Als ich das erste Mal nach Burgund fuhr, in jenes sagenhafte Weinland, das selbst Menschen ein Begriff ist, die bisher nur Pinot Grigio im Glas hatten oder sich im Discounter mit Literflaschen aus dem Badischen Winzerkeller eindecken, war ich, gelinde gesagt, enttäuscht. Fast genauso langweilig wie das breite Tal der Saône, das man, von Freiburg kommend durchqueren muss, um an die Côte d’Or zu gelangen, wo die illustren Weinorte aufgereiht sind wie an einer Perlenschnur.
Zwischen der Autobahn und der Hangkante des Saônetales eine grüne Rebenwüste: Chardonnay (weiß) und Pinot noir (rot), Pinot noir und Chardonnay soweit das Augen reicht. Von „Weinbergen“ kann hier kaum die Rede sein, so sacht steigt das Gelände an. Auch die Weinorte sind wenig bemerkenswert, wenn nicht auf dem Ortschild „Meursault“ stünde, „Puligny-Montrachet“, „Aloxe-Corton“ oder „Vosne-Romanée“, würde man wohl hindurchfahren. In Burgund tragen manche von ihnen eine ehrenvolle Namensergänzung, die auf ihre berühmtesten Grand Cru-Lagen (Corton, La Romanée Conti, Montrachet) hinweist.
Ähnlich ging es mir, als ich zum ersten Mal das nicht minder berühmte und leider nicht minder langweilige Chablis besucht, streng genommen auch ein Teil Burgunds und etwas weiter nordwestlich gelegen als die „Goldküste“ bei Dijon. Nur das noch weiter westlich situierte Sancerre sticht positiv heraus, wo der vielleicht beste Sauvignon blanc der Welt produziert wird, Weine, die ganz anders schmecken als man sich diese Moderebsorte vorstellt. Nicht aufdringlich parfümiert nach grünem Paprika, sondern trocken, mineralisch (Feuerstein!) mit einer spritzigen Säure.
Das Städtchen Sancerre liegt reizvoll auf einer Anhöhe über der Loire, direkt vis à vis befindet sich das nicht weniger gerühmte Weinbaugebiet von Pouilly fumé. In Sancerre werden mittlerweile auch Pinot noirs erzeugt, die denen der Côte d’Or kaum nachstehen und ähnlich teuer sind. In der Ferne dampfen die Kühltürme des Kernkraftwerks Saint-Laurent, aber daran muss man sich in Frankreich gewöhnen, zumal wenn man Windräder hasst, wie sie zu einem Dutzend just gegenüber Sancerre den Blick verstellen. Ein französischer Windkraftgegner sagte mir einmal, Windräder in Frankreich seien das „Sahnehäubchen“, um französische Ökos über die Atomindustrie hinwegzutrösten.
Jahrhunderte alte Tradition der Weinbereitung
Zurück zum Wein, zu Burgund und zu der Frage, was eigentlich die Magie dieser Weinregion und ihrer Kreszenzen mit ihrer viel gerühmten Eleganz ausmacht. Magie kommt erst einmal von Magie, möchte man antworten. Denn wenn man einen Wein im Glas hat, der allseits gepriesen wird und einen seinem Ruhm entsprechenden Preis hat, muss er einfach schmecken. Doch es gibt einen Punkt, wo eine Flasche mit einem berühmten Etikett so teuer ist, dass deren Inhalt in keinem Verhältnis mehr zum Preis steht. Solch ein Wein wird fast zwangsläufig enttäuschen, weil es eben doch nur Wein ist. Aber diese Flaschen trinkt man nicht, man legt sie, wenn man ihrer habhaft wird, in den Keller und betrachtet sie manchmal ehrfurchtsvoll wie eine seltene Briefmarke. Oder man spekuliert mit ihnen, was allerdings nur wirkliche Profis tun sollten.
