Achgut.tv / 06.08.2018 / 06:25 / 41 / Seite ausdrucken

Broders Spiegel: Die Selbstkastrierung der deutschen Presse

Deutsche Journalisten diskutieren derzeit gern über schlechtes und gutes Framing. Sie sorgen sich, dass mit den falschen Begriffen eine falsche Stimmung erzeugt werden könnte, weshalb sie mit den richtigen Begriffen für die richtige Stimmung sorgen wollen. Das wäre dann gutes Framing. Doch woher kommt diese Sehnsucht nach sprachlicher Gleichschaltung? Gehört eine gewisse Wortgewandtheit nicht zu den Berufsvoraussetzungen? Wieso wünscht man sich dann Sprachregeln nach der Art einer Bundesschrifttumskammer, die viele Kollegen offenbar zu vermissen scheinen? Oder sind das heimliche Kastrationswünsche? Und warum die Begriffswahl „Framing“ ziemlich kurios ist, bekommen Sie im Video auch erklärt.

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Leserpost

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Martin Landner / 06.08.2018

Im Grunde sollten Kinder in der Schule lernen, wie “Framing”, Begriffswahl oder Agitprop allgemein funktioniert. Danke, dass die Achse des Guten diesen Bildungsauftrag erfüllt ;)

Karsten Paulsen / 06.08.2018

Der Begriff framing kommt aus der Kommunikationswissenschaft und wurde bei seiner Einführung in der systemischen Familientherapie zur (sehr knapp ausgedrückt) zur Befreiung feststehender Denkmuster angewandt. In der Psychotherapie eine wirksame und auch hilfreiche Denkkonstruktion. Durch Beratungsfirmen, insbesonders aus der systemischen Familientherapie, sind diese sprachlichen Konstrukte (nicht nur framing) in den Sprachgebrauch der Firmenlenker und Politiker gelangt, die diese Methoden wirksam pervertiert haben und sie zur Verschleierung denn zur Lösung von Problemen anwenden.

Joerg Langelotz / 06.08.2018

Hoffentlich komme ich jetzt nicht als Klugsch…... rueber, aber ich finde die Anwendung des Begriffs Framing weniger kurios als H.M. Broder, der Begriff macht durchaus Sinn und wird auch von Australiern, Amerikanern und Briten in diesem Sinne so gebraucht. Was den Rest des Beitrages betrifft - 100% Uebereinstimmung!!! Wie so oft, wenn auch nicht immer.

Martin Landvoigt / 06.08.2018

Framing im Sinne von Betrug trifft doch zu. Der Medenmainstream will doch betrügen, und sagt das auch ... durch die Blume. Es ist sozusagen eine ehrlicher Betrug.

J. Wolf / 06.08.2018

Huch, das nennt man wohl freud’sche Fehlleistung. Ein Begriff der harmlos daher kommt, und übersetzt wohl etwas wie “Rahmengebung” bedeuten soll, offenbart in einer weiteren Übersetzungsmöglichkeit die wahre Absicht der Protagonisten. Wobei es gar keiner freud’schen Fehlleistung mehr Bedarf um zu erkennen, dass diese Möchtegern-Intellektuellen und Theoretiker in einem Endlos-Orbit um sich selbst kreisen, und vor dem Pöbel ziemlich nackt da stehen, ohne es zu merken. Die Karten liegen seit langem auf dem Tisch, da hilft auch kein Framing mehr (früher Gehirnwäsche).

Alexander Brandenburg / 06.08.2018

Sehr geehrter Herr Broder! Glauben Sie wirklich, dass unsere gute alte Reichsschrifttumskammer abgeschafft wurde? Ich habe da meine Zweifel. Vielleicht haben sich die Namen dieser Einrichtungen und ihre Verteilung aufs Land verändert, aber ihre Funktion der unbewussten Gängelung des Denkens durch Sprachregulierungen, Redewendungen, Bezeichnungen, Satzformen und millionenfachen Wiederholungen wird weiterhin ausgeübt. Diese ausgewählte Sprache denkt nicht nur für uns, sondern sie moduliert auch unsere Seele und unsere Gefühle. Worte können “Arsendosen” (Victor Klemperer) gleichkommen, deren Giftpotential erst nach einiger Zeit zutage tritt. Ein weitere Funktion der Kammer besteht darin, andere Meinungen erst gar nicht vorzustellen und in jeder Form zu unterdrücken. Der Hörer, Leser, Seher soll nicht in Alternativen denken, sondern im Einheitsduktus. Auch diese Leistung wird heute überall geliefert. Flüchtling, Hilfe, Rettung, Menschenrechte, Religionsfreiheit, Europa- alles sind positiv konnotierte Begriffe der Gängelung und der politischen Durchsetzung einer alternativlosen Politik. Aber wir wissen auch, dass die Prawda der UdSSR von vielen Lesern auf wahre Aussagen entziffert werden konnte. Heute müssen wir alle solche Prawda-Leser werden!

