Cora Stephan / 13.05.2021 / 06:15 / Foto: Pixabay / 25 / Seite ausdrucken

Cora Stephan: Die Stimme der Provinz – das Geheimnis der Promillewege

Nur der ist wirklich angekommen in der Provinz, der sämtliche Promillewege kennt. Das sind sorgsam gehütete Geheimnisse der Einheimischen, die nicht jeder Dahergelaufene gleich ergründet. Sie können sich als lebensnotwendig erweisen.

Klar, da lächelt der Städter maliziös: In der Stadt braucht man sowas nicht im Suff, sofern man als Fußgänger unterwegs ist, noch halbwegs sicher auf dem Fahrrad sitzt oder sich ein Taxi leisten kann. Alles ökobioklimafreundlich!

Wir Provinzler sehen das bekanntlich anders. Wir geben unser Auto nicht her – aus Prinzip nicht und überhaupt, zumal die Kneipe selten gleich um die Ecke liegt. Fast alle Landbewohner sind Auto- oder wenigstens Bulldogfahrer, meist durchaus tolerant, weshalb es Zugezogenen selbstredend offensteht, sämtliche Lebensmitteleinkäufe mit dem Rad zu erledigen und die größeren Sachen dann eben von Amazon liefern zu lassen. Wir bleiben autoaffin, in jeder Lebenslage.

Die Promillewege sind, was der Name bereits anzeigt: Fährten, auf denen man von einer Führerscheinkontrolle selten belästigt wird. Idyllische Waldpfade, je nach Jahreszeit nach Moos, Anemonen, Mädesüß, Geißblatt, Pilzen oder Tannenzapfen duftend. Verbotene Feldwege, an Weiden mit rülpsenden Rindern entlang, gesäumt von Bächen, in denen die Frösche und Kröten gregorianische Gesänge üben. Umzingelt von Rehen, die nur darauf warten, dem einsamen Lenker vor die Motorhaube zu springen, damit die Kiste vollgebremst im Graben landet. Sie scheinen zu ahnen, dass selbst beulenträchtige Begegnungen im Abseits schon mangels Zeugen von keiner Versicherung bezahlt werden. Im Mondschein auf Sandpisten, über denen weiße Buhus kreisen, in Blitz und Donner auf Schotterstrecken, von Treckern und Baumfällmaschinen zermalmt. Durch schillernde Regenpfützen pflügend und haarscharf an Abgründen vorbei. Oder auch nicht: so manch einsame Ölwanne wurde hier und da schon angetroffen, Zeuge einer durchzechten Nacht, nach der es niemand gewesen sein will. 

Erfreuliche Möglichkeit, das Leben zu genießen

Selbstredend muss man nicht unbedingt mehr als die gerade noch erlaubten 0,8 Promille intus haben, um Promillewege zu schätzen. Wer nächtens aufs Wildschwein geht, wird dafür nicht die Bundesstraße nehmen. Manch einer nennt sie Schleichwege, weil er nicht hellerleuchtet und mit fliegenden Fahnen einlaufen will, wo Diskretion gefragt ist. Auch rücksitzaffine Triebtäter*innen wissen ihren Charme zu schätzen. Für eine laue Sommernacht unter blinkernden Sternen am samtenen Himmel, beim Nachtigallenschlag und dem Sirren partizipierender Insekten nimmt manche*r manches hin. 

Heute gar, in Zeiten, die fröhliche Rundfunkmoderatorinnen „Coronazeiten“ nennen, erweisen sich Promillewege als erfreuliche Möglichkeit, das Leben zu genießen und dabei auch noch Geld zu sparen. Sperrstunden im Frühling sind nunmal dazu gedacht, das Staatssäckel wieder reichlich zu füllen, hier in Frankreich wird es richtig teuer, wenn man sich nach 19 Uhr noch auf der Straße blicken lässt. Von einer Dorfbewohnerin wird berichtet, dass zwei Gendarmen sie, obwohl mit Hund unterwegs, die Mülltüte nicht entsorgen ließen, weil es ein paar Minuten danach war. Ich weiß nicht, ob die Dame den Herren darob den Vogel gezeigt hat, jedenfalls soll man der Unbotmäßigen das Tor eingetreten haben, um ihr die Quittung zu überreichen: 135 Euro, die unterste Grenze. 

Mal ehrlich: man sitzt mit Freunden auf der Terrasse, isst und trinkt und soll damit um 19 Uhr aufhören? Das hieße ja, man müsste bereits mittags damit anfangen? Kurz: auch wir waren vor ein paar Tagen nicht geneigt, so früh bereits die Segel zu streichen. Als wir, durchaus heiter, die Freunde verließen, war es schon nach neun – und wir sahen sie am Kreisverkehr stehen, die Herren in blau mit den attraktiven Käppis, die MP stets  griffbereit, wie sie alle anhielten, die motorisiert noch unterwegs waren. Wir wären ihnen direkt in die Arme gefahren, hätten wir nicht: genau. Wir kennen unsere Promillewege. Der Umweg führte durch Weinberge und Olivenhaine, es ging auf schmalen Brücken über die rauschende Beaume und durchs stille Rosiere hoch nach Hause. 

