In meiner Jugend galten die Restaurants der Schweizer Mövenpick-Kette als das Nonplusultra einer verfeinerten, gleichwohl lockeren Esskultur. Ein bisschen Gourmetrestaurant, ein bisschen Fastfoodlokal und alles überstrahlt vom Mythos schweizerischer Qualitätsgastronomie. Das erste Mövenpick-Restaurant Deutschlands wurde 1965 im Main-Taunus-Center, einem Einkaufszentrum vor den Toren von Frankfurt am Main eröffnet, also ganz in der Nähe meines Geburtsortes im südhessischen Rheingau.
Von Zeit zu Zeit erlag mein sparsamer Vater der Dauer-Quengelei von Gattin und Kindern und ließ sich zu einem abendlichen Besuch des Restaurants hinreißen. Es war, wenn ich mich recht entsinne, in den damals üblichen Modefarben Orange und Braun gehalten und im Stil eines amerikanischen Diners eingerichtet. Mit einer gewissen Ehrfurcht betraten wir durch eine Drehtür den Ort uns erwartender Gaumenfreuden. Wir Kinder hatten es vor allem auf die langhalsigen Plastikgiraffen abgesehen, die als Rührstäbe zu Säften und Drinks gereicht wurden und die man nach Hause mitnehmen durfte.
Mövenpick war auch Vorreiter in Sachen Eventgastronomie. Die kunterbunten Speisekarten waren mit blumig formulierten, Appetit anregenden Texten versehen. In den sechziger und siebziger Jahren freute man sich noch über ein möglichst breites Angebot und frönte der Qual der Wahl. Leider bedeutete uns der Vater, dass man sich tunlichst im oberen Bereich der Karte zu orientieren habe, nicht weiter unten, wo die teuren Gerichte warteten.
Höchste Zeit für ein Mövenpick-Revival!
Mövenpick wurde 1948 von dem Schweizer Hotelierssohn Ueli Prager gegründet, expandierte rasch und avancierte zu einer internationalen Marke für Hotels und Restaurants mit Schweizer Flair. Doch es gab nicht nur alpine Klassiker wie Rösti, Fondue oder Züricher Geschnetzeltes, sondern auch internationale Bistroküche, darunter das von mir als Kind bevorzugte Hacksteak Café de Paris oder großvolumige, mit gebratenen Crevetten, damals noch eine Luxusspeise, gekrönte Salatkreationen, die die heutigen Fitnessteller vorwegnahmen. Besonders Aufsehen erregend war das Dessertbuffet mit einer rekordverdächtig schokoladigen Trüffeltarte.
Nicht zu vergessen das legendäre Mövenpick-Eis, das mit groben Stücken von Sahnekaramell, Schokolade oder ganzen Walnüssen und Pistazien moderne Speiseeistrends vorwegnahm. Das Pistazieneis war unschlagbar, sogar noch in der später in den Tiefkühltruhen der Supermärkte erhältlichen Consumer-Variante. Leider nahm die Qualität beständig ab, vielleicht eine Folge des späteren Verkaufs der Marke an Nestlé. Vom Konzern ist heute nur noch eine Rumpfgesellschaft übriggeblieben. Seine gastronomische Vorreiterrolle hat Mövenpick längst eingebüßt, die meisten Standorte geschlossen. Und auch der Mythos der einst weltweit führenden Schweizer Hotellerie und Gastronomie ist im Zeitalter des Overtourism längst verblasst.
Ein Gericht, das von Mövenpick erfunden worden sein soll, spiegelt die seinerzeitige Lust am Exotischen wider. Riz Casimir stand zumindest in der Schweiz seit 1952 auf der Mövenpick-Menükarte und fand Eingang in die nationale Esskultur. Dabei handelt es sich um ein mit gebratenen Bananenstücken auf „asiatisch“ getrimmtes Kalbsgeschnetzeltes in einer Curry-Rahmsauce, gekrönt von Dosenananas, einer Cocktailkirsche und einem mit Mandelblättern bestreuten Sahnehäubchen. Dazu gab es Langkornreis, die Basmati-Mode war noch nicht angebrochen. Die Kombination erinnert ein wenig an den vom ersten deutschen Fernsehkoch Clemens Wilmenrod erfundenen oder populär gemachten Toast Hawaii, der Exotik auch eher vortäuschte als repräsentierte. Aber damals nahm man das noch nicht so genau.
Der Name ist möglicherweise eine Ableitung vom Wort „Kaschmir“ – Prager soll sich bei einem Aufenthalt in London von der dort praktizierten indischen Küche inspiriert lassen haben. Dass Riz Casimir in einem Ranking der schlimmsten Gerichten der Welt auf Platz 18 gelistet ist, halte ich für ungerecht. Gleich vor Anisplätzchen, die vielleicht ebenfalls etwas gewöhnungsbedürftig sind, aber auf jeden Fall Magen schonender als „Chocolate Covered Bacon“ (USA), Frittierte Vogelspinne (Kambodscha) oder Fermentierter Grönlandhai (Island) – „Geruch und Geschmack des Gerichts sind sehr intensiv; die Konsistenz des Fleisches ist sehr gummiartig“. Seit die skandinavische Sterneküche Farne, Moose und Flechten zu kulinarischen Leckerbissen erklärt hat, dürfte wohl auch der Gummihai bald auf deutschen Gourmettellern landen. Höchste Zeit für ein Mövenpick-Revival!
Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss.

Das Mövenpick Eis gab es in Deutschland von Schöller. Ich habe viel zu spät auf die Zutatenliste geschaut. Das war keine Eiscrème sondern nur schnödes Eis, also mit Pflanzenfett. Im Vergleich zu Häagen Dazs ziemlich schlecht.
Das worst food ranking halte ich für Quatsch. Der russische Fischsalat auf Platz 1 sieht genauso aus wie das Trendgericht Poke. Und die abscheuliche Currywurst fehlt ganz.
Alles, was stärker riecht als meine Schweißfüße, landet in der braunen Tonne… außer Pommes…
Ein Mövenpick-Restaurant gab es ebenfalls recht zeitnah nach der
Wende in Leipzig. Vielen Dank für die Erinnerung an die dort seinerzeit verbrachten schönen Stunden!