In unserer allseits geliebten Hauptstadt finden im September die Wahlen zum Abgeordnetenhaus statt. Die mächtig zusammengeschrumpelte Tante SPD liegt in Umfragen bei blamablen 13 Prozent und damit auf dem letzten Platz hinter Grünen, AfD und CDU. Demnächst könnte in Berlin die SED-Linke – Erichs späte Rache – den Posten des Regierenden Bürgermeisters besetzen. Schlimmer gehts kaum noch für eine Partei, die hier einstmals so bedeutende Bürgermeister wie Ernst Reuter und Willy Brandt stellte. Sogar der blasse Wowi schaffte es mit seinem „… und das ist gut so …“ noch haarscharf in die Geschichtsbücher.
Die Berliner SPD könnte angesichts solcher Umfragewerte ein bisschen Rückenwind gut gebrauchen. Und was gibt es besseres, als sich dem Wähler mit einem Kochbuch anzudienen, niedrigschwellig. Die Süddeutsche Zeitung (SZ) nennt das nicht ganz unoriginell „Bulettentaktik“. Essen muss schließlich jeder und auch die Kulturleistung der Essenszubereitung ist noch nicht ganz ausgestorben, selbst wenn immer mehr Menschen darunter das Aufreißen einer Packung Tiefkühlpizza verstehen.
Die nicht gerade erfolgsgebeutelte Berliner Wirtschaftssenatorin und Stellvertreterin des Regierenden Bürgermeisters Franziska Giffey hat gerade ein Kochbuch der interessierten Öffentlichkeit vorgelegt. Es trägt den schlichten Titel „Franziska Giffeys kleines Kochbuch“ und ist wirklich sehr klein, ähnlich klein wie ihre Partei. Nur zwölf Rezepte finden sich darin, eines weniger als die SPD gerade an Prozenten einfahren könnte, für jeden Monat eines, heißt es.
Die letzten Reste einer höheren Esskultur getilgt
Sonst ist über den Inhalt des Buches, das eigentlich mehr eine Broschüre ist und aus nicht genannten Gründen auch nicht frei verkäuflich sein soll, wenig bekannt. „Bodenständiges“ soll sich darin finden, darunter Buletten, hat die SZ anlässlich eines Fototermins in einer Buchhandlug in Berlin-Rudow herausgefunden. Und auf dem Cover prangt Frau Giffey mit einem „Kuchen in Herzform“. Bodenständig muss sein, wenn man von der SPD kommt, auch wenn die Genossen mittlerweile mehrheitlich gehobeneren Genüssen zusprechen. Doch wenn man sich, wie einst Oskar Lafontaine als saarländischer Ministerpräsident, offen zur französischen Haute Cuisine bekennt, bekommt man es mit der ganzen Härte des puritanischen Volkszorns zu tun.
Buletten zählen, neben Döner und Currywurst, zum Kernbestand der Berliner Volksküche, bei der es sich im eigentlichen Sinne um eine proletarische Küche handelt. Also eine Küche von und für arbeitende Menschen, um die sich einst die SPD kümmerte, bevor man die Wonnen der Toskana entdeckte. Eine Hofküche, die in Paris und Frankreich zur Ausbildung einer bürgerlichen Hochküche führte, gab es in Berlin nie wirklich. Dafür war die Stadt immer zu stark vom Protestantismus in seiner strengen calvinistischen Ausformung geprägt. In der DDR sorgte zudem der beständige Mangel dafür, dass zumindest im Ostteil der Stadt wie im Umland auch die letzten Reste einer höheren Esskultur getilgt wurden.
Das soll aber nicht heißen, dass man in Berlin nicht gut oder sogar ausgezeichnet essen kann, auch außerhalb der Gefilde der internationalen „Sternegastronomie“. Zu meinen persönlichen Lieblingsadressen, die vermutlich auch Frau Giffey kennt, zählt das Berliner Traditionslokal Diener Tattersall ganz in der Nähe des Savignplatzes in Charlottenburg. Das Diener Tattersall ist eine Institution mit Patina, absolut authentisch, wie man heute sagt. Für diese Institution mache ich hier gerne etwas Werbung, auch wenn man das gewiss nicht nötig hat.
