Fred Viebahn / 22.01.2007 / 13:19 / 0 / Seite ausdrucken

Carl Schurz, Henryk und ich - drei Rheinländer in Washington, D.C.

Am Donnerstagabend las Henryk M. Broder in der deutschen Botschaft in Washington vor ausverkauftem Haus aus seinem Bestseller “Hurra, wir kapitulieren!” Eingeladen hatte die German Language Society, eingeführt und moderiert wurden die Lesung und die anschließende Diskussion mit dem Publikum von Rüdiger Lenz, dem Korrespondenten der Deutschen Welle, der sich auch mit Broder beim knapp einstündigen Vortrag von Passagen aus dem Buch abwechselte.

Für mich war es ein Erlebnis ganz besonderer Art—und das nicht nur, weil ich Henryk seit 44 oder 45 Jahren kenne, seit wir mit- und gegeneinander im Kölner Politischen Arbeitskreis Oberschulen unsere argumentativen Messer wetzten. Drum seien hier, im Interesse journalistischer Offenheit, Gemeinsamkeiten unserer Vergangenheit gebeichtet:

Einmal, bei einem Tanz in die Ferien der Tanzschule Dresen,  scharwenzelten wir Obersekundaner, argwöhnisch einander beäugend, um dieselbe, wie es damals hieß, “flotte Biene” herum. Im folgenden Jahr, nun in der Prima, lagen wir miteinander als Chefredakteure von Schülerzeitungen im Clinch, er für die “Hansekogge” seines linksrheinischen Gymnasiums, ich für die “Pauke” meines rechtsrheinischen; es ging um die Wurst, eine Reiseschreibmaschine. Henryk obsiegte, aber ich fand’s nicht fair und protestierte wegen linksrheinischer Voreingenommenheit der Jury; da ließ die Stadt Köln für die “Pauke” auch noch eine Olympia springen, oder Adler, oder Hermes—eine Lehre fürs Leben!

Als Studenten rannten wir in dieselben Vorlesungen des Ganzheitspsychologen Wilhelm Salber und vergnügten uns beim kläglichen Scheitern eines Fernsehfilms (ich als Regieassistent, Henryk als Mime, der einen hitchhikenden Zigeuner spielte—ob es davon wohl noch Schnipsel in irgendeinem Archiv gibt?). Wir rasten als Reporter für den WDR durch die “Kulturlandschaft” und provozierten gemeinsam das “Establishment” mit “Untergrundzeitungen”. Ein Jahrzehnt später schrieb ich für Henryks Zeitschrift “Freie Jüdische Stimme” (ahhh, mein Artikel über einen Tag mit Amos Oz auf seinem Kibbutz, und meine ironische Attacke auf den gewöhnlichen Antisemitismus eines frischbackenen Literaturpreisträgers!). Nachdem ich unwiderruflich in die USA gezogen war, liefen wir uns 1981 zufällig in Israel in die Arme, als sei die Welt ein Dorf, und eines Abends im Dezember 1987 eilten meine Frau und ich von Hebron zurück nach Jerusalem, weil wir bei Henryk und Hilde zum Abendessen eingeladen waren, ahnungslos, daß unmittelbar hinter uns die Steine und Kugeln und Molotov-Cocktails der ersten Intifada zu fliegen begonnen hatten.

