Comical Ali kehrt zurück: Komiker gehen nie unter

Erinnert sich noch jemand an Comical Ali? Der Mann war zur Zeit des dritten Irakkriegs Saddams Informationsminister. Mohammed Said al-Sahhaf, so sein ursprünglicher Name, wurde schnell zu einer Kultfigur in den Medien und hatte weltweit eine nicht zu überschauende Fangemeinde. Selbst im Oval Office saßen die amerikanischen Kriegsherren gebannt vor den Empfangsgeräten, wenn Comical Ali voller Stolz vor der Weltpresse verkündete, man habe die amerikanischen Invasoren „abgeschlachtet“, abgesehen von denen, die angesichts der irakischen Überlegenheit bereits vor den Mauern Bagdads „massenhaft ihr Leben durch Suizid“ beendeten. Dass im Hintergrund seiner letzten Pressekonferenz amerikanische Panzer anrollten, irritierte den wackeren Minister nicht weiter. Er blieb dabei, dass „die amerikanischen Truppen endgültig abgewehrt und vernichtend geschlagen“ seien und bewies selbst angesichts der sich nähernden GIs noch souveräne Kaltblütigkeit. Da klappten die anwesenden Journalisten ihre Notizblöcke zu und blickten todunglücklich in die Runde – nie mehr würde es derart epochale Zusammenkünfte mit jemandem geben, der sich auskennt.

Die das Massaker überlebenden Amerikaner bewiesen sich als gute Gewinner: sie setzten Ali kurzzeitig fest, ließen ihn dann aber wegen erwiesener Holzkopfigkeit wieder laufen. Über seinen weiteren Verbleib ist nicht wirklich zuverlässiges bekannt, offenbar hat er keinen persönlichen Pressesprecher, der die Öffentlichkeit auf dem Laufenden hält oder zumindest ab und zu einmal klatscht. Es heißt, Ali lebe heute im Exil in den Vereinigten Arabischen Emiraten und schreibe an seinen Erinnerungen. Da behaupte nochmal jemand, die Araber würden keine Kriegsgeschädigten aufnehmen! Man kann nur hoffen, dass dieses Buch eines Tages den Markt erobert. Sollte Mohammed Said al-Sahhaf auch nur annähernd seine Form von 2003 bewahrt haben, dürfte er dank der Honorare für Buch und Filmrechte ein gemachter Mann bleiben.

Bei all seiner Gewandheit im Umgang mit der Öffentlichkeit: Ali kämpfte ganz alleine und daher auf verlorenem Posten, er musste also letztendlich scheitern. Das ist heute in Deutschland ganz anders. Ein unüberschaubares Heer von Kabinettsmitgliedern, Ministeriumssprechern, Pressesprechern, Journalisten, Kolumnisten, Analysten, Parteisekretärinnen, Beauftragten und Experten bis hin zu von Funk und Fernsehen bekannten Gesichtern wiederholen zuverlässig und ebenso überzeugend insbesondere in Talk Shows auf allen Wellen Alis finales Statement: „Ich habe keine Angst. Sie brauchen auch keine zu haben!“

Das geht nun seit etlichen Halbmonden so. Ich weiß allerdings nicht zu sagen, wie viele von ihnen das immer noch ernst meinen und wieviele von denen inzwischen klammheimlich entsetzt sind über das, was sie vor wenigen Monaten lauthals unterschrieben. Am 31. Juli 2015 erschien in der Huffington Post eine Erklärung von „200 Menschen aus Deutschland“: „Willkommen, liebe Flüchtlinge, gut, dass ihr hier seid"

Warum das gut sei, sagten sie auch. Von den Einwanderern nämlich „können wir als Gesellschaft lernen“. Warum? „...weil es mit uns ganz alleine ja gar nicht auszuhalten wäre.“ Weil „ihr mein Leben, meinen Alltag und meine Welt bereichert. Und mich herausfordert, mich wieder wohler in meiner Haut und meinem Land zu fühlen.“ Weil „... ihr [...] alle zu Deutschland gehört und wichtig für die politische Entwicklung hier seid.“ Weil „ihr eine große Bereicherung für unser Leben und unsere Kultur seid und wir nun gemeinsam für eine offene, gleichberechtigte und multikulturelle Gesellschaft eintreten können.“ „Denn ihr macht unser Land noch bunter. „ „Ihr seid das Sinnbild für meinen Wunsch, dass die ganze Welt irgendwann uns allen gehören soll und wir alle gemeinsam in Frieden miteinander leben!“ Ich denke, ich erspare Ihnen die übrigen 194 Statements.