Auch wenn Burgund hoffnungslos überteuert ist - an der Qualität eines echten Burgunders ist nicht zu rütteln, auch in jenen Segmenten, die sich Menschen leisten können, die keine Oligarchen sind. Das liegt wahrscheinlich, Burgund-Fans mögen mich jetzt steinigen, weniger am „Terroir“, also der hier anzutreffenden Kombination von Boden und Klima, als an der Jahrhunderte alten Tradition der Weinbereitung auf diesem Fleckchen Erde, dem geballten, tief inkulturierten Winzer-Wissen von Generationen. Ein Wissen, das die ungeheure Sorgfalt begründet, mit der hier Trauben vinifiziert werden. So etwas lässt sich nicht aus dem Boden stampfen. Wenn „Klimaschützer“ meinen, man könne doch wegen der Klimaerwärmung heute überall guten Wein machen und leicht Ersatz für die angeblich überhitzten Weinregionen finden, wissen sie nicht, wovon sie reden.
Die Côte d’Or unterscheidet sich nicht nur wegen ihrer ambitionierten Preise von den meisten anderen französischen Weinregionen. Nirgendwo sonst in Frankreich gibt es eine solch verwirrende Vielfalt an Climats, wie hier die Lagen und Unterlagen (microclimats) heißen, an Grand Crus, Premier Crus, Dorf- und Regionalappellationen und Produzenten, die alle eine eigene Handschrift haben. Manchen Lagen, wie der berühmte Clos de Vougeot, einst von Mönchen angelegt und mit einer Mauer umfriedet, mit seinen gerade mal 50 Hektar, sind in hundert Parzellen aufgeteilt, die in den Händen von 80 Eigentümern liegen. Und nicht jede Flasche, die hier ihren Ursprung hat, ist gleich gut, von Jahrgängen ganz abgesehen.
Flaschen-Fälschern das Handwerk legen
Sich als Gelegenheitsweintrinker hier zurecht zu finden ist fast unmöglich. Einfach mal so bei einem namhaften Erzeuger anzuklopfen, um ein paar Flaschen in den Kofferraum zu packen, ist keine gute Idee. Die meisten renommierten Adressen haben keinen Direktverkauf, wie sie ihre Tropfen auch weniger verkaufen als zuteilen. Die Luxusdomäne de la Romanée Conti verpflichtet ihre handverlesenen Kunden sogar dazu, leere Flaschen zu zerschlagen, andernfalls wird man von der Kundenliste gestrichen. So wird versucht, Fälschern das Handwerk zu erschweren.
Am besten, man nähert sich dem burgundischen Dschungel von den Rändern. Also von der Côte Chalonaise (Mercurey, Givry, Rully), die südlich an die Côte d’Or anschließt oder das noch weiter südlich Richtung Lyon gelegene Mâconnais (Fuissé, Juliénas, Saint-Véran). Vieles, was hier mittlerweile produziert wird, steht dem „Original“ weiter nördlich nur wenig nach. Auch die Hautes Côtes de Nuits un die Hautes Côtes de Beaune, die etwas oberhalb der weltbekannten Orte liegen, bieten qualitätsvolle, erschwingliche Weine und haben zudem zweifellos vom Klimawandel profitiert. Gut möglich, dass sie einmal zu den bisherigen Top-Destinationen weiter unten aufschließen.
Man kann es sich mit der Suche auch leichter machen, indem man einfach ein paar gute Restaurants mit guten Weinkarten besucht, sich ein bisschen durchprobiert und dann jene Winzer im Netz ausfindig macht, deren Weine einem besonders gemundet haben. Die sicher beste Auswahl aus dem burgundischen Weinlabyrinth findet sich auf der Karte des Dreisternerestaurants Lameloise in Chagny. Mittags kann man hier zu vergleichsweise erschwinglichen Preisen vorzüglich speisen und auf der Weinkarte, die heute auf einem Tablet elektronisch präsentiert wird, gibt es etliche Flaschen, die gerade mal um die fünfzig Euro kosten. Nach oben ist die Preisskala natürlich offen.
