Rainer Bonhorst / 10.06.2020 / 15:00 / Foto: Wikimedia Commons / 5 / Seite ausdrucken

Charles Dickens – als Engländer in Amerika

Vor 150 Jahren starb Charles Dickens, was den einen oder anderen auch bei uns veranlasst, sich an diesen britischen Schriftsteller zu erinnern. Allzu viele sind es nicht, denn die viktorianischen Schriftsteller Englands werden hierzulande eher unterschätzt. Dabei geht es Charles Dickens, der in der englischsprachigen Welt als einer der Größten gilt, in dieser Hinsicht noch am besten. Ein Grund: Er ist der schärfste Kritiker der sozialen Verhältnisse seiner vom Frühkapitalismus geprägten Heimat. Diese linke Reputation sichert ihm Anerkennung, auch wenn seine zuweilen schnulzigen Beschreibungen von Armut und Kinderarbeit den literarischen Wert in den Augen strenger Kritiker trüben. Die schärfsten Kritiker aber sammelte Dickens in Amerika auf einer Erkundungs- und Vortragsreise – als nicht zur Schmeichelei neigender Reise-Schriftsteller.

Mit seinen „American Notes“ ärgerte er viele seiner Gastgeber in Übersee auf dreierlei Weise: Mit seinen Schilderungen ungehobelter Sitten, die dem feineren, obwohl aus bescheidenen Verhältnissen stammenden Briten aufstießen. Mit seinen scharfen Worten gegen die Sklaverei. Und mit seinem Plädoyer für ein besseres Copyright-Gesetz.

Den Urheberschutz forderte er, weil sich seine weite Leserschaft in Amerika hauptsächlich an Raubkopien vergnügte. Da entging ihm eine Menge Geld. Seine Plädoyers verhallten ungehört und führten zu Empörung und Protesten. 

„Besondere Beziehung“ zwischen England und Amerika

Die ungehobelten Sitten nahmen in seinen „Aufzeichnungen aus Amerika“ einen breiteren Raum ein. Vor allem erregte er sich über das allgegenwärtige Tabakkauen mit dem dazugehörigen Spucken. Schon die Spucknäpfe an allen Ecken und Enden störten ihn. Noch mehr aber, dass die Spucker meist schlecht zielten und selbst mit Teppich geschmückte Böden braun verklebten. Im wilden Westen? Nicht nur: Selbst beim Besuch im Weißen Haus konnte Dickens dem unschönen Bodenbelag kaum entgehen. Auch mit den Tischsitten haderte er. Die oft schweigend schlingende und genusslose Nahrungsaufnahme war nicht nach dem Geschmack des Besuchers aus dem etwas gepflegteren Königreich.

Sein strengster und ausgiebigster Tadel aber galt der Sklaverei. In England hatte man sich nach vielen Jahren fröhlicher Beteiligung von diesem hässlichen Geschäft verabschiedet. Im Jahr 1842, als Dickens ein halbes Jahr lang Amerika erkundete, gehörte die Sklaverei in den Südstaaten noch zur Staatsraison. Der Bürgerkrieg war noch zwei Jahrzehnte entfernt. Und der Reisende zeigte sich so entsetzt über seine realen Begegnungen mit der Sklaverei, dass er dem Thema in seinen „Notes“ ein ganzes Kapitel widmete. Geradezu höhnisch erinnert er an den Verfassungsgrundsatz: „All men are created equal.“ Und an die Realität der totalen Ungleichheit. Damit machte er sich allerdings auch zu Hause nicht nur Freunde. Denn London hatte sich zwar längst vom Sklavenhandel verabschiedet, das generelle Sklavereiverbot aber war im Königreich noch keine zehn Jahre alt. Seine Kritik an Amerika war zugleich ein Tadel an der lange zögerlichen Heimat.

So viel Ärger er sich auch einhandelte: Der damals schon weltberühmte und hofierte Romanschriftsteller fand als Reise-Autor auch viele gute, ja begeisterte Worte für Amerika. Vor allem einige der jungen, adretten Städte wie Boston mit ihren blitzsauberen, bunt getünchten Häusern stellte er als geradezu paradiesischen Kontrast seinem rauchigen, schmutzigen, mit Slums durchzogenen London gegenüber. Auch das selbstbewusste Auftreten amerikanischer Frauen, ob bürgerlich, ob Pionierinnen, beeindruckte ihn.

