Die EU will über kleine, in Hotellerie und Gastronomie übliche Einwegverpackungen aus Kunststoff den Öko-Bann verhängen. Doch ist die Umwelt-Bilanz etwa von Milchkännchen statt Milchdöschen wirklich besser?
Einer der schönsten Sketche von Loriot ist dem Versuch gewidmet, während eines Fluges eine gepflegte Mahlzeit einzunehmen. Während der distinguiert gekleidete Meister mit einem Set in Plastikfolie eingeschweißten Plastikbestecks kämpft und sich verbaler Annäherungsversuche seines Sitznachbarn zu erwehren versucht, müht sich Spielpartnerin Evelyn Hamann, Rilke-Gedichte zitierend, ein Milchdöschen zu öffnen. Dabei drückt sie so fest auf das kleine Gebinde, dass sich der Inhalt als weißer Schwall auf ihr elegantes Kleid und des Meisters grauen Anzug ergießt.
Eine solche Szene wird schon bald wehmütige Erinnerungen wecken an Zeiten, als der Kampf mit dem Objekt noch völlig unreglementiert war. Plastikbesteck ist schon seit 2021 europaweit verboten und Einwegverpackungen für Kaffeesahne sollen ab 1. Januar 2030 das gleiche Schicksal teilen. So jedenfalls sieht es eine neue EU-Verpackungs- und Verpackungsabfallverordnung vor, der zufolge auch über kleine, in Hotellerie und Gastronomie übliche Einwegverpackungen aus Kunststoff der Öko-Bann verhängt werden soll.
Plastik-Wegwerfverpackungen in der Gastronomie, wie sie für Kaffeesahne oder Marmelade üblich sind, sollen genauso verschwinden wie Mini-Portionen für Duschgel und Shampoo in Hotels. Frisches Obst und Gemüse unter 1,5 kg darf nicht mehr in Plastik verpackt werden. In Supermärkten soll es keine Kunststoffverpackungen zur Bündelung von Ware mehr geben, mit Ausnahme von Tragevorrichtungen für Getränke, etwa PET-Flaschen-Sixpacks. Styropor-Chips als Füllstoff für empfindliche Ware dürfen nicht mehr verwendet werden und an Flughäfen wird es keine Folien mehr zum Einwickeln von Koffern geben.
Suboptimale Ersatzlösungen
Der europaweite Kampf gegen Plastikmüll hat schon manch überaus praktische Alltagshelferlein verschwinden lassen, allen voran die von vielen Menschen schmerzlich vermisste Kunststoff-Tragetüte. Alternativen wie gummiartige Ökotüten oder solche aus Papier, die beim ersten kräftigen Regenschauer ihre Tragfähigkeit verlieren, sind durchwegs unbefriedigend. Seit auch die kleinen Plastiklöffelchen verboten sind, wie sie von Eisdielen ausgegeben wurden, muss man mit klobigen Ersatzlösungen vorliebnehmen, die man angeblich sogar essen kann, den Eisgenuss aber erheblich beeinträchtigen. Und Trinkhalme aus spülfähigem Metall, die die einstigen Plastiktrinkhalme ersetzen sollen, verursachen beim Schlürfen eines Eiskaffees Frostblasen an den Lippen. Verzichten lässt sich auch auf jene zerbrechlichen Waffelbecherchen, in denen man in manchen Hotels schon heute und im Vorgriff auf das kommende Verbot von Marmeladendöschen die in Gläsern bereitstehenden süßen Aufstriche abfüllen muss.
Nun ist nicht alles falsch ist, was EU-Bürokraten bei ihren ausgedehnten Arbeitsessen in schönen Brüsseler Restaurants alles aushecken. Die grässlichen Kunststoffchips in empfindlichen Paketen lassen sich sicher durch die gute, alte Holzwolle ersetzen. Und warum man am Flughafen Plastikkoffer mit einer Plastikfolie einwickelt, erscheint rätselhaft. Vielleicht sind die Schließvorrichtungen moderner Koffer mittlerweile so schlecht geworden, dass man bei jedem Flug Gefahr läuft, dass sich der Kofferinhalt im Gepäckraum des Flugzeugs verteilt oder sich in den Laufbändern der Gepäckverteilung verheddert.
