Volker Seitz / 12.10.2021 / 17:00 / Foto: Larrybzh / 10 / Seite ausdrucken

Burkina Faso: Ein Putsch, ein Mord vor 34 Jahren – endlich die Wahrheit?

Noch heute, 34 Jahre nach seinem Tod bei einem Schusswechsel zwischen Putschisten und seiner Leibgarde, gilt der charismatische Thomas Sankara als Volksheld und Vorbild für viele Afrikaner. Er träumte davon, einen Staat, frei von Korruption, zu schaffen, unabhängig vom Westen. Seine Außenpolitik forderte die Vorherrschaft Frankreichs heraus, das in vielen seiner ehemaligen Kolonien in Afrika weiterhin großen Einfluss ausübt.

Am 11. Oktober 2021 wurden in Ouagadougou, der Hauptstadt von Burkina Faso, 14 Männer vor Gericht gestellt, die der Mittäterschaft an der Ermordung Sankaras angeklagt sind. Als Hintermann seiner Ermordung gilt sein politischer Weggefährte und Nachfolger Blaise Compaoré. Dieser regierte von 1987 bis Oktober 2014 und versuchte seinerzeit, mit einer Verfassungsänderung länger an der Macht zu bleiben. Compaoré lebt derzeit im Exil in der benachbarten Côte d’Ivoire, wohin er 2014 – mit Hilfe der französischen Armee – nach Massenprotesten flüchtete. 2016 nahm er die ivorische Staatsangehörigkeit an.

Zu den Angeklagten gehören Compaorés ehemaliger Stabschef und der Arzt, der die Sterbeurkunde unterschrieben hat, in der es heißt, der ehemalige Präsident sei eines natürlichen Todes gestorben. Ihm wird vorgeworfen, ein öffentliches Dokument gefälscht zu haben. (Ein Militärarzt hat später bescheinigt, dass die „Leiche von Kugeln durchsiebt war“.)

Warum findet der Prozess erst heute statt?

Sankaras Bruder, Paul Sankara, sagte, dass es während der 27 Jahre der Herrschaft von Compaoré nicht möglich war, an einen Prozess zu denken. Die Witwe von Thomas Sankara, Mariam Sankara, reichte 1997 Strafanzeige wegen Mordes an ihrem Mann ein, aber es dauerte 15 Jahre, bis der Oberste Gerichtshof endschied, dass die Ermittlungen fortgesetzt werden können. Bis zum Sturz von Compaoré gab es jedoch keine Fortschritte. 2016 ersuchte Burkina Faso die französische Regierung offiziell um die Freigabe von Militärdokumenten über die Ermordung Sankaras. Die letzten Dokumente wurden im April 2021 übergeben.

Warum ist Sankara in ganz Afrika eine Ikone?

Als Präsident trat er meistens in Uniform auf. Das rote Barett war sein Markenzeichen. Thomas Sankara (geb. 1949) war der fünfte Staatschef von Burkina Faso. Durch einen Staatsstreich übernahm er 1983 die Macht und regierte das Land bis zu seiner Ermordung 1987.

Zum ersten Jahrestag der Revolution benannte Sankara Obervolta in Burkina Faso („Land der aufrechten Menschen“) um. Er machte u.a. durch eine Landreform Burkina von Lebensmittelimporten unabhängig, in nur vier Jahren hatte er Nahrungsmittelautonomie für sein Land erreicht. Er förderte die Stellung der Frau (wie heute erfolgreich auch Ruanda). Seine Regierung hatte die höchste Frauenquote in Afrika. Erfolgreich wurden Korruption, Armut und Hunger bekämpft. Es gab verbesserte Bildungsmöglichkeiten und eine Gesundheitsversorgung. Die Alphabetisierungsrate von 13 Prozent im Jahr 1983 stieg auf 73 Prozent im Jahr 1987.

Er selbst, Minister und Staatsbedienstete hatten keine Privilegien. Er kürzte sein eigenes Gehalt und das aller Beamten. Er verbot auch die Nutzung von Chauffeuren der Regierung und Flugtickets erster Klasse.

Sankara motivierte die Bevölkerung dazu, 105 Kilometer Eisenbahnschienen in Handarbeit zu verlegen, ließ Millionen Bäume gegen das Voranschreiten der Wüste pflanzen, baute Dämme und Bewässerungskanäle. Die landwirtschaftliche Produktion in Burkina Faso wuchs zwischen 1983 und 1986 um 75 Prozent. Immer mehr Burkinabe konnten von dem leben, was im Land produziert wurde. Baumwolle, der Hauptrohstoff des Landes, wurde in eigenen Fabriken zu Kleidung verarbeitet. In Sankaras Regierungszeit entstanden Dorfkliniken und Gemeindezentren, mobile Gesundheitsteams impften 1984 in drei Wochen mehr als eine Millionen Kinder gegen Masern, Gelbfieber und Meningitis.

Der Nachfolger Blaise Compaoré begann damit, viele Errungenschaften im Land zurückzudrehen. Es gab Einschüchterungen, über Sankara durfte nicht mehr gesprochen werden. 2014 kam es zu Massenprotesten („Balai Citoyen“, Bürgerbesen) mit dem Abbild des bis heute von der jungen Generation in Burkina Faso wie ein Popstar verehrten Thomas Sankara.

