Wolfram Weimer / 22.03.2014 / 17:47 / 6 / Seite ausdrucken

Comeback der Planwirtschaft

Mindestlohn, Mietpreisbremse, Energiewende. Die Politik verabschiedet sich immer systematischer von der Marktwirtschaft. Überall wird reguliert, gelenkt, befohlen und zentralverwaltet. Die Planwirtschaft kehrt Stück für Stück nach Deutschland zurück

Andrea Nahles verfährt nach dem Lenin-Motto: Ein Kompromiß ist zwei Niederlagen auf einmal. Also macht sie keinen. Der gesetzliche Mindestlohn wird kommen, nahezu ohne Ausnahmen. Die Wirtschaft appelliert noch für Sonderregeln, die Union winselt um Kompromisse, ein Dutzend Verbände bettelt, ganze Regionen in Ostdeutschland, Sozialinstitutionen, Seniorenverbände, Verlage, Vereine, Gastwirte, Bauern mahnen. Doch selbst die Warnung von Arbeitslosenhelfern hat nichts genutzt. Beton-Andrea bleibt hart. Beim Lohn bekommt Deutschland ihren Planwirtschaftsbefehl. Zentral und politisch festgelegt, für alle und überall gültig wird er dekretiert. Das Mindestlohndiktat wird viele Arbeitsplätze kosten. Zigtausenden werden Einstiegschancen verbaut, in Ostdeutschland werden ganze Gewerke nach Polen abwandern. Doch Andrea Nahles scheint es egal, mit ideologischem Schneid befindet sie: Nicht die Menschen und ihre Märkte sollen über Löhne und Preise frei entscheiden, sondern Parteien, Politiker und ihr Staat.

Das Mindestlohngesetz wird so zum radikalen Eingriff in den Arbeitsmarkt. Im Stile von Lohntüten-Polizisten wollen die Sozialdemokraten wieder “für Ordnung am Arbeitsmarkt” sorgen – und zwar weit über den Mindestlohn hinaus. Über Werkverträge, Leiharbeiten und befristete Stellen bis zur Zeitarbeit soll die neue Nahles-Planwirtschaftswalze noch drüber rollen - die Agenda-Reformen von Gehrhard Schröder werden zielsicher zerstört.

Es wirkt wie eine gespenstische Teufelsaustreibung der Hartz-Reformen, die einst von Rot-Grün beschlossen worden sind. Die SPD will die Geister der Freiheit unbedingt wieder los werden – und ausgerechnet die Union hilft ihr dabei wie ein Lehrling des Neo-Sozialismus. Dabei war es just die Liberalisierung des Arbeitsmarkts, die Deutschland in den vergangenen Jahren das in aller Welt bewunderte Jobwunder beschert hat.

Umso verblüffender ist das derzeitige Comeback der Planwirtschaft in der deutschen Politik. Was einst ein Energiemarkt war, ist heute eine Räterepublik der Planvorgaben. Öko-Stromkontingente werden zu festgelegten Planpreisen verteilt, tonnenideologisch werden solare Willkürmengen produziert, die Bevölkerung zahlt Zwangsabgaben, Angebot und Nachfrage sind außer Kraft und die Parteipolitik bestimmt Planerfüllungskennziffern. In diesem Ökostrom-Sozialismus wundern sich Politiker plötzlich, dass die Versorgung unsicher wird, Fehlkapazitäten entstehen, die Preise steigen, die Innovation ausbleibt. Dabei ist das in jeder Planwirtschaft die logische Folge.

Und doch strebt man nach einer DDR-Light auch in anderen Schlüsselbranchen. So soll die Mietpreisbremse demnächst die freie Preisbildung am Immobilienmarkt beenden. Auch hier glaubt die Politik, im Mantel des Sozialhelfers dem Wohnvolk mit Preisdiktaten Gutes zu tun. In Wahrheit wird Mietern geschadet, denn Investitionen in Neubauten und Sanierungen bremst man damit zielsicher ab, Knappheiten werden verfestigt anstatt überwunden. Die ultimative Folge von Mietpreisbremsen konnte man in den ruinierten Städten der DDR 1989 besichtigen.

Ob Löhne, Mieten oder Strompreise – der Marsch in die Planwirtschaft kennt derzeit viele Etappen. Von Dispozinsen über Medikamente bis zur Rente. Man wäre kaum mehr verwundert, wenn die neuen Sozialismen auch den Milch- und Brotpreis (wie einst nach dem Weltkrieg) wieder staatlich reglementieren wollen – man doch unmöglich lebenswichtige Grundnahrungsmittel der Gier des Kapitalismus überlassen!

Vielleicht aber besinnt sich die Politik auch wieder auf Ludwig Erhard und dessen Erkenntnis, das nur die Marktwirtschaft Wohlstand für alle schafft. Erhard gab die Preise damals unter schwierigsten Knappheitsbedinungen frei. Legendär geworden ist sein marktwirtschaftliches Selbstbewußtsein gegenüber dem amerikanischen Oberbefehlshaber Lucius D. Clay, der ihm vorhielt: „Alle meine Berater sind gegen Ihr Vorgehen“. Erhard entgegnete ihm trocken: „Meine Berater auch.“ Er beendete die Zwangsbewirtschaftung und gab die Preise einfach frei, anstatt sie mindestlohnig, mietpreisbremsig, ökostromeinspeisig weiter zu politisieren. Als Clay ihn besorgt fragte, warum er denn die Preisvorschriften geändert habe, entgegnete der Vater der sozialen Marktwirtschafte so lakonisch wie selbstbewusst: „Ich habe sie nicht geändert, ich habe sie abgeschafft.“ Erhard war eben das Gegenteil von Nahles.

