„Trump droht Truthahn mit Abschiebung“, konnte man jüngst bei ntv lesen. Was ist denn das schon wieder? Ist der Mann jetzt wirklich von allen guten Geistern verlassen? Aber nein. Der US-Präsident hatte wieder nur aus der alljährlichen „Truthahn-Begnadigung“ zu Thanksgiving seine eigene, zugegebenermaßen etwas schräge Show gemacht. Im Garten des Weißen Hauses teilte Trump mit, dass derzeit die Abschiebung von Gobble, so der Name des diesjährig amnestierten Federtieres, vorbereitet werde und zwar „direkt ins Terroristengefängnis in El Salvador“. Außerdem werde die letztjährige Truthahn-Begnadigung durch Trumps Vorgänger Joe Biden für ungültig erklärt, weil sie mit einem Unterschriftenautomaten erfolgt sei.
Dann bekamen noch der Bürgermeister von Chicago („inkompetent“) und der demokratische Gouverneur von Illinois („fat slob“ – „fette Schlampe“) ihr Fett ab. Die nicht ganz ernst gemeinte Zeremonie soll es seit den Zeiten von John F. Kennedy geben. Dabei wird ein besonders schönes Tier vom Staatsoberhaupt höchstselbst öffentlich „begnadigt“, während draußen im Land Millionen von Artgenossen ihr Leben für das Thanksgiving-Festmahl lassen müssen. Gobble, ein stattliches Exemplar der Gattung Fasanenartige mit strahlend weißem Gefieder, quittierte Trumps Possen mit einem typischen Kollern.
Die Truthahn-Begnadigung in den USA ist so etwas wie die alljährliche Übergabe der Rathausschlüssel an Abgesandte der Narrenzünfte in Deutschland. Politiker müssen dann das tun, wozu die meisten am wenigsten befähigt sind: spontan etwas Lustiges zum Besten geben. Trump scheiterte verdient, während man sich hierzulande meist mit unfreiwilliger Komik bescheiden muss. Die Schlüsselübergabe soll die vorübergehende Umkehrung der Machtverhältnisse symbolisieren. Dumm nur, dass die Narren längst selbst an den Schalthebeln der Macht sitzen.
Statt Truthahn empfahl Trumps Vize Hühnchen
Aber zurück in die USA, wo sich auch Trumps Vize J. D. Vance den Truthahn vorknöpfte, in diesem Fall von der kulinarischen Seite. Genauer gesagt, er las den Truthahn-Liebhabern die Leviten. Vor Soldaten in Fort Campbell, Kentucky, meinte Vance, dass Truthähne, wie sie aktuell zu Thanksgiving serviert würden „nicht gut“ schmeckten. Deshalb werde er diesmal seinen „Turkey“ frittieren müssen. „Wenn man etwas frittieren muss, damit es gut schmeckt, ist es vielleicht nicht so gut.“ Eigentlich müssten sich deutsche Tier- und Verbraucherschützer mächtig über diese Aussagen freuen, weil Vance nicht nur eine Breitseite gegen mutmaßlich hochgezüchtetes, geschmacksarmes Hormon-Geflügel abschoss, sondern auch die gesundheitlich nicht unbedenkliche US-Sitte kritisierte, Lebensmittel durch Frittieren in heißem Fett geschmacklich aufzupeppen.
Doch die auf den Endkampf mit Trumps „Regime“ eingeschworenen Mainstreamschreiber wollten wieder mal nicht verstehen, was Vance gemeint haben könnte. „Ein echter Amerikaner möchte am Vorabend von Thanksgiving keinen kajaläugigen Vizepräsidenten sehen, der den amerikanischen Truthahn beschimpft (…)“, heißt es in der „Süddeutschen Zeitung“. „Und manche der inzwischen zahlreichen reuemütigen Trump-Wähler werden vielleicht spüren, dass die amerikanische Demokratie auch am Truthahn verteidigt werden muss.“ Unwahrscheinlich, dass der nicht-kajaläugige Großjournalist jemals einen „echten Amerikaner“ zu Gesicht bekommen hat.
Vor den „Jungs“ in Fort Campbell jedenfalls dürfte der hemdsärmelige Vance den richtigen Ton getroffen haben. Statt Truthahn empfahl Trumps Vize den Soldaten, Hühnchen zu essen. „Chicken“, ob frittiert oder nicht, sei immer gut. Wo Vance recht hat, hat er recht. Denn Hühnchen sind nicht so mager wie Truthähne, hierzulande als Puten bekannt. Und weil Fett ein Geschmacksträger ist, sollte man einem verantwortungsvoll aufgezogenen Huhn immer den Vorzug geben, von deutlich aussagekräftigerem Geflügel wie Ente oder Gans einmal abgesehen.
