Eigentlich hätte man sich gerne daruntergelegt, um die Masse direkt in den Mund strömen zu lassen. Ein niemals versiegender Quell sommerlichen Genusses.
Wer hat’s erfunden? Margaret Thatcher? Die „iron lady“ mit Faible fürs Kochen? Sie ausgerechnet soll das Softeis kreiert haben, die sanfteste Versuchung, seit es Speiseeis gibt? Jedenfalls findet sich diese Behauptung in einem SZ-Nachruf auf Thatcher, die 2013 im Alter von 87 Jahren an einem Schlaganfall starb. Im Jahre 1948 soll sie an einem Team von Chemikern beteiligt gewesen sein, das das Softeis erfunden und in England eingeführt habe. Der Name soll von Thatcher höchstpersönlich stammen. Zu schön, um wahr zu sein. Wikipedia verweist die nette Story ins Reich der Mythen.
Wahrscheinlicher ist, dass die auf Speiseeis versessenen Amis das Softeis aus der Taufe hoben mitsamt der Softeismaschine, in der eine flüssige, vor allem aus Milch und Zucker bestehende Eismasse unter Rühren gefroren und mit Druckluft aufgepumpt wird, um sie besonders zart zu machen. Das Unternehmen des vermeintlichen Erfinders, des gebürtigen Griechen Tom Carvel, gibt es heute noch, eine auf Softeis spezialisierte Franchise-Kette mit mehr als 300 Niederlassungen mit Schwerpunkt in den USA. Carvel soll 1929 mit einem Ise-Cream-Truck unterwegs gewesen sein, als ein Reifen platze. Er musste seine Ware leicht angeschmolzen verkaufen und war überrascht, wie heiß die Kunden darauf waren.
Ob diese Geschichte stimmt, sei dahingestellt. Es ändert auch nichts daran, dass der Siegeszug von Softeis um die Welt nicht aufzuhalten war. In den fünfziger Jahren schwappte der Trend bis nach Deutschland. Natürlich auch in mein Heimatstädtchen Eltville am Rhein, wo im schönen Freibad am Flussufer ein beleibter Italiener mit imposantem Schnauzer und dem nicht weniger imposanten Namen Paparozzi ein Restaurant unterhielt, in dem es nicht nur die nach Urteil meines Vaters weltbesten Spaghetti Bolognese ab, sondern auch Softeis. Wir Kinder waren immer ganz fasziniert, wenn er die Hebel der Maschine betätigt und weiße, rote oder braune Eismasse auf die Eiswaffel strömte. Dann musste man sich beeilen, weil der Schmelzpunkt von Softeis deutlich über dem von klassischem Speiseeis liegt.
Eigentlich hätte man sich gerne daruntergelegt, um die Masse direkt in den Mund strömen zu lassen. Ein niemals versiegender Quell sommerlichen Genusses. Was waren das noch für Zeiten, als man Softeis ohne Salmonellenangst konsumieren konnte. Und jeden einigermaßen warmen Tag herbeisehnte, an dem man mit den Kumpels ins Schwimmbad gehen und sich eine Tüte – nein, kein Marihuana, das war damals noch illegal – gönnen konnte. Heute drohen bekiffte Untergangspropheten schon im Januar mit einem Höllensommer, und wenn die Temperatur im Mai mörderische 27 Grad erreicht, geraten mörderisch witzige taz-Journalistinnen in Panik.
„Ilka Eisfreezer“
In Großbritannien hat sich der Begriff „Whippy“ für Softeis im Waffelhörnchen eingebürgert, das aus einem Wagen heraus verkauft wird. Oft wird noch ein Stück (Borken)schokolade hineingesteckt, eine ziemlich gehaltvolle Angelegenheit, die das Erreichen der ersehnten Badeshorts- bzw. Bikinitauglichkeit noch weiter hinauszögert. Nur das trockene Hörnchen zu essen, ist allerdings auch keine Alternative.
Softeis gab es sogar in der DDR, auch wenn es sich nachweislich um ein Produkt des Klassenfeindes handelte. DDR-Softeis hatte eine andere Konsistenz als jenes aus dem kapitalistischen Ausland. Das lag vor allem an den DDR-Softeismaschinen des VEB Kältetechnik Niedersachswerfen („Ilka Eisfreezer“), die anders konstruiert waren und die Masse nicht mit Luft aufschäumten.
Sie werden zwar nicht mehr gebaut, doch einige haben noch überlebt. Dagegen hat die Firma Komet, die in Großpostwitz bei Dresden Softeispulver herstellte, die Wende überstanden, mit dem Ergebnis, dass man ab und an auf dem Gebiet der neuen Bundesländer vulgo Ostdeutschland noch Softeis mit dem originalen „Zonen-Aroma“ kaufen kann. Als gebürtiger Wessi kann ich allerdings nicht verifizieren, ob sich an dem Geschmack, den viele Ossis aus ihrer Kindheit kennen, Entscheidendes geändert hat.
