Chinakohl gibt es in jedem Supermarkt, oft direkt neben dem in Plastikfolie fest eingewickelten „Eisbergsalat“, der berüchtigt ist für seine intensive Geschmacklosigkeit. Die hervorstechende Eigenschaft von Eisbergsalat und Chinakohl liegt mehr in der Logistik als Kulinarik. Denn das Grünzeug lässt sich fast unbegrenzt lange in geschnittenem und gewaschenem Zustand aufbewahren, ohne dass es zusammenfällt. Auf dem Teller dienen die Schnitze nur als geschmacksneutrale Träger meist vorgefertigter Dressings.
Beim Chinakohl handelt sich um eine relativ moderne Kreuzung aus der gemeinen Speiserübe mit Senfkohl, auch als Chinesischer Senfkohl oder Pak Choi bekannt. Pak Choi macht sich gebraten als Gemüsebeilage recht gut, während Chinakohl hierzulande vorwiegend als angeblich gesunde Rohkost in Krankenhäusern und Altenheimen zum Einsatz kommt, ertränkt in einer Sahnetunke.
Wenn der Caterer einen guten Tag hat, streut er noch ein paar Walnusskerne sowie Orangenstücke. Letzteres macht aber nur Sinn, wenn das Fruchtfleisch der Orangen fachgerecht filetiert und von seinen zähen und bitteren Häuten befreit wurde. Was so gut wie nie passiert. „Aber die Oma, die isst eh nix“, heißt es bei Gerhard Polt (ab 17:50).
Womit wir bei einem Thema angelangt wären, um das ich gerne einen Bogen mache - die Verköstigung der Insassen von Krankenhäusern und sogenannten „Seniorenheimen“, unfrohen Orten von Einsamkeit, Krankheit, Siechtum und Tod. Altenheime kenne ich bislang nur von gelegentlichen Besuchen, wobei mir dort sofort ein spezifischer Geruch von Reinigungsmitteln, menschlichen Ausscheidungen und schlechtem Essen in die Nase sticht. Krankenhäuser kenne ich schon von eigenen Aufenthalten und weiß, dass man sich dort meist schrecklich langweilt und die zäh dahinfließenden Tage und Wochen bis zur ersehnten Genesung eigentlich nur von den Mahlzeiten strukturiert werden.
Morgens stehen auf dem ausklappbaren Nachtkästchen die notorischen Luftsemmeln mit Scheiblettenkäse, „Becel“-Margarine, billiger Marmelade und dünnem Krankenhauskaffee, mittags irgendein schon fast erkaltetes Kantinengericht nebst erwähntem Chinakohl und abends Aldi-Mischbrot mit Aufschnitt, garniert mit wässrigen Tomaten- und Gurkenscheiben. Wenn man zu Recht davon ausgeht, dass ein gutes Essen Leib und Seele zusammenhält, sollte man doch meinen, dass an Mahlzeiten, die für Kranke bzw. Genesende bestimmt sind, besonders hohe Anforderungen gestellt werden sollten. Leider ist das Gegenteil der Fall, denn der Rotstift regiert nirgends so unbarmherzig wie im unterfinanzierten Gesundheitswesen, dessen Misere sich gerade dramatisch zuspitzt.
Stählerner Küchenchef
Krieg ist der Vater aller Dinge, lehrte der griechische Philosoph Heraklit von Ephesos und vielleicht hält ja ausgerechnet eine Entwicklung im militärischen Sektor charmante Lösungen auch für die kulinarische Misere in Krankenhäusern und Seniorenaufbewahrungsanstalten bereit: KI-gesteuerte Roboterküchen, gewissermaßen eine Weiterentwicklung des Thermomix, der sich bei lazy housewifes seit einigen Jahren großer Beliebtheit erfreut.
