Georg Etscheit / 17.07.2022 / 12:00 / Foto: Pixabay / 13 / Seite ausdrucken

Cancel Cuisine: Eiskaffee

Was ist rebellisch am Eiskaffee? Er schmeckt nur mit Strohhalm. Seit die Nuckelhilfen aus Plastik durch solche aus Silikon, Metall oder Glas ersetzt worden sind, sollte man sich schleunigst um einen Plastikvorrat bemühen.

Der von vielen Medien und Wetterportalen seit Wochen annoncierte ganz große „Hitze-Hammer“, die Mega-Sahara-Wetterlage mit Temperaturen bis 43 Grad scheint zwar vorerst auszubleiben. Trotzdem tut man gut daran, sich für sehr heiße Tage, wie es sie im Sommer immer mal wieder gibt, zu wappnen. Ich selbst habe mir gerade einen supermodernen Vertikallüfter zugelegt, einen recht formschönen Apparat, der bei Bedarf ordentlich Wind macht und den man sogar per Fernbedienung steuern kann. Gewissermaßen die platzsparende Variante eines herkömmlichen Ventilators, von denen die von der Decke herabhängenden Propeller, wie man sie aus Filmen über die Kolonialzeit kennt, die effektivsten sind. Sie benötigen allerdings sehr hohe Räume, die nur in den teuren Altbauwohnungen der Ökobourgeoisie zu finden sind.

Klima-Prepping funktioniert auch in der Küche. In meiner Jugend servierte meine Mutter, wenn die Temperaturen über 30 Grad stiegen und die Kinder hitzefrei hatten, oft eine Kaltschale. Dafür rührte sie immer irgendein Pulver von Dr. Oetker an, und auf den Suppenspiegel setzte sie kleine Wölkchen aus gezuckertem Eischnee. Wir Kinder störten uns nicht an dem künstlichen Geschmack, nein, wir liebten die mütterliche Kaltschale und die Hitze ebenso, denn sie ließ einen wohlig und beschäftigungslos in den Sommertag hineindösen. Wenn es gar zu kochend wurde bei uns im Rheingau, einem klimatisch bevorzugten (in Zeiten der Klimahysterie würde man wohl sagen: benachteiligten) Weinbaugebiet, war das Schwimmbad nicht weit, wobei ich selbst oft den Rasensprenger vorzog, weil ich Angst hatte, von anderen Jungs untergetaucht zu werden: Kindheitstraumata.

Am besten ist es natürlich, wenn man eine Kaltschale ohne industrielle Unterstützung zubereitet. Zurzeit bieten sich dafür Sauerkirschen an. Die sollte man unbedingt entsteinen, wozu eine Schürze sehr empfehlenswert ist. Dann die Kirschen mit Rotwein aufgießen, je nach Geschmack Zucker, Zimt, etwas Zitronenschale hinzufügen und aufkochen lassen, ohne dass die empfindlichen Früchte zerfallen. Zum Schluss die „Kirschsuppe“ mit etwas Speisestärke leicht abbinden. Wenn man mehr Speisestärke nimmt und vielleicht noch andere Beeren (Brombeeren, Himbeeren, Erdbeeren, Blaubeeren) griffbereit hat, nennt man das Ergebnis „Rote Grütze“. Das ist ein Dessert, während eine Kaltschale als Vorgericht bzw. Suppengang zählt. Neben süßen Kaltschalen gibt es auch pikante, von denen die iberische Gazpacho oder die französische Vichyssoise die bekanntesten sind.