Man kann nun gewiss die Meinung vertreten, dass es sich auch bei Plastik-Milchdöschen um einen umweltschädlichen Anachronismus handelt und im Umgang mit ihnen slapstickhafte Szenen auch in der Realität vorkommen mögen. Doch auch die Alternative, die Rückkehr zum Milchkännchen, hat ihre Schattenseiten. Das Problem: Die Reste leicht verderblicher Produkte wie beispielsweise Kaffeemilch müssen, sobald sie einmal in einem Gefäß den Kunden angeboten wurde, entsorgt werden. Berücksichtigt man diese Lebensmittelverluste in einer Ökobilanz, ist die Einzelverpackungsvariante im Vorteil.
Milchdöschenrechnung ist Milchmädchenrechnung
In einer brandneuen Studie des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik heißt es: „Das Ergebnis zeigt, dass je nach Verpackungstyp bereits schon bei geringen Lebensmittelverlusten die Einzelverpackungsvariante die Lösung mit dem geringsten CO2-Fußabdruck sein kann. Auch wenn Umweltwirkungen durch Verpackungen so weit wie möglich reduziert werden sollten, sollte immer der Trade-off mit Lebensmittelverlusten berücksichtigt werden.“
Vielleicht wäre es zielführender, wenn die EU-Funktionäre und -politiker nicht versuchen würden, das Rad des Fortschritts – dazu gehören Plastikverpackungen – anzuhalten oder zurückzudrehen und ebenso praktische wie funktionale Lösungen durch unpraktische und dysfunktionale zu ersetzen. Die wirklichen Probleme entstehen nämlich nicht bei der Produktion und dem Gebrauch solcher Verpackungen, sondern bei ihrer nicht fachgerechten Entsorgung. Und das weniger in Europa als in Asien. „Insbesondere der Wirtschaftsboom in Asien in Verbindung mit einem fehlenden Müllmanagement ist jedoch Ursache Nummer 1 für das globale Plastikproblem in den Meeren“, kann man auf der Wissensplattform Erde und Umwelt der Helmholtz-Forschungsgemeinschaft lesen.
Zum Schluss noch eine gute Nachricht: Papiertütchen für Zucker, Salz und Pfeffer bleiben einstweilen erlaubt. Das freut nicht nur die Sammler bunt bedruckter Zuckertüten, sondern auch jene Menschen, die schon einmal schlechte Erfahrungen mit Zucker- oder Salzstreuern gemacht haben, deren Deckel nicht richtig zugedreht waren. Loriot lässt grüßen.
Georg Etscheit ist Autor und Journalist in München. Fast zehn Jahre arbeitete er für die Agentur dpa, schreibt seit 2000 aber lieber „frei“ über Umweltthemen sowie über Wirtschaft, Feinschmeckerei, Oper und klassische Musik u.a. für die Süddeutsche Zeitung. Er schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss, und auf Achgut.com eine kulinarische Kolumne.
Beitragsbild: Library of Congress, Prints & Photographs Division, photograph by Harris & Ewing, [reproduction number, e.g., LC-USZ62-123456]

Der EU-Irrsinn: nun sind die Papier-Strohhalme einzeln verpackt und werden in einem Plastiksack sbgegeben. Oder landen als Mehrwegvariante mit 3-5fachem Materialaufwand und etwa vierfachen Kosten gleich im Verbrennungsmüll, denn: wer spült denn Strohhalme? Wohl nur Brüssel, Berlin, Lucxemburg.
Holzwolle geht leider gar nicht, Herr Etscheid: die beanspruchen unsere Politdarsteller zum Ausstopfen ihres zerebralen Hohlraums. Pech.
„Früher gab es Plastik-Trinkhalme in Papierverpackung – heute gibt es Papier-Trinkhalme in Plastikverpackung“. Die Nachhaltigkeitsrevolution mit den Salatgurken ohne Folie habe ich mitbekommen, als ich einige Container voll mit Salatgurken sah, die gar nicht zur Auslieferung kamen, weil sie drei Tage nach der Ernte (und 2000km im Kühl-LKW) nicht mehr verkehrsfähig waren. Der Vorteil war aber: Weil ohne Folie, konnten diese Container direkt kompostiert werden (Da die Salatgurken praktisch nur aus Wasser bestehen, taugen sie nicht mal zum Energierecycling). Im Gegensatz zu den 45 Kartons Bio-Bananen, die ich an der kommunalen Biogasanlage abliefern wollte: Da musste von jedem Bund Bananen die Kunststoffbanderole „Bio-Bananen“ entfernt werden!
