Wolfgang Röhl / 20.01.2014 / 22:31 / 7 / Seite ausdrucken

Casablanca in München. Der Fall des ADAC

Wie, der ADAC hat geschummelt? Hat seine 19 Millionen Mitglieder dreist belogen? Bei einer Wahl der angeblichen Lieblingsautos der Deutschen? Eine Wahl, die keine denkende Sau interessiert, außer Profilneurotiker der Autoindustrie und ein paar ADAC-Vorstandsärsche selber? Leute, die keiner kennt, mit denen niemand ein Wochenende in Ruhpolding verbringen möchte? Gibt es etwa einen Irren, der mit dem stinkstiefeligen VW-Chef Martin Winterkorn auch nur ein halbes Bier trinken will? Bitte melden! Der „Gelbe Engel“ ist einer dieser Preise wie „Bambi“. Jeder weiß, dass da gemauschelt wird, und zwar derart, dass die A-Säule wackelt und die B-Säule gleich mit. Von allen Aufregern der letzten Wochen ist der „ADAC-Skandal“ der nichtigste, der blödeste.

Es verhält sich so: Die Mitgliedschaft im ADAC ist eine relativ günstige Versicherungspolice. Sie rentiert sich vor allem für Leute, die alte oder ältere Schüsseln fahren und mit denen oft weiträumig unterwegs sind. Zum Beispiel Leute, die schwache Batterien an Bord haben (Haupteinsatzgrund für die „Gelben Engel“ im Winter) oder die ihre Tanks ständig leer fahren, auf der Suche nach einer günstigen Tanke und im falschen Vertrauen auf eine korrekte Kraftstoffstandanzeige (zweithäufigster Grund, den ADAC zu rufen). Wer ein halbwegs neues, einigermaßen gewartetes Auto besitzt und nicht chronisch knickerig ist, der braucht den ADAC nicht. Das erzählt einem off the record übrigens jeder Pannenhelfer.

Der Club selber ist hauptsächlich ein Wirtschaftsunternehmen, das alle möglichen Produkte rund ums Auto vertickt. Als solches ist es natürlich weitmöglichst davon entfernt, seinen Mitgliedern objektive Tipps zu geben. Das Unternehmen ist Lichtjahre von den Standards der „Stiftung Warentest“ entfernt (auch wenn Warentest jetzt mal in der Causa Ritter Sport einen übergebraten bekommen hat).

Der ADAC ist aber auch schon lange kein Verein mehr, der die Interessen bleifußgeiler Raseridioten vertritt. Das glauben höchstens noch ein paar Grünzausel. Wenn sich der ADAC in seiner Mitgliederzeitschrift „Motorwelt“ für mehr Radarfallen stark macht, heißt das nichts anderes als: Der Club ist in der Mitte der Auto-kritischen Gesellschaft angekommen. Sein - noch - anhaltender Widerstand gegen flächendeckende Tempolimits wird von den meisten Verkehrswissenschaftlern geteilt, sofern diese nicht völlig ideologisiert sind. Und die Argumente des ADAC gegen eine Autobahnmaut teilen auch viele unabhängige Experten. Außer sie fahren auf dem populistischen Ticket von Seehofer.

Der ADAC hatte immer nur ein einziges Interesse: das des ADAC. Diese Nachricht ist so alt wie der ADAC. Wer ernstlich glaubt, die erschröcklichen Enthüllungen aus München über die „angekratzte Glaubwürdigkeit“ des Clubs seien irgendwie diskussionswürdig, der möge sich bitte noch mal „Casablanca“ reinziehen. Eine der wunderbaren Szenen des Films geht so: Der korrupte Polizeichef Capitaine Renault, dem gerade sein Schweigegeld zugeschoben wird, lässt das Club-Casino von Rick, dem Betreiber, schließen.