Berlin weiten Netzes von „Kiezkantinen“ oder „Volxsküchen“
An den Wänden des etwas dämmrigen Lokals prangen zahllose Künstlerfotos all jener Persönlichkeiten, die hier aus- und eingingen. Darunter, allen voran, der ursprünglich aus Berlin stammende Meisterfotograf Helmut Newton. Der merkwürdige Name des eigentlich immer ausgebuchten Etablissements ist erklärungsbedürftig. Der englische Pferdeauktionär Richard Tattersall gründet 1766 in London eine Reitschule mit Pferdvermietung, seitdem hießen solche Einrichtungen „Tattersalls“.
In Berlin wurde 1893 das „Tattersall des Westens“ gegründet mit Stallungen und einer Sattlerei unter den S-Bahnbögen und später auch einem Casino, woraus das heutige Restaurant wurde, das 1954 von dem Boxer Franz Diener übernommen wurde. Der ehemalige Deutsche Meister im Schwergewicht machte das Lokal zum Künstlertreff. Heute pilgern Touristen dorthin, was der Berliner Atmosphäre in ihrer rauen und zuweilen auch herzlichen Erscheinungsform aber keinen Abbruch tut.
Wo gibt’s, außer bei Diener Tattersall, noch echten (offensichtlich mit Mehl gebundenen) Schokoladenpudding mit einer sahnigen, nicht zu süßen und Vanillesoße? Oder wunderbar zarte Königsberger Klopse? Oder eine deftige Bratensülze mit Bratkartoffeln. Oder Eier in Senfsauce oder Buletten mit Kartoffelsalat oder hausgemachte Kartoffelpuffer mit Apfelmus… Und das zu beinahe unverschämt zivilen Preisen. Bleibt nur zu hoffen, dass sich daran auch unter der drohenden Herrschaft der Neokommunisten nichts ändert. Deren Spitzenkandidatin Elif Eralp gilt als Verfechterin eines Berlin weiten Netzes von „Kiezkantinen“ oder „Volxsküchen“, wo man schon für drei Euro eine warme Mahlzeit bekommt, gegen Aufpreis solls sogar einen Salat dazugeben. Damit soll dem „Kantinensterben“ entgegengewirkt werden“.
Vielleicht finden sich die Berliner Volksgenossen bald mehrheitlich in einer Kantine wieder, sofern man es nicht vorzieht, in der Gemeinschaftsküche der vergesellschafteten Kommunalwohnungen nach dem Rezept von Franziska Giffey Buletten zu brutzeln.
Georg Etscheit schreibt auch für www.aufgegessen.info, den von ihm mit gegründeten gastrosophischen Blog für freien Genuss.

@ Emil Meins: das ist nicht notwendigerweise Legasthenie, sondern meistens ein Autocorrect-Error ( gerade an Ihrem Beispiel getestet). Wenn man vorm Absenden nicht alles nochmals sorgfältig durchliest ist es schon passiert. Schönen Sonntag noch.
Es gibt Themen wo ich meine Befangenheit nicht überwinden kann. Eins davon heißt Berlin.
Halt! Reichlich gehackten, frischen Knoblauch kurz vor dem Servieren zugeben und auch noch frische Sahne.
Das sieht man, was einem so entgeht. Ich war noch nie dort, obwohl schon 50 Jahre in Berlin. Habe mir die Karte auf der Homepage angeschaut:
Rahmspinat mit Spiegeleiern und Kartoffeln für 11.90 €!! Wow. Ich hoffe, es wird richtig serviert: Die Dottern der Eier, ich futtere immer vier Stück, müssen noch flüssig sein. An den Spinat kommen in Butter gedünstete Zwiebeln, Muskat und, ja wirklich, ordinäre gekörnte Brühe. Salz kann man dann weglassen, die gekörnte Brühe hat genug davon. Ein absolut leckerer Fraß.
s.g. Herr Etscheit: Sie schreiben:
„Elif Eralp gilt als Verfechterin eines Berlin weiten Netzes von…“
Anscheinend sind Sie vom selben Rechtschreibvirus befallen, wie ein gewisser Leser hier, dessen Spezialität beim Schreiben seiner Kommentare genau solche Schreibweisen sind.
