Achgut.tv / 01.04.2019 / 06:28 / 51 / Seite ausdrucken

Broders Spiegel: Brite werden, jetzt erst recht!

Gerade in Deutschland wird recht abfällig über das Brexit-Chaos in Britannien geurteilt. Dabei ist es ein kreatives Chaos und vor allem lebendige Demokratie. Im Parlament wird immer wieder hart debattiert und abgestimmt, ohne dass man vorher weiß, was am Ende rauskommt. Auch die heftigsten Debatten sind dabei nicht nur meist kultiviert, sondern auch unterhaltsam. Unvorstellbar in Deutschland, wo Projekte, wie die Energiewende, die Verkehrswende und die geistig-moralische Wende ohne große Diskussionen angegangen werden. Möchte man da nicht lieber Brite werden? Gerade jetzt?

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Reinhard Benditte / 01.04.2019

Sehr geehrter Herr Broder! Sie haben mit Ihrem Beitrag wieder einmal voll ins Schwarze getroffen. Ja, das ist Demokratie. Da wird debattiert bis die sprichwörtlichen Fetzen fliegen, da muss die Regierungschefin wirklich Rede und Antwort stehen, da wird hart gerungen - und so stelle ich mir Demokratie vor. Von dieser Art der Demokratie ist man in Deutschland doch meilenweit entfernt. Hier läuft es, seit Frau Merkel an der Macht ist, genauso ab wie in der DDR. Frau Merkel gibt vor und die Volkskammer, Pardon der Bundestag, nickt ab. Und sollte es einmal Abweichler geben, dann werden sie diszipliniert oder gemobbt. Und die Fragestunden, die man eingerichtet hat ist ein Witz, die bringt genau soviel wie eine Luftbewegung in Hamburg, wenn ein Schmetterling in China mit den Flügeln schlägt! Jeder sollte sich einmal eine öffentliche Sitzung des Petitionsausschusses ansehen (z.B. Den Die mit Frau Lengsfeld bestritten hatten). Das ist eine Lehrstunde, wie Demokratie, praktiziert durch die gewählten Abgeordneten, eben nicht funktioniert. Da geht es eben nicht um den Inhalt der Petition, sondern darum, wie man am besten irgendwelche sachlichen Argumente durch die Petitantin vermeiden kann. Deutschland und Demokratie - lachhaft. Es ist eine Herrschaft des Unrechts, die der Parteistaat und seine Elite praktiziert. Demokratie geht eben so wie in der Schweiz, in England, Kanada, USA und Australien!

Werner Arning / 01.04.2019

Was die Engländer uns zeigen, ist, wie eine wehrhafte Demokratie funktioniert. Diesen Begriff „wehrhafte Demokratie“ benutzt man in Deutschland gern. Doch meint man in Deutschland etwas ganz anderes damit. Man meint, die Demokratie sei ein Zustand, welchen man gegen äußere Angriffe, etwa von Rechts, schützen müsse. So wie man ein Auto vor Kratzern schützt, oder ein Kind vor einer Gefahr, oder wie man ein Medikament gegen eine drohende Krankheit einnimmt. Doch Demokratie ist kein statischer Zustand, den es zu schützen gilt. Demokratie lebt. Demokratie will gelebt werden. Sie besteht aus Auseinandersetzung, aus Streit, aus Meinungsverschiedenheit, aus Debatten, aus freier Meinungsäußerung. Haben wir so etwas in Deutschland? Gibt es diese freien Debatten, diesen notwendigen Streit, diese klärenden Aussprachen? Nein, davon ist in Deutschland weit und breit nichts zu sehen. In Deutschland versucht man sein Auto (seine „Demokratie“) vor einem Kratzer zu schützen und lässt dieses lieber sicher in der Garage stehen und bewacht das Garagentor. Das ist kein demokratisches Vorgehen. Das ist Angst. Das ist die Unfähigkeit zum „Leben“ einer Demokratie. Die Unfähigkeit zur Debatte, zur Auseinandersetzung, zum Aushalten unterschiedlicher Meinungen. Das ist Humorlosigkeit.

Clemens Gunter / 01.04.2019

Es gibt im Englischen die schöne Metapher der “growing pains” (Wachstums-Schmerzen); um größer, gestärkt aus einer Sache hervorzugehen, muss man bisweilen ersteinmal Schmerzen & Einbuße hinnehmen. “Es muss erst schlimmer werden, bevor es besser werden kann”, kommt dem vllt im dt. noch am nächsten (oder auch Nietzsches Metapher: “... man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können.”). Angesichts der Tatsache, wie Artikel 13 & 11 jüngst durchgeboxt wurden, ohne Änderungsvorschläge, & unter Vorverlegung vor die angekündigten Proteste, ja, unter Behauptung, dass seien alles nur Trolle, Bots & bezahlte Demonstranten, hat ein für alle mal gezeigt, welche VERACHTUNG Brüssel gegenüber demokratischen Prozessen hat. So wird es uns Allen nicht erspart bleiben, aus der EU auszutreten, oder noch mehr unserer demokratischen Grundrechte & Meinungsfreiheit einzubüßen (was aber auch andere Ursachen hat; wie bsw. das Outsourcing des öff. Meinungsbildungsprozesses/Diskurses an private Plattformen wie Facebook&Co;., wo dann die Politik ungestraft die Paragraphen & Artikel zum Schutz der Meinungsfreiheit unter privatrechtlichem Vorwand umgehen & aushebeln kann… Im Grunde genommen ist es hochverrat (!) an der Demokratie als solche, & seines Mandats im besonderen, wenn ein gewählter Volksvertreter ungeniert auf Twitter (mit Kürzel “MdB”) politisch wird, wo dann unerwünscht kritische Antworten geblockt, gelöscht, oder,schlimmer noch,einem Ghost-Ban unterworfen werden; mob-Mentalität & Hetze inklusive, gegen die geächteten Meinungsabweichler!). Man muss ein monströses Ding erst zerstören (kreative, selbst konstruktive Zerstörung!), bevor etwas neues in seiner Statt entstehen kann. Europa verdient besseres als DIESE EU! .. auch wenn dabei USA & Russland sich einstw. ins Fäustchen lachen, diesen Konkurrenten erstmal los zu sein. Lieber [kleine] Schweiz spielen, als für die Illusion von Größe seine Freiheit verpfänden; “splendid Isolation” und so.. ganz Britisch!