Es war selten mein Forte, mich kurz fassen zu können; ein Soundbite im Kopf mag mir zwar in den Fingern jucken, aber wenn die Finger erstmal in die Tastatur des Computers hauen, werden Geschichten lebendig, Einzelheiten drängen sich als unverzichtbar auf, Bezüge offenbaren sich, von denen man glaubte, nur eine ungefähre Ahnung gespeichert zu haben. So geschah es auch am Donnerstagabend in der von Egon Eiermann nach seinen funktionalen, klarlinigen architektonischen Idealen Anfang der Sechziger gebauten deutschen Botschaft. Während in Deutschland ein Monster-Orkan sein Unwesen trieb—im Osnabrücker Zoo wurde eine Eule erschlagen, bei meiner Mutter flog der Wetterhahn vom Gartenhäuschen, und wenn es auch nicht gerade an Hurricane Katrina erinnerte, geriet wohl so manches andere aus den Fugen—, saß ich im Carl Schurz-Auditorium und haderte als wohlbehüteter Egozentriker mit den Jahrzehnten, die sich so mir nichts dir nichts von der Gegenwart zur Vergangenheit mausern. Einmal zuvor war ich in diesem Saal gewesen, vor genau einunddreißig Jahren, im Januar 1976, hatte damals auf dem Podium gesessen und geredet.vielleicht auch was vorgelesen—so genau weiß ich das nicht mehr: Damals bereisten zwölf “jüngere”, d.h. seit Ende der 30er Jahre geborene deutsche Schriftsteller drei Wochen lang die USA, finanziert von der Carl Duisberg-Gesellschaft und der Ford Foundation, unterstützt vom Auswärtigen Amt und dem U.S. State Department—eine Reise, die ich ein Jahr früher mit Peter Ruof von der Ford Foundation ausgeheckt hatte, als wir uns in Glen Cove, Long Island während einer Konferenz über deutsch-amerikanische Kulturbeziehungen überlegten, wie nach dem Vietnamdebakel bei deutschen Intellektuellen das Amibild verbessert—oder zumindest objektiviert, ausbalanciert—werden könnte.

Meint manch jüngerer Leser vielleicht, die in gewissen linksintellektuellen Kreisen schicke Tendenz, in Amerika nichts weiter als einen imperialistischen Moloch zu sehen, sei eine Erscheinung des Hier und Heute?  Nein, die Psychopathologie des antiamerikanischen Mißtrauens reicht mindestens in die 60er zurück, und im zarten Kern vielleicht noch weiter bis zur “Schmach” von 45, als die G.I.s dem deutschen Herrenmenschenwahn den Garaus machten. Selbst das gutwillige Unterfangen der Schriftstellerreise vom Januar 1976 wurde umwirbelt von merkwürdigen Feindseligkeiten: So lehnte einer der Autoren, die ich einlud, mit der Begründung ab, er wisse genau, was da los sei, und er könne sich die Vernebelungsversuche der Yankeepropaganda sparen. Als ich wenige Tage vor der Reise beim Stuttgarter Kongreß des Verbandes deutscher Schriftsteller für meine Wiederwahl zum Vorstand kandidierte, wurde mir u.a. zum Verhängnis, daß ich bei der Finanzierung und Vorbereitung der Reise mit staatstragenden, kapitalistisch verflochtenen Elementen wie der Carl Duisberg Society und der Ford Foundation kopuliert und dabei für einige als VS-Bundesdelegierte getarnte DKP-Genossen nicht den nützlichen Idioten gespielt hatte. Und die Krönung kam, als eine Gruppe von uns von Washington einen Tagesausflug in die Blue Ridge Mountains von Virginia machte. Da der Mietvertrag für den Schlitten auf mich lief und ich überhaupt fürs Leben gern autofahre, kutschierte ich die anderen vier vergnügt durch die winterliche Gegend. Vor der Rückfahrt in die Hauptstadt meißelte ich mir, wie das meine Art ist (auch ein kleines Talent), die Straßenkarte ins Kurzzeitgedächtnis und fuhr stracks über den Potomac und die Constitution Avenue rauf vors Folger Shakespeare-Theater, für das wir an dem Abend Tickets hatten. Wahrlich keine große Kunst, aber: “Aha”, sagte eine Kollegin, “jetzt haben wir endlich Gewißheit, daß Du für die CIA arbeitest!” Zuerst glaubte ich, sie mache einen Jux—aber nein, es war ihr todernst. Seit der Reise habe ich sie nie wieder gesehen, doch als ich mich bald darauf aus dem deutschen Literaturbetrieb ausklinkte und in den USA zog, wird sie sich wohl bestätigt gefühlt haben—wie auch von der Meinungsverschiedenheit in unserer Gruppe, als wir in New York von der Anti-Defamation League zu einer Diskussion mit jungen jüdischen Intellektuellen darüber eingeladen wurden, ob die Verantwortung der deutschen Tätergeneration für den Holocaust auch noch die Nachgeborenen beträfe. Da fand ausgerechnet ich, dessen kommunistische Großeltern noch am Anfang des Naziregimes im Keller antifaschistische Flugblätter gedruckt und dafür eins über die Rübe bekommen hatten, mich in der kleinen Minderheit (von dreien oder vielleicht dreieinhalben von uns zwölfen), die diese Verantwortung vehement bejahte, während die meisten davon nichts hören wollten; anschließend dann, als wir wieder unter uns durch die Straßen Manhattans schlenderten, wurde über zionistische Untaten im Nahen Osten gemeckert. Ja, das hielt mancher Schlaumeier schon damals für Dialektik.

