigene Probleme haben mit diesen “Regierenden”, weil sie unser Vaterland verschachern, sollte es keine “Einwanderung” mehr geben. Wir sind irgendwie selber am Ende! Vielleicht wollen das auch unsere gewählten “Volksvertreter” - aber für diesen Verrat sollen sie “hängen”, wie es plakatiert wurde! MfG

Marianne Denninger / 16.09.2021

Zum verschlafenen gemütlichen Landleben-  träumt weiter! Diese Woche wiederholter Aufruf im amtl. Blättchen: ” Die Gemeinde sucht Wohnungen für Geflüchtete zu deren Unterbringung. Benötigt werden Unterkünfte verschiedenster Größen. Der Mietvertrag wird mit der Gemeinde abgeschlossen. Dadurch wird garantiert, daß keine Mietausfälle während der Vertragslaufzeit entsteht. “ So nimmt das Resettlement seinen Lauf. Den 1. Aufruf hat vor einiger Zeit schon H.M.Broder hier bei ACHGUT veröffentlicht.

Matthias Kaufmann / 16.09.2021

Puuh, wenn noch mehr dekadente, einem Idealbild von „Natur“ und „Landleben“ nachlaufenden Städter auf die Dörfer ziehen, werden die zu genau den gleichen Drecklöchern wie die Städte. Sie haben nicht gelernt, sich anzupassen und Rücksicht zu nehmen, das sieht und hört man: auf dem Bürgersteig vor ihrem Grundstück blüht der Löwenzahn, weil „Natur!“, und ihre Hunde lassen sie kläffen und in die Landschaft koten, dass die Nachbarn genervt bzw. Kühe und Pferde krank werden. Nehmt dies, ihr grünen Spießer und Tatort-Gucker: ein Hund hat so viel mit Natur zu tun wie Dauerwelle oder Pudding. Bleibt unter euresgleichen in euren Shitholes!

Markus Knust / 16.09.2021

Schon der frühe Stephen King hat sich gern auf dem Lande ausgetobt. Gleich mehrere seiner Romane spielen im ländlichen Maine, in der fiktiven Kleinstadt Castle Rock. Der Altmeister beherrscht es wohl wie kein Zweiter, eine Kleinstadt Idylle zu erschaffen und diese dann zu dekonstruieren.  Aber wir müssen gar nicht in die Ferne schweifen. Vielleicht sollte die gute Frau Encke mal einen Blick auf Juli Zeh werfen, die mit ihrem “Unterleuten” schon 2016 in die brandenburgische Provinz blickte. Dorthin kehrte sie unlängst mit “Über Menschen” wieder zurück. Beide Bücher sind übrigens sehr lesenwert, wenn man es schafft, die Person Juli Zeh auszublenden und einige falsche Schlüsse, die sie zwangsläufig zieht. Die Links"liberalen” können halt nicht ganz aus ihrer Haut, der Versuch ist dennoch löblich und Frau Zeh kann wirklich schreiben.  Besonders Dialoge, dass muss man neidlos anerkennen. Spontan würde mir noch “Kleine Stadt der großen Träume” einfallen oder das großartige “The devil all the time”/“Knockemstiff” von Donald Ray Pollock. Vermutlich hat Frau Encke aber auch nur keine Kenntnis von diesen Vorgängen, weil sie über derart triviale Literatur die Nase rümpft. Schließlich reden wir hier vom FAZ Feuilleton, wo nur “wertvolles” gelesen wird, wie in Deutschlands staatlichen Schulen. Dort formt man neugierige Kinder zu kleinen Bücherverbrennern, indem man sie mit Effie Briest und Anna Seghers malträtiert.  Das macht so vieles kaputt und viele finden nie wieder zum Buch. Eventuell wird hier auch der Grundstein für den Hass auf alte weiße Männer und die eigene Kultur gelegt? Für Bildungsferne sowieso, denn wer erstmal neugierig ist, liest später auch die gepriesene “Hochliteratur”. Wobei ich mich immer frage, was an Murakami oder Ishiguro falsch wäre? Selbst ein Hemmingway wird nicht gelesen und der ist wirklich phantastisch.

