Henryk M. Broder / 11.04.2018 / 12:00 / Foto: Ra Boe / 41 / Seite ausdrucken

Bruchpiloten im freien Fall

Ich will mich heute bei allen bedanken, die dazu beigetragen haben, dass unsere „Gemeinsame Erklärung 2018" bis jetzt von fast 120 tausend Unterstützern gezeichnet wurde. Bei Caroline Fetscher vom Tagesspiegel, bei Simone Rafael, der rechten Hand von Anetta Kahane, formerly known as „IM Victoria", von den Belltower News, bei Michel „Paolo Pinkel" Friedman und bei Max „Dieter" Moor von ttt, bei Ernst Elitz von Cicero und natürlich bei der unermüdlichen, unersättlichen und unvollendeten Juli Zeh, die sich mutig hinter Angela Merkel gestellt und eine sehr originelle Theorie entwickelt hat, was „den Konservatismus so attraktiv" macht. 

Mein ganz besonderer Dank aber gilt den Unterzeichnern und Unterzeichnerinnen der Erklärung „Reflektierte Vielfalt statt nationaler Homogenität“ und ihrem Initiator Dr. Clemens Heni, Direktor des Berlin International Center for the Study of Antisemitism (BICSA). Schon der Titel ist eine sprachliche Delikatesse, an der Dr. Heni und seine Mitstreiter tagelang gefeilt haben müssen: „Reflektierte Vielfalt statt nationaler Homogenität". Ja, das hat Schwung, das groovt und rockt, das geht unter die Haut. Worum geht es in dem Papier? Was erfahren wir?

"Es ist purer Zufall, wo ein Mensch geboren wird." Nicht ganz, es kommt auch darauf an, wo er gezeugt wurde.

„Menschen, die fliehen, lassen alles zurück, Materielles, Erinnerungen, Familien, das Klima, Jobs, Düfte, Geräusche." Vor allem aber lassen sie ihre Ausweise und Pässe zurück, denken aber daran, ihre Mobiltelefone mitzunehmen.

„Und jetzt werden sie in nie dagewesener Form attackiert, mit Brandsätzen, Blicken, Schlägen, Worten und Erklärungen." Ja, solche Erklärungen können echt weh tun, vor allem in einem fremden Klima, ohne die vertrauten Düfte und Geräusche.

„Viele Probleme, die zur Flucht führen, rühren von unserem Verhalten her, seien es die Weltwirtschaftsordnung, Waffenexporte oder die Klimapolitik." Das ist so klar, dass es mit keinem Wort erklärt werden muss. Bleibt nur die Frage, warum die Flüchtlinge in die Arme jener fliehen, die ihre Probleme verursacht haben. Das ist so logisch, als wären Juden nicht aus dem Dritten Reich, sondern in das Dritte Reich geflohen.

In der Sackgasse der geplatzten Hoffnungen

„Wir stehen für Vielfalt, ohne die Herausforderungen, die sich daraus ergeben, zu ignorieren." Das könnte auch Angela Merkel so gesagt haben. Hat sie es nicht sogar getan?

Einen wesentlichen Punkt lässt die vom Direktor des Berlin International Center for the Study of Antisemitism initiierte Erklärung außer acht, den von den Flüchtlingen mitgebrachten Antisemitismus. Seltsam, nicht wahr? Es ist, als ob ein Kardiologe bei einem Vortrag über alles Mögliche reden würde, nur nicht über Herzerkrankungen.

Man muss diese Erklärung gelesen haben, um zu verstehen, wo die dummschwatzende Linke angekommen ist: in der Sackgasse ihrer geplatzten Hoffnungen. Unfähig, sich selbst zu behaupten, musste sie die Welt retten, wollte immer der Vormund sein und brauchte dazu immer neue Mündel. Die Arbeiterklasse, der sie die „Diktatur des Proletariats" versprach, die Dritte Welt, der sie ihre „internationale Solidarität" aufzwang, die Palästinenser, die sie im Kampf gegen den Zionismus unterstützte. Und jetzt sind es eben die Flüchtlinge, die als Betreute herhalten müssen. Manchmal auch ohne oder gegen deren Willen.

Wer keinen Job bei der Rosa-Luxemburg- oder Heinrich-Böll-Stiftung abbekommen hat, der macht sich eben selbstständig, gründet ein „Berlin International Center for the Study of Antisemitism" und ernennt sich zum „Direktor" des Instituts. Selten war das Adjektiv „selbsternannt" so angebracht wie in diesem Fall. Heni ist ein intelligenter und geschickter Hochstapler. Er leitet nicht nur das Center, er ist auch sein erster, bester und einziger Mitarbeiter. Und das Center befindet sich im Wohnzimmer seiner Wohnung. Einen kurzen, aber durchaus verdienten Moment des Ruhms hatte Heni, als er auf der Achse einen Beitrag über den Doktorvater von Wolfgang Benz, Karl Bosl, veröffentlichte, gut recherchiert und belegt.