Ich hatte jüngst Gelegenheit zu einer Kostprobe in einer Eisdiele direkt gegenüber dem Eingang des großartigen Doms zu Naumburg an der Saale. Dort verkauft der Inhaber eines Cafés direkt aus einem Fenster heraus, so wie es einst im Westen üblich war, wo italienische Einwanderer von der Diele des Hausflurs heraus ihre Speiseeiskreationen anboten – daher der Namen Eisdiele. Ich fand die ostdeutsche Softeis-Variante gar nicht schlecht. Weniger cremig, aber dafür erfrischender. Eigentlich genau das Richtige für den kommenden Höllensommer.
Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss.
Beitragsbild: Library of Congress

Softeis. Nein danke.
„Dann musste man sich beeilen, weil der Schmelzpunkt von Softeis deutlich über dem von klassischem Speiseeis liegt“? Hoppla, googeln Sie doch bitte nochmal die Definition von „Schmelzpunkt“.
Wird in Dänemark nicht aussterben.
Keine Chance.
@A. Ostrovsky: Kein Speiseeis beim Indaliener und kein Kulfi beim Italinder – typisch ostdeutsche Mangelwirtschaft , aber auch keine kulturelle Aneignung . Ich empfehle deutsches Konditoreneis Fürst Pückler Art !
Der in Wikipedia beschriebene Herstellungsprozeß in den Softeismaschinen ist sozusagen die umgekehrte Version der Dönerherstellung: das an der Wand eines gekühlten Zylinders angefrorene Eis wird abgeschabt und landet aufgeschäumt in der Waffel, während beim Döner der außen angegrillte „Fleischzylinder“ (dessen Zusammensetzung wir besser nicht genauer hinterfragen), mit dem Messer abgeschabt und in das Fladenbrot gefüllt wird. Hat da jemand „abgekupfert“? Übrigens war anscheinend das Softeis auch Thema eines nostalgischen Mementos in der sonntäglichen MDR-Sendung „Unser Dorf hat Wochenende“: dort hieß es, nur das originale „Ossie“-Eispulver habe in Verbindung mit der dortigen Softeismaschine den authentischen DDR-Geschmack, das vom Autor genannte Zonen-Aroma! Gesundheit!
Das Softeis gab es in den Siebzigern, wie ich mich erinnere, damals gab es noch „Kaufhäuser“ in den Innenstädten, die dann durch diverse Konzernpleiten und finstere Machenschaften von Managern verschwanden. In Karlsruhe stand ein Softeisautomat vor dem Kaufhaus Schneider, gegenüber der Hauptpost, auch vor der Kaufhalle und dem Woolworth gab es welche. Alles heute verschwunden, auch das Karstadt, das vorher noch zu Kaufhof wurde (Die Karlsruher Karstadt-Filiale firmiert seit der Fusion mit Kaufhof unter dem Namen Galeria (Karstadt) Karlsruhe. Der Name „Galeria Karstadt Kaufhof“ wurde 2019 eingeführt und 2021 durch „Galeria“ ersetzt.), man kann sich die ganze Trostlosigkeit auf streetview anschauen: eine gesichtslose Betonwüste, die überall sein könnte. Das Softeis verschwand auch irgendwann, und wurde durch immer mehr „Eisdielen“ ersetzt, die heute teils mehrere Euro für eine Kugel verlangen. Auch die Sprache wurde verhunzt: heute würden die entsprechend Geschädigten dafür sagen: „aufrufen“. Irgendwie habe ich noch im Hinterkopf, daß eine Rolle beim Verschwinden der Softeismaschinen spielte, daß man feststellte, das Eis wurde mit angesaugter Umgebungsluft aufgeschäumt, samt Abgasen, Dreck und Staub, denn damals fuhren in den Innenstädten noch Autos, tatsächlich! Der verlinkte Wikipedia Artikel „Softeis“ ist dazu total inkonsistent: man weist wegen der Gefahr einer Kontamination mit Salmonellen auf die Notwendigkeit der peniblen Reinigung der Eismaschinen hin, „da durch die Einarbeitung von Luft Krankheitserreger in das Softeis gelangen. Als Abhilfe verwende man mittlerweile pasteurisierte Eismasse, so dass es kaum noch zu Beanstandungen der Hygiene komme.“ Also entweder kommen Erreger aus der Luft, oder die Eismasse war verunreinigt, aber die Wikipedia-Kausalkette ist Quatsch, denn auch die pasteurisierte Eismasse kann durch Dreck in der verwendeten Luft kontaminiert werden. Warum also keine Reinigung der Ansaug-Luft? Typisch„Grüner“ Lösungsansatz!
Das mit der Eisdiele wußte ich nicht. Schönen Dank für die Info.