An Weihnachten stehen die Zeichen auf Versöhnung und so will auch ich meinen Teil dazu beitragen und erkläre feierlich, dass ich meine Haltung zu Weihnachtsmärkten und deren kulinarischem Angebot überdacht habe. Ich war nämlich auf dem Dresdner Striezelmarkt, der alljährlich auf dem Altmarkt im Schatten der Kreuzkirche abgehalten wird, und muss zugeben, dass ich mich dort recht wohl gefühlt habe. Der Andrang an einem hinreichend kalten Dezembernachmittag war nicht allzu groß, die Stimmung friedlich, die Verkäufer in den Buden ausgesprochen freundlich und einnehmend, selbst wenn man die in Dresden gepflegte Mundart in Rechnung stellt. Es gelang mir sogar, die zahllosen Poller zu ignorieren, die die Dresdner Weihnachtsmärkte vor islamistischen Angriffen schützen sollen.
Die Sachsen sind ein traditionsbewusstes Völkchen, das auch auf die Pflege seiner kulinarischen Errungenschaften bedacht ist. Ich aß köstliche Quarkkeulchen, kaufte Stollen und Pulsnitzer Pfefferkuchen und verleibte mir mit großem Genuss eine Thüringer Bratwurst ein. Thüringen ist zwar nicht Sachsen, doch die bodenständigen Mentalitäten und Mundarten nicht allzu verschieden. Kleiner Tipp: Um sich die teure Daunenjacke nicht zu versauen, sollte man sich eine Currywurst bestellen, nur ohne Currysauce. Die wird nämlich, klein geschnitten, in einem Pappbecher serviert. Dazu nur Senf und ein Brötchen. So geht deutsche Vorweihnacht!
Die wiederaufgebaute Frauenkirche ist ein Wunder und das ebenfalls rekonstruierte Viertel rund um den Neumarkt, das in den neunziger Jahren, als ich einige Zeit beruflich in Dresden zubrachte, noch eine öde Wüste war, ganz und gar kein „Disneyland“, wie links gewirkte Kritiker solch historisierender Wiederaufbauprojekte gerne behaupten. Nein, auch ohne Weihnachtsmarkt, wie er sich natürlich auch auf dem Neumarkt findet, scheint die Mischung aus qualitätsvollen Geschäften, die keineswegs nur Touristenramsch anbieten, und gastronomischen Einrichtungen hier gut zu funktionieren.
Eine Tragödie, dass man zumindest in westdeutschen Großstädten nach den Kriegszerstörungen noch einmal tabula rasa machte, um, durchaus vergeblich, jenen „Ungeist“ auszurotten, der jetzt allerorten und in neuem Gewand wiederauferstanden ist. In der DDR verhinderte Ähnliches nur die Armut und die Wende kam gerade noch rechtzeitig, bevor die Abrissbagger auch hier vollendete Tatsachen geschaffen hätten. Warum eigentlich gibt man das viele Geld aus den Merz‘schen Sondervermögen nicht, anstelle für Waffen, dafür aus – wie am Beispiel des Wiederaufbaus eines Teils der Frankfurter Altstadt auch andernorts realisiert –, einen Teil unseres architektonischen Erbes zurückzugewinnen? Die Polen haben sogar Danzig originalgetreu wiederauferstehen lassen, obwohl es sich eigentlich um das Erbe eines gerade besiegten Todfeindes gehandelt hatte.
Was soll man am Heiligen Abend essen?
Da es in dieser Kolumne aber nicht um Architektur, sondern Kulinarik geht, möchte ich auf die Wurst zurückkommen und was sie mit Weihnachten zu tun hat. Das Festessen am ersten Feiertag ist ja in der Regel gesetzt, es gibt Gänsebraten, Entenbrust, Lachs oder Karpfen. Doch was soll man am Heiligen Abend essen? Streng genommen zählt der Vorabend von Weihnachten ja noch zur strengen adventlichen Fastenzeit, die erst nach der Christmette endet. Und die begann in früheren Zeiten erst um Mitternacht oder sogar am frühen Morgen des 25. Dezember, was heute natürlich niemand mehr zuzumuten ist, will die Kirche nicht auch noch ihre letzten Schäfchen vergraulen.
Heute wird die Mette oft schon um 22.00 oder 23.00 Uhr gefeiert. Danach noch einmal zuzuschlagen, erscheint wenig sinnvoll, weil ein paar Stunden später ja schon der große Festtagsschmaus wartet. Also sollte man, auch wenn es nicht ganz den Fastenregeln entspricht, schon vorher etwas essen, vielleicht am frühen Abend. Kleine, kalte Fischgerichte sind ideal, etwas Räucherlachs oder Räucheraal mit Sahnemerrettich, einen Krabbencocktail oder einen Matjessalat. Rezepte dazu finden sich in meinem jüngst in der Edition Achgut erschienenen Kochbuch „Kochen für Unbeugsame“.
