Cancelt Sir Francis Drake!

Von Joanna Williams.

Die Umbenennung der Sir-Francis-Drake-Grundschule in London ist ein Zeichen für die ungesunde Entfremdung von der Vergangenheit, wie sie sich – nicht nur – in Großbritannien vollzieht.

Die Sir-Francis-Drake-Grundschule im Südosten Londons gibt es nicht mehr. Der längst verstorbene Seefahrer (um 1540–1596) galt als Verkörperung von Werten, die nicht mit denen der Schule übereinstimmen, weshalb die Schulleitung über eine Namensänderung abstimmen ließ. In einer Abstimmung unter 450 Eltern, Mitarbeitern, Schülern und Anwohnern sprachen sich 88 Prozent für einen neuen Namen aus. Die Schulleiterin spricht von einem „aufregenden neuen Kapitel“, denn die Schule wird künftig den Namen „Twin Oaks“ (deutsch: Zwillingseichen) tragen.

Das Votum scheint eindeutig zu sein. Aber wie viel wussten die Kinder – oder auch das Personal und die Eltern – eigentlich über Drake? Die BBC-Berichterstattung über diesen Vorfall ist aufschlussreich: „Eine Schule, die nach dem Sklavenhändler Sir Francis Drake aus dem 16. Jahrhundert benannt wurde, hat ihren Namen geändert“, heißt es dort. So präsentiert, liegt der Ausgang der Abstimmung natürlich nahe. Wer will schon im Jahr 2023 mit einem Sklavenhändler in Verbindung gebracht werden? Aber zu keinem anderen Zeitpunkt in den letzten 400 Jahren wäre Drake so beschrieben worden.

Bis heute wird Sir Francis Drake als Nationalheld gefeiert, weil er 1588 die englische Flotte zum Sieg über die spanische Armada führte. Seine Weltumsegelung, bei der er als Kapitän der ersten englischen Seereise die Magellanstraße vom Atlantik zum Pazifik durchquerte, hat ihm einen Platz in der Geschichte gesichert. Schon zu seinen Lebzeiten wurde Drake zur Legende – zum Symbol für Mut, Entschlossenheit und britische Militärmacht.

Sowohl seine Leistungen als auch seine Fehler berücksichtigen

Bei einer differenzierten Betrachtung der Geschichte muss natürlich berücksichtigt werden, dass Drake eine Rolle dabei gespielt hat, die Beteiligung Englands am Sklavenhandel zu begründen. Er hat diese Fahrten zwar weder finanziert noch initiiert, aber er war Kapitän von Handelsschiffen, die Sklaven über den Atlantik transportierten. Gemessen an der Versklavung von Millionen von Afrikanern über hunderte von Jahren hinweg und dem enormen Reichtum, der sich daraus ergab, war Drakes Rolle winzig. Damit soll sein Vermächtnis nicht bagatellisiert, sondern in eine historische Perspektive gestellt werden. Wenn wir Drake im Jahr 2023 beurteilen wollen, müssen wir seine Taten in den Kontext seiner Zeit stellen und sowohl seine Leistungen als auch seine Fehler berücksichtigen.

Leider fehlt es heute an einer solchen differenzierten Betrachtung der Vergangenheit. In den Geschichtsbüchern, die einst von den Heldentaten großer Männer beherrscht wurden, finden sich heute nur noch Geschichten der Schande. Anstatt Drake als unglaublichen Abenteurer zu sehen, der auch eine Rolle im Sklavenhandel spielte, werden wir dazu gedrängt, ihn als böse zu betrachten und seinen Namen aus dem öffentlichen Leben zu tilgen.

Einst angesehene historische Persönlichkeiten werden heute routinemäßig als das personifizierte Böse dargestellt. Im Juni 2020 wurde die Edward-Colston-Statue (1636–1721) in Bristol gestürzt und die Drake-Statue in Plymouth mit Fesseln versehen. Beide Taten lassen auf den fast mittelalterlichen Glauben schließen, dass unbelebte Gegenstände die Sünden der Person verkörpern, der sie ähneln.

Aus unserem kollektiven Bewusstsein verschwinden

Seit den Black-Lives-Matter-Protesten im Jahr 2020 wurden Dutzende von Statuen entfernt und Gebäude umbenannt. Alle möglichen historischen Persönlichkeiten wurden als „Sklavenhändler, Kolonialisten und Rassisten“ abgeschrieben und aus dem öffentlichen Raum entfernt, ungeachtet ihrer früheren Leistungen. Vergangenen September benannte die Universität Edinburgh den David-Hume-Turm (1711–1776) um. Einige der größten Werke der Aufklärungsphilosophie scheinen nichts mehr wert zu sein, wenn man sie aufgrund einer fadenscheinigen Fußnote des Rassismus bezichtigen kann.