Vorne dabei in diesem Geschäftsfeld ist ausnahmsweise mal ein deutsches Unternehmen, das Hamburger Startup mit dem bemüht originellen Namen goodBytz. Jüngst verkündete die Firma großsprecherisch, einen „bedeutenden Schritt in Richtung globaler Expansion“ unternommen zu haben, nachdem man die US-Army als Kunden gewonnen und auf dem südkoreanischen Militärstützpunkt Camp Walker eine erste vollautomatische Roboterküche in Betrieb genommen habe. „Diese innovative Technologie versorge die Soldaten der US-Army rund um die Uhr mit frisch zubereiteten Mahlzeiten und sei Teil einer Modernisierungsinitiative, die darauf abziele, „die Verpflegung in kritischen Infrastrukturen zu automatisieren“. Kim Yong-un wird sich warm anziehen müssen.
In einem Nachrichtenvideo sieht man, wie in einem gläsernen Kasten Töpfe auf einer schrägen Kochstelle rotieren und von Roboterarmen hin und her bugsiert werden. Schließlich kippt der stählerne Küchenchef eine Art „Leipziger Allerlei“ auf einen Teller, während nebenan ein leibhaftiger Koch einen vom Roboter gebratenen Kaiserschmarren mit Puderzucker und Salzbrezeln (!) verfeinert. An den Rezepturen müsste vielleicht noch gefeilt werden. "Goodbytz" auf Bits and Pretzels: US-Militär kauft Roboterküchen deutscher Gründer - ntv.de
Hanseatisch näselnd berichtet der „Gründer und CEO“ Dr. Hendrik Susemihl von „Containerlösungen“, die auf ihren Feldeinsatz warteten. Also Erbswurst, Kommissbrot und Einmannpackung adé und die Gulaschkanone kann eingemottet werden. Jetzt wird frisch und regional zurückgekocht. Und aus dem Off vernimmt man die beruhigende Botschaft, dass sich die Robotik „statt des kränkelnden Maschinenbaus und der Autoindustrie“ neue Branchen erschließen müsse, etwa mit autonomen Systemen für die Front. „Aufrüstung, das sind eben nicht nur Waffensysteme.“
Vielleicht findet sich im Rahmen der geistig-moralischen Mobilmachung ja ein patriotischer Sternekoch, der feldtaugliche Gourmetgerichte kreiert und für die Jungs, Mädels und sonstigen Kombattanten nachkochen lässt. Wobei die KI sicher flexibel auf individuelle Essgewohnheiten, Unverträglichkeiten und religiöse Ernährungsvorschriften unserer Frontkämpfer reagieren kann. Für goodBytz jedenfalls könnte es ausgesprochen lohnend sein, möglichst bald auch ins nicht nur in gastronomischer Hinsicht daniederliegende Gesundheitswesen einzusteigen. Bei erwarteten Hunderttausenden von Opfern allein auf deutschem Boden im Falle eines Nato-Krieges mit Russland eine absolute winwin-Strategie.
Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss. Sein brandneues Buch „Kochen für Unbeugsame“ ist soeben erschienen. Das ideale Weihnachtsgeschenk, solange der Vorrat reicht:
Erscheinungsdatum: 21. November 2025, Achgut Edition. ISBN: 978-3-911941-02-0, Kochbuch mit 40 Rezepten und 42 farbigen Illustrationen. Printausgabe Hardcover. Auch als E-Book erhältlich, 160 Seiten, 29,00 Euro.
Beitragsbild: RudolfSimon - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons


Das Problem liesse sich lösen, wenn in allen Ministerien und Verwaltungen, welche für Gesundheitswesen und Alterspflege verantwortlich sind, morgens, mittags und abends nur Gerichte aus deutschen Krankenhäusern, Alters- und Pflegeheimen serviert würden. Spätestens nach einem Monat, wären alte und kranke, bekocht wie beim Nobelitaliener.
Das im Artikel erwähnte (in Plastik abgepackte) Aldi-Mischbrot wäre auch mal einen eigenen Artikel wert. Es gibt natürlich viele, die es vermutlich aufgrund des Preises kaufen, was insoweit verständlich ist, aber viele sind offenbar sehr unerschrocken und kaufen es stur aus Gewohnheit (ähnliches gibt es natürlich auch von anderen Herstellern). Es ist wie bei vielen anderen Lebensmitteln: viele sind den Geschmack der „guten Variante“ (Brot vom Traditionsbäcker) gar nicht mehr gewohnt, bzw. kennen nichts anderes. Und ich meine ausdrücklich Leute, die eigentlich sehr wohl das Geld hätten, sich bessere Lebensmittel zu kaufen, nicht die, die aus finanziellen Gründen auf preisgünstige Varianten angewiesen sind.