Rick: „Mit welcher Begründung?“

Renault: „Ich bin entsetzt. Ich musste feststellen, dass hier im Lokal Glücksspiele stattfinden.“

 

 

 

 

 

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Leserpost

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Reiner Engler / 21.01.2014

Warum erinnert mich der Fall ADAC jetzt an den Limburger Bischof, ex-Bundespräsident Wulff oder Guttenberg? In allen Fällen durfte man eine entfesselte Journaille erleben, die sich wie die Aasgeier auf ein bestimmtes Thema stürzen und aus Mücken Elefanten bzw. aus Sandkörnern ganze Galaxien machen. Im Augenblick sitzen 2 frustrierte, gehässige MeckerfritzInnen bei n-tv Bremer und lassen einen ganzen Strom von Hass und Häme auf den ADAC herabprasseln. Man darf auf weitere Enthüllungen und noch mehr ARD-Talkshows hoffen: Drogenhandel, Steuerhinterziehung, Pädophilennetzwerke und Zusammenarbeit des ADAC mit dem NSA. Die abartige Bösartigkeit des ADAC wird keinerlei Grenzen kennen. Herr wirf Hirn auf diese Erde und im übrigens habe ich keinerlei Beziehungen zum ADAC und eigentlich hat mich dieser Verein nie sonderlich interessiert.

Christian Freuen / 21.01.2014

Wenn man schon Filme zitiert, dann bitte richtig: Cpt. Renault bekommt in der Szene überhaupt kein Schweigegeld, sondern er erhält vielmehr den Gewinn aus seiner vorherigen Teilnahme am Glückspiel, wofür er sich auch artig bedankt.

Mareck Nowack / 21.01.2014

Es ist empörend, welche Unwahrheiten Sie hier über eine von mir geschätzte Institution verbreiten. Captain Renault bekommt kein Schweigegeld, sondern seinen Spielgewinn zugesteckt.

Roland Stolla-Besta / 21.01.2014

Eigentlich bin ich nicht erstaunt darüber, wie und warum diese Lapalie von den “Medien” so aufgebauscht und ausgewalzt wird. Die von den Grünen bekanntlich dominierten Redaktionen in TV und Presse eröffnen lieber den Kampf auf solchen marginalen Schauplätzen als daß sie sich mit den wirklich brisanten Themen und Problemen beschäftigen, geht ja nicht aus ideologischen Gründen. Z.B dies hier aus achgut http://www.achgut.com/dadgdx/index.php/dadgd/article/klimaforscher_bekommt_das_zeugnis_entschieden_voreingenommen Da geht kein Aufschrei durchs Land. Manipulationen bei Umfragen nach dem Lieblingsauto der Germanen sind also gravierender und gesellschaftlich bedeutender als Manipulationen durch die Klima-Lobby. Gut zu wissen.

Oliver Schmitz / 21.01.2014

Touché, Herr Röhl, vielen Dank für Ihren herrlichen Kommentar. Die ganze Diskussion um das angebliche Glaubwürdigkeitsproblem des ADAC, die ach so schreckliche Besudelung des “Gelben Engel”-Preises (wie hießen die Preisträger des Jahres 2013 oder 2012 noch mal?), ist aus meiner Sicht eine mediale Sau, die in der bundesligalosen Zeit durchs Dorf getrieben wird. Richtig schmunzeln musste ich, als ich Ihre Ausführungen zu den Beweggründen einer ADAC-Mitgliedschaft las. Denn, ich bin ADAC-Plus-Mitglied (wenn es noch eine Stufe höher gäbe, wie die ADAC-Senator-Mitgliedschaft, ich wäre sofort dabei), habe kein neues Auto, sondern einen 96er VW-Bus Transporter, der sich bei vier kleinen Kindern, die jedes Automobil innerhalb kürzester Zeit in eine fahrende Müllkippe verwandeln können, wegen der geringen “Abschreibung” rentiert (ich glaube das ist auch so eine deutsche Besonderheit: das Private schon zum Zeitpunkt des Autokaufs den Kaufprreis ins Verhältnis zu einem möglichen Preis bei Verkauf genau dieses Autos setzen), und bin in der Tat schon wegen eines leeren Tanks auf der A9 vor dem Schkeuditzer Kreuz, wegen eines kaputten Was-auch-Immer vor dem Gotthardtunnel, etc. liegengeblieben. Die Mitgliedschaft im ADAC ist eine relativ günstige Versicherungspolice, die übrigens außerordentlich gut funktioniert. Über genügend Erfahrung diesbezüglich verfüge ich.

Richard Belzer / 21.01.2014

Der Bischof Tebartz ist bestimmt auch beim ADAC, und der Wendler fährt das Siegerauto.

Caroline Neufert / 21.01.2014

Genau, keine Diskussion. Ich habe kein halbwegs neues Auto - einigermaßen warten machen nur “Spießer” (noch mit Scheckheft ;-) ?) und vielleicht bin ich chronisch knickerig. Der ADAC “rentiert” sich für meine “ältere Schüssel”; er hat mir schon oft geholfen ...

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