Klaus Leciejewski, Gastautor / 29.07.2018 / 13:00 / Foto: Pixabay / 1 / Seite ausdrucken

Cloe, meine Lieblingsbar in Havanna

Die Bar heißt nicht Cloe und sein Besitzer nicht Manuel. Eine Bar namens Cloe gibt es nicht in Havanna aber Manuel heißen massenweise kubanische Männer. Manuel will mit seiner Cloe nicht in die Medien. Dabei ist er durchaus eitel. In seiner Bar posiert er vor jedem hingehaltenen Handy, am liebsten zusammen mit einer Größe aus der Sportwelt. Aber Manuel hat Angst. Richtige öffentliche Aufmerksamkeit könnte ihm schaden.

Zuerst würden die Kontrolleure kommen, und wegen der Kontrolleure blieben die Lieferanten weg, er müsste Getränke und Fleisch noch weitaus heimlicher als üblich einkaufen, dann würden noch mehr Kontrolleure kommen und dann das Aus. Die Bar wäre zugesperrt, Manuel abgetaucht, die Mitarbeiter ohne Job, und die Bargänger hätten im Umkreis von 6 km keine anständige Bar mehr.

Eigentlich dürften diese paar Kilometer für harte Trinker kein Problem darstellen. Eigentlich fänden sie sogar bereits nach zwei oder drei Kilometern eine Cafeteria, wo sie sich wenigstens ein Bier genehmigen könnten, und eigentlich könnten sie sogar zu Fuß dahin gehen. Eigentlich, wäre dieses „eigentlich“ nicht das niederträchtigste Wort in ganz Havanna. Eigentlich heißt ein eigentlich normaler Zustand, aber Havanna ist nur eigentlich eine normale Stadt.

Eine Cafeteria fände sich durchaus, aber alle Cafeterien schließen gegen 18 Uhr, und mit Cloe ist sowieso keine von ihnen vergleichbar, aber rechtzeitig kämen die Barenthusiasten dort erst gar nicht an, denn sie verfügen über keine Bergsteigerqualitäten. Allerdings sind die paar Hügel am Rande Havannas dabei nicht das Problem. Wo es ein paar Meter nach oben geht, geht es diese Meter auch wieder hinunter. Nicht so jedoch bei den Fußgängerwegen. Ständig wölbt sich eine Platte des Fußweges steil nach oben, oder eine hat sich tief nach unten eingedrückt, dann fehlt sie ganz, dafür muss ein Loch überwunden werden, welches sich bei Regen als ein mittleres Schwimmbecken für Kinder erweist, auch winden sich Baumwurzeln wie oberschenkeldicke Schlangen über den Weg, und wo dies alles auf dem Weg fehlt, kommt das Nichts, und dieses Nichts heißt in Havanna immer Müllberge. Nichts, weil sie nach Angaben der Stadtverwaltung nicht existieren, aber trotzdem immer da sind.

Frische Fische sind so selten wie Eisbären in der Sahara

Manchmal tauchen sie hinter einer Biegung des Weges wie aus dem Nichts auf, höher als das Matterhorn und breiter als das Berner Oberland, na ja, Kubaner neigen ein wenig zur Lyrik, aber mächtig sind diese Müllhaufen durchaus. Gleich, ob Sonne oder Regen, immer stinken sie wie ein Fass mit zehn Tage alten Fischen, obgleich in ihnen noch niemals Fische gesichtet wurden – und außerdem frische Fische in Havanna so selten sind wie Eisbären in der Sahara –, aber stets sind sie ein perfektes Biotop für sämtliche Sorten von Fliegen der gesamten Karibik. Unsere Naturschützer würden die Müllberge auf den Wegen Havannas glatt zu Biosphärenreservaten umwidmen.

Es muss geklettert und erstiegen und heruntergestolpert und umgangen, sich gegenseitig abgestützt und gekraxelt werden. Der erfahrene Alpinist könnte in den Straßen Havannas seine echte Bewährungsprobe finden, indessen könnte er seine Augen nicht an schneebedeckten Wipfeln weiden lassen, sondern müsste sich auf die Kraterlandschaft zu seinen Füßen konzentrieren.

Selbst der robusteste Trinker würde sich erst gar nicht auf den Weg zu einer Cafeteria machen. Sowieso wäre Cloe durch keine andere Bar zu ersetzen, denn sie hat etwas, das keine andere Bar in Havanna hat. Sie hat Atmosphäre! Diese Atmosphäre beruht auf nur einer einzigen Eigenschaft, und diese Eigenschaft ist so ungewöhnlich, dass sie schon fast wieder unglaubwürdig erscheint, nämlich der vollständigen Abwesenheit von Touristen. Touristen sind überall in Havanna. Kein Ort nirgends in dieser Stadt, immerhin einer Millionenstadt, ohne ausgetretene Markenbadelatschen, rucksackbehängte Bleichgesichter, girliewinkende Cabriolets und kameragewölbte Bäuche.

