Georg Etscheit / 24.09.2023 / 12:00 / Foto: Imago / 35 / Seite ausdrucken

Cancel Cuisine: Fleur de Sel

Obwohl nur Hypertonikern, Menschen mit zu hohem Blutdruck, eine Reduktion ihres Salzkonsums empfohlen wird, ist das Würzmittel auf der roten Liste der Gesundheitsapostel gelandet. Ganz vorn dabei: Salzleugner Karl Lauterbach.

Nach Fleisch, Fisch, Fett und Zucker steht jetzt offenbar Salz ganz oben auf der Abschussliste der linksgrünen Genussverweigerer. Wie anders ist es zu erklären, dass die Süddeutsche Zeitung unlängst Salz als potenziell lebensgefährlichem Würzmittel eine voluminöse Reportage widmete. Mit Karl Lauterbach, dem wohl peinlichsten Gesundheitsminister aller Zeiten, als Protagonisten. 

Lauterbach ernährt sich „konsequent salzarm“. Sogar bei einem Staatsbankett im Elysée-Palast habe er, sicher zur Verwunderung des französischen Staatspräsidenten auf salzarmer Kost bestanden. Was er serviert bekam, ist nicht bekannt, ist auch egal, weil alles, was salzarm oder salzlos zubereitet wird, wie eingeschlafene Füße schmeckt. 

„Schwierig“ sei anfangs auch die Versorgung in der Kantine des Gesundheitsministeriums gewesen, wird Lauterbach zitiert: „Da konnte jeder essen, nur ich bekam überhaupt nichts“, sagt Lauterbach. „Alles war gesalzen.“ Dumm gelaufen, möchte man ihm zurufen. Er könnte ja auch ganz normal essen, wie die überwiegende Mehrheit eines Volkes, das diesen Herold politischer Narretei überhaupt nicht zu interessieren scheint. 

Nachsalzen kann man immer

In der SZ-Reportage wird dankenswerterweise darauf hingewiesen, dass es keine wissenschaftlichen Hinweise dafür gebe, wonach eine kochsalzarme Diät auch jüngeren Menschen nutze, die keine gesundheitlichen Probleme haben. Also eigentlich Entwarnung. Nur Hypertonikern, Menschen mit zu hohem Blutdruck, wird eine Reduktion ihres Salzkonsums empfohlen, wobei diese von der Pharmaindustrie meist ohnehin bestens mit Medikamenten zur Blutdrucksenkung versorgt sind. 

Wie auch immer: Lauterbach wird sicher bald, analog zu seinen Hitzeschutzplänen, die Bevölkerung mit Salzschutzplänen beglücken. In Südafrika gibt es laut SZ-Recherche bereits Natrium-Höchstwerte für Brot, Frühstücksflocken oder Tütensuppen. Chile führte demnach einen Warnhinweis auf der Vorderseite von Verpackungen ein, wenn Lebensmittel bestimme Salzgrenzwerte überschreiten. Südkorea habe zum Schutz von Kindern die Fernsehwerbung von zu salzigen Lebensmitteln zwischen 17 und 19 Uhr verboten. Und in Schulmensen auf den Seychellen soll nach einem festgelegten maximalen Salzgehalt gekocht werden – es gebe sogar Richtlinien für Schulkioske, Spendenaktionen und andere Schulevents. 

Ich selbst habe ein entspanntes Verhältnis zum Salz. Versalzenes Essen schmeckt mir genauso wenig wie ungesalzenes. Wenn man für eine größere Gästeschar kocht, sollte man eher etwas zurückhaltender mit dem Salzfass umgehen, weil die sensorische Wahrnehmung respektive die Geschmäcker eben verschieden sind, wenn auch meist nicht so extrem wie bei Herrn Lauterbach. Und nachsalzen kann man immer. In Restaurants finde ich es sehr unhöflich, wenn man nach Salz und Pfeffer erst fragen muss. Als sei ein Koch in Sachen Würzung unfehlbar.

Wenn man unbedingt überteuerte Lava fressen will

Vom Kult um diverse Salzsorten halte ich nichts. Mit Ausnahme von Fleur de Sel, das mir vor allem wegen seiner grobkörnigen Textur gefällt. Außerdem scheint es mir weniger „salzig“ als etwa handelsübliches Steinsalz, was wohl an seinem höheren Wassergehalt liegt. Eine der schönsten Anwendungen von Fleur de Sel, das als „Salzblüte“ von der Oberfläche der großen Becken der Salzgärten an den französischen Küsten abgeschöpft wird, ist ein rosa gebratenes, gutes Stück vom glücklichen Schwein. Dünn aufgeschnitten, mit gereiftem, dickflüssigem Balsamico beträufelt und zurückhaltend mit Fleur de Sel bestreut, das ist ein schwer zu übertrumpfender Genuss. Dazu nur Stangenbrot und ein leichter Rotwein.

Manche Gesundheitsapostel mit Ausnahme des Natriumchlorids grundsätzlich abholden Ministers schwärmen für Himalayasalz, das in Wirklichkeit meist aus industriellen Salzminen in Zentralpakistan stammt und mit dem „Dach der Welt“ wenig zu tun hat. Soll gesünder sein als Steinsalz oder Meersalz, ist jedoch auch nur NaCl, das im speziellen Fall mit Eisenoxid verunreinigt ist – daher die rötliche Farbe. Es ist deutlich teurer als normales Salz, wobei irgendwelche gesundheitlichen Vorteile, die den Preis rechtfertigen könnten, nicht nachzuweisen sind. Wie auch, gleicht seine Zusammensetzung doch zu 98 Prozent herkömmlichem Speisesalz, wie es auch in Deutschland gefördert wird. Aber der Glaube versetzt bekanntlich Berge.

