Eigentlich ist es ein Skandal, dass Speisekarten für Kinder immer so einfallslos sind. Noch einfallsloser als jene für Vegetarier mit ihren notorischen, meist schrecklich faden „Käsespätzle“. In der Regel gibt’s für die Jüngsten die immer gleiche Litanei: Wiener Schnitzel mit Pommes Frites, Pommes Frites mit Ketchup oder Mayo oder beidem, Bratwurst mit Pommes, ohne Pommes, mit Mayo oder ohne Mayo, Chicken Nuggets und Nudeln mit Soße und Reibekäse nicht zu vergessen
Kinder lieben unkomplizierte Geschmäcker, vor allem kross Gebackenes und Frittiertes, und Eltern sind froh, wenn sie die Gören mal für ein paar Minuten mit ihrem erklärten Lieblingsessen ruhigstellen können. Und für die Gastronomen gibt es nichts Einfacheres und Billigeres, als eine Handvoll Kartoffelschnitze in die Fritteuse zu werfen und das panierte Schnitzel gleich hinterer, auch wenn ein „echtes“ Wiener Schnitzel natürlich langsam in der Pfanne ausgebacken wird – in Butter!
Für Fisch sind Kinder meistens nicht zu haben, nicht zuletzt wegen der Furcht einflößenden Gräten. Ausnahme: Fischstäbchen, weil die nur sehr dezent nach Fisch schmecken, garantiert grätenfrei sind und ebenfalls in eine knusprige Panade eingehüllt. Ich mochte sie als Kind auch, zog sie jedenfalls dem immer etwas zu intensiv riechenden, gekochten Schellfisch oder Kabeljau vor, den mein Vater liebte und der bei uns zu Hause – Gipfel kulinarischer Eintönigkeit – mit Petersilienkartoffeln und zerlassener Butter serviert wurde. Zu meinen Fischstäbchen gab’s immerhin Mayonnaise.
Eine angelsächsische Erfindung
Man sollte den Stäbchen nicht unrecht tun. Sie bestehen nämlich nicht, wie oft angenommen wird, aus einer mit allerlei künstlichen Zusatzstoffen angereicherten Paste aus dem Fleisch diverser Meeresbewohner, vergleichbar dem japanischen Krebsfleischimitat, auch als Surimi bekannt. Nein, es handelt sich wirklich um ganze Fischfilets, meist vom Pazifischen Pollack, auch bekannt als Alaska-Seelachs, die noch an Bord der Fangtrawler zu flachen Platten gepresst und tiefgefroren werden. In der Fabrik werden diese Platten dann in die bekannten, länglichen Portionen von etwa 30 Gramm zersägt, feucht paniert und kurz vorgegart.
Fischstäbchen sind keine deutsche, sondern eine angelsächsische Erfindung, auch wenn „Käpt‘n Iglo“ den Anschein erweckt. Angeblich wollte man auf diese Weise in den fünfziger Jahren die Fangüberschüsse bei Kabeljau „aufwerten“. Erstmals tauchten Fischstäbchen 1955 auf dem britischen Markt auf, und zwar als Produkt der Marke Birds Eye, in Deutschland unter dem Namen Iglo bekannt. Ein paar Jahre später machten dann auch die Bewohner von Wirtschaftswunderland mit den „Fischfingers“ Bekanntschaft, wo sie bald zum Renner im Tiefkühlsegment avancierten. Aktuell werden hierzulande rund zwei Milliarden Fischstäbchen pro Jahr konsumiert, was etwa 27 pro Person entspricht. Bei Kindern dürfte der Konsum deutlich höher liegen.
Eigentlich handelt es sich bei Fischstäbchen durchaus um kein schlechtes Lebensmittel, auch wenn NGOs wie der WWF penetrant darauf hinweisen, wie umwelt- und vor allem „klimaschädlich“ Fischstäbchen seien, vor allem im Vergleich zu pflanzlichen „Fischstäbchen“ aus Soja oder Weizen, die offenbar immer noch als „Fisch“ bezeichnet werden dürfen, was eine krasse Irreführung des Verbrauchers darstellt. Manchmal laufen sie auch unter „Knusprige Stäbchen Meeres-Art“. Eigentlich hätte die EU wie bei der Bezeichnung anderer Fleischersatzprodukte auch hier längst eingreifen müssen.
Russland ist der viertgrößte Produzent von Meeresfisch weltweit
Aber vielleicht will Brüssel ja erreichen, dass Fischstäbchen allmählich vom Markt verschwinden. Nicht von wegen „Green New Deal“, sondern wegen der zum Erzfeind auserkorenen Russen. Die versorgen nämlich die halbe Welt mit ihren Fischprodukten aus dem hohen Norden, vor allem mit pazifischem Pollak, der in der Beringsee und im Ochotskischen Meer in großem Stil gefangen wird. Jetzt will die EU im Rahmen eines weiteren Sanktionspaketes die Einfuhr von Alaska-Seelachs aus dem Reich des Bösen innerhalb von zwei Jahren um die Hälfte reduzieren, was „angesichts des begrenzten Angebots“ zu Produktionseinschränkungen und zu höheren Preisen führen könnte, wie das Handelsblatt schreibt.