Die Universität Liverpool benannte ihr Studentenwohnheim Gladstone Hall um, obwohl der viermalige ehemalige Premierminister William Gladstone (1809–1898) für Chancengleichheit eintrat und Gesetze zur Erweiterung des Wahlrechts verabschiedete. Gladstone, von seinen zahlreichen Anhängern „The People's William“ getauft, wollte sogar die Abschaffung der Sklaverei. Da sein Vater jedoch Sklavenhändler war und William für eine schrittweise statt für eine sofortige Emanzipation eintrat, wurde er nun dennoch dazu verdammt, aus unserem kollektiven Bewusstsein zu verschwinden. Wenn es um diese alten Gebäude und Statuen geht, scheinen Fakten oft nicht wirklich zu zählen.

Außerdem: Ist vor 2020 irgendjemand ernsthaft an Statuen von Colston, Drake oder Captain Cook vorbeigegangen und hat um seine entfernten Vorfahren geweint? Fielen Studenten angesichts einer Vorlesung im Hume-Tower wirklich in Ohnmacht? Ich bezweifle es. Für wen auch immer sie einst standen, Denkmäler sind Teil unserer heutigen Landschaft, ein Schlafplatz für Vögel und ein Treffpunkt für Freunde.

Wenn man sich an historische Persönlichkeiten erinnert, geht es oft eher um den Mythos als um die Realität. Der Sir Francis Drake, der in Schulnamen und Statuen weiterlebt, ist Drake, der tapfere, mutige, abenteuerlustige Held, der die Meere bezwang und sich den Spaniern stellte, um England zu retten. Tief im Inneren wissen wir, dass dies nur ein Teil ist. Wir wissen, dass dies der Stoff ist, aus dem Legenden sind. Aber es ist aufregend und inspirierend. Es macht uns – uns alle – stolz, Briten zu sein. Seit Jahrhunderten gehört der Mythos um Drake, mindestens so wie die Realität, zum Herzstück der britischen nationalen Identität. Es ist eine Geschichte, die die Grenzen von Rasse, Geschlecht und Sexualität überwindet.

Schulleiterin Karen Cartwright sagt, sie sei „begeistert“, dass ihre Schüler bei der Umbenennung ihrer Schule eine so „zentrale Rolle“ gespielt hätten. Aber was haben diese Kinder wirklich daraus gelernt? Dass es keine Helden und keine nachahmenswerten Leistungen gibt? Dass in der Vergangenheit nur Schlechtes passiert ist? Dass sie sich schämen sollten, Briten zu sein, und nicht stolz darauf sein sollten? Es gibt wenig zu bejubeln an einer Generation, die moralisch so weit von der Vergangenheit ihres Landes entfernt aufwächst.

Dieser Beitrag ist zuerst beim britischen Magazin Spiked erschienen.

 

Mehr von Joanna Williams lesen sie in den Büchern „Die sortierte Gesellschaft: Zur Kritik der Identitätspolitik“ und „Schwarzes Leben, Weiße Privilegien: Zur Kritik an Black Lives Matter“. Joanna Williams ist Kolumnistin beim britischen Magazin Spiked und Autorin von „How Woke Won”.

Foto: Unbekannter Maler via National Portait Gallery London CC BY 4.0 via Wikimedia Commons

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Rudhart M.H. / 01.02.2023

Wie leicht es geht, kann man bei unserem Jungvolk sehen, daß sich bar jeder Kenntnis von Geschichte und Ereignissen doch hochgebildet vorkommt, wenn es weiß , auf welcher Insel man gut und teuer speisen kann. Es schüttelt den Hund samt Hütte und wirft den stärksten Eskimo vom Schlitten ! Wissen gleich Null, aber die Klappe aufreisen und Posten beanspruchen. Nun gut, schließlich ist man der Überzeugung , daß man zur Elite gehört. Ja, aber eben nur zur Elite der Nullen und leeren Mengen.

Jörg Themlitz / 01.02.2023

Da haben die IS Leute alles richtig gemacht, als sie die Bauten der arabischen Sklavenjäger -händler und -halter in Palmyra zerkloppt haben. In Mittelamerika stehen Bauten von ehemaligen Bewohnern, die Menschenopfer dargebracht haben. Sklavenhandel sowieso. Wegsprengen. Die Wahrsagungen ihres Kalenders, Irrtum, kann alles weg. Wer hat Morgen Nachmittag Zeit und hilft mit das Kolosseum in Rom zu sprengen? Die Italiener mit Frau Meloni an der Spitze stehen eh auf der Abschussliste. In Afrika können wir uns noch mit den Nachkommen der schwarzen Sklavenjäger auseinandersetzen. Warum sollen immer nur die Händler bestraft werden? Obwohl, als Great Britian den Sklavenhandel verbot und die britische Marine massiv gegen den Sklavenhandel vorging, brach deren Geschäft zusammen. Scheint mir eigentlich Strafe genug. Den Nachkommen der Westasiaten die bis kurz vor Wien Frauen und Kinder geraubt und verkauft haben, sollten wir jetzt Wiedergutmachungen auferlegen….....

