Wenn man sich schon mehr als 30 Jahre lang mit Antisemitismus beschäftigt, dann hat man sich an ein Ritual gewöhnt: Regelmäßig stellen einschlägig bekannte Experten fest, dass der Antisemitismus stärker geworden und vor allem in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Seit Jahrzehnten kommt der Antisemitismus immer wieder in der Mitte der Gesellschaft an.
Nun ist allerdings in den letzten Jahren wirklich eine Zunahme antisemitischer Straftaten zu verzeichnen. Und wenn junge Männer auf Berliner Straßen "Juden ins Gas" rufen, kommen sie meist nicht aus der Lüneburger Heide, sondern aus dem arabisch-islamischen Kulturkreis.
Doch zum Glück wird da ja nun etwas getan. Jetzt werden vielerorts Antisemitismusbeauftragte installiert. Allein in Berlin gibt es mindestens schon drei. Gut zu wissen, dass man als Jude auf diese Weise einigen Menschen zu einer Arbeitsstelle verhilft, allerdings bleibt die Frage: Was macht so ein Antisemitismusbeauftragter eigentlich? Muss er Regeln erarbeiten, bis wohin Antisemitismus noch in Ordnung ist und ab wann eingeschritten werden muss? Oder soll er beobachten, um die Juden rechtzeitig zu warnen, wenn es Zeit ist, die Koffer zu packen?
Antisemitismus scheint es auch Andernorts zu geben. Im neuen Getto in Venedig ist ein Posten der Armee mit Wachkiosk fest installiert, so als ob ein Anschlag zu erwarten wäre. Gab es in Italien schon schwerwiegende Übergriffe? Von Frankreich, Belgien und Deutschland ist mir einiges bekannt. Lagerfeld hat doch recht.
Man möchte ironisch wiehern: Wir haben zwar jede Menge Probleme, aber dafür auch ein Sachverständigen-Netzwerk, „um das uns die Welt beneidet!“ Helau.
Was macht ein Datenschutzbeauftragter? Er schützt die Daten. So, und was macht ein Antisemitismusbeauftragter? ...