08.08.2026
Vor einer kleinen orthodoxen Kirche an der Metrostation Kitaigorod, die so viele Zugänge hat, dass man sie von 1 bis 13 durchnummeriert, liegt schon morgens ein Obdachloser. Vor ihm ein Plastikbehälter mit Sandwiches, die wohl ein barmherziger Passant dort abgestellt hat. Am Abend ist der Mann immer noch da. Obwohl viel Polizei in der Nähe ist, wird er toleriert. Vielleicht ist es die Kirche, die ihm Schutz bietet.
An der Metrostation Kitaigorod hindert eine resolute Mitarbeiterin der U-Bahn unter lautem Zetern einen betrunkenen Mann am Betreten des Schleusenbereichs. Es ist mein erster betrunkener Russe in einem Land, in dem doch immer alle unter Alkoholeinfluss stehen sollen. Mal schauen, wie viele mir noch über den Weg torkeln. Na sdorowje!
Die Lubjanka ist ein mächtiges Gebäude und Sitz des Geheimdienstes FSB, vormals KGB, vormals NKWD, vormals GPU, vormals Tscheka. In Zeiten der verflossenen Sowjetunion ein Symbol der Unterdrückung. Auch der russische Präsident Wladimir Putin dürfte hier sein Handwerk gelernt haben. Bis heute strahlt das Gebäude wenig Anheimelndes aus. Davor hat man Blaufichten gepflanzt, die kalten Bäume der Macht, wie sie auch an der Roten Mauer und rund um das Lenin-Mausoleum stehen. Immer, wenn sie eine gewisse Größe erreicht haben, werden sie durch kleinere Exemplare ersetzt. Ich mochte Blaufichten noch nie, weil sie so künstlich aussehen und unangenehm stechen. Als Weihnachtsbäume ungeeignet.
Ein Heer von Aufpassern
Polizei ist im Moskauer Zentrum allgegenwärtig. „Omon“-Sondereinsatzkräfte im graublauen Flecktarn, Russische Nationalgarde, normale“ Ordnungspolizei, die Sicherheitskräfte der Verkehrsbetriebe, nicht zu vergessen das schwer bewaffnete Wachbataillon des Kremls und ein Heer von Aufpassern privater Sicherheitsdienste. Überall, wo viele Menschen zusammenkommen, wird kontrolliert und gefilzt. An jedem Eingang zu U-Bahn muss man eine elektromische Schleuse passieren, größere Taschen werden durchleuchtet wie am Flughafen. Selbst im Kaufhaus GUM am Roten Platz muss man eine Schleuse passieren. In den U-Bahnhöfen gibt es schon lange keine Papierkörbe mehr, in denen man eine Bombe verstecken könnte. Weil man in den blitzsauberen Verkehrskatakomben nicht wagt, etwas ein Bonbonpapier auf den Boden zu werfen, muss man mit der Entsorgung warten, bis man wieder ans Tageslicht gekommen ist.
Ich bemerkte, wie drei Omon-Soldaten einen Fahrradboten kontrollierten, ob in seinem Thermokoffer nicht etwas anderes transportiert werden könnte als Pizza Margerita. Bei uns mag man diese Überwachung als übergriffig empfinden. Für die meisten Russen ist es ein Gewinn an Sicherheit. Die Spezialeinheit Omon soll auch bei der Einhegung unerwünschter Proteste in Erscheinung treten. Unangemeldet darf man nur allein demonstrieren, muss sich aber auch dann auf eine Polizeikontrolle gefasst machen.
Im Kreml sah ich erstmals eine Einrichtung zur Drohnenabwehr: ein Pickup, auf dessen Ladefläche ein Maschinengewehr montiert war. Falls es einer ukrainischen Drohne gelingen würde, bis hierher durchzudringen, was peinlich genug wäre, könnte man sie direkt vor dem Präsidentenpalast vom Himmel holen. An diesem Samstagmorgen war der blaue Himmel mit Schönwetterwolken bedeckt, von Drohnen keine Spur. Die meisten von ihnen werden, wenn man russischen Quellen glaubt, schon direkt hinter der ukrainischen Grenze abgefangen, andere beim Anflug auf die Oblast (Verwaltungsregion) Moskau, die mehr als doppelt so groß ist wie Hessen. Bis ins Stadtzentrum hat es bislang noch keine geschafft. Am Tag zuvor war in vielen Teilen der Stadt eine laute Explosion zu hören gewesen. Angeblich sollte es sich um den Überschallknall eines Militärflugzeuges beim Durchbrechen der Schallgrenze gehandelt haben, doch es gingen Gerüchte um, das nahe der Stadt ein ukrainischer „Flamingo“-Marschflugkörper abgeschossen worden sei.
