Der fränkische „Freibäcker“ Arnd Erbel gilt als ungekrönter König des Sauerteigbrotes. Er ist ein Meister seines Fachs, und seine voluminösen, flachen Frankenlaibe, gewürzt oder ungewürzt, sind weit über seine Heimatregion im mittelfränkischen Aischtal hinaus bekannt. Fast schon zu bekannt, denn die Feinschmeckermagazine sind voll mit lobhudelnden Artikeln über den Meisterbäcker. Glücklicherweise hat Erbel seine Bodenhaftung bewahrt, setzt weiter auf Klasse statt Masse und bewirtet seine Kunden gerne selbst mit einem perfekt gebrauten Cappuccino oder Espresso an einer Theke im Verkaufsraum, gleich neben der Backstube, in die man gerne einen Blick werfen darf. Interessanter Plausch auf „frängisch“ inbegriffen.
Erbel verwendet in seinem sympathischen Betrieb, mit Lehrlingen und Praktikanten aus aller Herren Länder, keinerlei Hefe. Er bäckt sogar weißes Brot und feines Gebäck mit speziell von ihm entwickelten Sauerteigen, die aber überhaupt nicht säuerlich schmecken, was ja eigentlich die hervorstechende Charakteristik dieses uralten Triebmittels ist. Selbst sein Christstollen und seine unvergleichlich lockere, aromatische Panettone, ein oberitalienisches Weihnachtsgebäck, enthalten keine Hefe.
Wobei zu betonen ist, dass Erbel nicht aus ideologischen Gründen auf Industriehefen verzichtet, sondern aus Gründen fränkisch-knorriger Selbstbehauptung. Deshalb hat er auch einen neuen Backofen installiert, der mit Holz beheizt werden kann, was ihn ein Stück weit unabhängig von den Verrenkungen der Energiewende macht. Außerdem meint Erbel, dass Sauerteiggebäcke einfach bekömmlicher sind.
Weißbrot droht zum alten weißen Mann der Bäckerbranche zu werden
Ob es Erbel war, der die momentan grassierende Sauerteigmode initiiert hat, sei dahingestellt. Jedenfalls eröffnen überall im Land oft von jungen Bäckerinnen und Bäckern gegründete Betriebe, die sich auf Sauerteigbrot spezialisiert haben. Ihr Angebot richtet sich vor allem an eine großstädtische Klientel, die das Ursprüngliche liebt, womit Sauerteigbrote mit ihrer urigen Kruste und dunkler Krume, natürlich in Bioqualität, assoziiert werden. Und weil in Deutschland nichts ohne ideologischen Überbau geht, wird Weißbrot in diesen Bäckereien zuweilen recht stiefmütterlich behandelt. Es gilt als „ungesund“ und irgendwie unökologisch. Weißbrot droht zum alten weißen Mann der Bäckerbranche zu werden.
Im Barockzeitalter kopierten sämtliche europäischen Fürstenhöfe die Architektur und Hofhaltung des „Sonnenkönigs“ in Versailles. Und jeder Duodezfürst im zersplitterten „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ ließ sich sein eigenes Versailles bauen, was dem Land eine erfreuliche und den Tourismus bis heute nachhaltig belebende Vielzahl herausragender Baudenkmäler beschert hat. Trotzdem reichten die Ambitionen der Epigonen selten an das Vorbild des bourbonischen Frankeich heran.
Auch wenn der Vergleich weit hergeholt erscheint – die Sauerteigbäckereien mit trendigen Namen wie „Lokalbäckerei Brotzeit“, „Brotbruder“ oder „Zeit für Brot“ tun sich schwer, mit der Meisterschaft eines Arnd Erbel zu konkurrieren, vor allem, wenn es darum geht, feineres Gebäck mit Hilfe von Sauerteigen herzustellen. Da wünschte man sich dann doch wieder die gute alte Hefe. Eine mit Sauerteig gebackene Baguette etwa erreicht kaum die Feinheit eines auf klassische Weise zubereiteten Stangenbrotes.
Mittlerweile ist die Sauerteigmode längst in der gehobenen Gastronomie angekommen. Immer mehr Gourmetrestaurants, die ihren Gästen früher eine demokratische Auswahl an weißen und dunklen Brotsorten offerierten, beschränken sich heute auf (dunkles) Sauerteigbrot. Das hat mitunter den Charakter einer Zwangsbeglückung. Nicht, dass diese Brote nicht schmecken würden, sie schmecken oft sogar sehr gut. Nur sättigen sie auch mehr als Weißbrot und wenn man mit ihnen eine feine Sauce auftunkt, wird deren Geschmack vom sauren Aroma des Brotes überdeckt. Besser, man lässt sich einen Saucenheber kommen.