Mokka-Eiscreme mit Schlagobers

Jetzt bin ich ein wenig abgeschweift, denn eigentlich soll es in dieser Ausgabe meiner Kolumne um den Eiskaffee gehen, eine typisch sommerliche Erfrischung, die an heißen Tagen oft den nachmittäglichen Kuchen ersetzt. Leider ist die Eiskaffee-Kultur hierzulande, wenngleich die Süßspeise auf fast jeder Speisekarte zu finden ist, nicht besonders ausgeprägt. Meist serviert einem der Ober oder die Servierdame einen dünnen, kalten Kaffee minderer Qualität, in dem zwei Vanilleeiskugeln ebenfalls minderer Qualität schwimmen, obenauf Sahne aus der Sprühflasche. Wenn das Eis sehr kalt war, lässt es einen Teil des Wassers im Kaffee gefrieren, was einen eher unerwünschten Gletscher-Crunch zur Folge hat.

Ein Genuss ist diese Standard-Variante des Eiskaffees nicht wirklich. Dabei gehört nicht viel dazu, einen Eiskaffee zur Delikatesse zu machen, zu einer zartschmelzenden, erfrischenden Aromabombe. Dazu braucht es natürlich erst einmal gute Zutaten, an Gerätschaften nur einen haushaltsüblichen Mixer: Zunächst einen guten, starken Kaffee brauen, am besten einen Ristretto, den man leicht kühlen sollte. In der Zwischenzeit Sahne schlagen und zusammen mit Kaffee und Vanilleeis cremig verrühren, wobei ein Mixer gute Dienste leistet. Ab ins Glas damit und mit etwas Schlagsahne und einer Mandelhippe dekorieren. Das Ergebnis nennt sich „gerührter“ Eiskaffee, wobei mir auch die Bezeichnung „Berliner Eiskaffee“ untergekommen ist.

Im berühmten Café Tomaselli in Salzburg, dem ältesten Kaffeehaus Österreichs, servieren sie auch einen „festen“ Eiskaffee. Das ist freilich nichts anderes als eine riesige Portion Mokka-Eiscreme mit Schlagobers aus eigener Produktion. Das mag man für Etikettenschwindel halten. Doch das Konditoreneis von Tomaselli ist einsame Spitze, was man von den dort den touristischen Heerschaaren verabreichten Mehlspeisen nicht immer sagen kann. Trotzdem hat die große österreichische Kaffeehaus-Traditon hier, wie auf der anderen Salzachseite im Café Bazar, noch einigermaßen unbeschadet die Zeitläufte überlebt.

Nicht überlebt hat ein unscheinbares Instrument, ohne das ein Eiskaffee herkömmlicher Machart (nicht der gerührte) undenkbar ist: der Trinkhalm. Seit die EU die Nuckelhilfe aus Plastik verboten hat, gibt es allerlei angeblich ökologischere Varianten, die jedoch allesamt an die Zweckmäßigkeit der Plastikausführung nicht heranreichen. Vor allem wiederverwertbare Trinkröhrchen aus Silikon, Metall oder Glas bergen hygienische Probleme oder sogar Verletzungsgefahren. Nicht wirklich überzeugen können auch Trinkhalme aus Papier oder Pastateig, die einen Eiskaffee zum Fastfood werden lassen. Und die Urform aus nach Wunsch bio-zertifiziertem Roggen neigt zum Splittern und lässt den nuckelnden Genießer, wie die Süddeutsche Zeitung bemerkte, zum Wiederkäuer mutieren. Zum Glück gibt es Plastikstrohhalme, mit und ohne Knick, noch zuhauf im Internet. Man sollte sich noch schnell einen Vorrat zulegen, bis die EU auch den Eiskaffee verbietet.

Foto: Pixabay

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Joerg Machan / 17.07.2022

Sorry, ich weiß, blöde Frage. Aber warum gibt’s eigentlich keine Strohhalme aus Stroh? Oder bin ich nicht auf dem Laufenden?

Nathalie Nev / 17.07.2022

“Wackelpeter” enthaelt Gelatine, die soll gut sein fuer Haut und Haare.  Ein Trinkhalm aus Glas ist zerbrechlich, aus Metall unangenehm und aus Silikon sowieso nicht hygienisch, da Silikon besonders Staub anziehend ist. Es sollte vor jedem Gebrauch heiss gespuelt werden. Ueberhaupt ist es eine Zumutung, m.E. diese Roehrchen zu waschen und aufzubewahren fuer den mehrfachen Gebrauch.

