Springsteen war mein Lehrer, bevor ich Lehrer hatte. Zum 50. von „Born to Run“ eine Liebeserklärung – und eine Abrechnung.
Zu Beginn ein Bekenntnis: Bruce Springsteen war meine Jugend. Seine Musik half mir, mich zu finden und mich selbst zu akzeptieren. Das heißt was! Kein Elternhaus und schon gar keine Schule vermag das zu leisten. Musik war meine Kirche. Und Bruce Springsteen war ihr Hohepriester. Er predigte mir über Liebe und Hass und über Gewinnen und Verlieren. Er konnte sanft und leise sein, geradezu konspirativ, nur um im nächsten Moment zu explodieren. Dabei schrie er sich mit einer Leidenschaft die Seele aus dem Hals, die mich direkt in mein hungriges Herz traf.
Das erste Mal begegnete mir sein Name auf einer Schallplatte von Manfred Mann's Earth Band. Wenn ich mich recht entsinne, war es das Album „Roaring Silence“ von 1976 und der Song „Blinded by the Light“. Auf dem Cover stand unter dem Titel in Klammern: (Bruce Springsteen). Damit wurde anzeigt, dass das Lied von ihm geschrieben wurde. Allein schon der Name faszinierte mich. Schon bald entdeckte ich ihn dann noch unter einem anderen meiner Lieblingslieder von Manfred Mann: „Spirit in the Night“ vom 1975er Vorgänger „Nightingales & Bombers“.
Beide Songs entstammen Springsteens Debütalbum „Greetings from Asbury Park, N.J.“ aus dem Jahr 1973. Allerdings sollten noch ein paar Lenze vergehen, bis mir die Originalversionen zu Ohren kommen würden. Ich war zwölf oder dreizehn, als im Rockpalast während der Umbaupause ein Video von Bruce Springsteen gezeigt wurde, das mich regelrecht umhaute. Ich hatte damals ja auch schon ein bisschen was mitbekommen. Aber das Charisma und die Power dieses Mannes... Mein lieber Herr Gesangsverein! Das war eine ganz andere Nummer.
Das schönste Liebeslied
In den darauffolgenden Wochen und Monaten sparte ich mein Taschengeld und besorgte mir ein Album nach dem anderen von ihm (glücklicherweise hatte er erst vier!). Springsteen war bei uns damals noch weitgehend unbekannt, weshalb seine Platten gar nicht so einfach zu finden waren. Wenn überhaupt, stand in den Plattenläden oft nur ein einziges Exemplar im Regal. Als erstes erheischte ich das famose „Darkness on the Edge of Town“; damals sein aktuelles Album und bis heute meine Lieblingsscheibe von ihm.
Als nächstes ging mir sein nicht minder großartiges „Born to Run“ ins Netz, welches jetzt im August sein 50-jähriges Jubiläum feiert. Von den beiden Alben ist es das lyrischere, mit den epischen Einleitungen und dem oft rockopernhaften Charakter der Songs. Das fängt gleich mit dem Opener „Thunder Road“ an, der nach dem gleichnamigen Kultfilm von 1958 mit Robert Mitchum in der Hauptrolle benannt ist. Für mich eines der schönsten Liebeslieder, die jemals geschrieben wurden.
Es handelt davon, dass der Protagonist seinen ganzen Mumm zusammennimmt und bei seiner Angebeteten vorfährt, um sie zu einer Spritztour einzuladen. Dabei setzt er sein ganzes Repertoire an Überredungskünsten ein und versucht ihr auch noch den Schneid abzukaufen, indem er ihr attestiert: „You ain't a beauty, but hey, you're alright“ („Du bist keine Schönheit, aber hey, dafür bist du ganz in Ordnung“). Paradoxe Intervention nennt man das in der Psychologie. Manchmal hilft's.
Der neue Springsteen-Sound
Das nachfolgende „Tenth Avenue Freeze-Out“ ist eine groovige R&B-Nummer, die sich nahtlos in den Blues-Brothers-Film eingefügt hätte. Der Bläsersatz wurde vom späteren E-Street-Band-Gitarrero Steven Van Zandt arrangiert und von den Brecker Brothers, David Sanborn und Wayne Andre geschmettert. Inhaltlich geht es um die Anfangszeit der Band; als sie noch erfolglos durch die Lande tingelte, bis schließlich der hünenhafte Saxophonist Clarence „Big Man“ Clemons dazustieß und den Laden zum Laufen brachte.