In Bars gehen die Touristen nur, um sich zu informieren, insbesondere über das originale Kuba, und da sie dieses originale Kuba in allen Bars im Zentrum suchen und zugleich massenhaft suchen, finden sie in allen Bars das originale Kuba der Touristen. In der Bar unterscheidet sich der normale Tourist vom normalen Kubaner. Er trinkt nicht, er singt nicht, er tanzt nicht, er lacht nicht und er ruft den Kubanerinnen keine anzüglichen Bemerkungen hinterher. Deshalb ist die Atmosphäre im Cloe original kubanisch und für Touristen völlig ungeeignet, sie würden sich wie in einem Zoo vorkommen – die Kubaner vor und sie hinter den Gittern.

Ringsherum alles prall

Das Cloe besteht aus zwei Räumen, einer unten und einer oben. Neben der Bar führt ein schmaler Gang zu einem weiteren Raum, für den im Hochdeutschen zahlreiche Ausdrücke existieren, auf diesen hier passt jedoch nur einer: Abtritt. Nicht der Reintritt ist hier wichtig, sondern allein die Frage, wie daraus abtreten, ohne dass die Hose wie gerade frisch eingeweicht und die Schuhe wie nach einer Bachwanderung aussehen. 

Der untere Raum von Cloe ist fast immer leer, aber dafür verfügt er über eine kleine Bar mit Tresen und Barhockern, dort ist niemals irgendjemand, weil an den Bartresen traditionell nur Touristen stehen oder hocken, aber Touristen im Cloe…na, sie wissen schon. Außerdem bleiben Kubaner in einer zweistöckigen Bar niemals unten, nach 60 Jahren unten wollen sie nur nach oben. 

Oben ist es immer prallevoll. Prall sind auch die Bäuche der Kubaner und bei den Kubanerinnen ist sowieso ringsherum alles prall. Im Unterschied zu deutschen Frauen sind sie auch stolz darauf, weshalb sie ihre Rundungen auch herzeigen. Die kubanischen Männer sind auch stolz auf die Rundungen ihrer Frauen, was sie auch zeigen, zumeist mit einer liebevollen Hand, weshalb ihre Frauen ihnen auch erlauben, ausreichend Bier, Rum und Whisky zu trinken.

Das biete ihnen das Cloe, denn es verfügt über zwei herausragende Eigenschaften. Es ist die Bar mit den meisten Biersorten in ganz Havanna. An guten Tagen, heißt, wenn zahlreiche Lieferwagen auf der Straße vorbeifahren und wegen der rasanten Fahrt einige Kisten herunterfallen, rein zufällig direkt vor dem Cloe, und Manolito rein zufällig danebensteht, kann der Trinker sich durch 15 Biersorten hindurchtrinken, und das Cloe ist mit Trinkern bevölkert, denen das keine Schwierigkeiten bereitet. Außerdem bezahlt Manolito einem Barmann das Dreifache des üblichen Lohnes der Bars im Zentrum Havannas, wodurch er einen doppelt so guten Barmann erhält. Dieser eigenartige Widerspruch klärt sich leicht auf. Das Doppelte könnten gute Bars im Zentrum vielleicht auch bezahlen, das Dreifache nimmer, aber der Barmann mixt derartig gute Cocktails, dass die Kubaner mehr davon trinken, als Manolito das Dreifache für seinen Mitarbeiter kostet. Manolito kann rechnen! Als ich Manolito einmal nach seinem Umsatz an einem Tag fragte, meinte er, dass er ins Gefängnis kommen würde, wenn er mir dies erzähle. Da spülte ich die Frage nach seinem Gewinn mit einem Mojito hinunter. 

Im Service beschäftigt Manolito nur Frauen, ausnahmslos junge Studentinnen, sagt er jedenfalls, und Manolito sagt viel, wenn seine Bar voll ist, und sie ist immer voll. Ich glaube nicht, dass es Studentinnen sind, denn sie wirken so natürlich, überhaupt nicht vergeistigt. Küsschen rechts und links ist normal, umarmen gleichfalls, eine Bemerkung zur Figur sowieso, darüber hinaus gibt es kaum etwas, es sei denn, das Begehren würde mit einem Heiratswunsch garniert, aber das würde nur den Touristen einfallen und Touristen im Cloe – siehe oben.  

Manolito hat an der Universität von Havanna sozialistische Wirtschaft studiert. Irgendetwas muss bei ihm im Studium schief gelaufen sein. Warum schief? Na, er hat Erfolg!  

Foto: Pixabay

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Leserpost (1)
Wilfried Cremer / 29.07.2018

Lassen Sie sich doch ein paar Plastiküberzieher, wie man sie von Quarantänestationen kennt, zuschicken. Für Raum 3.

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