Kurz: es gibt Dinge, die selbst in einem autoritär regierten Staat wie Frankreich schwer zu kontrollieren sind. Wieviele Gendarmen braucht es, um an den in diesem Land besonders beliebten Kreiseln nach Abweichlern Ausschau zu halten? Eben. Und in Deutschland? Wer will all das überprüfen, was überprüft werden soll, damit den Bürgern großmütig „Lockerungen“ gewährt werden können? 

Vergesst es. Der selbstbewusste Bürger unterläuft, was sinnlos ist. Auf den Promillewegen des Lebens.

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Foto: Pixabay

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Ulla Schneider / 13.05.2021

@ Manni Meyer: Besten Dank für die Aufklärung.Nächstens beschreib ich die einfach. Wie heißen denn die, die noch vor den genannten Zweibeinern “mmmmmmm” in Amerika waren?  Oder unsere? Das wird echt schwierig mit der Herkunft. Übrigens, das Wort “Walachei” hat sich tatsächlich ins plattdütsche eingeschlichen, zumindest in dem Ort, indem ich aufgewachsen bin und bezog sich nicht nur auf den Begriff ” bekannter unbekannter Schleichweg” sondern auch für nette, nicht einschaubare Plätzchen im Sommer. MfG.

Manni Meier / 13.05.2021

@Ulla Schneider “Nun ja, halt wie Indianer ( darf man das noch sagen)...” Aber liebe Frau Schneider, wo denken Sie hin. Indianer!!! Natürlich darf man das nicht mehr sagen. Die Indianer Nordamerikas werden pc-korrekt nun als “Native Americans oder Natives” bezeichnet.  Die kanadischen Indianer dagegen nennen sich “First Nations”. Und das Wort „Indio“ für die Ureinwohner Südamerikas ist übrigens auch zu einem Bäh-Bäh Schimpfwort erklärt worden. Die heißen jetzt „Indigena“. Ja, die Zeiten sind vorbei, als uns Karl May Winnetou und seine Apachen als “edle Rothäute” beschreiben konnte. p.s. Auch ihr Verhältnis zu Regionen im osteuropäischen Raum sollten Sie nochmals überdenken. “..das heißt doch ” quer durch die Walachei”....” Durch eine solche Ausdrucksweise könnte sich der/die eine oder andere Walacheier oder - *in diskriminiert bzw. herabgesetzt fühlen und Sie vor den EU-Gerichtshof zerren.

Thomas Brox / 13.05.2021

@ Manni Meier. Vor vier kein Bier! Zum Glück gibt es Uhren, da besteht das Ziffernblatt nur aus Vieren. Nutzen Sie die Zeit bis zur Bundestagswahl, danach werden sich nämlich die steuerfinanzierten grünen Volksbeglücker intensiv um ihre Gesundheit (und ihren Geldbeutel) kümmern.

B.Schulz / 13.05.2021

Bei uns ist das der „Konjackweech“ und nicht mal die VoPos wären auf die Idee gekommen, da mal nachzugucken.

hans kloss / 13.05.2021

Wenn man das so liest, bleibt die Hoffnung dass manche Deutsche doch lern-  und was damit verbunden scheint, auch anpassungsfähig sind. Das Problem ist die relativ geringe Anzahl deren die noch denken können und erwähnte Fähigkeiten besitzen.

K.D.Weber / 13.05.2021

Das Problem erledigt sich doch in Kürze von selbst. Nach dem Fleisch haben die Grünen den bösen Alkohol doch auch schon auf der Agenda. Und nüchtern auf dem Lastenfahrrad mit reduzierter CO2-Ausatmung braucht es keinen Säuferschleichweg. Endlich kommt wieder Ordnung und Struktur in das verlotterte Leben der alten Weißen, die hier schon länger leben. Danke an die grünen Puritaner und Jakobisten. Jetzt werden wir alle 100 Jahre alt - aber wofür?

Marco Mahlmann / 13.05.2021

Bei uns heißt das Schluckschnellweg. Da kommt man am Wochenende vor lauter achtzehnjährigen Führerscheinentzugsbefürchtern nicht durch.

Gerhard Schmidt / 13.05.2021

Am Promilleweg zwischen Fischbach und Hornau (Main-Taunus-Kreis, Hessen) staut sich morgens - da es der um 10 km schnellste Autobahnzubringer ist -  morgens der Berufsverkehr. So lange, bis der Nachbar am Ende der fünfzig verbotenen Meter das Zeichen gibt, dass die männlichen Rinder weg sind, dann rollt die Lawine…

Rainer Mewes / 13.05.2021

Nun gut, das mag ja im Einzelnen lustig scheinen, wie in der Kindheit “Räuber und Gendarm” mit den schwerbewaffneten “Sicherheitskräften” zu spielen. Das Problem wird dadurch allerdings nicht gelöst. Hier in Magdeburg machen am Wochenende die Strandbäder auf, ohne tagesaktuellen Test oder Impfnachweis (außerdem Maskenpflicht an der Kasse und auf dem Klo) kommt man nicht rein. Kein Problem, es gibt ja noch manche Promillestelle, an der man trotzdem in den See springen kann. Ich bin sehr gespannt, ob die Büttel dort auch auftauchen und mit welcher Begründung sie dann gebührenpflichtig zugreifen.

Andreas Zöller / 13.05.2021

“Säuferpfade” heißen die bei uns.

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