Was haben die Römer je für uns getan? Genau! Womöglich haben sie uns auch noch die Landgasthöfe beschert. Denn wer Fernstraßen baut, muss zugleich dafür sorgen, dass Reisende unterwegs absteigen, essen, schlafen und die Pferde wechseln können. Ziemlich oft, aber nicht überall, trafen sie an solchen Orten auf Wegelagerer, die sich Wirte nannten, auf finstere Kaschemmen, Mordbuben, mieses Essen, schlechtes Bier und nasses Stroh. Wer „Game of Thrones“ gesehen hat, weiß, wie gruselig das sein kann.
Doch derartiges konnten sich nur Raststätten leisten, für die es kilometerweit keine Konkurrenz gab. Die anderen mussten um ihre Kundschaft buhlen, um die vielen Pilger oder Händler, und so wurden die beliebtesten Gasthäuser, den Märkten vergleichbar, zu Brennpunkten der Völkerverständigung.
Aufgehorcht also: Lockdown für Gasthöfe ist nichts anderes als eine Versündigung am weltumspannenden Gedanken von Frieden und Völkerverständigung. Na? Klingelt’s?
Genau dafür sind sie da, die Landgasthöfe, mit ihrer ehrwürdigen, jahrhundertealten Tradition. Sie dienten niemals nur der Beherbergung und Verpflegung, sondern auch dem Feiern, dem rechten Glauben, der Verschwörung und der Demokratie – als Versammlungsort oder Wahllokal und als Höhepunkt des sonntäglichen Kirchgangs.
Kleinodien der Wirtlichkeit
Man denke an England oder Schottland, wo Gasthöfe die Brutstätten der Künste waren, des Theaters, der Musik. Shakespeare begann seine Karriere im Cross Keys Inn. Waren das Zeiten.
In seiner heutigen Form ist der Landgasthof eine Erfindung der Neuzeit. Viele dieser Stätten völkerverbindender Gastlichkeit drohten zu versinken, doch einige an den weniger fetten Landstraßen haben sich hinübergerettet und sind in alter Würde wiederauferstanden. Die Raststätten an den Autobahnen sind nur ihr müder und wenig einladender Abklatsch. Die Kleinodien der Wirtlichkeit überlebten als Ausflugslokale, seit die Menschen den Ausflug aufs Land als Freizeitvergnügen für sich entdeckt haben – und das ist noch gar nicht so lange her.
Landgasthöfe haben seit dem 19. Jahrhundert eine Renaissance erlebt – genauer gesagt: seit Menschen den grauen Stätten der frühen Industrialisierung in die angeblich noch unberührte Natur entfliehen wollten. Und seit auch die etwas größere Masse sich zeitlich und materiell etwas leisten konnten, was sonst nur dem adligen Müßiggänger genehm war: den Ausflug in die Landschaft – diesem Phänomen, das mit Natur weniger zu tun hat als mit des Menschen Sehnsucht nach ihrer Schönheit.
Die Naturzerstörung durch die Industrialisierung erzeugte den Wunsch, eine unzerstörte Idylle in immer ferneren Gegenden aufzustöbern, um sie damit ebenfalls zu profanisieren, meint Rolf Peter Sieferle. „Naturverherrlichung setzt immer die Trennung von der Natur voraus.“
Den Nachbarn mit einem frisch gezapften Bier zuprosten
Gewiss. Egal.
Mag der Landgasthof in möglichst idyllischer Lage auf der Illusion beruhen, der kapitalistische Menschheitsfortschritt lasse noch ein paar winzige Oasen der Schönheit übrig – es macht es nicht weniger schlimm, dass man ihn derzeit nicht ansteuern kann. Schließlich lautet das Gesetz: Nach jeder (vom Arzt empfohlenen) Wanderung sollst du einkehren und dich an einem langen Tisch unter alten Kastanienbäumen oder Glyzinienkaskaden niederlassen und den Nachbarn mit einem frisch gezapften Bier zuprosten.
Etwa im „Weißen Schwan“ unweit von Berlin, idyllisch an einer der vielen Wasserstraßen gelegen, mit verlässlich freundlichen Wirtsleuten und hausgemachtem Kuchen. Oder in der Boucharade, am Ufer der Beaume in der Nähe einer Brücke gelegen, der höchst willkommene Endpunkt einer Wanderung durch die wilde Botanik. Und was wären die deutschen Weinbaugebiete ohne die vielen Straußwirtschaften, in denen es zur schlichten Brotzeit den besten Wein gibt?
Das sind die Orte, an denen es passieren könnte, dass sich einer erhebt, das Glas in der Hand, zum Umtrunk oder Umsturz aufruft: „Wir machen auf!“ Die Augen, die Flaschen, die Herzen, die Gasthäuser, alle Stätten der Geselligkeit und der Begegnung. Es wird nicht mehr lange dauern, und wir werden sie stürmen: die Gasthäuser, nicht nur auf dem Land.
Um es im Sound des 19. Jahrhunderts zu sagen: Das genau ist es, was die Herrschenden fürchten.

Genau deswegen werden keine Gaststätten geöffnet, hier könnte ein Umsturz unserer lieben Herr irgend wann einmal auf die Tagsordnung kommen.