Die „American Notes“ spiegeln die heute noch gern beschworene „besondere Beziehung“ zwischen England und Amerika wider.

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Leserpost

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Wolfgang Richter / 10.06.2020

@ Thomas Taterka - Der “Huck Finn”, den ich kenne, stammt aus den Ideen von Mark Twain, wird inzwischen mehrfach zensiert und entspricht nicht mehr dem Zeitgeist. Ältere Ausgaben wie meine mit einer dem Original näher liegenden Ausdrucksweise werden vermutlich demnächst zu einem Stichtag von den Moral- und Sprachzensoren eingesammelt und zentral verbrannt. Wer dazu keine Idee hat, kann sich ja mal bei Bildmaterial ab 1933 - 3. Reich Anregungen holen. Wird schon psssen, da eine Mehrheit im Lande inzwischen sozialen Abstand, Hausarrest und Maulkorb (Über die Burka als Kleidungsstück der Unterdrückung muß sich hierzulande niemand mehr aufregen.) als Akt des Gehorsams seitens der Obrigkeit akzeptiert. einige ein Mehr davon verlangen. Darauf läßt sich konstruktiv aufsatteln.

Volker Kleinophorst / 10.06.2020

Gefällt mir, @ Herr Bonhorst. Es waren halt nicht die Edlesten, die damals rübergemacht haben. Dazu noch die Frömmler denen es im 17./18. Jahrhundert in Europa nicht sittenstreng genug war. Diese Polarisierung puritanisch, prüde vs. sittenlos und brutal ist Amerika nie ganz los geworden ist. Dazu noch das Erbe der Sklaverei. Dickens ist wohl auch in England nicht mehr wirklich geläufig. Als Vielleser mit 63 Jahren kann ich nur sagen, auch in meiner Generation, wirklich Bücher lesen? Belletristik ist schon dünn. Literatur womöglich klassische? Da ist man Teil einer sehr kleinen Minderheit. Dickens geht heute schon nicht, weil zu echt, zu realistisch. Kommt kein Einhorn drin vor. Wann kommt BLM mal auf die Idee, dass es eigentlich eine Gruppe gibt, die weitaus mehr das Recht hätte in den USA zu demonstrieren: die indianische Urbevölkerung. Da muss ich an ein Interview zwischen einem indianischen Ureinwohner mit einem amerikanischen Politiker denken, der sich für ALLES wortreich und zerknirscht entschuldigte: Es war unrecht! Der Indianer: “Aber das Land kriegen wir trotzdem nicht zurück, oder?” Genau mein Humor. Ich denke auch der von Dickens.

Inge Högerl / 10.06.2020

Charles Dickens war ein Genie seiner Zeit und für mich persönlich the one and only, auch wenn Thackeray sich redlich mühte, es ihm gleichzutun. Es wird keinen zweiten seiner Art geben. Ich weiß allerdings nicht, was mir der Artikel sagen soll - springt man hier auf den fahrenden Zug der “black people”-Mania auf, Stichwort Sklaverei? Seine American Notes gehen ja fast schon unter bei all seinen Romanen, die z.T. über 1200 herrlich unterhaltsame Seiten gehen. Nein, Dickens war wahrlich mehr als die Beschreibung dieser Amerika-Reise!

Thomas Taterka / 10.06.2020

Ohne ihn kein ” Huck Finn ” , kein Salinger, kein ” Billy Bathgate”, kein Tobias Wolff usw. Nach ihm sind ” Kinder” und die Gerechtigkeit, die ihnen widerfährt, nicht mehr der Märchenwelt vorbehalten . Aber er war auch der Lieblingsautor von Karl Marx , der das Potential dieser neuen Sichtweise sofort erkannt hat . - Was bis heute reichlich ” nachwirkt ” bis zur Greta - Schnulze.

Sabine Heinrich / 10.06.2020

Warum Google diesem bedeutenden Schriftsteller kein “Doodle” widmet, mag verstehen wer will. Wir werden doch sonst sogar bei krummen Gedenktagen auf bemerkenswerte und auch unbekannte Persönlichkeiten aufmerksam gemacht! Hat es etwas mit seiner berechtigten Amerika- Kritik zu tun?

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