Acht Jahre später läuft er einem Zug hinterher, dem die Puste auszugehen droht und solidarisiert sich mit denen, „die sich aktiv für eine heterogene und offene Gesellschaft einsetzen und sich den Feinden der Vielfalt aktiv entgegenstellen". Das tun auch Juli Zeh, Liane Bednarz, Caroline Fetscher, Paolo Pinkel, Max Dieter Moor, Harald Welzer, Simone Rafael, IM Victoria et alia. 

Die Bundesagentur für Arbeit macht Stimmung

Die Botschaft, die diese angeranzten Gutmenschen verbreiten, lautet:

Es gibt keine Masseneinwanderung.

Es gibt keine illegale Masseneinwanderung, denn kein Mensch ist illegal, und jeder Mensch hat das Recht zu entscheiden, wo er leben möchte. (Nur nicht die jüdischen Kolonialisten in Palästina).

Es stimmt nicht, dass die „Geflüchteten" in die sozialen Systeme einwandern. Sie holen sich nur, was ihnen zusteht, nämlich ihren Anteil an dem Reichtum, den wir der Weltwirtschaftsordnung, den Waffenexporten und der Klimapolitik verdanken. Nur Bekloppte, Fremdenfeinde und Rassisten wie Seehofer behaupten das Gegenteil, und die Bundesagentur für Arbeit macht Stimmung mit erfundenen Zahlen.

So sieht es aus. Statt den Geflohenen dankbar zu sein, dass sie zu uns kommen und uns eine Chance geben, „die Herausforderungen, die sich daraus ergeben", zu meistern, machen wir ihnen das Leben schwer. Was für eine Scheißgesellschaft! Sie wird nie begreifen, dass „reflektierte Vielfalt" viel besser ist als „nationale Homogenität".

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Leserpost (41)
Bernhard Krug-Fischer / 11.04.2018

Hoffentlich unterschreiben viele Leute die Erklärung “Reflektierte Vielfalt statt nationaler Homogenität”. Wieso und warum? Wenn es mal soweit kommen sollte (ich schließe das überhaupt nicht aus), dass Asylbewerber in Privatunterkünften untergebracht werden müssten, weil staatlich bereitgestellter Wohnraum nicht ausreicht, dann hätte man schon viele Adressen. Die Unterzeichner der “Erklärung 2018” bleiben außen vor, denn man kann einen Asylbewerber wirklich nicht zumuten, dass er bei einem “Rechtsradikalen” untergebracht wird. Das wird erstens nicht gut gehen und zweitens starke Proteste der Linken hervorrufen.

Benjamin Beldea / 11.04.2018

Wenn man ob der täglichen Absurditäten unserer Zeit wieder das Gefühl hat, das eigene Hirn bekäme keine Luft mehr, braucht man nur einen Artikel von Herrn Broder zu lesen, oder auch einen anderen auf Achgut, und schon wird das Oberstübchen wieder frisch und klar. Haben Sie tausend Dank ...

Fridolin Sommer / 11.04.2018

Bei Kulturzeit in 3Sat wurde behauptet, dass rund 40% der Unterzeichner AfD nah sind ider zur neuen Rechten gehören. Wie haben die das bei über 100 Tausend Personen feststellen können. Wurden hier facebook-Profile oder angezapft oder gibt es irgendwo Dateien, wo zu jeder Person die politische Gesinnung abgespeichert ist? Soviel Information hatte noch nicht mal die Stasi!

Emilie Pforr / 11.04.2018

Einfach nur klasse, Herr Broder!  Danke. Wie krank müssen diese Leute sein, daß sie Fakten ignorieren.  Sie müssen (und ich hoffe es) schon ziemlich am Ende sein, wenn sie sich dermaßen gebärden.

Sabine Schönfelder / 11.04.2018

Das ist doch wohl eine Persiflage? Und wenn nicht, dann doch ein bißchen konkreter Judith, Paolo und Co. Jeder der unterschreibt soll reflektieren wieviel Vielfalt er zu Hause bei sich unterbringen kann, damit er nicht mehr so homogen leben muß. Bei Heni steht offensichtlich das ganze Institut leer. Da geht doch was. Dann kann er sich jahrein, jahraus um seine menschlichen Geschenke selber kümmern und sie ein bißchen pekuniär unterstützen. Es ist dann auch keine Masseneinwanderung, sondern Besuch aus vielen schönen anderen Ländern und wenn der Gastgeber sie alleine versorgt, müssen die lieben Geschenke auch nicht in die Sozialsysteme einwandern. Na also!

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