Um einer Pute geschmacklich aufzuhelfen, muss man schon etwas Arbeit investieren. Die Amis servieren den Thanksgiving-Truthahn immer mit einer Vielzahl von Beilagen: grüne Bohnen, glasierte Möhren, Pürees aus Kürbis und Süßkartoffeln, Cranberry-Sauce, sogar Kuchen („Apple pie“), was das Fleisch fast zur Nebensache werden lässt. In Frankreich dagegen soll es Puten geben, die schon von sich aus mehr Eigengeschmack haben, weil sie nicht Richtung Diät-Geflügel gezüchtet werden. Sie stammen aus dem Örtchen Crémieu, fünfzig Kilometer östlich von Lyon gelegen, wo alljährlich im Dezember in einer mittelalterlichen Markthalle der „Foire aux dindes & gourmande“ abgehalten wird.
Auf Paul Bocuse geht ein Rezept für eine Dinde de Crémieu truffée zurück, das es in sich hat: Trüffel nämlich, 400 Gramm auf eine Pute von zwei bis drei Kilogramm. Der Vogel wird mit den Luxuspilzen sowie mit der gleichen Menge Wurstbrät gefüllt und bekommt noch einige Trüffelscheiben unter die Haut geschoben. Dann wird er in Pergamentpapier eingewickelt, in einen Jutesack gesteckt und, ja, richtig gelesen, für zwei Tage im Garten in einem Erdloch verbuddelt. Anschließend wird die Pute, die nun ganz vom Trüffelaroma durchdrungen sein soll, in einem Wurzelsud zusammen mit einer Kalbshaxe und einem Ochsenschwanz pochiert. Vielleicht sollte man das mal zum bevorstehenden Weihnachtfest ausprobieren. Nur zu kalt sollte es an Weihnachten nicht sein, weil man die Pute dann nicht unter die Erde bekommt.
Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss.
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Beitragsbild: Trump White House Archived from Washington, DC - The 2018 National Thanksgiving Turkey Pardon, Public Domain, via Wikimedia Commons


„Und weil Fett ein Geschmacksträger ist, sollte man einem verantwortungsvoll aufgezogenen Huhn immer den Vorzug geben, …“
Ich glaube kaum, dass die Pute aus reinen Geschmacksgründen zum Traditionsvogel wurde, sondern weil sich der Truthahn mit einigen Kilo Fleisch auf den Rippen im Mittelpunkt stehend, sich eben besser für ein festliches Gemeinschaftsessen der Grossfamilie eignet, als eine Vielzahl von Hühnern aus Fritteusen. Für letzteres gibts KFC nebenan.
Sie haben die unbedingt notwendige Cranberry- Sauce vergessen, und den „stuffing“ der traditionell aus Brot und Sellerie besteht. Und einen Truthahn zu frittieren wird Amateuren dringend abgeraten. Dafür braucht man einen sehr großen Topf mit heißem Öl und ist eine gefährliche Angelegenheit- hat schon oft zu Fettexplosionen und Großfeuern geführt, falls der Vogel nicht ganz aufgetaut war. Die beste Füllung für den Truthahn ist übrigens immer noch eine Ente, gefüllt mit einem Huhn. Ein solcher Turducken dürft auch JD zufriedenstellen.
„…weil Fett ein Geschmacksträger ist, …“ – Eben, weil Fett ein Geschmacksträger ist würden sie, wenn sie Fett hätten, so schmecken wie ihr Futter.
Nachtrag: In meinen Kindertagen wurden solche Tiere bei uns mit ihren eigenen Innereien, kleingewürfelt, eingeweichten Brötchen, kleingeschnittenem Apfel, Zwiebeln, Knoblauch und Maronen oder eingemachten kleinen „Blaufüßchen“ (violetter Rötelritterling, (Collybia nuda, Syn.: Lepista nuda) gefüllt, sowie diversen Gewürzen und frischer Petersilie. Die Pilze sammelte ich als Kind mit meinem Vater auf den Wiesen rund ums Dorf, da wuchsen sie in jährlich wiederkehrenden „Hexenringen“. Wir sammelten besonders die kleinen Exemplare, die dann in Weckgläsern „eingeweckt“ wurden. Das „Füllsel“ war begehrter als das Fleisch. Und das ist allemal bodenständiger als Bocuses Rezept. Und nebenbei, in die allgemeine Trump-Häme einzustimmen, weil das jetzt alle machen, in den „Qualitätsmedien“, ist nicht unbedingt angebracht und ziemlich billig. Auch wenn Trump persönlich vielleicht ein Simpel ist, hat er noch lange nicht das „Niveau“ von Sleepy Joe erreicht.
