Fast eine ganze Woche wüteten in der Sächsischen und Böhmischen Schweiz die verheerenden Waldbrände. Meinen herzlichen Dank an alle Feuerwehrleute, Helikopterpiloten/Bordtechniker und anderen Helfer, die mit ihrem unermüdlichen Einsatz das flammende Inferno eindämmen konnten. Gestern Mittag ist nun endlich auch der lang ersehnte Regen hier eingetroffen – zwar nicht so viel wie erwartet, aber jeder Liter hilft.
Ich habe in den vergangenen Tagen versucht, mir einen Überblick über die Gesamtsituation zu verschaffen. Und vorsorglich vorab der Hinweis: Nein, ich bin kein „Gaffer“. Solche Zeitgenossen traf ich allerdings an einigen Stellen an. Wie am Montag (25. Juli) in Schöna in der Nähe des Zirkelsteins: Dort hatte es sich ein Pärchen auf einer Bank vor einem staubtrockenen Kornfeld gemütlich gemacht und betrachtete versonnen die riesige braune Qualmwolke, die über dem Großen Winterberg stand – ob die beiden dabei rauchten oder Picknick machten, habe ich nicht gesehen, es hätte jedenfalls zu der kuscheligen Szene gepasst. Während die Löschhubschrauber ununterbrochen kreisten und ihre Ladung abwarfen. Ja, ein bisschen Romantik muss schon sein, wenn man schon den Urlaub nicht uneingeschränkt genießen kann, gell?
Am Dienstag stieg ich zum höchsten Punkt des Elbsandsteingebirges, dem Hohen Schneeberg (Děčínský Sněžník, 723 m ü.NN), hinauf. Von dessen Turm aus konnte man vor allem die Ausmaße der Verwüstung auf tschechischer Seite erkennen. Die Brände wüteten derweil heftig weiter. Besonders betroffen waren in diesem Moment – soweit man das aus dieser Entfernung sehen konnte – große Bereiche um das Prebischtor und die Auerhahnwände. Der Wind hatte sich über Nacht gedreht und wehte nun stärker aus westlicher Richtung, was offenbar immer wieder neue Brandherde anfachte. Besonders wüteten die Feuer zu diesem Zeitpunkt anscheinend auf Höhe Hrensko/Edmundsklamm. Die riesige Qualmwolke, die am Montag über dem Großen Winterberg gestanden hatte, zerteilte sich nun mehr und mehr in Richtung Osten, weit in das Böhmischen Mittelgebirge hinein, bis zum Rosenberg. Auch in der Sächsischen Schweiz auf deutscher Seite sah ich wieder Rauchsäulen, sie schienen aus Richtung Kleiner Winterberg / Affensteine aufzusteigen – was man allerdings vom Hohen Schneeberg aus nicht genau ermitteln konnte. In der Nacht zum Dienstag waren in der Böhmischen Schweiz Teile der Ortschaft Mezná den Flammen zum Opfer gefallen; in Hrensko wurden ca. 50 Menschen evakuiert, als die Feuer mehrere Gebäude erreicht hatten.
Nein, ich gehöre nicht zu den Gaffern
Am Mittwochnachmittag war ich am Schaarwändeweg, oberhalb von Mittelndorf, um die derzeitige Situation fotografisch zu dokumentieren. Von diesem Standort hat man einen guten Überblick über große Teile der hinteren Sächsischen Schweiz – vom Großen Zschand bis zu den Schrammsteinen. Dem ersten Anschein nach schien sich dort die Lage offenbar etwas zu entspannen. Die riesige Rauchwolke war verschwunden, vereinzelte Brandnester am Kleinen Winterberg und im Bereich der Bärenfangwände/Pechofenhörner wurden gerade mit drei Löschhubschraubern bekämpft. Am Wanderparkplatz Schaarwändeweg hatten sich übrigens auch wieder etliche Personen mit gezückten Smartphone-Kameras eingefunden. Minuten später wurde ich dann noch von einem eintreffenden Kamerateam von MORGENPOST/Tag24 interviewt, die mich wohl zuerst für einen dieser Schaulustigen gehalten hatten.