Mein Wirtshaus vermisse ich im Moment sehr. Da bin ich regelmäßig zweimal in der Woche für ein Stündchen hingegangen. Da treff ich dann immer die üblichen habitués. Wir schmarren dann, wie man in Franken sagt und hochintellektuelles Geschwätz gibt es dort auch nicht und brauch ich auch nicht. Man redet über Fußball, aber auch, wer krank ist, wer gestorben ist und was im Gemeinderat beschlossen wurde. Mein Bier kann ich auch zuhause trinken, aber diese Unterhaltung hab ich da nicht. Wenn die Wirtshäuser tot sind, dann werde die Gemeinden stinklangweilig und öde.
Das letzte Landgasthof hier vor Ort hat vor fünfzehn Jahren geschlossen. Der Campingplatz mit Restaurant und das Tagungszentrum eines Hotels mit Restaurant gegenüber, mitten im Grünen, sind geschlossen. Heute traf ich die Direktorin eines anderen Landhotels, das per 30. April wegen Corona schließt und allen Mitarbeitern gekündigt hat, auch ihr. Der Fachvermittlungsdienst der Arbeitsagentur kann ihr nicht helfen, man hat ihr einen Job in der Altenpflege angeboten. Noch ein, zwei Lockdowns, dann sind die Landgasthöfe weg, und da gibt es im Sommer nix mehr zu stürmen. Die mittelständischen Gaststätten und ihre Arbeitsplätze sind dann erfolgreich vernichtet. Nur: Wenn du darauf hinweist, dann bist du ja „nicht empathisch“ für Kranke und Pflegepersonal; und so werden sie gegen jene ausgespielt, deren Existenzen wegbrechen. Und Klinikärzte und Pflegepersonal lassen sich das gefallen, von einer Regierung, die sie jahrzehntelang vernachlässigt, bespart, privatisiert, ihre Betten abgebaut und dem Pflegekräftemangel tatenlos zugesehen hat, bis die Kliniken im Herbst 2020 schon kurz vor der Zahlungsunfähigkeit standen. – Die Oase, auf der man sich davon wenigstens gedanklich frei machen kann, suchen wir alle vergeblich. Und wenn es da was Kausaleres zu stürmen gälte, dann wäre es nachgerade nicht der Landgasthof.
Auch wenn es hier nicht genau passt, seit dem Lesen der noch abonnierten Tageszeitung der Funke-Gruppe bewegt mich das Thema Querdenker. Diese werden heute in drei großen Artikeln durchweg kriminalisiert. Intensiv wird über die immer krimineller und aggressiver werdenden Querdenker und deren Nähe zu RÄÄCHTS geschrieben bzw. polemisiert. Die Notwenigkeit der Beobachtung wird hervorgehoben. Es scheint, als wolle man die Bewegung nun mit allen möglichen Mitteln zum Erliegen bringen. Diese Form der Kommunikation soll unterbunden werden.
Frau Stephan, vielen Ihrer Aussagen stimme ich zu, bei einigen erhebe ich sanften Widerspruch:
– Früher boten Landgaststätten in der Regel keine kulinarischen Freuden. Klumpende Suppen, nasskalte Kartoffeln, zerkochtes Gemüse, zähes Fleisch mit Zazzeln waren eher die Regel als die Ausnahme. Erst seit den 70er Jahren, zeitgleich mit der Reduktion der Zahl der Kneipen (- die Glotze hielt die Gäste zuhause und es gab verschärfte Alkoholkontrollen für Autofahrer), entstanden ländliche Gaststätten mit wirklich guten Köchen. Die haben dann oft die normale Alltagskundschaft mit Bier und Stammtisch von einem Restaurant-Teil getrennt.
– Die Autobahn-Raststätten sind in den letzten 20 Jahren erheblich besser geworden, was natürlich mit der Privatisierung dieser Betriebe zu tun hat. Man hat dort zumindest erstklassige Gemüse-Büffets, teilweise sind auch Fleich und Fisch akzeptabel. Und der Kaffee aus den Espresso-Automaten ist ebefalls ok.
– In Corona-Zeiten ist es schwer für Reisende, Atzung zu finden. Wer keine Verwandschaft oder Freunde auf der Langstrecke hat, muss von der zuhause geschmierten Stulle leben. Wer sich als Geschäftreisender einordnen kann, für den gibt es einige Hotels mit Abendessen und Frühstück.
Wie mein Leben ohne Gaststätten verlaufen wäre, kann ich mir nicht vorstellen, weil dieses Gedankenspiel zu dystopisch ist. Ich habe in so vielen Pubs und Discotheken gearbeitet und war dort Gast, auf der ganzen Welt, sicher die Hälfte meines damaligen Lebens. Eine Variante ohne das funktioniert nicht, nicht einmal in der Fantasie. An die Jugend von heute: Wenn ihr Pubs und Discotheken wollt, dann kämpft dafür selbst, statt sinnloses Klimagehüpfe. Wie wäre es mit Gaststättengehüpfe? „Wer nicht hüpft bleibt einsaaaam…“
Wer jetzt nicht aufsteht und Widerstand leistet, dem sei mit dem Wirtshausschild vom Ausflugslokal „Meisterturm“ in Hofheim am Taunus (Hessen) zugerufen „Ei, ei, warum vorbei?“