Zu Truthähnen fallen mir 3 Dinge ein: erstens eine Filmszene in der US-amerikanischen Weihnachtskomödie „Schöne Bescherung“ (Originaltitel: National Lampoon’s Christmas Vacation) von 1989mit Chevy Chase und Randy Quaid, wo der Truthahn „explodiert“ (eigentlich verbrennt er spektakulär), während der Weihnachtsfeier der Griswold-Familie. Zweitens der berühmte Sketch von Mr. Bean, in dem er mit dem über den Kopf gestülpten Truthahn durch die Wohnung taumelt, und drittens ein„ ungenießbarer“ rumänischer Truthahn, den mir in meinen rum. Anfangsjahren, als ich noch gutgläubiger war, mein Nachbar aus dem nächsten Dorf „mitbrachte“, als er einen für sich kaufen ging. Für teures Geld, vermutlich habe ich den seinigen gleich mitbezahlt, war das gute Stück zur Hälfte schwammiges, glasiges, wabbeliges Geschlonze anstatt Fleisch, sodaß ich fast die Hälfte wegwerfen mußte. Die Straßenhunde haben’s gefressen. Damals liefen die Truthähne hier auch noch auf der Straße herum, und auch heute gibt es ein paar Häuser ortseinwärts noch eine Gänseherde, und ich glaubte, die Tiere müßten deshalb „gesund“ aufwachsen, mit festem Fleisch, war aber leider ein Irrtum. Und auch mit Truthahnbrust aus der Lidl-Kühltheke war die Erfahrung, daß das Fleisch aufgeschwemmt und schwabbelig ist, drückt man mit dem Finger rein, wird es zu Matsch. Dagegen gibt es hier gutes Hühner-/Hähnchenfleisch günstig, weil es viele lokale Hühnerfarmen gibt, und keine verblendeten Tierschützer. Also liegt Vance gar nicht so schief mit seiner Aussage, denn das Hühnerfleisch ist tatsächlich qualitativ besser. Das Rezept des Autors wird übrigens kaum jemand nachkochen, denn wer kann 400 Gramm Trüffeln bezahlen und vergräbt sie dann aufwendig im Garten? Wenn sie nicht gar nachts der Nachbarshund ausgräbt, denn der riecht das! Wenn schon, dann sollte man den Braten in Bananenblätter wickeln und dann ein paar Stunden darüber ein schönes Feuer unterhalten, das wäre die angemessene Zubereitung.
Was Bocuse da mit der Dinde gemacht hat, kann man theoretisch auch mit dem Huhn machen. Nur: Ein Bresse-Huhn oder eine frei geschossene Ente, also eine Flugente, brauchen den Zauber nicht. Kalbfleisch braucht ihn. Daher gibt es bekanntlich Gefuellte Kalbsbrust (BW) oder auch Cordon Bleu oder den Lustigen Bosniak. Ich persoenlich ziehe das pure Fleischvergnuegen vor, so auch Schaeufele, Schweins- oder Kalbshaxe etc. Haben Sie mal Strauss gegessen? Schrecklich. Grosse Voegel lassen erahnen, wie Dinosaurier schmecken wuerde. Fasan ist jedoch wunderbar. In GB stehen die gern auf der Strasse herum und laufen eine Weile vor dem Auto in dieselbe Richtung. Ich habe nie einen angefahren, ich schwoer. Ich kannte niemanden, der schweigen und ihn praeparieren wuerde. Nicht zu ernst nehmen, bitte. Er heisst daher bei uns Stupid. 30 Stupids auf der Strasse sind keine Seltenheit und fuehren zu Wildern im Exmoor. Wenn sie da mit dem Feiern fertig sindin den USA, ist meistens noch was vom Vogel da. Nur der Alk ist alle.
Nichts geht über eine zarte Brust mit Honigkruste . MfG
Der Entenkiller