Rainer Bonhorst / 21.05.2016 / 09:40 / Foto: Bildarchiv Pieterman / 2 / Seite ausdrucken

Broder und Bonhorst beim Amtsarzt

Lieber Henryk,

ich habe in der Achse und in der „Welt“ gelesen, dass du mich und andere alte Knaben alle paar Jahre zur Überprüfung meiner Fahrtauglichkeit zum Amtsarzt schicken möchtest. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass du das gar nicht geschrieben hast. Es kann sich nur um einen Fall von Identitätsklau handeln. Das kommt heute ja immer öfter vor.

Ich wurde doch schon von dir in deinem alten, holzgeschmückten Morris Minor Traveller chauffiert und erinnere mich genau: Du bist so ruhig und sicher kutschiert, dass ich als Beifahrer wunderbar eingeschlafen und erst wieder wach geworden bin, als wir an unserem Ziel, einem Biergarten in der Nähe von Augsburg, angekommen waren.  Und das, obwohl das Lenkrad in deinem Morris typisch englisch auf der rechtsen Seite angebracht ist und ich links – also mitten im Gegenverkehr - sitzen musste.

Die Schlange hinter dir habe ich für Bewunderer deiner Fahr- und Schreibkunst gehalten. Hatte was von einem Karnevalsumzug oder einer türkischen Hochzeit. Auch als sie anfingen zu hupen, hab ich das für freundliche Autofahrergrüße gehalten. Ich will aber nicht leugnen, dass da auch ein paar Wutfahrer dabei gewesen sein konnten, die dich gerne überholt hätten, aber nicht konnten, weil es ihnen keiner beigebracht hat, wie man das richtig macht.

Ich bin – wie du – einer Oldtimer, der noch fröhlich durch die Gegend juckelt. Oldtimer kriegen überall Rabatt – und wenn sie mehr als 30 Jahre auf dem Buckel haben sogar ein H-Kennzeichen und Sondererlaubnis für die Umweltzone. Es geht um die Erhaltung des Kulturgutes. Und dazu, mein Lieber zähle ich mich auch. Und Dich ebenfalls. Also nix da mit Alters-Sonderprüfung, es geht um die wertvolle Gattung des Autofahrers, der niemandem etwas beweisen muss.

Wenn mir auf den Straßen jemand Sorgen bereitet, dann sind es nicht die Alten sondern folgende Leute:

  • Jungdynamiker, die glauben, auf der Autobahn mitSebastian Vettel um die Wette fahren zu müssen, um ihrer Freundin zu imponieren;
  • gestresste junge Mütter, die in der 30-Zone 60 fahren, weil sie sonst zu spät zum Kinderabholen und zum veganen Bäcker kommen;
  • halbleitende Angestellte, die es immer eilig und wichtig haben und sich deshalb ungeduldig an meine Stoßstange kleben;
  • Lieferbedienstete, die ihre Ladung abgeliefert haben, und auf der leeren Rückfahrt ausprobieren, ob ihr Transporter bei entsprechender Beschleunigung auch als Flugzeug taugt.

All diese Leute verursachen mehr Unfälle als unser in sich ruhendener Jahrgang.  Schwere Unfälle sind in unseren Kreisen doch eher die Ausnahme, auch wenn Jungredakteure gerade die immer genüsslich ausbreiten. „Opa parkt in Schaufenster“ ist natürlich eine wunderbare Schlagzeile, aber kein statistischer Nachweis für eine besondere Riskogruppe.

Wer mit 30 Stundenkilometern durch Nachbars Vorgarten fährt, weil ihm die Brille von der Nase gerutscht ist, verursacht einen vergleichbar geringen Schaden. Und wer hinter sich eine kleine Schlange ungeduldiger Wichtigtuer verursacht, weil er die 100 Kilometer auf der Landstraße tatsächlich als Höchstgeschwindigkeit versteht und nicht als Mindestgeschwindigkeit, der mag seiner eiligen Umwelt lästig sein, ist aber nicht gefährlich.

