Ralf Stegner wurde vom Grütze-Essen ausgeladen – vermutlich, weil man befürchtete, er würde selbst als Zutat enden: zu sauer, zu alt, zu ideologisch durchgekocht.
Wenn man einen Eindruck davon bekommen möchte, wie unkulinarisch und freudlos Politik in Deutschland ist, muss sich nur Ralf Stegner ansehen. Der SPD-Linksaußen mit den missmutig herabgezogenen Mundwinkeln sieht immer so aus, als habe er gerade ein Glas saure Gurken gegessen. Aber nicht die mit viel Zucker von Kühne oder Hengstenberg, sondern echte französische Cornichons, die so sauer sind, dass man um seinen Zahnschmelz fürchten muss.
Stegner gibt in Bundestagsdebatten und Talkshows gerne den Rambo und Unsympathen vom Dienst, eine Westentaschenversion des legendären SPD-Kämpen Herbert Wehner, der sich freilich nicht gemütlich auf dem roten Politsofa nach oben diente, sondern während der Nazizeit für die KPD unter Lebensgefahr im Untergrund arbeitete, bevor er nach Moskau floh, wo ihn dann während der stalinistischen Säuberungen die NKWD-Schergen am Wickel hatten.
Die Heimsuchungen des Ralph Stegner sind ein paar Nummern kleiner. Jüngst wurde er von der SPD im schleswig-holsteinischen Neumünster ausgeladen, wo er an einem alljährlich mit B- und C-Politprominenz aufgemotzten „Rote-Grütze-Essen“ teilnehmen sollte. Grund war das von ihm mitgetragene Manifest des linken SPD-Flügels, dessen Unterstützer sich gegen weitere Waffenlieferungen an die Ukraine und für Verhandlungen mit Russland aussprachen, ein wahrhaft unerhörtes Ansinnen. Wobei man sich fragt, ob das Papier nicht nur dazu dienen sollte, den letzten Pazifisten innerhalb der deutschen Sozialdemokratie angesichts der auf Aufrüstung und Krieg gepolten Merzregierung etwas mentale Entlastung zu verschaffen.
Stegner hat zwar reichlich rote Grütze im Kopf, auf die im tiefen Teller muss er nun leider verzichten. Und auf einen Besuch im schönen Neumünster, zu dem Wikipedia einen rekordverdächtigen Lexikoneintrag bereithält, in dem sich ein ganzes Team von Lokalhistorikern ausgetobt haben muss. Darin ist zu lesen, dass der Schriftsteller Hans Fallada einige Jahre in Neumünster lebte, zeitweise als Strafgefangener. Auf diesen Erfahrungen basiert unter anderem sein Roman „Wer einmal aus dem Blechnapf fraß“, eine kulinarische Erfahrung die Stegner bislang nicht vergönnt war.
Johannisbeeren und Himbeeren
Die Zeiten ändern sich und mit ihr die Essgewohnheiten. Heute wird in Neumünster neben der „Holstenköste“, dem zweitgrößten Volksfest Schlewsig-Holsteins, zweimal jährlich eine „Schlemmerköste“ organisiert mit „nationalen und internationale Spezialitäten“, Musik und anderem Trallala. Eine „Köste“ bezeichnet im Niederdeutschen ein großes Fest- oder Hochzeitmahl, bei dem auch Rote Grütze aufgetischt werden kann, handelt es sich doch um eine typisch skandinavische bzw. norddeutsche Nachspeise. Es gibt auch gelbe, fast schwarze und grüne Grütze, die Farbe hängt weniger von einer Partei als von den jeweils verwendeten Früchten ab.
Klassiker ist eine Grütze aus Johannisbeeren und Himbeeren. Johannisbeeren empfehlen sich immer wegen ihrer markanten Säure. Mit Brombeeren gibt es eine ins schwarz-bläuliche changierende „Waldfrüchte“-Grütze. Auch Erdbeeren und Rhabarber passen gut zusammen oder, das empfiehlt Wolfram Siebeck, Johannisbeeren und Pfirsiche. Sauerkirschen kocht man besser solo zu einer Kirschsuppe.