Wenn der Sommelier gerade mal wegschaut, sollte man sich einfach ein paar preiswerte Adressen notieren und dann sein Glück versuchen. Oder man bittet den Mann ganz unbefangen um einen persönlichen Tipp. Das sollte doch im Preis inbegriffen sein.
Beitragsbild: Library of Congress

„Thomas Szabó / 07.06.2026
Die Qualität von Weinen lässt sich am nächsten Tag verlässlich feststellen. Wenn man keinen Kater und keine Kopfschmerzen hat, dann waren es Qualitätsweine.“ – Sie sagen es. Als Jugendliche waren wir, etwa 1981, im Keller über die Weinkisten seines Vaters hergefallen. Süß war er – und der letzte deutsche Wein, den ich bis heute getrunken habe.
Zu viel Zirkus um den Wein. Geht zu Aldi, Leute, da gibt es genug ordentliche Weine. Gute Qualität, vernünftige Preise, und nachts drückt es nicht die Säure in den Schlund und am Morgen ist die Rübe ok. Mein Freund hat mal so ein französisches Gesöff namens Champagner konsumiert, am anderen Morgen „Kopp wie ne Kneipe“. Ich weiß, Champagner ist kein Wein, aber es illustriert diesen übertriebenen Zirkus. Manche wollen sich mit Frankreich und Wein auch „wichtigtun“. Ich muss zugeben, ich mag Frankreich nicht, das Land ist ziemlich schmuddelig (auch die Franzosen), allg. Hygiene 4- und die Zustände der Städte…. vielleicht habe ich aber auch Vorurteile
@Emil.Meins: In Frankreich ist das auch breit gestreut. Da geht die normale Bevölkerung mit dem eigenen 5l-Kanister zum Weinhändler und zapft sich einen Vorrat – und andererseits bekommt man im Carrefour (Discounter für die normale Bevölkerung) oft auch „Chateau Petrus“ für viele hundert Euro die Flasche.
Ansonsten ist gerade bei Getränken eine Geschmacksbeurteilung schwierig, eigentlich nur im direkten Vergleich zu machen. Sonst spielt das Drumherum eben auch eine große Rolle. Und ach ja, prinzipiell: in Frankreich trinkt man den Wein weit überwiegend zum Essen, in Deutschland eher „solo“, eventuell mit Häppchen. Das macht dann auch unterschiedliche Präferenzen.
Ich glaube auch, dass die Vinifikation einen entscheidenen Einfluss auf den Geschmack hat. Die echten roten Burgunder schmecken einfach besser als Pinot Noirs aus Deutschland. Von solchen aus Neuseeland etc ganz zu schweigen. Leider muss man den Genuss viel zu teuer bezahlen, aber hoffentlich brechen die Preise ein, wenn die ganzen Angeber (vor allem aus Asien), die nur auf den Namen schauen, irgendwann das Interesse verlieren. Bis dahin bleibt die gelegentliche Flasche ein Luxus.
Die Qualität von Weinen lässt sich am nächsten Tag verlässlich feststellen. Wenn man keinen Kater und keine Kopfschmerzen hat, dann waren es Qualitätsweine.
„Weine vor die Säue“
Jean-Luc Mélenchon will die französische Provinz multikulturell Bereichern. Frankreich hat ja einen großen kulturellen Nachholbedarf.
Die Bereicherung in Paris „brennt“ förmlich danach ganz Frankreich zu bereichern. Paris ist wirklich „Perlen vor die Säue“.
Ich kaufe Burgunder immer im„ Caveau de Bacchus“ in Nuits Saint Georges. Sehr freundlicher Familienbetrieb in dem der Sohn des Hauses immer gute Empfehlungen für nicht zu teure schöne Weine hat. Übrigens ist Chambolle- Musigny ein bezauberndes kleines Dorf , im Gegensatz zu Gevrey- Chambertin. Außerdem gibt es in Nordburgund noch die Irancy-Weine, die wesentlich preiswerter und trotzdem sehr gut sind.