Die Lage blieb jedoch auch am Mittwoch weiterhin kritisch. Wie Sächsische.de berichtete, hatten sich die Brände von böhmischer Seite her in Richtung Großer Zschandbach nach Sachsen ausgeweitet. Der Große Zschand ist das größte Trockental der Sächsisch-Böhmischen Schweiz, den man, ohne Steigungen zu überwinden, durchwandern kann – deshalb diente er bereits vor 200 Jahren als Handelsweg nach Böhmen. Nach Nordosten hin wird er begrenzt durch die Thorwalder Wände mit der Hickelhöhle, der zweitgrößten Schichtfugenhöhle der Sächsischen Schweiz. Dort hatte ich zum ersten Mal im Frühsommer 2018 den Beginn des großflächigen Fichtensterbens beobachtet, als es ununterbrochen grüne Nadeln von den Fichten „herabregnete“ und der ganze Wald roch, als hätte es in einer Fabrik für Fichtennadel-Badezusatz gebrannt – der Waldboden war dort damals teilweise knöcheltief mit diesen grünen Nadeln bedeckt. Fast alle Fichten wiesen extremen Borkenkäferbefall auf. Die Bekämpfung des Borkenkäfers war jahrzehntelang vernachlässigt beziehungsweise bewusst unterlassen worden, denn nach dem Konzept der Nationalparkverwaltung ist der Borkenkäfer der „Freund und Helfer des Waldes“ (nein, das habe ich mir nicht ausgedacht!). Die extreme Trockenheit des Sommers 2018 hat diesen Fichten dann den Rest gegeben. In meinem Artikel „Bei mir stirbt der Wald anders“ habe ich kürzlich darüber berichtet.
Nach Südwesten hin münden in den Großen Zschand die (einstmals) wildromantischen und wie verwunschen wirkenden Richter- und Weberschlüchte – heute nur noch ein trauriger Ort mit komplett zerstörten Nadelwäldern. In westlicher Richtung geht der Große Zschand – vorbei an den Raubschlüchten mit dem markant aufragenden Winterstein (dem Hinteren Raubschloss) – in den Kleinen Zschand über und danach in den Vorderen Wildensteiner Wald (unterhalb des Kleinen Winterberges und des Friensteins). Und auch dort überall jede Menge knochentrockenes Brennmaterial: tote, durch die jahrelangen Borkenkäferangriffe harzgesättigte Fichtenbestände, die teilweise gefällt, aber nicht aus den Gebieten entfernt wurden. Zwischen dem Kleinen Winterberg und dem Frienstein wurden nicht einmal markierte Wanderwege (z.B. der Königsweg) – im Brandfall notwendig, um besser an die Brandherde zu gelangen – freigeschnitten und vom Totholz befreit.
Es stellt sich mir bereits seit Längerem die Frage: Was passiert, wenn hier mal bei großer Trockenheit ein Feuer ausbricht? Nun ist mein Albtraum in schlimmster Weise wahr geworden. Hätte man auf Forstfachleute früherer Zeiten gehört und die abertausenden von Baumleichen (oder besser noch vorher die vom Borkenkäfer befallenen Bäume) rechtzeitig aus der Kernzone und den Naturzonen A/B entfernt, dann wäre uns ein solches Inferno erspart geblieben.
Ein Luxuskonzept, das man sich auch leisten können muss
Wenn die Nationalparkverwaltung nicht schleunigst ihr Konzept „Natur Natur sein lassen“ überdenkt, dann ist es nicht mehr eine Frage, ob, sondern nur noch wann noch Schlimmeres passiert und sich dann vielleicht einmal eine Feuerwalze durch die Trockentäler frisst. Natürlich kann man riesige Flächen – die man dann als „Nationalpark“ etikettiert – sich selbst überlassen („Natur Natur sein lassen“), was allerdings nichts anderes als eine gigantische Verwahrlosung ist, wenn man abertausende knochentrockene, harzgetränkte Baumleichen in der Landschaft stehen lässt oder sie – aus „Sicherheitsgründen“ – lediglich fällt und liegen lässt, wo sie dann sämtliche Wege und Zugänge zu besonders gefährdeten Bereichen versperren – oder gar das Geäst dort zu riesigen Scheiterhaufen aufschichtet.
Nein, diese knochentrockenen Baumleichen verrotten nicht innerhalb weniger Jahre zu Bodendünger wie im tropischen Regenwald von Papua-Neuguinea. Ein solches Konzept ist ein Luxus, den man sich nur dann leisten kann, wenn man ein so gefährdetes Gebiet in Trockenzeiten lückenlos überwacht und jederzeit in der Lage ist, jeden aufflammenden Brandherd in kürzester Zeit zu ersticken. Das bedeutet aber, dass man neben einem umfassenden Monitoring-System auch gewaltige Löschkapazitäten mit erstklassiger Ausrüstung vorhalten (Stichwort Löschflugzeuge/Löschhubschrauber – die meisten Steilhänge, Felsformationen und Schlüchte sind mit Löschfahrzeugen überhaupt nicht erreichbar) und sie nicht erst im Ernstfall bei der Bundeswehr oder sonstwo ordern muss. Ich bin mir natürlich darüber im Klaren, dass diese Ausstattung für ein solches „Konzept“ die Möglichkeiten der Nationalparkverwaltung um ein Vielfaches übersteigt.