Ich hatte vor etwas mehr als einem Jahr Gelegenheit, die schlechte Qualität (wie hier treffend beschrieben) des Klinikessens für 3 Tage live in der Uniklinik HD („Exzellenzzentrum“, ich lach‚ mich schlapp) zu genießen. Nebenbei produziert der Sch…fraß ja enorme Müllmengen, voll „nachhaltig“. Während in den 70er Jahren die Essensreste aus dem „Rücklauf“ noch lokale Landwirte zur Schweinefütterung erhielten, wurde das danach verboten, wegen Infektionsgefahr. Ist jetzt alles Müll und muss „entsorgt“ werden. Mit ein Grund für vom Patienten nicht verzehrtes Essen sind die Ernährungsberaterinnen, die als „Dipl.Oekotrophologinnen“ mit den Ärzten im Wettstreit um „Wichtigkeit“ liegen. Ich erlebte das in den 80ern in einem bekannten Herzzentrum, wo man den Patienten kein Frühstücksei gönnte („Cholesteinbombe!“) und auf streng kohlenhydratfreie Kost achtete, was die Patienten in die Verzweiflung trieb. Mittags gab es Hähnchenbrust oder Steak und Salat, aber keine Nudeln oder Kartoffeln, was zu Ausfallerscheinungen im Hirnstoffwechsel führt, da die KH für die Produktion bestimmter Wohlfühlhormone nötig sind. Regelmäßig ging das Zeug ungegessen zurück, und die Patienten verdrückten sich ins örtliche Café, um dort Schwarzwälder Kirschtorte zu „inhalieren“. Und ein katholischer Priester bat flehentlich um sein gewohntes Frühstücksei, er bekam es dann zuletzt, aber der arme Kerl starb auf dem OP Tisch. Aber wenigstens hatte er noch sein Ei. Ich esse regelmäßig seit Jahrzehnten mein Frühstücksei, sonntags auch mal zwei, und was juckt mich „Cholesterin“? Das Ei beeinflußt den Wert überhaupt nicht, denn mein Körper stellt es selbst her. Aber bis heute hält sich dieser Irrglaube. Übrigens läßt sich auch Eissalat und Chinakohl schmackhaft zubereiten, ein gewürfelter Apfel und Fetawürfel geben ihm nebst meinem eigenen Salatdressing den nötigen „Pep“. Mir schmeckt es.
In der Klapse gibts sonntags sogar auch mal ein Ei. Von dem „Essen“-Auslieferungsfahrer erfuhr ich dann, dass morgens das Zeug für den ganzen Tag angeliefert, an eine Kühlung und dann an Wärme angeschlossen wird, weil nicht im eigenen Haus zubereitet. Die Nudeln waren zwischen eiskalt und butterweich alles, aber niemals gut. Und man höre und staune, nicht nur die hiesige Klapse, sondern auch andere „normale“ (also fast pleite) Krankenhäuser im Umkreis werden auf diese Art „versorgt“. Idee am Ende: Bestattungsroboter oder gleich „Soylent green“…
Wenn ein Affe ein Bild malt, finden sich Leute, die das für Kunst halten. Wenn eine KI kocht, wird es auch Leute geben, die den Fraß genüsslich in sich hineinstopfen
Statt „Plenus venter non studet libenter“ müssen wir vielleicht in Zukunft sagen „Mit vollem Bauch stirbt sich leichter“ und saarländisch noch „Hauptsach gud gess“ dazu.Man sieht jedenfalls, wie flexibel sich CEOs der neuen Weltlage anpassen, um Profit daraus zu schlagen.
Krankenhauskost für alle wär doch die ideale Lösung für eine kranke Gesellschaft! Die köstliche Speise lässt sich auch praktisch impfen. Frühspritze, Mittagsspritze, Abendspritze.