Lieber Henryk, wenn du den Text tatsächlich geschrieben haben solltest und nicht Opfer einer Identitätsübernahme bist, dann begleite ich dich demnächst beim Besuch der Medizinischen Überwachungsstelle zur Begutachtung lebensälterer Kraftfahrzeugfahrer (MÜBLÄK). Das wird eine preußische Hölle auf Erden, anders können deutsche Amtsinhaber so etwas nicht. Sie werden Götter sein  und mit einem Federstrich lebenslangen immobilen Hausarrest ab dem 70. Lebensjahr verhängen.

Ich weiß, dass es in unseren Nachbarländern gang und gebe ist, die Fahrtüchtigkeit älterer Autofahrer regelmäßig zu überprüfen. Das ist da aber halb so schlimm. So ähnlich wie mit den Euro-Stabilitätskriterien. Sehr flexibel. Dort leidet man nicht unter der deutschen Krankheit der gnadenlosen Gründlichkeit. Wenn das MÜBLÄK kommt, wandere ich nach Italien aus. Ich halte dir ein warmes Plätzchen auf dem Beifahrersitz frei.

Foto: Bildarchiv Pieterman

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Andreas Knorr / 22.05.2016

Meine lieben alten Herren, ich stimme ihnen in allen Punkten zu. Die wahre Gefahr auf der Straße ist durchschnittlich JUNG. Nur bedenken sie, bevor sie zu staatlichen Überprüfungsstellen (auch noch freiwillig! Kaum zu glauben) gehen: Es dreht sich auch hier immer nur ums Geld und nicht um Sicherheit. Mein Verdacht ist, die freiwillige Überprüfung wird ein “Idiotentest” werden und der kostet mindestens eine (große) Rente. Da sie immer einmal durchfallen (habe ich gehört), entstehen schon Kosten von zwei (großen) Renten. Hier fangen sie dann an zu überlegen, ob es nicht besser ist, ihren Oldtimer gegen Fahrscheine einzutauschen. Leider wird das auf Dauer auch nicht billig. Also besser nicht freiwillig aufs Amt gehen, denn: Gehe nie zu deinem Fürscht, wenn du nischt gerufen würscht. In diesen Sinne, fahren sie wohl. Andreas Knorr

Archi W Bechlenberg / 21.05.2016

Lieber Rainer Bonhorst, ich schließe mich uneingeschränkt dem Einwurf an. Auch ich bin ein inzwischen der Kategorie “Alter Knabe ” angehörender Verkehrsteilnehmer, der auf immerhin 42 Jahre unfall- und sogar mit einer Ausnahme (“Parken auf einem Grünstreifen”,  5 DM) knöllchenfreies Fahren blicken darf. Ehe ich mich reif für eine neuerliche Überprüfung meiner Qualifikation als Chauffeur sehe, fallen mir so viele andere Verkehrsteilnehmer ein, die es gilt, in Schranken zu weisen; Sie haben die wesentlichen Kategorien bereits genannt. SUV-lenkende Mütter vor Waldorfschulen und - Kindergärten gehören ebenso zu den wirklich realen Gefahren wie die sich mediterran-machismoisch produzierenden Ringraser oder die Fahrer von 3,5 Tonnern, die nicht darüber hinweg kommen, dass es beruflich nur zum Polier und nicht zur Pole Position gereicht hat. Mag sein, dass Alte Knaben naturbedingt das eine und andere körperliche Gebrechen in der Leistungsfähigkeit beeinträchtigt, doch es mangelt auf der anderen Seite wohl kaum an jugendbedingten Handicaps, die auf den Straßenverkehr und die Unfallstatistik unschöne Schatten werfen. Mir ist ein Senior, der Prostata-bedingt alle halbe Stunde eine Pinkelpause einlegt, allemal lieber als ein unter dem Einfluss von Testosteronüberschuss marodierender Strolch oder eine Mutti, die, sich und ihre Brut im SUV sicher fühlend, “die da draußen” als irritierende Insekten (über) sehen.

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