Fußball, das wissen wir, trägt zur Bildung nationaler Identität bei. Wir definieren uns über das, was unsere Teams leisten. Der wackere Schweinipoldi-Spaßkick unseres Nationalteams bei der WM leistete hier bekanntlich einiges. Schwieriger ist es, die internationale Irrelevanz unserer Proficlubs für das große national-Ganze einzuspannen. Gerne greift man in diesem Kontext auf vulgärmarxistische Vorstellungen zurück: „das Großkapital“, das in England und Spanien spielt, mag zwar Erfolg haben, aber das doch nur mit dem (implizit für unlauter gehaltenen) Mittel des Geldes. Bei uns hingegen, so der deutsche Fußballdiskurs, geht es zwar erfolglos, dafür aber irgendwie „ehrlicher“ zu. Wer so argumentiert, sieht in unseren Proficlubs ein Reservat edler und authentischer „Elf Freunde“-Denke, der er ästhetische und moralische Überlegenheit zuschreibt…
Wie falsch diese Argumentation ist, konnten wir gestern beim Champions League-Halbfinale Chelsea gegen Liverpool beobachten. Der Fußball, der an der Stamford Bridge gespielt wurde, war nämlich nicht nur besser als der unsere, sondern auch schneller, schöner – und ehrlicher. Ihm ist damit damit auch eine moralische Überlegenheit eigen gegenüber dem, was in der Bundesliga oder bei den bemitleidenswerten Auftritten unserer Teams in der Champions League zu betrachten ist. Kein taktisches Rumgegurke in London, kein Zeitverzögern. Niemand simuliert Verletzungen. Eher gilt als Ideal, selbst nach echten Fouls sofort wieder aufzustehen. Wie jämmerlich wirken dagegen die Debatten, die sich deutsche Kicker nach jeder noch so kleinen Berührung mit den Schiedsrichtern liefern. Soufliert werden sie von empörten Sportkommentatoren, die jeden Zeigefinger, mit dem ein Spieler einem anderen auf die Brust tippt, für „eine Tätlichkeit“ halten.
Die Haltung, die sich darin zeigt, ist eine von Memmen. Es ist dieselbe Haltung, die momentan auch eine ganze Bevölkerung dazu legitimiert, reformmüde zu sein, ohne dass Reformen überhaupt geschehen. Offenbar setzt schon der Gedanke an Veränderung die armen Menschen einem unerträglichen Stress aus – ebenso wie bereits der Gedanke an einen potenziell möglichen Fausthieb dazu führt, dass unsere Fußballer unter Schmerzensschreien oder ohnmächtig zu Boden sinken.