Georg Etscheit / 06.11.2022 / 12:00 / Foto: Pixabay / 9 / Seite ausdrucken

Cancel Cuisine: Instagramküche

Am Anfang war die öde Trias Salatblatt/Petersilie/Tomatenscheibe. Dann kam das Minzeblatt. Der Puderzucker. Die Beeren. Auf Suppen der Sahnetupfen oder Kerne. Neuerdings Blüten. Die unvermeidliche Deko soll die Speisen fotogener machen. Verzehren muss man sie nicht.

Ich weiß nicht, seit wann es das Minzeblatt gibt – als weltweit obligatorische Aufhübschung jedweden Desserts. Gefühlt ein halbes Jahrhundert. Ich hasse Minze, egal ob sie als Tee, Pastille, „After eight“ oder bloße Deko daherkommt. Wenn ich ihrer ansichtig werde, als optische Krönung einer Bayerischen Creme, einer Mousse au chocolat oder von sonst etwas Süßem, räume ich sie angeekelt weg. Mein Pech, das gebe ich zu. Wenn sie der Koch mal vergessen hat, jubele ich, innerlich.

Später gesellte sich zur Minze noch der Puderzucker, mit dem jeder Nachspeisenteller ebenfalls geradezu zwanghaft bestäubt wird, längst auch normale Kuchenteller im Café. Sogar auf einer Berghütte begegnete ich dem weißen Leichentuch, mit dem man mitten im Hochsommer eine modische Schieferplatte, auf welcher der von mir bestellte Topfenstrudel gereicht wurde, eingeschneit hatte. Auf 2.000 Metern Höhe! Keine Minze in diesem Fall, dabei sind feuchte Bergwiesen voll von dem Zeug. Kühe meiden es – schlaue Viecher!

Doch das schreckliche Kraut und der weiße Staub waren erst der Anfang einer Entwicklung, Speisen aller Art facebook- und instagramfähig zu machen. Ich bin immer noch der Ansicht, dass Essen zum Essen da ist und nicht zum Fotografieren. Doch vielen meiner Mitmenschen fällt im Restaurant beim Herannahen bestellter Speisen nichts anderes ein, als das Handy zu zücken und die Bilder zunächst einmal den Lieben zu Hause zu posten oder neidischen Nachbarn. 

Produkt der Mein-Haus-mein-Auto-mein-Fressen-Gesellschaft

Schaut her, was ich  mir leisten kann! Die Mein-Haus-mein-Auto-mein-Fressen-Gesellschaft kommt hier zu voller Entfaltung – und willfährige Köche leisten Beihilfe, indem sie ihre Gerichte stylen wie ein Food-Fotograf seine Bilder fürs Landliebe-Magazin. Nach der Bilderorgie ist das Essen dann kalt, aber, wie gesagt, um mehr oder weniger genussvolle Nahrungsaufnahme geht es ja nicht mehr oder nur noch nebenbei.

Nach Minze und Puderzucker kam die Beerenorgie. Kein Dessert wird heutzutage noch kredenzt ohne das ewig gleiche Sammelsurium bunter Früchte: Himbeeren, Blaubeeren, Johannisbeeren, Brombeeren, Erdbeeren. Egal ob die gerade Saison haben und schmecken oder eben nicht, frische Beeren (gesund!) müssen sein. Wenn der Patissier besonders perfide ist, jubelt er noch eine Scheibe Sternfrucht auf den Teller und eine Physalis.

Sternfrucht halte ich für ungenießbar, doch die orangerote Physalis esse ich sogar ab und zu, weil sie angenehm säuerlich schmecken kann. Um keinen Erstickungsanfall zu riskieren, sollte man die welken Blätter der Kappstachelbeere tunlichst liegenlassen, was ich auch mit Deko-Trauben mache, die nicht entkernt sind und mit Show-Johannisbeeren, deren Kerne einem immer zwischen den Zähnen steckenbleiben, bevor man sich durch den unerbetenen Beerensalat zum Eigentlichen durchgearbeitet hat, der Nachspeise selbst.