Russland ist der viertgrößte Produzent von Meeresfisch weltweit und Deutschland in der EU der größte Abnehmer für Alaska-Seelachs-Filet aus Russland. Zahlen des Statistischen Bundesamtes zufolge wurden allein im vergangenen Jahr 93.500 Tonnen gefrorene Filets im Wert von rund 228 Millionen Euro in die Bundesrepublik importiert. Von 2020 bis 2024 sei der Anteil Russlands an Alaska-Seelachsfilet-Importen von 15 auf 45 Prozent gestiegen, schreibt das Thünen-Institut für Fischerei, das dem Bundeslandwirtschaftsministerium untersteht. In Deutschland stünden die größten Fischstäbchenfabriken der Welt.
Wenn es jetzt, wie schon bei Öl und Gas, zu einer Verknappung und Verteuerung, wenn nicht zu „Produktionseinschränkungen“ bei Fischstäbchen und den nicht weniger beliebten „Schlemmerfilets“ käme, was läge näher, als pflanzliche „Alternativen“ zu propagieren oder solche mit Beifügung von leckerem Insektenmehl? Auch in Bayern wird man die Zeitenwende zu spüren bekommen – die Uni Bayreuth hat unlängst eine Weißwurst vorgestellt, die mit pulverisierten Mehlwürmern verfeinert ist.
Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss.
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Fischstäbchen (aus dem Ofen, Heißluft), mit Remoulade aus der Tube, an Salzkartoffelhälften (vorwiegend festkochend, aber mit wenig Wasser schön weichgekocht), frische Petersilie drüber – ein schneller Genuss. Und zwar durchaus einer. Man darf auch bei den einfachen Dingen genau hinschmecken.
Toller Artikel! Lediglich im Abgang eine leicht bittere Note ;-)
Die Alternative ist ja schon lange da und heisst Pangasius, ein Süßwasserfisch der in Vietnam in Massen gezüchtet wird. Billig, fade und labbrig- der ideale Fisch für Kinder. Guten Appetit.
Herr Etscheit, ist dieses traumatische Erlebnis die Initialzündung Ihrer Feinschmecker-Karriere?
„…oder Kabeljau vor, den mein Vater liebte und der bei uns zu Hause – Gipfel kulinarischer Eintönigkeit – mit Petersilienkartoffeln und zerlassener Butter serviert wurde. Zu meinen Fischstäbchen gab’s immerhin Mayonnaise.“
Ich hatte schon als Kind einen guten Geschmack. Glücklicherweise nötigte mich niemand zum Restaurant-Kinderfraß.
Nicht nur Fischstäbchen schmecken, auch Brot. Ich war kürzlich beim Bäcker. Dort war jemand hinter der Ladentheke, der mich im Grunde nicht zur Kenntnis nahm. Ich musste ihn direkt ansprechen, mit „hallo“. Ich fragte ihn dann, was ein bestimmtes halbes Brot, auf das ich konkret gezeigt habe, kosten würde. Die Antwort war, dass das ganz unterschiedlich wäre, weil es nach Gewicht geht. Er legte das Stück auf die Waage und ich konnte an der LCD-Anzeige das Gewicht sehen, aber natürlich nicht den Preis. Der Jemand sprach sehr leise, mit einer eher unverständlichen Sprache, der es nicht gelang, gegen die Hintergrundgeräusche einer kreischenden Maschine, deren Bewandnis ich weder erkennen, noch mir vorstellen konnte, durchzudringen. Meine Rückfrage „Wie bitte?“ wurde ab dann mit Schweigen beantwortet. Ich fragte dann „Können Sie mir einfach den Preis sagen?“ Die Antwort, die ich zwischen den Hintergrundgeräuschen zu erahnen glaubte, klang etwa wie „Das ist ganz unterschiedlich, es geht nach Gewicht.“
Zur Auflösung des Rätsels gehört nun, dass es eine Dreiviertelstunde vor Ladenschluss war und dass es wahrscheinlich eine Goodwill Geste des „Unternehmens“ ist, dass die beschäftigten Fachkräfte am Ende das unverkaufte angeschnittene Brot mitnehmen dürfen, weil es ansonsten am nächsten Tag nur weggeworfen würde. Nachträglich fällt mir ein, dass dort etwa fünf bis sechs Brothälften lagen. Und dann bekommen auch die Geräusche aus dem Fond einen Sinn. Das war sicher die „Filialleiterin“, die man sonst dort mit Kopftuch hinter dem Tresen sieht, die weitere Brote mit einer wartungsfreien Schneidemaschine in Hälften zerschnitt.
Und jetzt erinnere ich mich auch wieder an das Unreife Merkur-Prinzip. Wenn man diesem Prinzip gegenüber nachgibt, etwa aus Gerechtigkeitssinn oder Pragmatismus, wird das hohnlachend als Schwäche verstanden. Aber man bekommt ja nur noch solche Fachkräfte, heißt es, weil die Deutschen nicht arbeiten wollen. Wer da nachgibt, ist lächerlich und schwach.
Das entsrpicht doch nur die übliche Fressformel: Rd. 50% Kohlehydrate + rd. 30% Fette + der Rest ist Wurst: Das mögen auch Unsere Ratten sehr …