Wolf Hagen / 01.02.2023

Mir geht dieser ganze woke Mist und Gender-Quatsch nur noch auf die Nerven. Selbst in eigentlich unverdächtigen Wissenschaftsdokus über den Weltraum, sprach Erklärbär Prof. Harald Lesch plötzlich von den “Forschenden”, statt den Forschern. Wie weit und wie lange soll dieser Scheiss eigentlich noch gehen? Gibt es demnächst auch keine Wikinger mehr, sondern “Wickingernde”?! Und warum ergeben sich soviele diesen ungebildeten Schwachmaten und gendern/woken kräftig mit?! Ohne mich! Ich esse noch immer gerne Negerküsse und Zigeunerschnitzel, ich gendere nicht, verweigere mich der Stottersprache, lebe auch nicht vegan und den Klima-Klamauk höre ich mir auch nicht an. Scheiss auf den ganzen links-ideologischen Müll! Von mir aus können sich alle woken Gender-Heulsusen und Schneeflöckchen den Strick nehmen!

Nico Schmidt / 01.02.2023

Sehr geehrte Frau Williams, die Helden der vergangenen Jahre werden meist von sehr blassen Menschen ohne Lebensleistung gecancelt. Wenn man erst einmal die Moral für sich entdeckt hat, kennt die Inquisition keine Grenzen mehr. Mfg Nico Schmidt

A.V.Matzka / 01.02.2023

Ich will ja nicht behaupten, dass in den letzten Jahrzehnten viel aus der Geschichte gelernt wurde - man denke nur an die meist eher peinlich anmutenden “Nie-wieder”-Gedenkfeiern in Deutschland bei gleichzeitig stetig wachsendem Antisemitismus und BDS-Sympathien. Aber indem man Personen der Geschichte ignorant cancelt, schafft man für unsere Zeit gezielt die Voraussetzung, dass es keine Geschichte mehr gibt, aus der man lernen könnte. Und noch ein Gedanke: Wer laut schreiend sich über die in der Vergangenheit nicht wahrgenommene Verantwortung aufregt, lenkt davon ab, dass er selbst nicht bereit ist, heute Verantwortung zu übernehmen.

Chr. Kühn / 01.02.2023

Früher™ hieß es “Gott strafe Engeland”. Heute wird Engeland gecancelt. Aber so ist das halt, wenn Revolutionen sowohl die Kinder als auch die Eltern fressen…das hätte mal einer dem Österreicher sagen müssen, einfach 80 Jahre zu warten, und dann würde sich das von alleine lösen. Obwohl…wieviel von diesem ganzen Zirkus ist direkt oder indirekt auf das Gehabe und Getue des besagten Österreichers zurückzuführen? Würde es nicht reichen, rückwirkend nur den zu canceln? Oder brauchen die heutigen Canceler, wie auch Kanzler (m/w/d), den Ösi nicht immer noch und immer wieder ganz dringend, um irgendwelchen Anfangen zu wehren? Vielleicht sollte man endlich mal anfangen, sich zu wehren! (Oder so ähnlich, gell…?)

Wilfried Cremer / 01.02.2023

hi, hierzulande gibt es noch den Karlspreis. Hat der Namensträger nicht den Sachsen, Alemannen usw. übel mitgespielt? Sein Opa hatte sogar arme Nafris aus dem Land geprügelt. Alles hat mit einem Karl begonnen. Und jetzt kulminiert sich das in diesem Irren, wenn Sie wissen, wen ich meine. Hm, ich bin vom Thema abgekommen.

finn waidjuk / 01.02.2023

Ich bin mir sicher, dass weder die Schulleiterin noch ihre woke Schülerbrut auch nur einen Tag an Bord eines von Drakes Schiffen überlebt hätten. Und es wäre nicht schade um sie gewesen. Sie sind Zwerge auf den Schultern von Riesen. Auch wenn sie die Riesen nachträglich töten, so bleiben sie dennoch hässliche Zwerge und landen in dem Dreck, in den sie hingehören. Dort suhlen sie sich selbstgefällig herum, bis eine neue Rasse von Riesen kommt und sie einfach zertritt. Ein ganz normaler geschichtlicher Vorgang.

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