Jesko Matthes, Gastautor / 21.02.2018 / 14:30 / Foto: Kritzolina / 8 / Seite ausdrucken

Bundeswehr: Der Fachmann staunt und der Laie wird Pazifist

Ich bin einer jener „Weißen Jahrgänge“, die durch Geburt in Berlin-West nie beim Militär waren. Zweimal, mit 27 und 42 Jahren, war ich in der Versuchung, mich freiwillig zu melden, als junger Assistenzarzt und als Facharzt, Quereinsteiger, von Null auf Stabsarzt war das Angebot. Jedes Mal ging ich zum Kreiswehrersatzamt, jedes Mal hielt mich irgendetwas zurück, zuerst eine Karriere am Krankenhaus, zuletzt Mutters Entsetzen. Denn der Einsatz in Afghanistan wäre 2008 praktisch inklusive gewesen. Mutter hatte noch die Zeitungen des Jahres 1944 in Erinnerung, voller Todesanzeigen mit dem „Eisernen Kreuz“. Ende der Vorrede.

Es geht um den Zustand einer Armee, der zum lachen oder weinen dient, aber kaum noch zur Landesverteidigung. Nur: Die ist nicht so wichtig. Wir haben internationale Verpflichtungen!

Sprechen wir über Tatsachen . Solche, die das Bundesverteidigungsministerium negiert; es sieht gar „große Fortschritte“ – alles kein Problem: Von sechs deutschen U-Booten fünfeinhalb nicht einsatzfähig. Ein A400M-Transporter, der eine Menge kann, außer fliegen. Ein Sturmgewehr, das bei Hitze in Mali oder Afghanistan eventuell nicht schießt oder nicht trifft. In Munster kaum ein einsatzfähiger Panzer, Hubschrauber aus dem Vietnamkrieg – Typ Bell UH-1D, „Teppichklopfer“ – dazu ein Übungsvertrag mit dem ADAC, damit die Kampfpiloten wenigstens ein bisschen Flugerfahrung auf modernen Maschinen bekommen. Zelte, Decken und Winterkleidung fehlen.

Moment mal: Das kommt mir bekannt vor. Ab 1936 sammelte man hierzulande fürs Winterhilfswerk des deutschen Volkes, das ab 1941 auch der Wehrmacht zugute kam. Meine damals zwölfjährige Mutter wurde 1941 gezwungen, ihre Kinderskier und Socken zu spenden, wahrscheinlich für minderwüchsige Wehrmachtssoldaten. Das Spendenaufkommen stieg 1940/41 auf 916 Milliarden Reichsmark, 1942/43 auf 1,6 Billionen Reichsmark; geschätzt entspricht das etwa 1,3 Billionen Euro. Es handelt sich also um das Vierfache des aktuellen Bundeshaushalts. Die Deutschen waren schon immer spendenfreudig. Für glückliche Heimkehrer gab es die Medaille „Winterschlacht im Osten“, in Landser-Kreisen ironisch „Gefrierfleisch-Orden“ genannt.

Ich werde meine Wollsocken nicht für die Truppe spenden

Höchste Zeit, eine Sicherheitskonferenz einzuberufen. Von der Leyen, durch absolviertes Medizinstudium ähnlich qualifiziert für die Truppenführung wie ich, findet, dass das Anlass ist, an den USA Kritik zu üben. Man solle dort nicht das Geld kürzen für Entwicklungshilfe und die UNO, das sei gefährlich (lies: gefährlicher, als die eigene Truppe im Zustand des technischen K.O. vor sich hin werkeln zu lassen). NATO-Astrologen sehen die von der Leyen entsprechend schon als künftige NATO-Generalsekretärin.

Und ein geschäftsführender Außenminister, eben noch beschäftigt mit dem Bartwuchs seines gescheiterten Rivalen im Amt und der Ranküne seiner designierten Vorsitzenden, sieht gar „die Welt am Abgrund“. Man könne nicht der einzige Vegetarier unter Fleischfressern bleiben. Und seine Partei, die SPD? Sieht er sie weiterhin in der Pflicht, die Zwei-Prozent-Regel der NATO nicht gar so todernst zu nehmen? Oder ist auch der Bart ab?