Harald Hotz / 16.09.2021

Das ideale Dorf ist doch der links-grüne Spießer-Kiez in der Großstadt: alle kennen sich, alle haben sich furchtbar lieb, alle haben die richtige Haltung, nächtens hört man die Nachtigall singen und die Eule rufen, auf den Blühstreifen tummeln sich am Tage die Schmetterlinge, die urban gardener ernten auf der ehemaligen Verkehrsinsel Tomaten, auf dem örtlichen Markplatz gibt´s nur Bio, Eier von glücklichen Hühnern, wenn überhaupt, dann nur bestes Fleisch von sanft entschlafenen Tieren, die ein erfülltes Leben hatten, kein Windrad stört dei Idylle, samstags trifft man sich am Käfer-Standl auf einen Prosecco und parliert mit dem Grünen Stadtrat(m/w/d). - Da wäre der Umzug in ein lebendiges, gewachsenes Dorf doch ein PTBS-auslösendes Erlebnis:  rustikale, direkte Charaktere, Traktoren mit der Motorleistung eines Leopard2, der Horizont manchmal komplett von gigantischen Windrädern verstellt, die Felder manchmal eine einzige Maiswüste, eingeschworene Männer -und Frauenbünde, die ohne Dialektkenntnisse keinerlei Zugang gewähren. Eine Jugend, die viel und gerne Diesel betriebene Verbrenner fährt und wenig Probleme mit der geschlechtlichen Identität hat.- - Ich als Mittel-Städter genieße es immer, wenn ich aufs Land fahre, mal wieder so richtig meinen Dialekt sprechen zu dürfen und zu können und zu sehen, wie sich schlagartig die Herzen und die Türen öffnen. Ich fürchte, die verzärtelten Großstadtgrünen sind besser im akademisierten Milieu des nöligen Hochdeutsch aufgehoben. Das ist für uns alle besser: also bitte,bitte,  bleibt wo ihr seid!

Christian Feider / 16.09.2021

hm,also ich als vorher mondänes Landei auf Besuch in Deutschlands ekligsten Grosstädten(B/HB/HH/M/S und andere) vermisse weder irgendwelchen linken “Kieze” noch multiethnische Verwirrungen. Bin ganz froh,das sich die Verrückten konzentrieren,eine Mauer um jeden Moloch und Schlüssel weg und D waere wieder ein schönes Heimatland.

Dr. Jäger / 16.09.2021

Es gab schon öfter Phasen, wo Stadtmenschen aufs Land drängten. Unfreiwillig im WK2, bei meinen Grosseltern gab es Hausschlachtung, Obst , Gemüse,keine Bomben aufs Dach. Es war damals schon ein Kulurschock, wenn das Stadtkind bei der Geburt eines Kalbs , oder dem Köpfen eines Huhns zusehen durfte. Später versuchten sich “Alternative” am Landleben, fast alle waren schnell wieder weg.Zu viel Arbeit, zu wenig Dorfvolk, das ihren kruden Lebensplänen ,praktischem Unvermögen ,Naivität von Theoretikern Beifall zollte. Abitur, aber keine Ahnung vom eigenständigen Leben,da ist der Plan vom autarken Dasein bald wertlos. Traum und Wirklichkeit, wer nicht viel Geld von Eltern oder Opa/Oma mitbrachte , war schell nüchtern. Klar, die tumbe Landbevölkerung war der Grund des Versagens,nicht offen und reif für die “Kulturrevolution” So denkt der Idiot, der Arroganz mit Intelligenz verwechselt. Heute geht Bio auf dem Land, aber nur weil es genug überbezahlte Akademiker aus der Stadt gibt, die das überteuerte Zeug mit dem SUV vom Hofladen karren. Manche siedeln sich (wieder) an, das passende Gefährt ist schon vorhanden. Sie treiben die Preise hoch, schimpfen darüber, erklären der Dorfbevölkerung ungefragt das Leben. Anpassung , wozu, ich weiss alles besser, bin beim BUND,, NABU, träume vom Wolf, Bären und wähle Leute , die vom Leben so viel Ahnung haben wie ich. Lieber alleine auf dem Land , als einsam in der Stadt.Wer sich nicht auf das Land einlässt , bleibt ewig fremd, und einsam.

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