Da Washington unter besten Bedingungen etwa zwei Autostunden von meinem Wohnort in Zentralvirginia entfernt ist, ich jedoch am späten Nachmittag erfahrungsgemäß mit Verkehrsstaus rechnen mußte, hatte ich eine ziemliche zeitliche Pufferzone eingeplant. Sie stellte sich als leicht übertrieben heraus, und ich kam schon über eine halbe Stunde vor der Veranstaltung an der deutschen Botschaft an. Zunächst saß ich fast alleine im Saal; so konnte ich in der ersten Reihe ungestört, Auge in Auge mit einer Büste vom Namenspatron des Saals, des aus Liblar bei Köln stammenden 1848er Revoluzzers und späteren liberalen amerikanischen Politikers Carl Schurz, einem weiteren Deja vu frönen.

Der realdemokratische Idealist Schurz war mir jahrelang ein Held gewesen. Ende der siebziger Jahre hatte ich mit meinen Studenten am Oberlin College in Ohio ein zweisprachiges Theaterstück über ihn erarbeitet, und anschließend versuchte ich einen biographischen Roman über ihn zu schreiben. Der ging mir letztendlich kläglich daneben, denn es reicht nicht, sich an Affinitäten festzuklammern wie: Rheinländer, in Köln zur Schule gegangen, frühe Ablehnung der Ansprüche des Katholizismus, schließlich Atheist, Kämpfer für die Paulskirchenideale. Nach seiner abenteuerlichen Flucht aus der von den Preußen eingekesselten Festung Rastatt gelang es ihm, sein in Spandau einsitzendes Vorbild, den Bonner Professor und Radikaldemokraten Gottfried Kinkel, bei Nacht und Nebel zu befreien und sich mit ihm nach England aus dem Staub zu machen. In London verliebte er sich in die Tochter eines jüdischen Hamburger Bankiers, und kurz darauf zogen die beiden frisch Vermählten in die Vereinigten Staaten von Amerika.Doch die Politik ließ ihn nicht los: Bald schon setzte er aufs richtige Pferd und brachte dem Präsidentschaftskandidaten Abraham Lincoln fürs knappe Wahlergebnis des Jahres 1860 die schicksalsentscheidenden Stimmen der zahlreichen deutschen Demokraten ein, die sich nach dem Scheitern der Revolution von 1848 über den Atlantik gerettet hatten.Lincoln ernannte Carl Schurz zum amerikanischen Botschafter in Spanien, wo es ihm gelang, die über ihre karibischen Kolonien im amerikanischen Bürgerkrieg zunächst mit den Südstaaten sympathisierenden Spanier von den Vorteilen der Nichteinmischung zu überzeugen, dann wurde er selbst General im Bürgerkrieg. Nach dem Krieg folgten Karrieren als Chefredakteur großer Zeitungen, als U.S.-Senator des Staates Missouri, als amerikanischer Innenminister, als Präsident der antiimperialistischen Liga von Amerika… 

Mein Blick schweifte von den leicht verfremdeten Linien des Schurzschen Bronzeschädels über die obligatorischen Flaggen Deutschlands, der USA und der europäischen Union, übers Podium und einen blitzblanken Blüthner-Flügel zu den Sitzreihen, die sich inzwischen rapide mit deutschsprechendem Publikum füllten. Einige jüngere Leute erschienen in Jeans, doch waren es überwiegend ältere Herrschaften in Schlips und Kragen, Rock und Bluse, die da der Dinge harrten. Ein paar Minuten nach acht kündigte eine Botschaftssprecherin Herrn Broder als “Auftakt der Saison”an, und Moderator Lenz erklärte dem Publikum, in Deutschland sei der Gastredner bekannt “wie ein bunter Hund”, ein “Asphaltliterat” im besten Sinne. Und schon ging’s los mit einer knappen Stunde hübscher Islamistenhaue, gefolgt von etwa dreißig Frage- und Antwort-Minuten.