Diese Leute werfen das Glashaus mutig ein, in dem sie sitzen. Doch diesmal läuft es anders. Ich werde auch mutig, ich werde weder meinen Rodelschlitten noch meine Wollsocken für die Truppe spenden und auch keine Soldaten per Taxi an die Front fahren, nur noch Soldaten zusammenflicken, ohne Ansehen der Feldpostnummer, denn ich bin Arzt, mit geringem Risiko, denn Kriege sind in Deutschland abgeschafft, sie werden an den Hindukusch und nach Westafrika ausgelagert, oder per Rüstungsexport in die Türkei, denn dort, gegen die Kurden, fährt der Leopard 2

Da das alles niemand merken will, niemand etwas ändert und auch die Truppe selbst sich so seltsam ruhig verheizen lässt, seit sie eine Berufsarmee ohne Staatsbürger in Uniform geworden ist, werde ich auf meine älteren Tage einfach Pazifist. Und Deutschland wird zur Heimat schöner Sicherheitskonferenzen, was soll da noch passieren. 

Der aktuelle Bericht des Wehrbeauftragten zum Zustand der Bundeswehr kann hier heruntergeladen werden.

Lesen Sie zum gleichen Thema auch den Achse-Beitrag „Nicht abwehrbereit: Die Schrott-Armee" von Mitte Januar.

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Leserpost (8)
Karla Kuhn / 21.02.2018

“Und Deutschland wird zur Heimat schöner Sicherheitskonferenzen, was soll da noch passieren.” Ne ganze Menge. Vielleicht streikt der Aku der E-Autos auf dem Weg vom Flughafen zur Stadtmitte ? Denn als gute und umweltbewußte Menschen fahren doch die Gäste solche Autos. Natürlich könnten auch Esel eingesetzt werden aber ob es so viele Esel in Deutschland gibt ?? Ich glaube schon. U- Boote klappen auch nicht, obwohl die Isar kein tiefer Fluß ist.  Und Panzer ? Auch nicht geeignet. Am Ende bleiben noch Schusters Rappen. Allerdings bei Kälte frieren die armen Gäste. Macht nichts, das hält fit, so wie unsere Soldaten.

Peter Vogel / 21.02.2018

Nach der Wende verschenkte man auch Panzer etc. der NVA an die Türkei unter der Vor. das sie nicht gegen die Kurden eingesetzt werden.Sie machten es trotzdem…

G. Fimiani / 21.02.2018

NEIN, Herr Matthes, lassen Sie uns bitte nicht resignieren, obwohl es uns älteren Semestern gelegentlich verführerisch erscheinen mag….....Womöglich fällt es vor allem uns zu, das Prinzip Verantwortung zu verteidigen.

Elmar Schürscheid / 21.02.2018

Was mich dabei irritiert, ist dass die Truppe dies so schweigend hin nimmt. Von Soldaten erwarte ich eigentlich mehr Standfestigkeit und Rückgrat. Doch es scheint, wie bei der Polizei, dass die Kuschelerziehung und Grünrote Indiktrinierung beste Arbeit gemacht hat. Übrigens auch beim Großteil der Bürger fest zu stellen.

Dolores Winter / 21.02.2018

Es ist nichts dagegen einzuwenden eine Frau zur Verteidigungsministerin zu machen, aber eine solche Frau müsste Kompetenz, Willen und eine gewisse Nähe zu den Soldaten besitzen. Frau v.d. Leyen besitzt nur eins: eine Herrenmenschen-Attitüde und verkörpert dabei das typische alles-wollen-aber-nichts-können. Sie hat nicht einmal verinnerlicht, dass nur eine wehrhafte Demokratie eine friedliche Zukunft der Gesellschaft sichern kann. Totaler Pazifismus führt letztendlich zu Chaos und Untergang.

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