Hüh und hott? Vor Jahren gab es im Hotel Zucker, Salz, Milch, Marmelade, Müsli offen in Schalen und Kännchen. Aus Hygienegründen musste alles verpackt werden. Jetzt soll die Verpackung wieder weg? Komischerweise gilt das nicht für Wurst, Käse, Obstsalat, Brotscheiben und Brötchen. Irgendwer hat nicht alle Latten am Zaun. -- Die Spitze ist, dass an Getränkeflaschen der Deckel nicht mehr lose sein darf, weil die Strände damit übersät sind!? (welches Land?) Wenn, dann sind die Ufer mit Zigarettenkippen übersät, das stellt aber kein Umweltproblem dar.
Wiki schreibt: Uneinigkeit in der Europäischen Union hatte die Flüchtlingskrise ab 2015 zur Folge. In diesem Gesamtzusammenhang erhielten antieuropäische politische Strömungen Auftrieb. 2016 erfolgte der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU…. Der Austritt Deutschlands bis 2030 müsste also zu machen sein. PS Es waren natürlich keine antieuropäischen Strömungen in GB. Die gibt es vielleicht in den USA z.B. aber GB ist ja ein Teil Europas.
Übrigens: ich weigere mich bis heute, solche Phantasmen wie „geringsten CO2-Fußabdruck“ überhaupt anzuerkennen, da bis heute nicht bewiesen ist, ob es sich dabei nicht nur um ein von Al Gore&Co;. erfundenes Geschäftsmodell handelt, ein Spurengas zum „Klimakiller“ zu stilisieren, weil sich damit riesige Summen verdienen lassen. Das entspricht dem grünen Vorgehen, irgendwelche frei erfundenen „Tatbestände“ zu Dogmen zu erheben bzw. in Gesetze zu gießen, und sein ganzes Handeln danach auszurichten, egal ob das ursprüngliche Dogma sich inzwischen als falsch erwiesen hat, mit der Begründung, „man müsse sich ans Gesetz halten“. Und immer haben irgendwelche Gefolgsleute/ Verwandte/ Freunde der Grünen bereits Geschäftsmodelle in der Tasche, wie sich mit den damit geschaffenen Situationen viel Geld verdienen läßt. Und deshalb werden diese Modelle auch gnadenlos durchgezogen, denn erstens ist man ja Gesetzgeber und lenkt die Exekutive (Benedikt Lux: „Wir haben die gesamte Führung fast aller Berliner Sicherheitsbehörden ausgetauscht und dort ziemlich gute Leute reingebracht. Bei der Feuerwehr, der Polizei, der Generalstaatsanwaltschaft und auch beim Verfassungsschutz.“, und will sich drittens das Geschäft nicht verderben lassen. Und der dumme Bürger hält die Grünen immer noch für Umweltschützer, auch wenn sie Wälder für Windräder abholzen, Ackerland zu Photovoltaikfeldern machen und für jeden sichtbar gegen die lauthals verkündeten eigenen Grundsätze verstoßen. Vielleicht sollten die Leute mal in großer Zahl den Satz von Tucholsky aus der heutigen Rubrik „Wer hat’s gesagt?“ berücksichtigen „Nichts ist schwerer und nichts erfordert mehr Charakter, als sich in offenem Gegensatz zu seiner Zeit zu befinden und laut zu sagen: Nein.“ Anstatt jedem Schwachsinn willig hinterher zu laufen.
….. und die nächste Ablenkung von den existentiellen Problemen, die Europa tatsächlich hat. Die EU ist genauso unreformierbar wie der ÖRR. Beide sind schädlich für ein gedeihliches Miteinander, kosten uns Wohlstand und Freiheit, haben keine Existenzberechtigung mehr. Und wurden wohl genau aus diesem Grund geschaffen.