Weiter geht’s mit einem Song namens „Night“, der einmal mehr den verblichenen Amerikanischen Traum beschwört, der inzwischen für viele unerreichbar geworden ist. Um der Monotonie des Alltagstrotts in der Kleinstadt zu entkommen, bleibt nur noch die Flucht über den Highway ins Nachtleben der Big City, wo man mit all den anderen Desperados der Hoffnung hinterherjagt, etwas Wahres und Bleibendes zu finden: die große Liebe – die Eine.
Und dann kommt's: Es beginnt schleichend mit einem spannungsvollen Piano-Intro, gespielt von Roy Bittan, der erst zu den Aufnahmesessions zum Album dazugekommen war und durch sein schmückendes Klavierspiel den neuen Springsteen-Sound nachhaltig prägen sollte. Flankiert vom flinken Bassspiel Garry Tallents pirscht sich die Pianofigur immer näher heran, bis schließlich mit einem Mal die Band zuschlägt. „Backstreets“ ist der erste Hammer des Albums. Es handelt von einer unzertrennlichen Freundschaft, die letzten Endes dann doch zerbricht: „But I hated him. And I hated you when you went away.“ (Ich hasste ihn. Und ich hasste Dich, als du fortgingst.“)
Geboren, um zu fliehen
Die Strophe singt Springsteen mit sonorer Stimme, die an Elvis erinnert, sich aber wohl nach Roy Orbison anhören soll, den er neben Phil Spector und Duane Eddy als wesentlichen Einfluss auf die Musik des Albums nannte. So hatte man ihn auf alle Fälle noch nicht singen gehört. Den Refrain „Hiding on the Backstreets“ hingegen brüllt er mit einer Inbrunst heraus, die einem Schauer über den Rücken laufen lässt. Damit findet eine fantastische erste Seite ihr fulminantes Ende. Was kann da noch kommen?
Nichts weniger als das absolute Highlight des Albums: Der monumentale Titelsong „Born to Run“ (was sich als „geboren, um zu fliehen“ übersetzen ließe) ist eine viereinhalbminütige Rockoper, die klingt, als würde sie von einem Americana-Orchester gespielt. Es ist Springsteens ganz großer Wurf, ohne den seine Karriere möglicherweise zu Ende gewesen wäre. Nachdem seine ersten beiden Alben gefloppt waren, hatte er von seiner Plattenfirma noch einen Schuss frei. Und der musste sitzen.
Gerade rechtzeitig war ihm wieder dieser Songtitel eingefallen, mit dem er schon seit einiger Zeit schwanger ging. Er wusste nicht, wo er den Slogan „Born to Run“ schon einmal gehört oder gelesen hatte: in irgendeinem Film oder auf der Kühlerhaube eines Autos? Auf jeden Fall bündelte sich darin dieses ganze Gefühlschaos, das ihn schon seit langem umtrieb. Diese Aussichtslosigkeit, dieses Ausgeliefertsein an eine erdrückende Gesellschaft, die einem die Luft abschnürt und die ganze Hoffnung raubt; vor der man nur noch weglaufen möchte.
Sechs Monate allein für den Song
Der Song „Born to Run“ wurde noch von der alten Besetzung der E-Street-Band eingespielt, mit David Sancious an den Keyboards und Ernest „Boom“ Carter am Schlagzeug, der den gefeuerten Vini „Mad Dog“ Lopez ersetzte. Nach Abschluss der Aufnahmen schieden auch sie aus, um eine Jazzband zu gründen. Dafür kamen der bereits erwähnte Roy Bittan und Drummer Max Weinberg. Allein die Aufnahmesessions für den Song hatten sich über ganze sechs Monate hingezogen, was primär Springsteens Perfektionismus geschuldet war. An jedem Ton und an jeder Silbe wurde so lange herumgefeilt, bis es sich so anhörte, wie es ihm vorschwebte.
Am Ende bestand das Stück aus zweiundsiebzig verschiedenen Takes, darunter Bläser, Streicher, Backgroundsängerinnen sowie ein Glockenspiel, die auf die sechzehn Spuren des Aufnahmegerätes gequetscht waren. Ein früher Mix von „Born to Run“ wurde im Spätherbst 1974 von Produzent und Manager Mike Appel regionalen Radiostationen zugespielt, wo sich der Song rasch zu einem Publikumsliebling mauserte. Die offizielle Single wurde dann zusammen mit dem Album gegen Ende August 1975 veröffentlicht.