Infanteriesoldaten im Paradeschritt
Am Grab des unbekannten Soldaten vor dem Kreml ist jede volle Stunde Wachablösung. Eine Stunde lang müssen zwei Wachsoldaten völlig regungslos stehen, bei Regen und Schnee immerhin leidlich geschützt in einem gläsernen Häuschen.
Das „Dom Knigi“ (Haus des Buches), eine der ältesten Buchhandlungen Moskaus, riecht so, wie Buchhandlungen rochen, als es sie noch gab. Etwas verstaubt. Und sie sieht auch so aus mit den alten Holzregalen und der ausgetretenen Treppe ins Obergeschoss mit der Fantasyliteratur, einer in Russland seit Stanislaw Lem überaus geschätzten Gattung. Nein, auf den Tischen mit den Bestsellern am Eingang liegen keine Putin-Huldigungsbücher. Ich habe hier überhaupt keine politischen Bücher gesehen, wie sie bei uns von altlinken Buchhändlerinnen gerne in vorderster Reihe platziert werden. Dafür russische Klassiker, Kunstbücher und solche in fremden Sprachen. Deutsches ist auch darunter: Goethes „Leiden des jungen Werthers“, Thomas Manns „Tonio Kröger“, Hesse „Steppenwolf“, Süskinds „Parfüm“, Nietzsche und Siegmund Freud. Das alte Deutschland, in Moskau findet man es noch.
Jeden Samstag gibt es auf dem Kathedralenplatz im Kreml, der umringt ist von vier der schönsten und wertvollsten Kirchen Russlands, eine militärische Vorführung des Kremlregiments, auch Präsidentenregiment genannt. In historisierenden Kostümen marschieren Infanteriesoldaten im Paradeschritt, bei uns als preußischer Stechschritt bekannt, und präsentieren kunstvolle Übungen mit ihren Gewehren samt aufgepflanztem Bajonett. Danach tritt eine mit Säbeln bewaffnete Kavallerieeinheit in Erscheinung, begleitet von den Klängen einer Militärkapelle. Russlands Glanz und Gloria.
Nachtrag: Am Ende ihrer zackigen Darbietung gaben die jungen Infanteristen einen Salutschuss in die Luft ab. Eine Frau im Publikum war davon offenbar so erschrocken, dass sie einen lauten Schrei ausstieß. Als jüngst beim Tag der Bundeswehr in München beim „Beförderungsappell“ für junge Offiziere in Gegenwart von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius eine Salve Salutschüsse aus Kanonen abgefeuert wurde, gab es vorher eine Warnung aus dem Lautsprecher dergestalt, dass sich empfindliche Gemüter doch bitte die Ohren zuhalten sollten. Krieg kann laut sein.
Ein paar ziemlich wild aussehende Punks werden im Moskauer Szeneviertel Kitaigorod von zwei robust ausgerüsteten Polizisten eskortiert - wohin, weiß niemand. Am Abend zuvor gab es in Kitaigorod einen größeren Polizeieinsatz vor einem völlig überfüllten Club. Die Beamten zogen nach kurzer Zeit wieder ab, zur Erleichterung der umstehenden Jugendlichen. Beim Betreten des Clubs musste der Pass vorgezeigt werden. Kitai heißt auf russisch „China“. Doch Kitaigorod ist nicht die Moskauer China Town. Der Name leitet sich wohl von einem altrussischen Wort ab, das ein Bündel aus Ästen und Pfählen bezeichnete, mit dem man Befestigungsanlagen baute.
09.08.2026
Am frühen Morgen hörte ich eine laute Explosion. Vielleicht ein Drohnenabschuss, jedenfalls kein geplatzter Autoreifen.
Besuch in der Tretjakow-Galerie, dem russischen Louvre. Von den großen russischen Meistern des 18. und 19. Jahrhunderts, Ilja Repin vielleicht ausgenommen, weiß man „im Westen“ so gut wie nichts. In Russland gehören diese Bilder zur Volkskultur nicht nur gebildeter Kreise. Etwa das „Mädchen mit den Pfirsichen“ von Valentin Serow aus dem Jahre 1887, die russische Mona Lisa, ein bezauberndes Beispiel des russischen Protoimpressionismus. Die großartige Ikonenabteilung straft all jene Lügen, die diese sakrale Kunst für schematisch und unoriginell halten. Andrej Rubljows „Dreifaltigkeitsikone“ hängt jetzt wieder an ihrem ursprünglichen Ort in der Ikonostase der Dreifaltigkeitskathedrale in der Klosterstadt Sergejew Possad. Präsident Putin hatte die Verlegung 2024 angeordnete. Laut Wikipedia (deutsch), um der Russisch-Orthodoxen Kirche für ihre Unterstützung der „Spezialoperation“ zu danken.
In der Tretjakow-Galerie hängt auch ein berühmtes Porträt des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin von Orest Kiprenski aus dem Jahre 1827. Puschkin - der russische Goethe. Bei uns hat man gerade den „Faust“ als verbindliche Schullektüre aus den Lehrplänen einiger Bundesländer gestrichen.