Thomas Sankaras Witwe Mariam sagte der BBC: „I want to know the truth, and who did what“. (Ich will die Wahrheit wissen und wer was getan hat.) Der heutige Präsident Roch Marc Kaboré (seit 2015) hofft, dass der Prozess die Spannungen im Lande abbauen und die nationale Versöhnung fördern wird.


Volker Seitz war von 1965 bis 2008 in verschiedenen Funktionen für das deutsche Auswärtige Amt tätig, zuletzt als Botschafter in Kamerun, der Zentralafrikanischen Republik und Äquatorialguinea mit Sitz in Jaunde. Er gehört zum Initiativ-Kreis des Bonner Aufrufs zur Reform der Entwicklungshilfe und ist Autor des Bestsellers „Afrika wird armregiert“. Die aktualisierte und erweiterte 11. Auflage erschien am 18. März 2021. Volker Seitz publiziert regelmäßig zu afrikanischen Themen und hält Vorträge (z.B. „Was sagen eigentlich die Afrikaner“, ein Afrika-ABC in Zitaten).

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Karsten Dörre / 12.10.2021

Der vermutliche Mord-Auftragsgeber erfolgreich mit französischer Hilfe ins Exil verbracht. Selbstverständlich sollte es bekannt sein, dass Europa kein Interesse an starken, autarken afrikanischen Staaten hat (Bodenschätze). Beispiel Nachbarland Mali, dem UN-Minusma-Einsatz ging die französische Operation Serval voraus (von der UN genehmigt) und der bis heute andauernden französischen Militäroperation Barkhane (u.a. in Burkina Faso zum Machterhalt korrumpierbarer Regierungen). Die Lobeshymnen in einigen Kommentaren sind naiv.

RMPetersen / 12.10.2021

Ein ehemaliger Kollege ging für die GTZ 1986 nach Burkina Faso, was ich zusammen mit dem Namen der Hauptstadt “Ougadougou”  extrem exotisch fand. Er war beim Wohnungsministerium eingesetzt und sollte als Ökonom Konzepte für sozialen Wohnungsbau in der Hauptstadt konzipieren. Nach der Ermordung des auch von ihm bewunderten Präsidenten war er natürlich schockiert, das Projekt wurde dann nach Mali verlagert und dort über mehr als 8 Jahre geführt. Man meinte im BMZ, einen Mord am Regierungschef nicht einfach ignorieren zu können. (Über die Sinnfälligkeit und die Nachhaltigkeit solcher Projekte möchte ich nicht lästern, weil ich ab 1990 selbst in Entwicklungsländern in Projekten mit dortigen Regierungen arbeitete, allerdings in der Luftreinhaltung. Herr Seitz hat dazu ja etliches - richtiges - gesagt und geschrieben.)

Ludwig Luhmann / 12.10.2021

Zum schon geschlossenen Artikel: “Literaturnobelpreis 2021: Abdulrazak Gurnah” —- Mehr muss man nicht wissen - Erschienen auf “islamchannel punkt tv”: —-—-“UK-based Muslim who is inspired by the Quran wins 2021 Nobel for literature”

Ludwig Luhmann / 12.10.2021

Seltsam, ich fühle mich an das beste Deutschland aller Zeiten erinnert. Ach was! Ich fühle mich sogar an das beste Europa aller Zeiten erinnert!

Rolf Menzen / 12.10.2021

Hatte Sankara nicht auch als Dienstwagen einen Lada?

j. heini / 12.10.2021

Dankeschön. Ihre Artikel sind immer wieder ein Blick über den Tellerrand. Das tut gut.

Sirius Bellt / 12.10.2021

Thomas Sankara. Ein außergewöhnlich anständiger Mensch und Politiker. Dass ihn noch immer so viele verehren ist mehr als verständlich. Er hat in sehr kurzer Zeit Unglaubliches für sein Land geleistet. Hoffentlich werden seine Mörder zur Rechenschaft gezogen.

Wolfgang Kolb / 12.10.2021

Lieber Herr Seitz, Vielen Dank für Ihren unermütlichen Einsatz, uns Afrika näher zu bringen. Leider wird bis heute der Einfluss Frankreichs sowie Belgiens auf die jüngere Geschichte dieses Kontinents, die damit verbundenen politischen Morde, Umstürze oder Machterhalt von Diktatoren weitgehend tabuisiert und heruntergespielt.

Christian Feider / 12.10.2021

also hat er national gesehen versucht,ein sozialistisches Projekt umzusetzen,das der eigenen Bevölkerung dienen sollte. So etwas wurde noch NIE auf diesem Planeten zugelassen,entweder haben Ex-Kolonialmaechte die Hände auf den Rohstoffen oder Nachbarstaaten und Wirtschaftskonkurrenten treiben solche Länder früher denn später in Kriege. Traurig,aber wahr, die einfachen Menschen und Ihre Lage zu verbessern, war noch nie real besehen das Ziel von Politik.

Volker Franzen / 12.10.2021

Thomas Sankara hat gezeigt, wozu afrikanische Staaten bei richtiger Führung, die an echter Entwicklung des Landes interessiert ist, fähig sind. Es ist eine Schande, wie dann leider nicht nur in diesem Fall diese guten Beispiele zerstört werden.

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