Fun-Fact am Rande: Von diesem Roughmix bekam auch Hollies-Sänger Allan Clarke Wind, der noch im Jahr 1974 eine Coverversion von „Born to Run“ aufnahm, die sogar noch vor Springsteens eigener Version fertiggestellt wurde, aber dann doch erst später erschien. Im Vergleich fällt Springsteens Original aber um einiges kraftvoller und authentischer aus.
Endlich der benötigte Erfolg
Die Single von „Born to Run“ verfehlte knapp die Top 20 der amerikanischen Charts. Das Album aber konnte sich bis auf den dritten Platz vorkämpfen und brachte endlich den dringend benötigten Verkaufserfolg. Springsteen selbst hatte jedoch schon alle Hoffnung aufgegeben. In seiner Autobiografie erzählt er, dass er sich gerade an einem Hotelswimmingpool von einem seiner schweißtreibenden Auftritte erholte, als er eine Anpressung des fertigen Albums in die Hand gedrückt bekam, die er angewidert ins Wasser schmiss.
Wie auch immer. Keinesfalls aber darf diese Würdigung schließen, ohne das brillante Schlussstück „Jungleland“ erwähnt zu haben. Auch wenn sein Klavierintro verdächtig nach „Starting Over“ von der Power-Pop-Band The Raspberries um Eric Carmen klingt, von der Springsteen ein bekennender Fan war und den Song als einen der besten Popsongs aller Zeiten bezeichnete, darf „Jungleland“ zu den wichtigsten Stücken aus Springsteens Frühphase gezählt werden.
Genial, wie bei der Textzeile „From the churches to the jails...“ die Kirchenorgel einsetzt, auf die kurz danach das I-V-IV-Gitarrenriff folgt, das für mich für alle Zeit mit Springsteen und seiner Musik verbunden bleiben wird. Und last but not least das grandiose Saxophon-Solo des Big Man, das so elegant durchkomponiert klingt, aber tatsächlich aus mehreren Improvisationen zusammengesetzt wurde.
Das größte Americana-Album
In der plastischen Poesie des Songtexts von „Jungleland“ erscheint die Lebenswelt des jungen Amerikas als freie Wildbahn einer urbanen Dschungellandschaft, in der ganz eigene Rituale, Regeln und Gesetze herrschen. Wie in einem Summary greift Springsteen noch einmal die thematischen Fäden des Albums auf und führt sie in einer dramatischen Klimax zusammen, mit der die Scheibe dann nach knapp vierzig Minuten zu ihrem Ende kommt.
Mit „Born to Run“ hat sich Bruce Springsteen einen der vordersten Plätze unter den großen amerikanischen Singer-Songwritern gesichert. Wahrscheinlich ist es sogar das größte Americana-Album überhaupt, in dem das amerikanische Streben nach Glück und individueller Freiheit am energischsten zum Ausdruck kommt. Der Song „Born to Run“ jedenfalls avancierte zur inoffiziellen Hymne des Bundesstaates New Jersey, auch wenn ein offizieller Antrag vom Senat des Landes abgelehnt wurde.
Einer Mehrzahl der Senatoren war der eskapistische Charakter des Songtextes sauer aufgestoßen, der sich wie eine Fundamentalkritik am etablierten American Way of Life lesen lässt und nicht zuletzt von dem Grundtenor getragen wird, aus New Jersey abzuhauen. Nichtsdestoweniger sang sich der 1949 in Long Branch, N.J. geborene Springsteen mit Songs wie diesem oder „Badlands“ und „The River“ in die Herzen der Amerikaner und wurde als führender Vertreter des Heartland-Genres zur Stimme des einfachen arbeitenden Mannes.
Geschichten aus dem Leben
Obgleich er selbst nie einer geregelten Arbeit nachgegangen ist, verstand es der „Boss“ in seinen Songs Geschichten aus dem Leben zu erzählen, in denen sich viele Menschen wiedererkennen konnten. Im Jahr 1984 gelang ihm mit „Born in the U.S.A.“ schließlich auch der internationale Durchbruch. Der Protestsong, den Viele (auch Amerikaner!) als ein I'm proud to be an American missverstanden, stellt eigentlich eine Gesellschaftskritik dar, die die schändliche Vernachlässigung der amerikanischen Kriegsveteranen beklagt.
