Georg Etscheit / 16.06.2024 / 14:00 / Foto: Wikimedia Commons / 10 / Seite ausdrucken

Cancel Cuisine: Schlesisches Himmelreich

Schon der Name ist ein Gedicht: „Schlesisches Himmelreich“. Dagegen sind Königsberger Klopse, eine weitere Spezialität aus den einstigen deutschen Ostgebieten, eher negativ besetzt – als Klops kann man eine dicke Person bezeichnen oder, im Berliner Slang, einen Deppen (hier der Link zu sonstigen Kulinarischen Beschimpfungen). Trotzdem haben es die Klopse aus der alten ostpreußischen Hauptstadt längst in den Kanon der deutschen Hausmannskost geschafft, was man vom „Himmelreich“ leider nicht sagen kann.

Ich ließ mir „Schlesisches Himmelreich“ unlängst zum ersten Mal in meinem Leben auftischen und zwar in einem Restaurant namens „Marjellchen“ in Berlin-Charlottenburg. Dort kocht man, ausweislich der umfangreichen Speisekarte, ostpreußisch, schlesisch und – deutsch. Eine etwas eigentümliche Reihung, weil Schlesien und Ostpreußen bekanntermaßen über Jahrhunderte zum deutschen Kultur- und Sprachraum gehörten. Aber achtzig Jahre nach Kriegsende gerät diese Tatsache mehr und mehr in Vergessenheit und die Gerichte der schlesischen und ostpreußischen Küche werden zu historischen Relikten, sofern sie nicht zu allgemein deutschen Klassikern geworden sind.

Der Name „Marjellchen“ ist eindeutig dem früheren Ostpreußen zuzuordnen - Marjellchen bedeutet im Idiom der Provinz nichts anderes als „Mädchen“. Im Internet firmiert das „Marjellchen“, ausweislich eines 2022 im „Preußen-Kurier“ erschienenen Artikels als einziges ostpreußisches Restaurant in Deutschland, wobei „ostpreußisch“, siehe oben, großzügig definiert wird. Was daran liegen mag, dass es so viele rein ostpreußische Klassiker nicht gibt und die Auswahl etwas eintönig wäre.

„Marjellchen“

Die Geschichte des Restaurants ist außergewöhnlich und dürfte jede Vermutung widerlegen, dass es sich hier möglicherweise um einen Treffpunkt von Revanchisten handeln könnte, die Deutschland in den Grenzen von 1939 wiedererstehen lassen möchten. Gründerin war nämlich eine gewisse Ramona Azzaro, Enkelin einer aus Königsberg nach Berlin zugewanderten Frau, die offenbar gut zu kochen verstand. Deren Tochter Maria hatte einen Italiener namens Giuseppe Azzaro geheiratet, der in Libyen lebte und 1939 nach Berlin kam, um dort im Berliner Nobelrestaurant „Horcher“ und im nicht weniger berühmten „Eden-Hotel“ als Kellner zu arbeiteten. Die Großmutter war es, die ihre Enkelin in die Geheimnisse der ostpreußischen Küche einführte, die schließlich 1985 das „Marjellchen“ eröffnete.

Seit 2020 wird das äußerlich etwas aufgehübschte und modernisierte Restaurant von einem Kroaten zusammen mit einem Geschäftspartner geführt, der zur Hälfte italienischer Abstammung ist. Auch die Gäste sind ausgesprochen international, schließlich ist der von Touristen geflutete Ku'damm nicht weit. Aus dem Lautsprecher auf dem straßenseitigen Freisitz säuselt Schlagermusik der zwanziger Jahre und Hans Albers. Inwendig wird dezent der Ostpreußen- und Schlesien-Nostalgie gehuldigt und die Bilder der alten Stadt Königsberg, bis zum Krieg eine blühende, moderne Metropole mit reicher Geschichte, eingebettet in eine zauberhafte Naturlandschaft, stimmen wehmütig.

Genau genommen gibt es die Stadt ja nicht mehr, das heutige Kalinigrad, benannt nach dem Sowjetpolitiker Michail Ivanovic Kalinin, hat mit dem früheren Ort so gut wie nichts mehr zu tun. Die Osthälfte des in zwei Hälften geteilten, früheren Ostpreußen ist seit Kriegsende ein russischer Oblast, ein Niemandsland zwischen Ost und West, und der Ukrainekrieg hat bis auf weiteres jede Hoffnung zunichte gemacht, das der russische Teil Ostpreußens Anschluss an seine Nachbarn finden könnte, die mittlerweile allesamt Mitglieder der EU sind.