Ein Heiligabendklassiker in deutschen Landen sind, auch wenn es sich hierbei um Fleisch handelt, Würstchen mit Kartoffelsalat. Keine Bratwürste, sondern Brühwürste. Am besten eignen sich einfache Wiener oder Frankfurter, wie sie in Österreich heißen. Natürlich kann man auch echte Frankfurter Würstchen nehmen, die nur aus Schweinefleisch bestehen und knackiger sind als die aus Schweine- und Rinderbrät hergestellten weicheren und auch im Geschmack milderen „Wiener“.
Als Beilage wird, was sonst, Kartoffelsalat gereicht, natürlich hausgemacht. Ich würde, dem festlichen Anlass entsprechend, zu einem Mayonnaisensalat raten. Die Mayo dafür rührt man selber, was kein Geheimnis ist. Dazu zwei Eigelb mit einem neutralen Öl verschlagen, wobei man zunächst das Öl tropfenweise dazugibt. Wenn sich eine leichte Bindung einstellt und die Gerinnungsgefahr gebannt ist, kann man auch größere Mengen Öl zufügen. Wichtig: Eier und Öl sollten die gleiche (Zimmer)-temperatur haben. Dann kommt etwas Zitronensaft dazu, Senf, Pfeffer, Salz sowie eine Prise Zucker. Wer will, kann die Mayonnaise noch mit saurer Sahne oder Joghurt strecken, bevor die geschnittenen Kartoffeln ihren Auftritt haben, feste Salatkartoffeln von gutem Geschmack wie Linda, Moossieglinde oder Bamberger Hörnchen.
Dazu passen ein Bier oder ein Tasse Tee und als Nachtisch gibt’s etwas Weihnachtsgebäck. Allzu prall sollte man sich nicht in den Gottesdienst schleppen. Ich bin Katholik und meine hier anmerken zu dürfen, dass christliche Feste ohne Gottesbezug für mich keinen Sinn machen. In diesem Sinne wünsche ich meinen Leserinnen und Lesern gesegnete Weihnachtstage. Vielleicht schaltet man auch mal für die kurze Zeit das Handy aus und lässt den Laptop schlafen. Himmlische Ruh‘, nie war sie so wertvoll wie heute!
Erscheinungsdatum: 21. November 2025, Achgut Edition. ISBN: 978-3-911941-02-0, Kochbuch mit 40 Rezepten und 42 farbigen Illustrationen. Printausgabe Hardcover. Auch als E-Book erhältlich, 160 Seiten, 29,00 Euro.
Beitragsbild: 3268zauber - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons


Erneut Werbung für das Kochbuch des Autors? Pardon, aber ich zweifle an der Authentizität von Menschen, welche politische Parteien gründen, dann verlassen, wieder dort einsteigen, um sie erneut zu verlassen. Politische Überzeugung ist keine Fahrstuhlkabine. Und: heute begegnete ich einem der seitens „Grüner“ und dpa-Journalisten so gern gesehenen Neubürger nahe eines der erwähnten Weihnachtsmärkte: mit hassverzerrtem Gesicht (dort auch mehrfache Verletzungen aufweisend) stiess er ein „Muslim inschallah“ hervor, zum Glück beliess er es dabei. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, wenn ich es nicht selbst erlebt hätte. Guten Appetit und ein herzliches Dankeschön ganz besonders an (Ex-)„Grüne“ für solche neuen Mitbürger!
@ D. Preuß, nichts gegen Ihr Rezept mit Mayonaise. Die Geister streiten sich bei Kartoffelsalat bekanntlich. Wir nehmen keine Mayonaise, sondern eine selbstgemachte heiße Brühe, darin alle Gewürze, Essig, Öl und eine von den gerade gekochten Kartoffeln diese in der Brühe pürriert. Das bindet, es zieht nicht später so viel in die Kartoffeln nach. Nach Laune dazu die glassierten Zwiebeln, ein paar ausgelassene Schinkenspeckwürfel, Schlotten. Das ganze heißt dann lauwarmer Kartoffelsalat.