Nach einer Tournee um die ganze Welt legte Springsteen seine E-Street-Band auf Eis, ließ sich scheiden, heiratete seine Backgroundsängerin Patti Scialfa, wurde Vater und produzierte Soloalben. Erst nach dem 11. September 2001 trommelte er seine alten Mitstreiter wieder zusammen, um das Album „The Rising“ aufzunehmen. So richtig begeisterten mich aber erst wieder sein Countryalbum „Western Stars“ von 2019 und „Letter to You“ aus dem Folgejahr. Dass er auf seine alten Tage noch einmal zu solch einer Hochform aufläuft, hätte ich ihm tatsächlich nicht mehr zugetraut.
In jüngster Zeit machte Springsteen durch seine scharfe Kritik an der Trump-Administration von sich reden. Er hätte gut daran getan, sich – wenn schon, dann – ebenso kritisch mit Obama, Clinton, Biden und Harris auseinanderzusetzen, denen er sich hingegen als Wahlkampfhelfer andiente. Er gehört halt längst auch schon zum Establishment. Trump indessen reagierte dumm und unsouverän, anstatt die wohlfeilen Seitenhiebe eines hochmütigen Unterhaltungskünstlers an sich abtropfen zu lassen. Und beide merken offenbar gar nicht, wie sehr sie Teil dieses Spiels sind, in dem Amerika sich selbst verzockt.
YouTube-Link zu einem der schönsten Liebeslieder ever: „Thunder Road“
YouTube-Link zum überragenden Albumtrack „Backstreets“
YouTube-Link zum monumentalen Titelstück „Born to Run“
Und als Zugabe noch eine Live-Version von „Jungleland“ von Springsteens erstem Auftritt in Europa, 1975 im Londoner Hammersmith Odeon
Hans Scheuerlein ist gelernter Musikalienfachverkäufer. Später glaubte er, noch Soziologie, Psychologie und Politik studieren zu müssen. Seine Leidenschaft gehörte aber immer der Musik.

„… von dem Grundtenor getragen wird, aus New Jersey abzuhauen.“
Das wird jeder verstehen, der New Jersey kennt.
PS
1975 waren die viele Helden des Rocks mehrere Jahre tot, und Woodstock war Legende, Sie markierte das Ende einer Musikepoche. Don McLean sang in dem magischen Jahr 1971 davon, meinte eigentlich einen anderen Toten aber der Club 27 war eben 1971. 1975 war schon eine andere (Musik)Welt.
Springsteen war die sanftere, massenkompatible 2. oder 3. Generation.
Ich weiß nicht, wie viele seiner Konzerte ich besucht habe, zumeist in Begleitung meines Sohnes. Allerdings meiden wir neuerdings seine Konzerte und sind uns einig: Wir wollen ihn im Konzert singen hören und die – immer noch – geballte Leidenschaft erleben. So lange er seine Konzerte mit einem minutenlangen Trump-Bashing eröffnet, ist Schluss. Er soll einfach nur singen!
Von dem (Springsteen) habe ich keinen einzigen Tonträger, weil mir dessen Musik am A…. vorbei geht! Der ist mir nur als Demokraten-Sympathisant unangenehm ihn Erinnerung!
Warum nicht mal eine Reminiszenz von einem Künstler, der wirklich etwas von Musik verstand, z. B. Ray Charles: 65 Jahre „ Hit The Road Jack“?
andreas donath.
„solch selbstgerechten Figuren wie dem selbstgerechten Corona-Hardliner Springsteen“
danke für die Info.
grad kurz gegoogelt . wusste ich nicht.
jetzt sinkt mein Ansehen für Springsteen aber gewaltig.
Einspruch: „Dumm und unsouverän“ ist es, wenn Musiker ihren Status dafür missbrauchen, ihrer unmaßgeblichen politischen Meinung besondere Stimme und Reichweite zu geben. Einer vom Format Springsteens hätte es nicht nötig, sich in die Tagespolitik einzumischen – alles, was er zu sagen hat, sagt er besser mit seinen Liedern, die ich auch als Klassik- und Jazzliebhaber über Jahrzehnte als zeitlose Begleiter durchs Dasein schätzen gelernt habe.
Wieso sollte „Amerika“ sich selbst verzocken ? Die Trump – Regierung mistet den links – grün – woken Saustall aus, und das ist gut so ! Und dieser
unmusikalische linke Brüll – Ochse kann gleich mit entsorgt werden.
maciste grüßt euch. springsteen ist fünfte kolonne und der potus hat schlichtweg recht, auch wenn die bräsigen doofmichel sich noch peinlich winden, das anzuerkennen. mit leuten wie springsteen sollte man verfahren, wie der milde stalin es getan hätte. ich bin rechts. battle on.