Die Kinderhorden entfielen einst in zwei Fraktionen, die Capri-Sonne-Trinker und die Sunkist-Adepten. Doch das Verbot der Plastikstrohhalme droht diese Kulturtradition zu zerstören. Eine Online-Petition gilt als letzte Hoffnung.
Nach einem Höllensommer, der keiner war, zu einem Erfrischungsgetränk, das keines ist, nichtsdestoweniger in den Kindheitserinnerungen vieler Menschen eine bedeutende Rolle spielt: Capri Sonne im flexiblen, alubeschichteten Plastikbeutel, neben Sunkist im markanten Tetraeder aus beschichtetem Karton und Orangina in der lustig-bauchigen Glasflasche. Nur Letztere dürfte heute bei Ökos noch einigermaßen satisfaktionsfähig sein. Capri Sonne, nach diversen Relaunches nunmehr als Capri Sun firmierend, hat jüngst eine Onlinepetition gestartet mit dem Ziel, den Plastiktrinkhalm wieder einzuführen.
Wenn ich mich recht erinnere, zerfielen die Kinderhorden einst in zwei Fraktionen, die Capri-Sonne-Trinker und die Sunkist-Adepten. Ich gehörte zu den Sunkististen, warum weiß ich nicht. Auf jeden Fall machte es einen Heidenspaß, den Vierflächner mit dem süßen Saft geräuschvoll schlürfend per angeklebtem Trinkhalm auszusaugen. Manchmal scheiterte man bei dem Versuch, den Halm durch die mit einer Plastikhaut verschlossene Öffnung zu stoßen. Dann fummelte man so lange herum, bis einem die klebrige Brühe die Klamotten besudelte. Wie diese Prozedur heute mit ökologisch korrekten Papiertrinkhalm gelingen soll, ist mir ein Rätsel.
Nach erfolgreicher Penetration konnte man eine Zeit lang lustvoll nuckeln, was atavistische Gelüste aufkommen ließ. Um des letzten Restes habhaft zu werden, musste man den Halm so tief wie möglich in eine der vier Ecken bugsieren. Dass der Inhalt – im Gegensatz zu Orangina – nicht sprudelte und meistens lauwarm war, weil man die Sunkist- oder Capri-Sonne-Packung auf dem Schulausflug oder bei anderen Gelegenheiten stundenlang mit sich herumtrug, störte uns damals nicht.
15 Millionen Beutel jährlich
Sunkist wurde in den 1960er Jahren als eine der ersten Trinkpäckchen in einer Einwegverpackung von der Reinbecker Firma Rickertsen auf den deutschen Markt gebracht, als US-amerikanisches Lizenzprodukt. Zur gleichen Zeit kam Capri Sonne heraus, ein Produkt der Rudolf Wild GmbH aus Eppelheim bei Heidelberg. 1975 erreichte man in der zunehmend mobilen Republik mit 15 Millionen Beuteln jährlich die Marktführerschaft bei „flexibel verpackten fruchthaltigen Getränken“ für unterwegs. Es war die Zeit der großen Freiheit, auch beim Essen und Trinken.
Capri Sonne klang und klingt prägnanter als Sunkist, vielleicht war das der Grund für den großen Erfolg, denn der Inhalt war in diesem wie jenem Fall nicht der Rede wert: Mit Wasser verdünntes und viel Zucker sowie Ascorbinsäure und Aromen versetztes Fruchtsaftkonzentrat. Die meisten deutschen Urlauber schafften es zwar nicht bis Capri und holten sich weiter oben auf dem Teutonengrill von Rimini und Viareggio ihren Hautkrebs, doch die Insel der Reichen und Schönen im Golf von Neapel war lange Zeit eine Verheißung. Und auch vor der Sonne hatte man damals noch keine Angst. Heute gelten Temperaturen über 30 Grad Celsius selbst in Italien als Vorbote der Klimahölle.
Nachdem auch ich im Zuge der aufkeimenden Ökobewegung auf naturtrüben Apfelsaft in der angeblich umweltfreundlichen Glasflasche umstieg, war die quittesüße Puddelbrühe von Sunkist, Capri Sonne & Co. für mich kein Thema mehr. Bis ich jüngst auf eine Meldung stieß, die mich darüber informierte, dass Capri Sun eine Online-Petition für die Rückkehr zum Plastikstrohhalm gestartet habe. Viele Kunden störe, dass sich der seit 2021 verwendete Papierstrohhalm schlechter einstecken lasse, schnell weich werde, und zu einem Papiergeschmack beim Trinken führe.
Auf der Plattform change.org will das Unternehmen eine Million Unterschriften sammeln. Mit der Mobilisierung der Öffentlichkeit soll die EU-Kommission dazu bewegt werden, eine Ausnahmegenehmigung vom Verbot von Einwegplastikstrohhalmen zu erteilen. Ich halte das für eine prima Idee, auch wenn die Umweltverbände, assistiert vom Medienmainstream, sofort aufgeheult haben.
Schwer verständlich, warum die Trinkbeutel selbst als ökologisch klassifiziert wurde, der lächerliche Trinkhalm aber offenbar den Untergang des Planeten beschleunigt, zumal mehr oder weniger überall auf der Welt natürlich noch an Plastikhalmen gezuzelt werden darf. Doch wer schert sich in Sachen Umwelt- und „Klima“politik noch um so etwas Nebensächliches wie Logik?
Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mitgegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss.

Ich bin als Kind glücklicherweise weder auf die eine noch die andere völlig sinnfreie und überteuerte Plörre geprägt worden und kann daher auf Beutel, Packung UND Trinkhalm gut verzichten.
Auch dem Rest der Welt würde nichts fehlen….
„Online-Petitionen“ sind Gratismut und erfüllen die 3Fs, formlos, fristlos, fruchtlos. Das letzte „F“ ist irgendwie passend ;-).