Über Heinz Rühmanns Karriere in der Nazizeit ist eigentlich alles gesagt. Doch finden sich immer wieder Historiker, die angeblich Neues zutage fördern. Aufgrund eines von der „Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft“ (SPIO) zwecks Vergangenheitsbewältigung in Auftrag gegebenen Studie wurde Rühmann, fast dreißig Jahre nach seinem Tod 1994, jüngst ein Preis aberkannt, den niemand kennt: die Ehrenmedaille der SPIO. Rühmann, heißt es in dem Gutachten, sei zwar nicht NSDAP-Mitglied geworden, jedoch „systemloyal“ gewesen, wie auch seine Kollegin Olga Tschechowa: „Sie genossen die materiellen Privilegien und die Wertschätzung von NS-Potentaten wie Hitler, Goebbels und Göring.“
Rühmann war in den Dreißiger Jahren in Deutschland ein Superstar, er war ein anpassungsfähiger Karrierist, doch gewiss nicht vergleichbar mit der unbelehrbaren NS-Propagandistin Leni Riefenstahl, der gleichfalls die Ehrenmedaille aberkannt wurde. Bis heute ist Rühmann, ungeachtet der gegen ihn erhobenen Vorwürfe, tief im kollektiven Gedächtnis der Deutschen verankert und insbesondere die Pennälerklamotte „Die Feuerzangenbowle“ (1944) ein Komödienklassiker geblieben, vergleichbar nur mit der Silvestersause „Dinner for one“.
„Wat is‘n Dampfmaschin“ oder „Jäder nur einen wönzigen Schlock“ – die Aussprüche der kauzigen Gymnasialprofessoren Bömmel (Paul Henckels) und Crey (Erich Ponto) sind sprichwörtlich geworden. Viele sehen in der „Feuerzangenbowle“ eine subtile Form von Durchhaltepropaganda, aber man könnte den Film, angesiedelt in einer nicht näher bestimmten „guten, alten Zeit“, auch als Selbstvergewisserung sehen, dass es ein normales, ein gutes Deutschland gab und vielleicht wieder geben wird in einer Zeit, als sich die deutsche Niederlage im Zweiten Weltkrieg längst abzeichnete und schon viele Städte in Trümmern lagen.
Keine ganz ungefährliche Angelegenheit
Im Fernsehen lebt die „Feuerzangenbowle“, als winterliches Heißgetränk ist sie weitgehend in der Versenkung verschwunden. Zu viel Zucker, zu viel Alkohol, darüber hinaus mit einem Altherrenimage behaftet. Ganz und gar unwoke und aus der Zeit gefallen. Trotzdem scheint noch eine gewisse Basisnachfrage nach dem Getränk zu bestehen, sonst wäre die Produktion der für eine „Feuerzangenbowle“ unabdingbaren Zuckerhüte wohl längst eingestellt worden. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert – vor der Erfindung von Streu- und Würfelzucker – war dies die gängige Darreichungsform von Zucker, wobei der Hut mit Hilfe spezieller Zuckerzangen in kleinere, gebrauchsfertige Stücke gebrochen wurde.
Eine Feuerzangenbowle ist eigentlich ein Punsch, bestehend aus Rotwein, Orangen- und Zitronenscheiben sowie Gewürzen (Zimt, Sternanis, Nelken). Diese Mischung wird erhitzt, bevor man auf einer metallenen „Feuerzange“ einen 250 Gramm schweren Zuckerhut platziert, der mit Rum getränkt ist. Der Hut wird angezündet, woraufhin der Zucker schmilzt und langsam in die Bowle tropft. Eine zusätzliche Süßung des Getränks ist nicht nötig. Wichtig ist die Qualität des Rotweins, ein ordentlicher, deutscher Spätburgunder sollte es schon sein.
Das häusliche Inferno ist keine ganz ungefährliche Angelegenheit. Nie sollte man den hochprozentigen Brandbeschleuniger direkt aus der Flasche auf den Zuckerhut gießen, das könnte eine Explosion zur Folge haben. Also den Rum immer zuerst in eine Kelle gießen und mit ihrer Hilfe die Flamme am Leben halten, bis der Zuckerhut geschmolzen ist und sich die Tischgesellschaft, wie in der Filmszene über die „alloholische Gärung“, einem Zustand avancierter Heiterkeit angenähert hat.