Ungebetene Dreingaben

Ungebetene Dreingaben sollen, so scheint mir, oft Opulenz und Qualität vorgaukeln, wo keine ist. Doch auch eine zusätzliche Kugel Fabrikeis macht aus einem Fabrikapfelstrudel keine Delikatesse, sondern vergrößert das Desaster. Wirklich guter Apfelstrudel ist sich selbst genug und benötigt nicht einmal eine Vanillesauce, egal ob hausgemacht oder von Dr. Oetker.

Bei Suppen zum Entrée das gleiche Spiel. Immer schwimmen noch ein paar Blättchen Kerbel obenauf oder Kresse. Oder man bekommt es mit einem überflüssigen Sahnetupfen zu tun, nebst fettigen Brotcroutons oder, im Fall der zu dieser Jahreszeit ungemein beliebten Kürbissuppe, gerösteten Kürbiskernen. Die Dreingaben machen aus einer Suppe schnell ein Hauptgericht, auf dem weitere Dekoartikel wuchern. 

Wenn grüne Verbotspolitiker mal etwas Sinnvolles machen wollten, dann sollten sie über einen generellen Bann der völlig unnötigen und deshalb unökologischen Deko-Trias Salatblatt/Petersilie/Tomatenscheibe nachdenken, die seit mindestens Kriegsende mehr oder weniger jedes Hauptgericht ziert. Wenn es sich um ein Ragout handelt oder ein Stück Gebratenes mit Sauce ist die Deko zuverlässig mit der braunen Brühe vollgesogen. Nichts sieht unappetitlicher aus und schmeckt scheußlicher als Rohkost mit lauwarmer Fleischtunke. 

Blüten – nicht unmittelbar letal, also rauf damit auf den Teller!

Zur Forelle Müllerin und Wiener Schnitzel gesellt sich meist noch ein Viertel Zitrone, oft serviert in einer merkwürdigen, winzigen Pressvorrichtung, die zuverlässig dafür sorgt, dass der Zitronensaft nicht das Fleisch, sondern die Tischnachbarn benetzt – und einen selbst natürlich. Wenn die Säure in die Augen spritzt, brennt das höllisch.

Noch ziemlich frisch ist die „Blütenküche“. Seit irgendein Foodscout herausgefunden hat, dass der Genuss gewisser Blüten wie jener der Kapuzinerkresse keine unmittelbar letale Wirkung entfaltet, sehen viele Teller aus wie ein Schrebergarten oder ein Botanikführer: Was blüht denn da? Manchmal erwarten einen auch Rosenblätter sowie Salbei- oder Lavendelblüten, letztere manchmal zusammen mit ihren harten Stengeln, die gut als Zahnstocher taugen. Provence-Feeling kommt da keines auf.

Natürlich erwarten die Blumenmädels und -jungs in der Küche, dass man die dekorativen Dreingaben brav verzehrt, sie sollen sogar einen besonderen Gaumenkitzel bieten. Ich habe davon bis dato nichts bemerkt, was nicht verwundert, weil bunte Blüten Inbegriff der Deko sind und Insekten von ihrer Pracht nur angelockt werden sollen – zum Zwecke der Bestäubung. Von Aufessen ist in der Natur keine Rede, das haben die Menschen erfunden.

Wie schön wäre es, wenn es möglich wäre, generell nur noch das zu servieren, was man bestellt hat. Und wenn man die Mahlzeit nicht mit einer großen Entrümpelungsaktion beginnen müsste.   

Foto: Pixabay

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Sam Lowry / 06.11.2022

p.s.: “Unterm Strich stehen bei beiden Discountern (ALDI/LIDL) also 16,16 Euro auf dem Kassenbon. Dass der Preisunterschied zwischen Aldi und Lidl bei vielen Produkten minimal sein dürfte, wusste ich bereits vorher. Dass sie sich auch bei den Eigenmarken preislich so aufs Haar gleichen, hat mich aber doch überrascht.” Wie da abgeschrieben oder abgesprochen?