In München-Schwabing gibt es ein beliebtes Restaurant, das sich auf Gourmetsalze spezialisiert hat, darunter aromatisierte Salze, die in der Tat anders schmecken, aber eben spezielle Zubereitungen sind. Dort kredenzt man auch hawaiianisches Alaea-Vulkansalz, wobei es sich bei der schwarzen Färbung nicht, wie aus Marketingzwecken gerne kolportiert, um „Aktivkohle“, sondern Verunreinigungen mit feinstem Vulkangestein handelt. Wenn man unbedingt überteuerte Lava fressen will – wohlan! Angebliches Ursalz aus den Alpen oder Kalaharisalz aus unterirdischen Soleseen der gleichnamigen Wüste ist auch nicht viel besser.

Die SZ-Reportage kommt, wie es sich für eine Reportage gehört, am Ende noch einmal auf den Protagonisten zu sprechen. Es sei nicht seine Haltung, Menschen über Verbote zu einer gesünderen Ernährung zu zwingen, wird Lauterbach zitiert. Missioniert haben will er noch niemanden, von den Corona-Impfungen natürlich abgesehen. Immerhin dulde seine Familie seine salzlose Präferenz. „Meine Kleidung ist meinen Kindern manchmal peinlich, aber darüber, dass ich salzloses Essen bestelle, haben sie sich noch nie beklagt.“ Das lassen wir jetzt einfach mal so stehen. Und sind froh, den verpeilten Sozi nicht zum Vater zu haben.

 

Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss.

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Herwig Mankovsky / 24.09.2023

Kann schon sein dass gewisse Salzsorten einen Beigeschmack haben, denn küstennahe Gewässer beinhalten diverse Reste ausgespülter Öltanks, ungeklärter Abwässer der Küstenorte und den Duft der Gummistiefel der Salinenarbeiter. Leider kann das billige Salz aus urzeitlichen Meresresten da nicht mithalten….

Gert Köppe / 24.09.2023

Zwei Auszüge aus dem Artikel, die mir bereits das Wichtigste darstellen. Die Erste: “Karl Lauterbach, dem wohl peinlichsten Gesundheitsminister aller Zeiten” und die Zweite: “wie die überwiegende Mehrheit eines Volkes, das diesen Herold politischer Narretei überhaupt nicht zu interessieren scheint”. Damit ist prinzipiell alles Wesentliche gesagt. Für den Genannten sollten sich eigentlich ganz andere interessieren, wie Staatsanwälte, Richter und/oder Psychiater. Und wenn seine Salzarme Kost schmeckt wie eingeschlafene Füße, auf mich wirkt sein Gelaber ganz genau so.

Hans Bendix / 24.09.2023

Nun, sehr geehrter Herr Etscheid, auch ich habe lange Zeit Fleur de Sel aus mediterranen Salzgärten bevorzugt, bis mir Studien der Universität Neapel zur Belastung des verwendeten Meerwassers mit Schadstoffen und Microplastik zur Kenntnis gekommen sind. Diese werden - praetermissis praetermittendis - prinzipiell auch für bretonische, angevinische oder provencalische Salzgärten Geltung beanspruchen können. Seither setze ich nur noch auf das Tiefensalz der letzten deutschen (europäischen?) Pfannensaline aus Göttingen: Saline Luisenhall; im gut sortierten Einzelhandel und via Internet zu durchweg vernünftigem Preis erhältlich. Auch dieses Pfannensalz besitzt eine schmelzende Textur auf der Zunge, eine milde Salinität und ist frei von jeglichen Zusatzstoffen. Dieses mittelgrobe Salz ist mittlerweile das einzige, das ich in der Küche noch einsetze.

R. H. van Thiel / 24.09.2023

Tja, es ist doch sehr verwunderlich, daß Böhmen sich mit Salz aus Reichenhall “vergiften” ließ. Weil die Böhmen so entsetzlich unvernünftig waren, entstand der Handelsweg “Goldener Steig” über den Bayerischen Wald hinweg. Und die Händler verdienten noch an dem begehrten Gift. Da fehlte halt ein Karl Lauterbach!

Ronald Mader / 24.09.2023

Lauterbach ist doch das beste Beispiel was Mangel an NaCl und tierischen Proteinen im menschlichen Gehirn anrichten können. Für Anthropologen und Medizinwissenschaftler alter Schule bedeutete diese Ernährungsentwicklung den Übergang vom einfachen Primaten zum Homo Sapiens.

Dana Winter / 24.09.2023

Sorry, man soll ja nicht vom Äußeren aufs Innere schließen, obwohl… er sieht so bedauernswert lebensunfroh und verbohrt aus. Fast käme bei mir Mitleid auf. Was wollte er eigentlich im Urlaub im lebensfrohen Italien? Ach ja, Warnungen vor Hitze im Sommer aus einem südlichen Land Europas in die Welt posaunen. Ich würde ihn und seine Partei nie wählen und schäme mich dennoch stets für die meisten der Kabinettsmitglieder fremd.

D. Schmidt / 24.09.2023

Wer in so „heißen“ Ländern wie Italien Urlaub macht, sollte ab und an etwas Salz zu sich nehmen. Sonst endet es so wie beim Karl. (Mineralienmangel) „Das Salz ist sehr wichtig, um den Blutdruck zu stabilisieren. Außerdem brauchen Nerven, Muskeln und andere Körpergewebe Natrium, um zu funktionieren.“ (lol)

Olaf Dietrich / 24.09.2023

Sie wollen sich an allem vergreifen, was unsere Kultur ausmacht, nur nicht an Lauterbach selbst. Dabei ist der reif für den Knast und Pranger für Jahre! Wie kann solch ein CON politisch überleben??? Frag die anderen Cons….  (P.S. Con, frz für Vollidiot)

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