Dass man sich, wenn man in Kitaigorod wohnt, ganz nah am Zentrum der russischen Macht befindet, sieht man an den vielen schweren, schwarzen Limousinen mit Blaulicht, die hier herumfahren. Die Sicherheitsmaßnahmen rund um den Kreml suchen ihresgleichen. Vor der Manege, einem lang gestreckten Gebäude, in dem zur Zarenzeit „indoor“ exerziert werden konnte, kontrolliert ein Wachmann mit einem Spiegel die Unterseite parkender Autos.
Als einziger Westeuropäer ist Macron in der Matrioschka-Kollektion
Im Einkaufszentrum „Oxotnij Rjad“ am Kreml gibt es ein Souvenirgeschäft. Natürlich kann man dort hölzerne Matrioschkas („Puppe in der Puppe“) kaufen. Es gibt sie auch mit den Konterfeis von Politikern, natürlich Putin mit cooler Sonnenbrille, Trump, Xi, diverse arabischen Potentaten für die zahlreichen Gäste aus dem Morgenland. Als einziger Westeuropäer ist Macron in der Matrioschka-Kollektion satisfaktionsfähig. Merz sucht man vergebens.
Am Puschkinplatz wurde am 31. Januar 1990 das erste McDonalds-Restaurant der Sowjetunion eröffnet. Ich selbst stellte mich damals in der Endlosschlange an, um einen Big Mac „made in UdSSR“ zu ergattern. Heute ist die Marke aus dem Stadtbild verschwunden. Doch der Laden am Puschkinplatz floriert wie eh und je, nur unter anderem Namen. Als sich McDonalds 2022 aus dem Russlandgeschäft verabschiedete, schnappt sich ein russischer Investor das Filetstück. „Wkusno i totschka“ („Lecker und Punkt“) heißt die Kette heute. Burger King ist in Russland noch aktiv.
Eine abendliche Bootsfahrt auf der Moskwa ist unbedingt zu empfehlen. Wäre am Flussufer nicht das Denkmal zum 300. Gründungstages der russischen Marine, eine der größten Geschmackverirrungen des neuen Moskau. Die fast 100 Meter hohe Statue wurde 1997 von dem georgisch-russischen Bildhauer Surab Zereteli geschaffen und zeigt Peter den Großen auf einem Schiff stehend mit der Gründungsurkunde für seine Flotte in der Hand. Touristen staunen, doch viele Moskauer mögen den Koloss nicht. Initiativen ihn abzureißen oder zu versetzen scheiterten bislang wohl an den enormen Kosten. Und so ist sie eben mal da.
Lesen Sie in der nächsten Folge: Keine Verkehrswende, keine Lastenfahrräder, keine Wahlplakate

Mir gefällt, was ich hier lese, aber Russland ist sowieso nicht auf ewig mein Feind.
Gern würde ich in Frieden mit allen Nationen leben und regen Austausch (wirtschaftlich, kulturell) treiben. Das wäre schön. Aber nur schöner Traum, zumal der beliebteste Politiker Deutschlands der Verteidigungsminister ist.
Überhaupt sitzen meine Feinde nirgendwo im Ausland, sondern in vielfacher Ausfertigung im Inland: in der Regierung, bei den Hauptstrom-Medien, in der Justiz und … und … und natürlich die stärker pigmentierten Sozi-Hängematten-Nutzern (aka „Goldstücke“), die gern mit Messern und anderen Waffen hantieren, aber in ARD und ZDF und bei KGE & Co. KG ausschließlich als bunte kulturelle Bereicherung vorkommen.
Eine Trump-Matrioschka hätte ich gern.
Mal gucken, ob es die auch in Schland irgendwo zu erwerben gibt.
Ich gebe jetzt einmal den Besserwisser: Der russische Paradeschritt ist kein preußischer Stechschritt. Schrittfrequenz und Bewegungsabläufe sind anders. Die Russen haben zwar viel von den Preußen übernommen, den Paradeschritt aber nicht.
Andererseits hat aber auch das preußische Militär viel von den Russen. Viele preußische Militärmärsche der Armeemarschsammlung haben einen russischen Ursprung. Selbst der bekannteste Berliner Gassenhauer geht auf einen russischen Marsch zurück (Marsch aus Petersburg, AM II,93).
Es hat schon etwas ironisches, wenn deutsche Truppen zu Klängen russischer Märsche gen Moskau reiten.
„In der Tretjakow-Galerie hängt auch ein berühmtes Porträt des russischen Nationaldichters Alexander Puschkin von Orest Kiprenski aus dem Jahre 1827. Puschkin – der russische Goethe“. Und „Goethe in der römischen Campagna“ von Johann Heinrich Wilhelm Tischbein aus 1786 hängt im Frankfurter Städel. Na sowas!