Meine Mutter war aus Ostpreußen und seit ich denken kann, gibt es bei uns an Heiligabend Schmandhering, wir nennen es Heringsstipp. Allerdings mochten wir Kinder den Fisch nicht, also gab´s für uns „Heringsstipp ohne Hering“. Und den gibt es bis heute:
Schmand, ein kleines Löffelchen Mayonnaise, ein kleiner Schluck Gurkenwasser, Äpfel, Zwiebeln, Gurken und hartgekochte Eier. Alles fein geschnitten. Und `n büschen Pfeffer und Salz. Nicht mehr und nicht weniger. Dazu möglichst kleine Pellkartoffeln (leider gibt es im Norden keine Hörnchen!). Und anstelle des Herings (ich höre den entsetzten Aufschrei): Fischstäbchen!
Das gibt es übrigens auch am Karfreitag. Und weil wir es schade fanden, das nur 2 x im Jahr essen zu können, gibt es das nun seit ein paar Jahren traditionell auch am Tag des Augsburger Friedensfestes (nicht dass wir dazu eine besondere Affinität hätten, aber es passte so schön vom Datum).
Allen Au- und Kommentatoren fröhliche Weihnachten und auf dass wir im nächsten Jahr nicht durchdrehen!
Ich trau mich gar nicht mehr nach Wiener oder Frankfurter Würstchen zu fragen. Bei Zigeurschnitzel kam letztes mal das Überfallkommando. Das eß ich eben Jägerschnitzel.
Nun ist der Kartoffelsalat mit Würstchen der Klassiker zum Weihnachtsabend. Aber nicht der im Bild gezeigte Kartoffelsalat ohne Mayonnaise und mit reichlich bleichen Bockwürsten. Kartoffelsalat MUSS Mayonnaise enthalten, alles andere ist Schonkost.
Hoffentlich waren das auf den Dresdner Weihnachtsmarkt auch richtige Thüringer Roster. Oftmals laufen dort unter „Thüringer“ recht ähnlich aussehende, aber in Geschmack und Textur doch abweichend Surrogate. Als Thüringer und zwar Ostthüringer bevorzuge ich Roster mit Kümmel.
Und mit den Satz: „Thüringen ist zwar nicht Sachsen, doch die bodenständigen Mentalitäten und Mundarten nicht allzu verschieden“ dürften Sie es schaffen, gleich beide Völkchen Kopfschütteln zu erzeugen. Mit der Mentalität dürfte es noch halbwegs hinkommen, aber Thüringisch ist nicht Sächsisch; der in Dresden ortsübliche Dialekt noch mal was ganz Spezielles. An der Grenze zwischen beiden befinden sich das Vogtland und das Erzgebirge, deren Dialekte selbst für die Anrainer nur schwer verständlich sind.
Und nach dem Kartoffelsalat zu Weihnachten ist vor dem Silvestersalat. Der besteht wie Kartoffelsalat aus Kartoffeln, Mayo, Zwiebeln und Gewürzgurken, dazu Apfel, gekochtes Schweinefleisch bzw. Jagdwurst, Salami, gekochte Eier oder auch nicht, und natürlich Salzhering, ggf. Kapern. Das Ganze deutlich kleiner geschnibbelt als Kartoffelsalat. Dazu dann Bockwürste (Eberswalde, Halberstadt oder Thüringer), Rührei, Bulette oder eine fingerdicke Scheibe Lachsschinken. Gut isses. Fröhliches 2026.
Keine Chance dass Deutschland jemals wieder so schön wird wie ehedem. Dafür sorgt schon die Architektenlobby, die ja auch den Wiederaufbau der Frankfurter Altstadt erwartungsgemäss als „Disneyland“ verleumdete und fast verhindert hätte. Als Zugeständnis an die Betonfraktion hat man leider zwischen die originalgetreuen Nachbauten moderne Adaptionen gesetzt, die natürlich keiner fotografiert weil hässlich. Der Frankfurter Weihnachtsmarkt ist auch ein artifizieller Allerweltsrummel der genauso überall in Deutschland zu finden ist. Da kriegt man nicht mal die genannten Frankfurter Würstchen, dafür aber die unvermeidliche grauenhafte Currywurst. Als einzige lokale Spezialität gibt es absurd teure Bethmännchen. Dann lieber ins Elsass mit seinen wirklich schönen Weihnachtsmärkten.
In unserer schlesischen Familie gab es Heiligabend von einem schlesischen Schlachter extra zu Weihnachten hergestellte weiße und rote Brühwürste mit Graubrot und geschnittenem (halb Malz, halb Pils) Bier. Seit dem Tod der schlesischen Schlachter gibt es die Würste nicht mehr. Schlesischer Kartoffelsalat wurde aus kleinen Würfeln geschnittener Kartoffeln, Äpfeln, Einlegegurken, Fleischwurst und dem nachgewürzten Sud aus dem Gurkenglas her gestellt. Den machen wir uns noch heute selbst.