Fabian Nicolay / 18.03.2015 / 07:00 / 2 / Seite ausdrucken

Buchbesprechung: ISIS, der globale Dschihad

Von Fabian Nicolay

Der auf den Nahen und Mittleren Osten spezialisierte Journalist Bruno Schirra hat ein Buch über den sogenannten “Islamischen Staat” geschrieben. Wer es liest, wird schlucken müssen.

Keine abschließende Antwort sollte man auf die anfangs von Schirra gestellte Frage erwarten, was Fanatiker dazu treibt, mit Wonne unschuldigen Männern, Frauen und Kindern den Kopf abzusäbeln und andere dazu veranlasst, unter schwarzen Flaggen dies zu bejubeln. Diese Frage ist rein rhetorischer Natur, soll sie doch den Leser dazu aufrufen, näher heranzutreten. Wenn der Autor dann über Karrieren von Netzwerken und Terror-Chefs berichtet, Statistiken von Opferzahlen und Waffenlieferungen heranzieht, bleibt er in der Form sachlich. Der atemberaubende Aufstieg der größten Terrororganisation, die die Welt bisher gesehen hat, liest sich allerdings wie ein spannender Krimi. Bruno Schirra gelingt es mit sprudelnder Eloquenz, die gewohnt bequeme Nachrichten-Haltung des Lesers von vorn herein abzublocken. Wir sind es gewohnt, eine gemütliche Distanz einzunehmen, um unser empathisches Zentrum im Kopf auszuschalten. Diese Haltung der Selbstvergewisserung, die uns glauben macht, es beträfe ohnehin nur die anderen, kommt bei diesem Buch einfach nicht auf. Man steckt von Anbeginn mitten drin im Chaos des Religionskrieges, der Machenschaften der Diktatoren oder Terror-Fürsten und der äußeren und inneren Zerstörung kompletter Gesellschaften. Man ist bei den Opfern. Die Aussage des Autors ist: Es geht uns schon bald mehr an, als wir heute anzunehmen bereit sind. Er will uns sagen: Der Dschihad steht vor Europa und ist dabei, sich strategisch mitten in unserer Gesellschaft einzunisten. Er ist real.

Bruno Schirra hat ein mitreißendes Buch geschrieben, dessen mahnender Grundton frei von Voyeurismus ist. Die atavistische Chimäre aus religiöser Berufung und paranoidem Blutrausch wird nicht unnötig ans Licht gezogen. Dem Autor genügen die Schicksale weniger Betroffener, die er während seiner Recherchen befragen konnte. Es sind kleine Geschichten von verzweifelten Müttern, ausgebrannten Peschmerga-Kämpfern und christlichen Mädchen, die zu Sklavinnen gemacht wurden. Opfer mit Namen, die dem abstakt-nachrichtlichen Leid konkret erlittene Schicksale voranstellen und ihm Gestalt geben. Dann kommt die Erkenntnis, dass “dort unten” groß angelegte “Säuberungen”, Pogrome, stattfinden, vor denen der Westen seine Augen verschließt – aus welchem dümmlichen Kalkül auch immer. Auch dies ist real.

Wer dieses Buch gelesen hat, wird nachvollziehen können, dass die Verheerung ganzer Nationalstaaten, die menschliche Katastrophe und das himmelschreiende Unrecht, nicht ein begrenztes Problem sind und bleiben werden, sondern, dass der Blitzkrieg des ISIS, seine Allmachts-Phantasien, seine perverse Sucht nach Genozid, seine Perfidie, seine Plünderungen, Vergewaltigungen und Versklavungen gegen die Kultur an sich gerichtet sind. Er hinterlässt Opfer wie Täter mit einer Pathologie, mit der wir in Europa umzugehen lernen müssen (Flüchtlinge, Dschihad-Heimkehrer). Der Erfolg des ISIS ist das Menetekel an die westlich-demokratische Saturiertheit, um nicht zu sagen Feigheit. Der “Islamische Staat” kokettiert mit dieser Erkenntnis und schlachtet seine Überlegenheitspose medial aus. Er nutzt unsere Ratlosigkeit zum Wetzen seiner Schneidewerkzeuge. Wenn nicht heute, dann in hundert Jahren, so seine offen verkündete Devise.

Der Autor klärt auf über das Verhältnis des Islam zum Islamismus, über den mörderischen Hass zwischen Schiiten und Sunniten, über terroristische Netzwerke und ihre Strategien, über die Finanziers des Terrors und deren Doppelmoral, und letztlich über das Wesen der ISIS-Schergen und Ihrer Nachahmer. Schirra lässt Zeugen sprechen, die keinen Zweifel daran lassen, woraus sich der Islamismus des ISIS nährt: Sein Masterplan entstammt der wortgetreuen Umsetzung des Koran, der Sunna, der Hadithe. Für Amel Nona, den Erzbischof von Mossul, der von der ISIS eingenommenen und brutal “gesäuberten” Stadt, ist es deshalb nicht nachvollziehbar, warum nichtmuslimische Experten im Westen nach wie vor auf eine Trennung von Islam und Islamismus beharren, nur weil dies in ihr stereotypes Kulturkonzept passt. Denn der Islamismus, so sagt er, würde schlicht ohne den Islam nicht existieren. Außer mit den westlichen Experten ist er da völlig im Einklang mit den Fanatikern des ISIS und anderer Terrororganisationen. Nona, seines Bistum beraubt, ermahnt uns: “Der Islam sagt nicht, dass alle Menschen gleich sind. Eure Werte sind nicht die seinigen.”