Marcel Seiler / 06.08.2018

“Framing” heißt in diesem Zusammenhang: in einen bestimmten Kontext stellen. So wie die Bedeutung eines Bildes wechselt, wenn man das gleiche Motiv in einen anderen Rahmen (“Frame”) tut, so ändert man die Bedeutung eines Ereignisses, wenn man es in einen genehmen Kontext stellt. Beispiel: Man berichtet so, dass die Bedürftigkeit des Migranten betont wird, nicht seine Illegalität. Dazu nennt man ihn “Flüchtling” und nicht “Asylbetrüger”. Da “Framing” nichts offensichtlich Falsches berichtet, vermeidet man damit die offene Lüge.

Rudolf George / 06.08.2018

Das Phänomen der Vermeidung bestimmter Formulierungen ist ja nicht neu. Die Sprachsetzung und Wortprägung (wie ich finde, bessere Ausdrücke als „Framing“, aber die heutigen Autoritäten müssen ja alles verdenglischen) der Nazis war und ist zu Recht verpönt. Ebenfalls nicht neu ist aber auch die selektive Empörung. So wurde der Begriff „Gleichschaltung“ - der zwar von den Nazis verwendet, aber in einer vollkommen deskriptiven Form, d.h. also ohne die perfide Konnotation von beispielsweise „Sonderbehandlung“ oder „Endlösung“ - durchaus noch verwendet, so auch jetzt wieder von Herrn Broder, aber z.B. Eva Hermann wurde ein Strick daraus gedreht. Aber das ist ja gar nicht das Thema. Neu hingegen ist, wie jene, die sich an der Macht fühlen (das ist das Rauschmittel, von dem so viele Journos abhängig sind, und welches dazu führt, dass sie ihre Redlichkeit und Selbstachtung fahren lassen), dieses unselige Beispiel aus der deutschen Geschichte missbrauchen, um die eingebildete Macht der eigenen Gesinnung vor jeder Kritik zu schützen, gerade wenn die Kritik eloquent und treffend ist. Man hat inhaltlich nichts zu bieten, ergo versucht man die Sprache zu verbieten, die schneidend die eigene intellektuelle Dürftigkeit bloßstellen würde. Im Ergebnis erkennt man eine weitere Parallele zum Merkelismus in der Politik: geistig dünnsinniges Geschwurbel, sprachlich unelegant und inhaltlich arm, wird zum neuen Schick erhoben, damit ja niemand erkennt, wie intellektuell nackt die Kaiserin und ihre journalistischen Hofschranzen sind.

Anders Dairie / 06.08.2018

Der unselige aber sprachmächtige Josef Goebbels hat die Sprachregelung im III. Reich geschaffen. Indem er Monat für Monat Herausgeber und Chefredakteure der wichtigsten Parteizeitungen und Rundfunksender ins Reichs-Propaganda-Ministerium holte. Das war damals neu und die Organisation im Grunde primitiv.  Goebbels gab die Begriffe klar vor, der “Völkische Beabachter”,  die “Berliner Zeitung” und der “Stürmer” übernahmen sie als Vorbild.  Damit war die Vorlage für alle anderen “Organe” gegeben. Es ist tatsächlich so, dass es vor, im und bis zum Ende des I. WK im Kaiserreich eine so harte Sprachzensur nie gab.  Damals hatte man die Wirkungsmacht der vereinheitlichten,  öffentlichen Sprache noch nicht erkannt. Man blieb recht liberal, wenn auch patriotisch.  Hierin waren die Ententemächte “weiter”.  Sogar in der Bildsprache, den Plakaten (Bulldogge mit Pickelhaube)  was kein Zufall war.  Das mag auch die Motivation Goebbels gewesen sein, dies für den “geliebten Führer A.H.” und “die Sache”  neu zu regeln.  Eindringlich ist das bei Viktor Klemperer in der “LTI” nachzuvollziehen:  Sprache als Waffe. Eigentlich nahe liegend.  Dies Framing zu nennen ist Tarnung,  eine Täuschung des Publikums,  eine Abkehr von der Demokratie.  Denn diese Sauerei ist braun,  was ekelhafter ist als schwarz.  Sie trifft alle selbstständig denkenden Bürger wie die Drohung mit dem “Umerziehungslager”. Wer der Regelung nicht selbst sprachlich folgt,  ist aus der “Volksgemeinschaft” auszuschließen.

Rainer Alexy / 06.08.2018

Wirklich wahr, Herr Broder. Das Thema wäre wirklich eine längere Erörterung wert. Die deutsche Sprache hat ja dieses großartige Element, endlos Substantive aneinanderreihen zu können, der eigentlich Sinn des Wortes erschließt sich dann erst mit dem letzten Wort, und auch dies kann von verschiedenen Menschen unterschiedlich wahrgenommen werden. Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitänsmützenrandfarbe…. Sprachregelungen sind überflüssig. Und danke, Herr Broder, dass Sie mir die Augen geöffnet haben über diesen nur auf den ersten Blick so positiv klingenden Ausdruck “Mitbürger”.

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