Jürgen Fischer / 17.07.2022

„Herr Ober, der Kaffee ist eiskalt!“ - „Gut, dass Sie mir das sagen! Eiskaffee kostet nämlich einen Euro mehr.“

Dipl.-Ing. Erwin Obermaier / 17.07.2022

Früher waren die Plastikstrohhalme in Papier verpackt. Jetzt sind die empfindlichen Papierstrohhalme in Plastik verpackt. Genau mein Humor.

Ulla Schneider / 17.07.2022

Lecker, lecker Herr Etscheid. Wenn es sommerlich warm wird, bevorzugen wir auch den Eiskaffee. Bei uns kommt Vanilleeis hinein und Schokostreußel oben drauf. Früher war ein Schuß Whiskey dabei, der aber leider in der Wirkung zum dauernden Sabbeln verführte oder als Schlafpille diente.  Ich werde ihre empfohlene “Rührmischung” probieren. - Haben Sie es mal mit einem im Topf aufgekochten Espressopulver ( gemahlen) versucht? So ein Ami-Kaffee? Schmeckt ganz gut, durch das Aufkochen verschwindet die Säure.

Claudius Pappe / 17.07.2022

Gibt es auch vernünftige Politiker im Internet ” zu kaufen ” oder sind die auch per EU Verordnung verboten worden ?

Manuel Palme / 17.07.2022

Normale Strohhalme kaufe ich bei AliExpress. So wie die Papiertuete ist der Papierstrohhalm nutzlos, widerlich und loest sich bei Benutzung oder Kontakt mit Feuchtigkeit sofort auf. Ein gutes Beispiel fuer Nachhaltigkeit.

R. Lichti / 17.07.2022

Das hehre Ziel des Trinkhalm-Banns war doch, der Umwelt Plastikmüll zu ersparen.    Wie viele Jahrzehnte Verzicht auf Trinkhalme sind nötig, um den Eintrag an hochinfektösen Panikmasken und Angsttüten zu kompensieren, die seit über zwei Jahren Tag für Tag in der wunderschönen deutschen Natur landen?  In einen banalen Mülleimer dürfen die ja nicht - der korrekte Entsorgungsweg wäre ein flüssigkeitsdichter Beutel und die Abfalllbegleipapiere mit der Abfallschlüsselnummer 18 01 05 für diesen Sondermüll mit einer Verrottungsdauer von über 400 Jahren!

Ulrich Weinfurtner / 17.07.2022

Seitdem in den hiesigen Eiscafés nur noch Holzspatel als Löffelersatz ausgegeben werden, habe ich immer einen zierlichen Silberlöffel dabei, wenn ich vorhabe, in ein Eiscafé zu gehen. Danke für den Hinweis auf die Bevorratung mit Plastiktrinkhalmen! Auch ein Plastiktrinkhalm paßt noch mühelos in meine Tasche. Mögen die anderen auf ihren Holzspateln herumlutschen und an ihren Trinkhalmen aus Papier oder Pastateig saugen – Ego non!

Michael Lorenz / 17.07.2022

Und während man auf die Lieferung der “bösen” Trinkhalme wartet, kann man ja seine alten Schulkenntnisse Mathematik hervorholen und schauen, ob es noch klappt: um wieviel Prozent wird das durch Trinkhalme eingesparte Plastik überboten von den neuen Plastikabfällen durch Corona-Schnellteste? Wobei Letztere als infektiöses Material noch nicht mal in den Gelben Sack dürfen! Aber wer interessiert sich schon für Fakten, wenn man sich sowohl durch die Drosten-Testrituale als auch durch das Trinkhalmverteufeln gut fühlen darf?

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