Die Fragen waren meist besonnen, zugehört wurde höflich.Erstaunlicherweise versuchte nur ein einziger, ein wohlgescheitelter Herr mittleren Alters, darauf zu bestehen, Israel als Buhmann zur Sprache zu bringen, oder zumindest das Gespräch aufs Joch der Palästinenser zu lenken. Kopfschüttelnd lehnte Henryk jedes Ablenken von der Thematik seines Buches ab.

Es war zwanzig Jahre her, daß ich Henryk in einer bühnenartigen Situation erlebt hatte, damals im Berliner Cafe Kranzler, als meine Frau mit ihrem frischbackenen Pulitzerpreis Gast bei der SFB-Talkshow “Leute” war, die Henryk mitmoderierte. Seine scharfe Zunge war in den vergangenen zwei Jahrzehnten eher noch spitzer geworden, aber die physiognomische Heftigkeit des enfant terrible war einem freundlichen Teddybärcharme gewichen, der vor allem die Damen zum Strahlen brachte—selbst die beiden Dummchen, die sich bei der Publikumsdiskussion schüchtern oder feige zurückhielten, um nachher, sozusagen unter sechs oder acht Augen, islamische Kopftücher als Ausdruck feministischer Kulturverteidigung zu rechtfertigen. Darauf muß man erst mal kommen!

Während Henryk Bücher signierte, bis keine mehr übrig waren, gab’s Cookies und Käseschnittchen, Wein, Bier und soft drinks. Die Mitglieder der German Language Society und ein paar amerikanische Deutschstudenten standen in kleinen Grüppchen herum. Sie unterhielten sich mit todernsten Mienen und so gedämpft, daß meine alternden Ohren bei aller Neugier keine Kommentare aufschnappen konnten; dabei bewegte ich mich doch bedächtig, fast auf Zehenspitzen, durch die Menge. In ihrem kollektiven Beisammensein sahen die meisten nicht nur irgendwie “deutsch” aus, sondern benahmen sich auch so—deutscher, als es in den Metropolen Deutschlands heutzutage üblich ist. Im Gegensatz zu amerikanischen Gewohnheiten blickten sie, wenn ich sie anschaute, weg, und obwohl Henryk mich dem Publikum als seinen “alten Buddy aus Köln” vorgestellt hatte, sprach mich fast niemand an. Fast schien es, als mied man mich aus Scheu gegenüber dem “Fremden”—aber was erschien Deutschen an mir “fremd”? Die langen Haare? (“In deinem Alter!” sagt meine Mutter seit vierzig Jahren.) Bei einer ähnlichen Situation mit Amerikanern wäre das Gegenteil passiert; ich hätte mich vor lauter small talk und Austausch von Emailadressen nicht retten können. Die einzige Ausnahme im Carl Schurz-Auditorium war ein junger, fesch gekleideter Herr, Leiter der Presseabteilung—nein, nicht der deutschen, sondern der österreichischen Botschaft, Sohn eines Wiener Vaters und einer peruanischen Mutter.