Hans-Rolf Vetter / 01.04.2019

Dieser Tage dachte ich in der Tat, daß ich mich, je mehr die Briten seitens der EU-Gehirnwäscher und Deutschen Propagandamedien so richtig “fertig” gemacht werden sollen, nach dem Mutterland des offenen politischen Diskurses sehne. Nachdem mit Manfred Weber nun endlich auch die CSU endgültig ins Merkel’sche Blockparteiensystem der Schwätzer integriert ist, begrüsse ich ohnehin jede andere Alternative. Wenn mir schon als deutschem Patrioten die eigene “Elite” der Oberlehrer, Moralisten und Volkskommissare auf den Wecker geht, wie dann erst den reflektierten und pragmatischen Briten. Viva Britannia, viva Europa ohne die EU.

M. Friedland / 01.04.2019

“verzehnfacht” bedeutet nicht automatisch “viele”. Hat einer der entsprechenden Leserbrief-schreibenden konkrete Zahlen?

Dietmar Blum / 01.04.2019

Frau Ernst, wie viele der knapp 66,5 Millionen Einwohner?

herbert binder / 01.04.2019

“Überall ist es besser wo wir nicht sind”. Über diesen Film schrieb Andreas Kilb in der Zeit (1990): “Denn da, wo wir jetzt sind, ist es gar nicht gut.” Das gilt noch heute - nein, heute erst recht und in besonders hohem Maß. Für Deutschland. Aber deshalb ab nach England? Wohl eher nicht. Ich überlege zunächst noch weitere Alternativen.

Carl Gunter / 01.04.2019

@G.Rüschner “So gern und häufig ich Herrn Broder zustimme, aber hier irrt er.”—im Gegenzteil: hier muss ICH einmal eine Lanze für ihn brechen; so manches was er so alles sagt mag vorallem zur Provokation gesagt sein, aber wer das da in GB abtut als unhinnehmbares Chaos, statt eben als “lebendige Demokratie”, der mag genauso gern die Weimarer Republik abgewählt haben, für ein wenig mehr “Ordnung”. Demokratie ist Streit und Kompromiss; den Einen schmeckt das Eine, den Anderen das Andere nicht, aber wer sie aufgrund dessen ablehnt, oder versucht das ihm unangenehme aus der Sache “weg-zu-definieren”, der hat von der Demokratie nichts verstanden. Es gab einen Grund dafür, daß Aristoteles, dereinst, die Demokratie als “geringstes der Übel” titulierte, indem er es in eine Reihe mit den anderen “schlechten” Staatsformen stellte, nämlich der Tyrannis und der Oligarchie. Das eine ist die entartete Form der Ein-Mann-Herrschaft, das andere die entartete Form der Herrschaft der wenigen. Dem gegenüber standen “Monarchie”, “Aristokratie” und “Politie” (politeía) als deren Gegenstücke, die “idealen” Ausprägungen der jeweiligen Form. Nur daß man eben nie garantieren kann, daß es zur guten Form kommen mag. Der Trick mit dem “geringsten der Übel” ist daher, sich klarzumachen, daß die Entartungen der anderen Formen wesentlich schlimmere Folgen haben, und man dieses “geringste” also sehr wohl vorziehen kann. Das “White-Washing” des Begriffs (Demokratie) ist übrigens späteren Datums. Philosophen welche Athen so nie erlebt hatten, versuchten es durch “Ochlokratie” zu ersetzen, und es so auszulösen (und dann an Stelle von “Politie” zu setzen). Aristoteles aber hatte diese Staatsform aus der Nähe erlebt; die Idealisierer nicht. Für die meisten war es dagegen damals immer noch ein Schmuddelwort, wie heuer “Sozialismus”. // In Summa: Stelle dir je den schlimmsten Fall vor, statt zu idealisieren, und wähle dann, was akzeptabel ist… ansonsten hast du Demokratie sowieso nicht verstanden!

Gerd Koslowski / 01.04.2019

We`ll cross the bridge when we get there. Oder: Planung ist der Ersatz der Ungewißheit durch den Irrtum (W.Churchill oder Andre Heller). Oder: Wer Gott zum lachen bringen will, macht einen Plan (gelegentlich zitiert von HMB).

Arne Brandt / 01.04.2019

Ich möchte lieber Schweizer werden, denn die hatten ein Referendum über den *Beitritt* zur EU. Wie es sich in einer echten Demokratie gehört. Und dieser Demokratie würde ich gerne als Kanton Sachsen beitreten.

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