Das Adjektiv wird berlinweit (zusammen und klein) geschrieben.Es bedeutet „in ganz Berlin“ oder „im gesamten Stadtgebiet“.
Beispiele:Das Ticket gilt berlinweit. Es gibt heute eine berlinweit angelegte Aktion.Die getrennte Schreibweise (Berlin weit) ist falsch.
Es gibt zusammengesetzte Verben, Substantive und Adjektive, und diese bleiben auch zusammengesetzt, wenn man sie in Sätzen verwendet.
Die Bratensülze ist zum Glück keine Braten Sülze, die Senfsauce keine Senf Sauce.
Hoffentlich auch weiterhin.
Tut mir leid, das ist ergänzungswürdig.Im hohen Norden Berlins, kurz vor dem Brandenburgischen Polarkreis, in den sich kaum ein Hochgestellter verirrt, gibt es die „Dicke Paula“ mit authentischer Berliner Küche und Köchen. Sogar mit Terrasse, die leider seit der Zwangsstillegung des Tegeler Flughafens ein stilbildendes Sujet verloren hat und das durch Empathie-Desserts aufgefangen werden muß. Man überlegt, Geräusche von landenden und startenden Flugzeugen über die Lautsprecheranlage einzuspielen, um wie bei den Elektroautos unfallfreiem Fahrens den selben Nahrungsgenuß zu garantieren. Und in ganz Berlin gibt es doch die allseits bekannten und beliebten Politikergerichte: Verlorene Eier; Tote Oma; Spanferkel; Hacke(n)-Peter; Schweinshaxe; Töner Kebap; Weiss-Wurst; (Halts)-Maultaschen; Wiener Spitzel; Schmarrn; Schwatzwälder Kirschtorte;
Demonstranten-Auflauf; Rot-Kohl; Grün-Kohl; Engelsaugen; Dampfnudeln;
Spieß-(er)Braten; Linsereintopf; Falscher Hase; Hamm-Bürger; Rote Grütze; Gefüllte Gurke; Beamtenstippe; Kalter Hund; (beleidigte) Leberwurst ; Kopfkäse; Sau-Ma(r)gen; Hanseatenkeks; Schweinskopfsülze(r) usw. Da kann sich jeder was aussuchen und sich wiederfinden. Alles Sternewürdig.
Man kann Frau Giffey nicht vorwerfen, dass sie ein Kochbuch schreibt.
Die ex-Arbeiterpartei SPD macht immer wieder durch extremistische Forderungen auf sich aufmerksam, um gegen die grüne Konkurrenz aufzutrumpfen. Ein Kochbuch ist noch die harmloseste Aktion.
Frau Giffeys Kochbuch beinhaltet sicher die Klassiker der DDR-Küchen-Resteverwertung wie Soljanka, Hoppelpoppel, Arme Ritter, DDR-Jägerschnitzel, Quarkkeulchen, Warmes Eckchen. Eine bekömmliche Beilage zur progressiven SPD-Politik.
Alle Rezepte sind preisgünstig, politisch korrekt, nachhaltig, frugal, vegetarisch, vegan.
SPD-Notfallkochbuch: Gerstengrassuppe, Heusuppe, Heuschreckensuppe, Radieschenblättersuppe, Rumfordsuppe, Einbrennesuppe, Steckrüben-Eintopf, Sägemehlbrot, Falscher Hase (Tiermehl), Falscher Hummer (Fischmehl), Falscher Tofu Wurst (Schuhsohle), Brennnesselschokolade, Fliegensuppe…