Ludwig Luhmann / 06.11.2022

Aus Erfahrung empfehle ich zwischen 40 und 50 Grad Celsius frisch zerschnittene Nanaminze mit Limonensaft, “Crushed Ice” und eiskaltem Wasser. Ansonsten mag ich Minze auch nicht.

Sam Lowry / 06.11.2022

p.s.: Schauen Sie bitte auch auf Youtube: “Radieschen schnitzen für Anfänger” Gibts wirklich…

Sam Lowry / 06.11.2022

“Was machst du von Beruf?” - “Foodblogger bei Insta. Und du?” - “Auftragskiller bei Hitman 2”... Schild am Restaurant: “Foodblogger müssen draußen bleiben!”

Rena Duroche / 06.11.2022

Na herr etscheit, da sind die gäule aber am durchgehen. Ich kann aber nachvollziehen was sie umtreibt. Früher war vieles besser, hätte man die finger davon gelassen, zitat malmsheimer. Da ist was dran. Dennoch ist essen nicht nur zur nahrunsaufnahme geeignet, sondern auch zum genuss. der geht eben auch über die augen, dem ist leider so, auch wenn ihnen das entweder nicht passt oder nicht schmeckt oder beides. Es gibt menschen, die kochen mit liebe, sind mit liebe für ihre gäste da und beblümeln die speisen mit sorgfältig ausgewählten und selbst angebauten blumen, selbst auf 2000m ohne fliessend toilette und dusche (refuge de dorbon). Das ist vielleicht nicht traditionsgemäss in ihrem sinne, aber besser als 250g bergspatzen mit käse oder röschti ohne alles hingeklatscht. Aber nix für ungut würde der völlig zu unrecht verstorbene hans brenner sagen, weiter so herr etscheit, das muss raus, dampf ablassen und vielleicht steht in der küche ja jemand, der ihnen tatsächlich von ganzen herzen das essen und die gesamtsituation verschönern will. Seien wir dankbar, dass es solches noch gibt heutzutage, dort, oder gerade dort, auf zb 2000m höhe, wo man es zunächst nicht erwartet hat, aber umsomehr schätzen kann weil es von herzen kommt.

Rainer Hanisch / 06.11.2022

In den Nürnberger Nachrichten las ich kürzlich, dass ein Gastronom Beilagen zu seinen Fleischgerichten nur auf gesonderte Bestellung serviert. Damit wären alle im Artikel geschilderten Probleme gar nicht erst entstanden! Die Idee finde ich gut, denn pappige “Pommes” sind genau so abscheulich, wie die ungewünschten “Show-Einlagen” auf den Tellern. Sollte Schule machen; ich suche mir gern die Beilagen aus, die mir schmecken und nicht, was der Koch gerade loswerden will (oder muss).

Wolfgang Feldhus / 06.11.2022

Das wucherte von den Pinzettenköchen einfach bis in die Frittenbuden. Also Zucchiniblüten, aber frittiert sind ausgenommen. Der Erfinder der eßbaren Kapuzinerblüte sowie deren Kapern und - blätter war zufalligerweise mein Vater. Er jubelte das Zeug in München den Sterneköchen unter. Aber Würzdeko gehört dazu…..Schnittlauch auf die Suppe ,Püree oder den Kartoffelsalat. Sowie Peterl, natürlich nur die Gigante d`Ialia ins Weißwurstwasser. Ansonsten trifft es ihr Artikel vollumfänglich.

Heike Olmes / 06.11.2022

Von dieser krawalligen Seite kannte ich Sie noch gar nicht, Herr Etscheit. Trotzdem sehr unterhaltsam. ” Das Auge isst mit “, sprach die Zitrone.

Dr. Olaf Matusiak / 06.11.2022

Auch wenn ich in einigen Punkten (Kürbissuppe!) Ihre Meinung nicht teile: Köstlicher Hate, Herr Etscheid, eloquent vorgetragen. Weiter so!

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