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Leserpost

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Paul H. Ertl / 24.03.2014

@Klaus Kalweit: Per se ist daran nichts falsch. Sie müssen dann nur in Kauf nehmen (und öffentlich dazu stehen) daß ein Teil der Menschen, die heute 4 Euro die Stunde verdienen, dann gar keine Arbeit mehr haben (DÜRFEN) und es wahrscheinlich sehr viel schwerer haben werden, irgendwann einmal einen besser bezahlten Job zu finden. Genau das machen Pippi Nahles und die Gutmenschen aber nicht, vielmehr behaupten sie, daß ein Mindestlohn auf die Beschäftigung keine (oder gar eine positive) Wirkung haben wird. Daß das Schwachsinn ist liegt natürlich auf der Hand: Wenn es keiner wäre. könnte man den Mindestlohn auch auf 10, 50 oder 100 Euro anheben. Merke: Wenn etwas zu schön ist, um wahr zu sein, ist es in der Regel nicht wahr.

Martin H. Steyer / 23.03.2014

Lieber Herr Lorenz, Ihre Schlußfolgerungen sind die logische Konsequenz der richtigen Analysen von Dr. Weimer. Genau diese Überlegungen gehen mir auch nicht aus dem Kopf. Ich fürchte aber in 4 Jahren ist wieder alles vergessen. Die CDU-Ansagen sind schon mehrfach in der Vergangenheit nicht umgesetzt worden, das wird diesmal nicht anders sein und der dumme Michel wählt wieder das vermeintlich kleinere Übel. Genau aus diesen Gründen bin ich schon anno 1984 aus der CDU ausgetreten, weil die von Kohl angekündigte “geistig-moralische Wende” ausgeblieben ist. Das hat sich in den letzten Jahren als eine Wende in eine ganz andere Richtung entpuppt! Meine Entscheidung war seitdem “Nichtwähler” und seit der letzten Bundestagswahl AfD.

Frank Holbers / 23.03.2014

@Michael Lorenz: Man könnte es auch so sehen: Daß die CDU die Mehrheit so knapp verpaßt hat und deswegen die Kröte ‘SPD’ schlucken mußte kam daher, daß zuviele Stimmen an die AfD abgewandert waren.

Frank Holbers / 23.03.2014

1.) Ich erinnere mich, daß früher - es ist gar nicht so lange her - von allen Seiten die Tarifautonomie als große Errungenschaft gepriesen wurde. Die Gewerkschaften hatten diese bisher auch immer mit Zähnen und Klauen verteidigt. Und heute?! 2.) Mir konnte bisher noch keiner erklären, wie die Mietpreisbremse den Anstrum auf Wohnungen in begehrten Lagen bremsen soll. Jede kluge Hausfrau weiß: Wird etwas billiger, dann steigt die Nachfrage. Wenn bisher 100 Menschen bei der Wohnungsbesichtigung schlangestehen, dann werden es, bei billigeren Mieten, bestimmt nicht weniger Interessenten werde. Dann stehen eben 130 Leute vor der Tür. Oder denken die Menschen: ‘Ja, Altbau in Hamburg-Eppendorf würde ich gerne nehmen, aber wenn die Miete so niedrig ist, dann ziehe ich lieber woandes hin.’ ? Die Politiker sind nicht dumm; sie wisen selber, daß die Probleme so nicht lösbar sind. Aber mit diesen populären ‘Maßnahmen’ macht man sich bei den Wählern beliebt und gleichzeitig lenkt man vom eigenen Versagen (Arbeitsmarkt, sozialer Wohnungsbau usw.) ab.

Klaus Kalweit / 23.03.2014

Was ist daran falsch, wenn in einem Land, das 3-stellige Milliardenbeträge aufbringt für “arme” Länder wie Griechenland, niemand mehr für 4 Euro die Stunde arbeiten muß? Was ist daran falsch, wenn einheimische Arbeiter minderer Qualifikation vor importierten Billigarbeitern und damit Dumpinglöhnen geschützt werden?

Michael Lorenz / 22.03.2014

“… wollen die Sozialdemokraten wieder “für Ordnung am Arbeitsmarkt” sorgen – und zwar weit über den Mindestlohn hinaus. Über Werkverträge …  soll die neue Nahles-Planwirtschaftswalze noch drüber rollen …” Da bekommen wir den Sozialismus pur verabreicht, nicht etwa verwässert als Kombipräparat ;-) . Ich möchte angesichts dessen einmal zwei Gedankensplitter und ein Fazit loswerden: 1. Über 40% CDU-Wähler haben die CDU unter anderem genau deswegen gewählt, damit solch ein politisches Harakiri genau NICHT passiert. Fühlen die sich jetzt wenigstens ein klein bisschen betrogen? Und sind sie bereit, die Union das bei den kommenden Wahlen auch spüren zu lassen? 2. 0,3% mehr Stimmen für die Neulinge von der AfD - und so ein Irrsinn würde entweder verhindert oder wenigstens von einer dann wirklichen - momentan ja nicht existenten-  Opposition als solches direkt im Bundestag gebrandmarkt. Egal, ob man die AfD nun mag oder nicht. Von daher, liebe allgemeine Nichtwähler, liebe Speziell-AfD-Nichtwähler, liebe CDU-Wähler: Das Andrea-Nahles-Paket verdanken wir NICHT Andrea Nahles. Die macht absehbar nur, was sie ihrer Natur nach nicht anders kann, angesichts 13 Jahre Schule + 20 Semester Soziologie, dabei niemals auch nur einen echten Handschlag selbst gearbeitet und trotzdem ganz nach oben gespült. Das Andrea-Nahles-Paket verdanken wir vielmehr: euch!

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