Mit dem Siegeszug der woken Sauerteigbäckereien geht das Konzept der Universalbäckereien mit ihrem breiten Sortiment an verschiedenen Brot- und Brötchensorten, Gebäck und Kuchen offenbar seinem Ende entgegen. Gewiss, oft ist die Größe eines Sortiments nur der Tatsache zu verdanken, dass die Bäcker auf vorgefertigte Backmischungen zurückgreifen, die echte Vielfalt nur vortäuschen. Doch wenn beim Hipster-Bäcker nur noch ein paar derbe Krustenbrote in der Auslage liegen und feines Weißbrot vielleicht gerade einmal pro Woche angeboten wird und dann sofort ausverkauft ist, kommt schon mal HO-Feeling auf. Schmeckt so Deindustrialisierung?
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Unser Lieblingsbrot ist mit Trockenhefe (tja!) nach einem Rezept, das vor etlichen Jahren mal von Karin Messerli in der NZZ beschrieben wurde. Teig anrühren, 12 Stunden (!) gehen lassen, formen, nochmal eine Viertelstunde ruhen lassen. Dann in einem Gußeisentopf backen, eine halbe Stunde mit Deckel, eine weitere knappe ohne. Gelingt immer (außer, die Hefe ist definitiv zu alt) gibt ein wunderschön lockeres Brot mit schöner Kruste und ist vollkommen flexibel beim verwendeten Mehl.
Passend zum Sauerlandteig.
Der Sauerteigtrend ist aber nicht gerade neu, sondern mindestens schon 10 Jahre alt. Im hippen Laden „Zeit für Brot“, der bewusst eine gläserne Backstube hat, damit die Kunden aus dem Gastraum dem Bäcker beim Arbeiten zuschauen können, hatte ich vor Jahren mal den Bäcker um ein kleines Stück Sauerteigansatz gebeten, da ich mir Sauerteig zu Hause ansetzen wollte. Der Bäcker hat mir natürlich nichts gegeben.
Da backe ich mir doch jettz lieber ein Bananenbrot, statt mir von Idioten, Kriminellen oder kriminellen Idioten auf Ebay-Klainanzeigen den (Geburts-)Tag versauen zu lassen. 50 km umsonst gefahren, also etwa wie vom lönks-grönen Speckgürtel bis zum Bundestag… ;-)
Inzwischen ist ja das ganze Leben nur noch ein einziges Hinterherlaufen hinter ständig neuen Trends, Moden, Must-have-it’s, Ibinadabeis und künstlich geschaffenen So-als-obs, als wäre es das Wichtigste, überall seine dumme Nase ganz vorn zu haben. In sämtlichen Lebensbereichen, von Nasenringen über Tattoos bis zu lächerlichen Frisuren und Bärten, angesagten Klamotten, bis eben zu Nahrungsmitteln, wo man vegan sein muss, Bio, ohne dies und ohne das, alles nur aus dem Grund, sich von der „Masse“ abzuheben, und sich die Illusion zu verschaffen, etwas Besonderes zu sein. In idiotischen Kochshows werden Tellerchen garniert, in dumpfer Nachahmung vermeintlicher Spitzenköche, zelebriert von Leuten, die nicht mal ein Ei aufschlagen können, oder wissen, wie man eine Kartoffel schält. Inzwischen gibt es Sommeliers für Wasser(!) und alles Mögliche, und Baristas, die dann die ultimative Plörre für Schwachköpfe zusammenbrauen, Hauptsache teuer und „in“.
In die Richtung gehen auch die neuen „Brotkünstler“, die auf den Trend aufspringen mit dem „natürlich Backen“. zdfheute.de/ratgeber/sauerteig-ansetzen-sauerteigbrot-backen schrieb dazu am 16.07.2025: „Sauerteig liegt im Trend – sowohl in Bäckereien als auch bei Hobby-Bäckern.“ Dort findet sich Interessantes und Wissenswertes zum Sauerteig, ein Wunder im ÖRR! Unter anderem, daß auch der Sauerteig natürliche Hefen enthält:In einem Gramm Roggen-Sauerteig befinden sich eine Milliarde Milchsäurebakterien und zehn Millionen Hefezellen. Ich will auch die Hefe nicht missen, was soll daran schlecht sein, man kann auch einen Hefeteig mit langer Teigführung machen, ist die Regel bei gutem Pizzateig. Erwähnung sollte auch noch der sog. „Herrmann“ finden (ein Trend vor Jahrzehnten), mit dem sich auch süße Kuchen backen lassen, und das Backferment nach Erbe, ein Teiglockerungsmittel, auf der Grundlage von Bienenhonig, biologisch angebauten Erbsen, Weizen und Mais hergestellt, mit dem jedes Getreide verbacken werden kann.
Lieber Herr Etschel. Panettone wird grundsätzlich mit Sauerteig-Madre hergestellt und nicht mit Hefe. Ich stelle Ihnen auch gerne ein Sauerteig Ciabatta her, an das Sie sich dann lange erinnern werden. Es geht nichts über Sauerteig, dass nicht zwangsläufig sauer schmeckt. Ein reifer Sauerteig duftet nach Äpfeln, mild und fein. Und ja, es sättigt und ist daher bedingt vor einem Menü zu empfehlen. Erwähnenswert ist, dass Sauerteigbrot den Blutzuckerspiegel stabil hält.
@ Thomas Szabó: Zumindest hat er nicht „Backende“ geschrieben…