Der Genuss von Speisen im öffentlichen Raum inmitten hustender, müffelnder Menschenmasse, unter sich gebrauchte Papiertaschentücher, über sich Vögel, die sich im Flug gelegentlich ihrer Notdurft entledigen, ist oft kein solcher.
Auch eine altehrwürdige Institution wie die K.u.K. Hofzuckerbäckerei Demel am Kohlmarkt zu Wien meint, mit der Zeit gehen zu müssen. Ich wunderte mich einmal über einen besonders großen Pulk von Wartenden vor dem Eingang des Cafés. Jener galt aber nicht den historischen Innenräumen, in denen es vergleichsweise ruhig zuging, sondern einem Fenster, hinter dem mit altertümlichen Mützen dekorierte Köche coram publico Kaiserschmarrn buken und in Pappschachteln füllten, aus denen heraus man die österreichische Spezialität „to-go“ verzehren sollte. Üblicherweise genießt man eine solche Mehlspeise nach dem Gehen, etwa auf Berghütten in den östereichischen und bayerischen Alpen. Doch mitten in der Stadt wie einen Döner oder eine Bratwurst?
Offenbar hat Kaiserschmarrn „to-go“ Schule gemacht. In München gibt es seit kurzer Zeit eine kleine, gastronomische Unternehmung namens Super Schmarrn, die das Konzept einer Grundspeise, die mit allerlei „Toppings“ versehen werden kann, auf den Kaiserschmarren übertrug und damit offenbar die Herzen der Tiktokianer im Sturm eroberte. In zwei Verkaufsstellen in der Innenstadt gibt es einstweilen fünf Versionen, die alle alpenländisch klingende Namen tragen: Die Grundversion „Heidi“ mit Apfelmus, Mandeln und Puderzucker kostet acht Euro, eine mit Zwetschgenröster ist zum gleichen Preis erhältlich, während die Luxusversion „Sisi“ mit Nutella, der unvermeidlichen Pistaziencreme und Pistaziencrumble mit satten elf Euro zu Buche schlägt.
Ich habe keine von beiden probiert und werde es auch künftig nicht, weil ich es nicht mag, wenn die (hoffentlich) schön karamellisierten, aber nicht zu trockenen Schmarrn-Fetzen in feuchten Beilagen ertrinken und sich in einen süßen Matsch verwandeln. Apfelmus oder Preiselbeeren zum Kaiserschmarren gehören in separate Glasschälchen. Möglicherwiese kommt der To-go-Kaiserschmarrn von Demel puristischer daher. Das Haus hat ja einen Ruf zu verlieren.
Inmitten hustender, müffelnder Menschenmasse
Kaum zu erwarten, dass sich Kaiserschmarrn als Streetfood auf breiterer Front durchsetzt, dafür ist der Markt zu reichlich besetzt. Jedes Land hat diesbezügliche Spezialitäten, die „über die Straße“ beziehungsweise auf derselben verkauft und im Stehen, Gehen oder prekären Sitzen auf einer Hausstufe, einem Brunnenrand oder einer Parkbank verzehrt werden. In Österreich sind es die zahlreichen Würstelkreationen, die in jeder Stadt an eigenen Ständen angeboten werden. Von Apfelstrudel als Streetfood habe ich noch nichts gehört, obwohl man natürlich auch einen Strudel vom Papptellerchen mümmeln kann, was allerdings wegen des dünnen Teiges und der feuchten Füllung ein reichlich klebriges Unterfangen sein kann.
Streetfood, die modische Bezeichnung für einen aushäusig genossenen Imbiss, an sich ist nichts Schlechtes, sollen sich doch laut Wikipedia 2,5 Milliarden Menschen täglich auf diese Weise ernähren, vor allem in Asien. Allein in Bangkok sollen 20.000 Streetfood-Händler die Stadt mit geschätzten 40 Prozent des täglichen Bedarfs an Lebensmitteln versorgen. In Europa ist die Streetfood-Tradition weniger stark ausgeprägt. Hier isst man einstweilen noch vom Tisch, wobei die Take-away-Offerten rasant zunehmen und selbst bayerische Ministerpräsidenten wie Markus Söder Werbung für Döner machen, das bekannteste deutsche Streetfood nach Currywurst, Pommes und süddeutscher Leberkässemmel.
Der Genuss von Speisen im öffentlichen Raum inmitten hustender, müffelnder Menschenmasse, unter sich gebrauchte Papiertaschentücher, über sich Vögel, die sich im Flug gelegentlich ihrer Notdurft entledigen, ist oft kein solcher. Meist weiß man auch nicht, wohin mit den Abfällen und wo man die schmierigen Finger abwischen kann, ganz abgesehen von dem Ungemach, das es bedeutet, wenn man beim Essen eines BigMac genötigt wird, einen Telefonanruf anzunehmen. Um wirklich genussreich eine Mahlzeit auf der Parkbank einzunehmen, muss man wohl Mr. Bean heißen, wobei er in einem berühmten Sketch leider nicht dazu kam, das von ihm zubereitete Sandwich auch zu essen, weil es ihm infolge einer Nießattacke abhandenkam.
Streetfood gibt es auch „indoor“ und nennt sich dann Fingerfood. Es ist eine Variante des Kalten Buffets, wobei der Caterer sich das Spülen der Teller und des Bestecks spart, eine nicht unerhebliche Personal- und Kostenreduktion. Andererseits werden Hamburger im Zuge der mittlerweile nicht mehr ganz so „neuen Burgerkultur“ gerne auf dem Teller serviert, was endlich einmal einen Fortschritt bedeutet. Aus Fastfood wird auf diese Weise wieder so etwas wie ein richtiges, mit Messer und Gabel zu bewältigendes Essen. Wer unbedingt will, kann die zum Fleischklops gereichten Fritten natürlich mit den Fingern essen.
Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss.

„Der Genuss von Speisen im öffentlichen Raum inmitten hustender, müffelnder Menschenmasse …“. die Menschen wollen sich schon daran gewöhnen, wenn das Essen wieder vom LKW runtergeschmissen wird. In Deutschland wohnen geschätzt 70 Millionen Gourmets. Soviele können sich nicht irren.
Deutsche Politiker:Innen, die Döner anpreisen, sind Voverer!
JETZT IST WIEDER NIE! – Auch wenn „Super Schmarrn“ wahrscheinlich nicht mit „SS“ abgekürzt wird, vermute ich trotzdem einen ideologischen Angriff auf UnsereDemokratie!
Herr Etscheit, anscheinend haben Sie noch nie Eis auf der Straße gegessen.