Einen Vorteil haben die Deutschen gegenüber den Amis: Im allgemeinen sind sie die besseren Autofahrer. Das trifft auch auf Henryk zu. Gegen halb elf folgte ich ihm, wie er mit seinem kleinen Miet-Chrysler zielsicher durch die Straßen von Georgetown flitzte auf der Suche nach einem Speiselokal mit noch offener warmer Küche—kein leichtes Unterfangen an einem Wochentag in einer Stadt, wo auch betuchte Lobbyisten früh aufstehen müssen, um beim Antichambrieren nicht den kürzeren zu ziehen. Schließlich landeten wir beim Yenching Palace im Stadtteil Cleveland Park, einem großen Chinarestaurant, das nach über fünfzig Jahren in den nächsten Monaten einem Walgreens drugstore weichen soll. Es war so gut wie leer; wie wir später erfuhren, als wir, die letzten Gäste, kurz vor Mitternacht mit dem Essen fertig waren, schließt man normalerweise gegen elf. Aber Larry Lung, der Besitzer, seine Frau und die Kellnerin begrüßten uns trotz der späten Stunde wie alte Freunde; Henryk hatte diese Woche hier schonmal gegessen, nachdem die Washington Post eine Feuilletongeschichte über die bevorstehende Schließung gedruckt hatte.
Wir teilten uns ausgezeichnetes Kung Pao Chicken und gigantische Shrimps mit geröstetem Knoblauch; erstaunlicherweise ist der Yenching Palace über all die Jahre sehr preiswert geblieben, obwohl im Gästebuch Mick Jagger, Dannye Kaye, George Balanchine, Henry Kissinger und viele andere Prominente verzeichnet stehen und dieses Lokal sogar eine weltgeschichtliche Bedeutung hat: Hier haben sich während der Kubakrise John F. Kennedys und Nikita Chrushtshows Emissäre zu geheimen Verhandlungen getroffen, um den dritten Weltkrieg zu verhindern. (Versteht sich von selbst, daß auch höchst geheim bleibt, was Henryk und ich dort besprachen.)

Ein Meisterstück hatte Henryk noch in petto, bevor der Abend vorbei war. Als wir durch den Hintereingang des Lokals auf den Parkplatz traten und uns gerade voneinander verabschieden wollten, klingelte sein Handy. “Ach du meine Güte, Potsdam”, sagte er. Radio Eins rief an für seinen wöchentlichen Freitagmorgenkommentar, heute: der Stoiber-Rücktritt. Ohne zu zögern, ohne einen Fetzen Papier vor der Nase, ohne jede erkennbare Vorbereitung schickte Henryk M. Broder aus dem Stegreif seine wohlformulierten drei Minuten vom kalten, klammen Parkplatz hinterm Yenching Palace durch den Äther.

[Link:  http://www.radio1.de/_/beitrag_jsp/key=beitrag_154844.html ]

Und jetzt, während ich daheim in die Tasten greife und hin und wieder einen Blick aus dem Fenster auf die Blue Ridge Mountains werfe, hinter denen sich gerade rotbackig die Sonne verkriecht, sitzt Henryk im Flieger nach Deutschland. In Berlin wartet Egon Eiermann schon auf ihn—diesmal nicht mit einem Auditorium, das nach einem vertriebenen deutschen Demokraten des 19. Jahrhunderts benannt ist, sondern mit der Kaiser Wilhelm-Gedächtniskirche, deren Bombenschäden Eiermann absichtlich als Ruine erhielt, um der Nachwelt etwas ganz anderes im Gedächtnis zu bewahren als einen Unheilspotentaten “von Gottes Gnaden”, nämlich die ruinöse und mörderische deutsche Hybris der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

“Amis raus aus Vietnam”, hieß es auf dem Platz vor dem Wahrzeichen West-Berlins, als sich dort vor vierzig Jahren die Einheitsfront der Antikriegsdemonstranten versammelte; das, per se, war sicher keine falsche Forderung—aber dann tobte im rhythmischen Laufschritt der reine Schwachsinn los: “Ho-ho-ho-chi-minh!”—die Vergötterung eines absolutistischen Despoten und seiner Knebelideologie durch sich “fortschrittlich” oder “links” gerierende Großmäuler, deren
Feindbilder sich damals wie heute mit den Feindbildern des Rechtsextremismus überschneiden: Zionisten (sprich Juden) und Wallstreetbonzen (sprich Amis). Nur heißt es heute “Amis raus aus dem Irak”; auch das, per se, keine falsche Forderung, nur folgen ihr leider allzu oft die hirnrissigen Apologien für einen demokratische Ideale mit Füßen tretenden totalitären islamischen Religionswahn.

Wie fantastisch es doch wäre, könnte Henryk Broder auch in diesem Eiermann-Bau seine bissigen Angriffe auf freiheitsverachtende Idiotien und seine beharrlich zulangenden Verteidigungen der Errungenschaften abendländischer Aufklärung zum besten geben—am besten als Sonntagspredigt.

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