Man sollte auf jeden Fall vermeiden, zu viele verschiedene Früchte zu verwenden und eine Art Vielfruchtmarmelade herzustellen. Am besten zwei Sorten, höchstens drei. Außerdem sollten die Früchte nicht zu lange gekocht werden, damit sie nicht zu Brei zerfallen. Man kann auch, zwecks Stückigkeit, noch ein paar rohe Früchte unter die fertig gekochte, noch heiße Grütze mischen. Statt Wasser sollte man Wein zum Garkochen nehmen, versetzt mit Zucker, Zitronenschale, einer aufgeschlitzten Vanilleschote und vielleicht etwas frisch geriebenem Ingwer, um dem Ganzen eine pikante Note zu geben.
Gekühlt oder lauwarm?
Gebunden wird die Grütze mit Speisestärke, das ist am neutralsten. Nicht zu viel, weil eine Grütze kein Gelee ist. Dazu gibt es Vanillesauce - keine aus der Tüte, sondern natürlich hausgemacht. Eine echte Vanillesauce zu kochen, ist keine Hexerei: Sahne, Milch, Zucker und eine ausgekratzte Vanilleschote lässt man aufkochen, dann rührt man unter die abgekühlte (!) Mischung verschlagenes Eigelb, um die Sauce hernach noch einmal behutsam zu erhitzen, solange, bis sie bindet. Zu heiß darf sie jetzt nicht mehr werden, sonst gerinnt sie.
Ob man eine Rote Grütze gekühlt oder lauwarm serviert, ist Ansichts- respektive Geschmackssache. Weil es sich um eine Sommerspeise handelt, würde ich beides, Grütze und Vanillesauce, gekühlt genießen. Es kann aber auch interessant sein, die lauwarme Grütze mit der eiskalten Vanillesauce zu übergießen.
Statt Ralf Stegner wird jetzt übrigens der Kieler Oberbürgermeister Ulf Kämpfer am Grütze-Essen der Neumünsteraner Sozis teilnehmen. Der ist eigentlich mehr ein Grüner als ein Roter und noch dazu mit einer grünen Politikerin verheiratet. Sollen sie ihm doch eine standesgemäße Grütze servieren mit Stachelbeeren, Rhabarber und Kiwis, vielleicht noch ein paar gelben Johannisbeeren. Natürlich ohne bösen Wein, mit gaaanz wenig Zucker und veganer Vanillesauce. Habe ich noch nicht probiert und ich bin, ehrlich gesagt, auch nicht scharf darauf.
Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss.
Beitragsbild: Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

p.s.: Konsistenz fest, mittel oder Marmelade…
@Ilona Grimm: Gibts hier ab und zu im REWE. Wird sofort eingekocht und bei Bedarf verwendet. LG
@Lars Tragl : >>Die SPD sollte viel mehr Stegners und Eskens haben. Der sichere Weg zum 5 Prozent-Limbo.<< ## Die SPD hat viel mehr Stegners und Eskens. Daran kann es nicht liegen.
Pöbel-Ralle, der „den missmutig herabgezogenen Mundwinkeln“, wurde vor mehreren Jahren einmal in einem Leserbrief einer mir nicht mehr erinnerlichen Publikation als jemand beschrieben, der das Magengeschwür erfunden hat. LOL
Die SPD sollte viel mehr Stegners und Eskens haben. Der sichere Weg zum 5 Prozent-Limbo.
Eine Partei die „Rote-Grütze-Essen“organisiert ist sowieso mehr als flüssig.
In Schleswig-Holstein isst man Rote Grütze nicht mit Vaniille-Sauce, sondern schlicht mit Milch. In Dänemark dagegen mit flüssiger Sahne. Und dass man Wein verwenden sollte, halte ich auch für ein Gerücht. Dagegen hatte meine Tante immer ihre Rumtopf-Früchte und Teile des Rumtopf-Suds mit verarbeitet.