Die Beilagen

Derlei triste Erwägungen sollten aber nicht auf den Appetit schlagen. Und der sollte ausreichend dimensioniert sein, wenn man sich eine Speise wie „Schlesischem Himmelreich“ einverleibt. Basis des Gerichts ist ein gepökeltes Rauchfleisch vom Schwein, das zusammen mit gemischtem Dörrobst – vor allem Pflaumen und Aprikosen – in einer kräftigen, mit Zimt und anderen Gewürzen aromatisierten Schmorsauce serviert wird, wobei es, was die Gewürze betrifft, einigen Spielraum gibt.

Was das Fleisch anbelangt, greift man am besten zu einem Kasseler, das in ganz Deutschland erhältlich ist. Zwecks Erzeugung von Röstaromen muss das Fleisch etwas angebraten werden, bevor man es auf klein geschnittene, angeröstete Wurzelgemüse bettet, mit Brühe oder Malzbier ablöscht und dann mit jenem Wasser aufgießt, in dem man zuvor die Trockenfrüchte eingeweicht hat. Dann kommen „weihnachtliche“ Gewürze dazu. Das alles lässt man eine Zeitlang vor sich hin schmurgeln. Nach der Hälfte der Garzeit gibt man das Dörrobst dazu.

Als Belage eignen sich Kartoffelklöße oder ein lockerer Serviettenknödel. Klassisch sind allerdings einfache Hefeklöße, eine Art Dampfnudeln, die recht neutral schmecken und die Sauce gut aufsaugen. Dazu ein kühles Pils als bitterer Gegenpol – mehr an Geschmack geht nicht in der Döner- und Currywurst-Metropole Berlin. Und wo wir schon mal in Ostpreußen sind: nicht weit vom „Marjellchen“ gibt es das vielleicht beste Königsberger Marzipan der Republik.

Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mitgegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss.

Foto: Schläsinger CC BY-SA 4.0 via Wikimedia Commons (Bearbeitung Achgut.com)

Sie lesen gern Achgut.com?
Zeigen Sie Ihre Wertschätzung!

via Paypal via Direktüberweisung
Leserpost

netiquette:

A. Quesseleit / 16.06.2024

Ich vereinige, der Nachname wird’s dem Kundigen verraten, vier der Ostgebiete in mir, durch Abstammung von einem Ragniter und einer Marienburgerin väterlicherseits, und einem Stettiner und einer Schweidnitzerin mütterlicherseits; der Vater, gerade noch so, selbst in Ragnit geboren. Ich habe die Klänge der Stimmen der Großeltern noch im Ohr, und bin mehr als einmal ein Lorbass geschimpft worden. Das letzte Mal gab‘s Schlesisches Himmelreich, so wie von Herrn Etscheit beschrieben, vor knapp vier Wochen, in Görlitz mit Blick auf Neiße und das östliche, nun polnische Ufer. Die Menschen dort sind auch mit Leben und Arbeit beschäftigt, wollen für ihre Kinder nur das Beste und nennen Zgorzelec ihre Heimat. Für die Geschichte können sie so wenig wie ich. Aber inzwischen fühle ich mich im polnischen Schlesien wohler als hierzulande. Meine Großeltern haben ihre Heimat verloren. Wird es mir auch so ergehen?

S. Wietzke / 16.06.2024

Klingt sehr nach der Küche des europäischen Mittelalters in der man gerne fruchtige Süße mit herzhaften Aromen gekoppelt hat. Werde ich definitiv mal ausprobieren.

Thomas Szabó / 16.06.2024

Der Geschmack steht wohl diametral entgegen der Optik. Ich würde diesen optischen Attentat gerne mal verkosten.

Achim Voß / 16.06.2024

Hallo Herr Etscheid, Ich muß gestehen, mir ist beim Lesen das Wasser im Mund zusammen gelaufen.  Trockenobst stehe ich eigentlich skeptisch gegenüber, werde das Gericht aber mal nachkochen.

Gisel Schinnerer / 16.06.2024

@ finn waidjuk - ich muß Ihnen zustimmen, aber wenn statt dem unambitionierten Schnappschuß eine professionelle Food-Fotografie als Titelfoto Verwendung gefunden hätte, wären Sie neugierig geworden -lecker-smiley-

Gisel Schinnerer / 16.06.2024

Lieber Herr Etscheit, im Ostbayerischen und in der Oberpfalz gibt es Schwarzgräuchertes, das passt für mein Empfinden viel besser zum Himmelreich, als das trokene Kassler. Allerdings würde sich damit der @ waidjuk finn nicht nur ekeln, sondern würgen ;)) Im übrigen bin ich verwundert, dass Sie hier mehr im Ostpreussischen als im Schlesischen Unterwegs sind - wohl wegen dem “Marijellchen”? Trotzdem schade, dann tröste ich mich eben weiter mit der “Preussischen Allgemeinen Zeitung”, Paul, Paulinchen und Lommel.