So klingt es irgendwie banal, wenn der Chef des Terrors die Ziele des “Islamischen Staats” vorgibt: Zunächst bricht ISIS den Widerstand in den eigenen Reihen; alle Abtrünnigen, die nicht des rechten Glaubens sind (Jesiden, Schiiten, Kurden), sollen vernichtet werden, ebenso die christlichen “Kreuzzügler” mit ihren westlich dekadenten Werten. Endziel des ISIS ist die Wiederherstellung eines großislamischen Reiches, wie es im Mittelalter existierte. Das alles ist erklärter Wille des selbsternannten Kalifen des “Islamischen Staats” Abu Bakr al-Baghdadi und er verkündet seine Endlösung: Es ist die Vernichtung Israels.

Das Buch lässt ein kulturpessimistisches Grundrauschen vernehmen, das vom geschauten Terror des ISIS herrührt, dessen Prämisse mit keiner Kommunikationsstrategie des Westens geschweige denn mit seiner Diplomatie noch vereinbar ist. Leider gelingt es auch hier: Der Terror des ISIS soll Schrecken verbreiten. Er soll den Westen an seiner Integrität und Integrationsfähigkeit zweifeln lassen, seine Umarmungsversuche abwehren und die säkulare Gesellschaft spalten. Die Reformunfähigkeit des Islam ist nicht ein Integrationshemmnis, sondern vielmehr seine Kraft. Daran erinnert uns der Autor, wenn er beleuchtet, was junge Europäer heute so anziehend an ihm finden.


Bruno Schirra,
ISIS
Der globale Dschihad
Wie der “Islamische Staat” den Terror nach Europa trägt
Econ, 18 €
ISBN 978-3-430-20193-3

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Clemens Hofbauer / 20.03.2015

Können wir den Islam ändern? Dass er so streichelweich wird wie z.B. unser Protestantismus mit weiblichen Imamen und gemeinsamem Freitagsgebet von Männern und Frauen im selben Raum und vor allem mit viel viel Toleranz gegenüber Christen, Buddhisten, Hindus, Schwulen, Lesben und Transgenderpersonen etc. pp? Vergiss es! Das zu meinen wäre Zeichen einer Hirnauflösung im Endstadium. Nicht einmal eine Ansprechstelle, mit der man gültige Verträge abschließen könnte wie das etwa in der Autorität des Papstes in der katholischen Welt gegeben ist, hat der Islam bisher zusammengebracht. Ist man mit einer Gruppe Freund, rennt einem die andere das Messer in den Buckel. Was ist also zu tun? Entweder wir werden selber Moslems. Dann hätten wir zwar eine zeitlang Ruhe vor unseren nächsten Nachbaren, würden aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nie als “echte” Muslime anerkannt werden, obwohl wir weiterhin laufend in islamistische Streitereien hingezwungen wären. Oder wir finden ein Antidot. Nur wie und welches? Dazu nur ein kleiner Hinweis: der Atheismus zieht Moslems an, wie faules Fleisch die Fliegen.

Klaus Metzger / 18.03.2015

Wenn man eine Lösung sucht, für den Islamischen Staat, muss man sich die Strukturen im Irak ansehen, die ihn erst möglich gemacht haben. Die schnellen Erfolge des IS haben damit zu tun, dass die marginalisierten sunnitischen Stämme sich eine eigenständige militärische, politische und letztlich auch religiöse Lösung gesucht haben, um sich im schiitisch dominierten Irak wieder Gewicht zu verschaffen. Hat man diese Struktur verstanden, wird klar, dass weder die Kurden im Norden den IS bekämpfen werden, sie werden lediglich verhindern, dass er sich in die Kurdengebiete ausdehnt, noch die irakische Armee und auch nicht die iranischen Milizen, die beide rein schiitisch sind. Selbst wenn Armee und Milizen Erfolge hätte, würden sie immer als feindliche Besatzungsarmee in den sunnitischen Stammesgebieten bekämpft. Die einzige Lösung, wenn man daran überhaupt interessiert ist, ist eine Stärkung gemäßigterer sunnitischer Kräfte, auch aus dem Umfeld der alten Baath-Partei und Saddams Armee, bis hin zur Selbständigkeit oder Autonomie der sunnitischen Gebiete. Hilfreich könnte sein, dass sich Al Baghdadi zum Kalifen ausgerufen hat, also zum Oberhaupt aller Sunniten. Das dürfte den Saudis und anderen arabischen Golfstaaten nicht gefallen und könnte dazu führen, dass die Unterstützungsgelder an andere Gruppen gehen. Dagegen stehen die Interessen Irans, der kein unabhängiges sunnitisches Gebiet zulassen wird und die Interessen der Türkei, die mit taktischen Mitteln versuchen ein unabhängiges Kurdistan zu verhindern. Und solange sich die Kurden an ihren Grenzen mit dem IS rumschlagen, ist die Gefahr dafür gering. Aber vielleicht ist es für all das schon zu spät und die Welt erlebt einen weitern Konflikt, der sich über Jahrzehnte hinzieht.

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