Im traditionsbewussten München, wo Rühmann in den 1920er Jahren an den Kammerspielen wirkte, gibt es unter dem Isartor die wahrscheinlich größte Feuerzangenbowle der Welt. Der eigens angefertigte Kessel ist 2,40 Meter breit und 3,50 Meter hoch und hat ein Fassungsvermögen von 9.000 Litern. Den Inhalt zu erwärmen dauere 48 Stunden, wozu – Klimaschütze weghören – 40 Kilowattstunden Strom benötigt werden, heißt es auf der Homepage der „Münchner Feuerzangenbowle“.
Der geschmolzene und karamellisierte Zucker soll dem Getränk sein ganz besonderes Aroma geben. Allerdings wird dieser Effekt überschätzt, die Qualitäten der Flammenshow dürfte den geschmacklichen Gewinn deutlich übertreffen. Überschätzt werden wohl auch die schauspielerischen Fähigkeiten Heinz Rühmanns, der eigentlich nur die Rolle des drolligen Durchschnittsbürgers draufhatte und weder singen noch tanzen konnte, obwohl er in vielen seiner Streifen dazu angehalten wurde. In fortgeschrittenem Alter machte er in der Rolle eines rührseligen Clowns Furore.
Rühmanns bester Film war ein ernster: „Es geschah am hellichten Tag“ nach einem von Friedrich Dürrenmatt inspirierten Drehbuch. Darin spielt Rühmann den Züricher Kriminalkommissar Dr. Mattäi, der einen vom großen Gerd Fröbe verkörperten Kindermörder jagt. Matthäi gelingt es in einer dramatischen Szene, den Mörder zu fassen. Dürrenmatt missfiel das „Happy-End“. In einem Kriminalroman, den der Schriftsteller später auf Grundlage des Drehbuchs verfasste, scheitert Matthäi und verliert seinen seelischen Halt. Das wäre für den leichtfüßigen, manchmal etwas melancholischen Rühmann vielleicht allzu düster gewesen.
Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss.
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Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich? Die Franzosen nehmen Chambertin zum Kochen, die Deutschen machen aus Spätburgunder Bowle.
Wichtig: Der Rum muss mindestens 54 Vol.% Alkohol (Ethanol) enthalten, sonst brennt er nicht. Den Zuckerhut ordentlich damit tränken und dann anzünden. Nie Rum in die brennende Flamme nachgießen. Sonst brennt der Löffel.
Und wenn man stattdessen „Feuerzangenbowle:innen“ schreibt, wäre sie dann wieder zeitgemäß?
Da lobe ich die Schotten . Die haben ein „ Kaltgetränk “ in
leere Sherryfässer gefüllt , 25 Jahre in den Keller gestellt und heraus kam ein „ Macallan Anniversary Malt “ . Der Edelste von allen , heute unbezahlbar , in den 90ern noch ab 390 zu haben . Man goß ihn zu Weihnachten in ein Glas und gedachte eines arbeitsreichen Geschäftsjahrs , das man erfolgreich überstanden hatte . Ich hab‚ die schönen Kisten mit der Holzwolle noch , stehen alle im Galahad – Schrein der maßvollen Kehlenbefeuchtung zusammen mit einigen anderen Rittern ähnlichen Schlags. MfG
Feuerzangenbowle ist wie kalte Bowle sicher etwas aus der Mode gekommen. Für viele Weihnachtsmarktbesucher tut es ja auch ein schlechter Glühwein. Geschmack geht eben in einer Gesellschaft auch mal verloren. Wegen der Zubereitung der Feuerzangenbowle mache ich mir mehr Sorgen. Ich sehe im Sommer das hantieren am Grill und dort der geschmackvolle Einsatz von Brennöl. Was soll dann im Haus bei einem Punch und Feuer rauskommen? 112.
Alle die über Heinz Rühmann herfallen sollten sich fragen, wie sie sich damals verhalten hätten. Wären sie alle Widerstandskämpfer geworden, hätten sie als Regenbogen-Rambo die Reichskanzlei gestürmt und den Adolf abgeknallt? RATATATATA! „Und…“ RATATATATA! „…das für das generische Maskulinum!“