Nun ist bekanntlich nichts auf der Welt so alt wie die Zeitung von gestern. Keine Ahnung wie viele der damals Unterzeichnenden das heute weiterhin so unterschreiben würden. Fairerweise muss man ihnen zugestehen, dass sie nicht wirklich das Ausmaß der Migration kennen konnten und ohnehin durch den Euphemismus „Flüchtlinge“ einen stark getrübten Blick auf die Lage hatten. Lesen wir noch einmal in der Huffington Post vom 31. Juli 2015: „Mit 300.000 neuen Flüchtlingen rechnet die Bundesregierung allein für dieses Jahr. Manche Experten erwarten sogar 500.000.“ „Ja“, denkt man im Anblick dieser Sätze, „früher war vieles besser.“

Nicht alles in dem Artikel ist ganz verkehrt. An der Erkenntnis „...lassen sich von zwielichtigen Gestalten unter Lebensgefahr über Europas Außengrenzen lotsen“ ist spätestens seit „Mutti hat euch lieb, Ihr Kinderlein kommet!“ nichts mehr zu mäkeln, hier hat das virtuelle Blatt geradezu prophetische Fähigkeiten gezeigt. Undankbare Migranten haben in Deutschland dann bald erkannt, dass sie tatsächlich zwielichtigen Gestalten aufgesessen waren und sind wieder abgereist.

Wo prophetisches eher von Zweiflern, Kritikern und Realisten – also rassistischen, fremdenfeindlichen Nazis – geäußert wird, herrscht hingegen von Oben veranlasstes Stillschweigen, so schon lange in der Kommentarfunktion bei Spiegel Online; da begnügt man sich seit Monaten nicht mehr mit dem Aussortieren von unbotmäßigen Kommentaren, nein, man hat sie kurzerhand komplett abgeschaltet. Dem gefolgt sind inzwischen auch andere Fachblätter, der Kollege Haferburg weist in seinem Text auf der Achse kürzlich darauf hin. Daher darf ich mich damit begnügen, darauf aufmerksam zu machen, dass nun natürlich auf keinen Fall der Eindruck entstehen darf, es interessiere sich in Deutschland inzwischen niemand mehr um die Willkommenen und darum, dass uns seinerzeit deren „ … ausländische Kulturen prägen und neue Wege zeigen“ (HuPo, Juli 2015).

Nein, auch weiterhin finden sich Menschen zum gemeinsamen Appell. Wenn auch mit abnehmender Tendenz; eine bereits im vergangenen Jahr gestartete „Aktion #1000malwillkommen“ fand laut Huffington Post „Dutzende“ Gesichtzeiger. Nicht wirklich viele, doch die Guten ruhen natürlich nicht: dank eines Berichtes in den Tagesthemen ist soeben eine „Rosen für die Kanzlerin“ Aktion von zwei Dutzend Irgendwas-mit-Medien-Schaffern zum bundesweiten Thema geworden und für die Vorort-Berichterstattung ließ man sogar einen Sack Reis in China nicht umfallen. BILD wollte nicht hinten anstehen, man kratzte an die 100 Promis zusammen, unter ihnen so manchen, der nicht einmal ins Dschungelcamp eingeladen würde. Entsprechend dankbar machten die Leute daher bei BILD mit. Man sieht also: In Deutschland herrscht auch weiterhin Welcomestimmung, auch siebeneinhalb Monate nach dem Appell der 200. Und ein bisschen Schwund ist ja immer.

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Foto: Bundesarchiv/Georg Pahl CC BY-SA 3.0 de via Wikimedia Commons

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