Bernhard Lassahn / 19.10.2013 / 22:30 / 1 / Seite ausdrucken

Bum Bum Becker

Ja, ich gebe es zu: Ich bin unsportlich. Dennoch habe ich hin und wieder Sport getrieben. Auf meine Art. Ich habe halbherzig Sport getrieben und halbherzig Spott getrieben.

Denn auch das schnelle Spott- und Schmäh-Gedicht ist nicht gerade meine bevorzugte „Sportart“. Dennoch habe ich hin und wieder so ein Gedicht geschrieben. Eins über Boris Becker. Es gibt davon sogar eine Single von der Gruppe ‚Lilienthal’. Es ist aber nicht wirklich „meine“ Art. Jedenfalls nicht meine liebste. Es geht nicht so sehr um Boris Becker als Person, sondern mehr noch um die Stimmung im Lande zur Zeit seiner großen Siege. Die war mir irgendwie nicht geheuer.

Meine Kollegen haben den Text, als ich den bei einer Radiosendung aufsagte, kritisiert. Die einen meinten, er wäre viel zu harmlos, ich sollte noch mehr die finsteren Ideale aus vergangener Zeit herausstellen: „flink wie ein Wiesel, hart wie Kruppstahl“. Könnte ich das nicht noch irgendwie unterbringen? Die anderen vermissten jegliches Mitgefühl.

Inzwischen neige ich zu den anderen. Eine aufgesetzte Verständnis- und Mitleidslosigkeit, die so typisch für die Satire ist, mag ich heute nicht mehr und habe sie, ehrlich gesagt, auch damals schon nicht besonders gemocht. Einmal habe ich in einer schlaflosen Nacht in einer leeren Wohnung die Fernseh-Programme durchgeknipst und die Übertragung der Scheidung von Boris Becker gesehen. Da hatte ich dann schon Mitgefühl.

Boris Becker ist geschlagen worden. Nicht auf dem Rasen. Im Haus. Babsi hat ihn geschlagen. Was ich dazu an Kommentaren gelesen habe, hat mir gar nicht gefallen. Männliche Opfer sind nicht vorgesehen. Es gibt sie aber. Als ein weiteres prominentes Opfer häuslicher Gewalt hat sich jüngst ausgerechnet Roger Moore geoutet, der besonders unter seiner zweiten Ehefrau zu leiden hatte, die – als sie meinte, er würde ihr nicht richtig zuhören – ihm die Gitarre aus der Hand riss und auf ihm zertrümmerte.

Schade um die Gitarre. Auch um Roger Moore. Was hätte er denn machen sollen? Anzeige erstatten? Ich stelle mir vor, wie er zur Polizei geht und da freudig begrüßt wird: „Sagen Sie nichts, wir wissen es schon: Ihr Name ist Bond, James Bond.“

Doch ich will aus meiner Mördergrube kein Herz machen: Als Sportmuffel bewundere ich die Leistung von Boris Becker. Als kritischer Beobachter war mir seine Rolle als Galionsfigur einer Wir-sind-wieder-wer-Stimmung suspekt. Als mitfühlender Zeitgenosse rührt mich sein privates Schicksal. Als Bücherfreund und Autor muss ich jedoch sagen, dass ich ihm seinen Erfolg auf dem Schauplatz der Buchmesse und in den Weltranglisten der Literatur nicht so recht gönne – ich will nicht lügen.

Wir wollen keine Helden mehr. Zu dem Thema habe ich mit großem Vergnügen und gezückten Bleistift (um hier und da etwas anzustreichen) das Buch ‚Der Held. Ein Nachruf’ von Michael Klonovsky gelesen. Wir nehmen diesen Helden – von denen die des Sports noch die erträglichsten sind –, diesen Helden also, die wir selbst überhaupt erst zu „Helden“ machen, die Verehrung, die wir ihnen entgegenbringen, wenig später übel. Das heißt: Wir nehmen es uns im Grunde selbst übel, wie wir uns verhalten.

„Die Vorsilbe ‚an-’ hat das Verb ‚beten’ inzwischen komplett übernommen“, schreibt Klonovsky, „Diese Helden helfen niemandem mehr, außer vielleicht mal über eine schlechte Laune hinweg, bevor sich, nicht zuletzt ihretwegen, eine neue einstellt.“


Bum Bum

Boris Becker - unser! - Becker
tu dem Volksempfinden Gutes!
Wegbereiter und Vollstrecker
neu erwachten Heldenmutes.

Dass für diese, unsere Jugend
sich wie die Worte wieder reimen
- Jugend reimt sich nun auf Tugend -
dafür Dank Dir, Mann aus Leimen.

Musterbild dem edlen Sporte!
Boris, deutscher Hoffnungsträger,
fehlen manchmal dir die Worte,
sag es, Boris - mit dem Schläger.

Schluss mit lauem Ballgetändel,
Recke du, mit schnellem Balle!
Los! Besiege Ivan Lendl!
Mach den Ivan - Bum Bum - alle.

Spurte weiter, flink zum Netze,
werfe - niemals Dich zu schonen -
Deinen Leib auf Tennisplätze!
Leistung muss sich wieder lohnen.

Boris, wie mit Götter-Gabe
schlugest scharf du manches As.
Wo du hintrittst, Wunderknabe,
wächst die Hoffnung und das Gras.

Wie der Aufschlag Dir gelingt,
dafür Boris, doppelt Dank!
Aufschlag fast wie Aufschwung klingt.
Dank sei dir und Deutscher Bank.

Held mit rötlich-blonden Haaren,
Dir allein gebührt der Lohn,
dass wir - was wir lang nicht waren -
erst durch Dich sind: Volk, Nation.

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netiquette:

Wolf-Dieter Schleuning / 20.10.2013

Schön, aber das berüchtigte Zitat heißt “flink wie die Windhunde,hart wie Kruppstahl…”. Das Wiesel gilt in der anthropomorphischen Naturbetrachtung als feige und verschlagen.

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