Sirius Bellt / 16.06.2024

Freut mich, dass Ihnen die Neuentdeckung so gut geschmeckt hat. Königsberger Klopse (ohne Sardellen!) finde ich auch richtig gut. Aber mit dem schlesischen Himmelreich hätte man mir keine Freude gemacht. Warmes Obst oder Dörrobst in deftigen Gerichten ist absolut nicht meins.

Gerd Maar / 16.06.2024

Mit dem süss-sauren Obst und den Gewürzen, die an “five spice powder” erinnern, könnte man glauben, es sei ein chinesisches Gericht.

Weitere anzeigen Leserbrief schreiben:

Leserbrief schreiben

Leserbriefe können nur am Erscheinungstag des Artikel eingereicht werden. Die Zahl der veröffentlichten Leserzuschriften ist auf 50 pro Artikel begrenzt. An Wochenenden kann es zu Verzögerungen beim Erscheinen von Leserbriefen kommen. Wir bitten um Ihr Verständnis.

Verwandte Themen
Georg Etscheit / 14.07.2024 / 13:00 / 0

Cancel Cuisine: Meenzer Spundekäs

Der Spundekäs ist eine schlichte Spezialität aus dem schönen Rheinhessen und wird jetzt sogar im All-inklusive Theater gereicht. Das deutsche Sprechtheater hat ein Wokismusproblem. Statt als…/ mehr

Georg Etscheit / 07.07.2024 / 13:00 / 8

Cancel Cuisine: Käskrainer

Nicht das Wiener Schnitzel, sondern die Käskrainer steht am Anfang der österreichischen Nahrungskette. Die leicht geräucherte Brühwurst aus grobem Schweinebrät, versetzt mit würzigen Käsestückchen (Emmentaler),…/ mehr

Georg Etscheit / 30.06.2024 / 14:00 / 17

Cancel Cuisine: Feldküche

Die Kampfration der Bundeswehr wurde unbenannt von „Einmannpackung“ zu „Einpersonenpackung“ – für zeitgemäße sprachliche Gleichstellung. Doch was befindet sich darin? Auch die einst so friedliebende…/ mehr

Georg Etscheit / 23.06.2024 / 13:00 / 10

Cancel Cuisine: Rindsrouladen

Rouladen zählen zu den „Lieblingsessen“ der Deutschen – man braucht jedoch für die Zubereitung Zeit und Geduld. Eigentlich hatte ich beschlossen, die Fußball-EM so weit…/ mehr

Georg Etscheit / 17.03.2024 / 14:00 / 19

Cancel Cuisine: Kopfsalat

Auf vielen Speisekarten taucht gerade ein „ganz besonderes Gericht“: ein Salatkopf im Ganzen, nur mit etwas Dressing verfeinert. Für mich ist ein roh servierter Salat kein Gericht, allenfalls…/ mehr

Georg Etscheit / 09.03.2024 / 06:15 / 111

Der heimatlose Stammkunde

Der Niedergang der Fachgeschäfte zwingt den Kunden, von Pontius zu Pilatus zu laufen oder selbst zu suchen und dann im Internet zu bestellen. Unlängst hat in…/ mehr

Georg Etscheit / 24.02.2024 / 14:00 / 4

Die Schattenseiten des „sanften“ Wintertourismus

In den niedrigen Lagen Oberbayerns stirbt der Skitourismus aus. Wegen immer weniger Schnee zieht die Ski-Karavane einfach daran vorbei. Doch hat sich die Zahl der…/ mehr

Georg Etscheit / 04.02.2024 / 10:00 / 64

Cancel Cuisine: Der Discounter – Schmelztiegel der Nation 

Bisher mied der Autor Discounter wie Aldi, Lidl oder Penny, doch räumt er nun ein, einen Sinneswandel durchgemacht zu haben. Habe ich mich verhört? Hat…/ mehr

Unsere Liste der Guten

Ob als Klimaleugner, Klugscheißer oder Betonköpfe tituliert, die Autoren der Achse des Guten lassen sich nicht darin beirren, mit unabhängigem Denken dem Mainstream der Angepassten etwas entgegenzusetzen. Wer macht mit? Hier
Autoren

Unerhört!

Warum senken so viele Menschen die Stimme, wenn sie ihre Meinung sagen? Wo darf in unserer bunten Republik noch bunt gedacht werden? Hier
Achgut.com