Übrigens: Im Laufe von vier Jahren (2014–2018) schrumpfte die Anzahl der Beschäftigten des Staatsbetriebs Sachsenforst von 1.328 auf 1.255 (Kleine Anfrage Drs. 6/17114, Seite 5/7). Darüber, wie viele es heute sind und wie viele davon wohl als Waldarbeiter für den Nationalpark abgestellt sein mögen, liegen mir leider keine Informationen vor.
Nun ist das Kind in den Brunnen gefallen: Deckt ihn wenigstens jetzt ab, bevor das nächste hineinfällt. Den ganzen Schaden wird man erst im Laufe der nächsten Monate und Jahre ermessen können. Ich denke dabei schmerzvoll an den Verlust von hunderten Baum-Denkmälern und Felsenkiefern, zerstörte Nist- und Schutzplätze von Tieren, die Vernichtung vieler bodenlebender, vielfach sogar geschützter Arten... – Ja, ich weiß, die Natur regeneriert sich selbst – das ist, bei all der Tragik, die gute Nachricht.
Ein Facebookfreund von mir, dessen Familie in der Sächsischen Schweiz wohnt und seit fast hundert Jahren Waldbesitzer ist, hat es so formuliert: „Ich sage Euch, unterschätzt nicht die Selbstheilungskräfte der Natur, in drei Jahren ist dort alles wieder grün, der Brand, so schlimm er ist, war dann lediglich eine ‚Schnellkompostierung‘; Holzasche ist prima Dünger. Die schwarzen Baumleichen sind nicht der Schaden, schade ist es um jedes Tier, Schlangen, Käfer, die sich nicht, den Vögeln gleich, in Sicherheit haben bringen können.“
Und zum Schluss noch ein paar Gedanken zu den möglichen Ursachen der verheerenden Brände: Meiner Kenntnis nach werden rund 90 Prozent aller Waldbrände durch Brandstiftung oder rücksichtsloses und fahrlässiges Handeln verursacht. Zeitgenossen, die seelenruhig in den Wäldern rauchen (ich habe schon oft beim Wandern weggeworfene Kippen gefunden), bei größter Trockenheit gar an der Bastei Shisha rauchen, beim Picknick an der Schrammsteinaussicht auf dem mitgeschleppten Spirituskocherchen Suppe heißmachen, die Felsen und Wanderwege mit Graffiti-Schmierereien verschönern oder glauben, ihre Wünsche nach Abenteuerromantik mit Lagerfeuerchen ausleben zu können, haben hier im Nationalpark Sächsische/Böhmische Schweiz nichts zu suchen. Und nun komme bitte niemand auf die Idee, hier in Sachsen sei man fremdenfeindlich, weil man zivilisiertes Verhalten einfordert.

Sie schreiben:„Nein, ich bin kein “Gaffer„. Solche Zeitgenossen traf ich allerdings an einigen Stellen an. Wie am Montag (25. Juli) in Schöna in der Nähe des Zirkelsteins: Dort hatte es sich ein Pärchen auf einer Bank vor einem staubtrockenen Kornfeld gemütlich gemacht und betrachtete versonnen die riesige braune Qualmwolke, ….“
Was ist eigentlich so verwerflich daran, sich ein solches Ereignis anzusehen? Also schnell wegsehen? Selbstverständlich würde es mich auch interessieren, was da vor sich geht. Und, wem Schade ich dadurch?
@ Herrn Dietmar Schubert / 31.07.2022:
„Ein, natürlicher, durchgängiger und auch von schweren Fahrzeugen, befahrbarer Weg, der genau für solche Fälle gebraucht wird, ist dem Naturschutz, trotz Warnungen von Feuerwehrfachleuten, geopfert wurden“.
DAS erinnert an die alten, von den Altvorderen genau zur Minderung von Sturzfluten, erbauten Wehre an der Ahr, die von inkompetenten Grünlingen der urbanen Szene zur angeblichen Erleichterung des Fischzuges rückgebaut wurden und den reißenden Wassermassen vor einem Jahr freie Bahn erlaubten.
Der gesamte Lauf der Ahr war für mich als Fliegenfischer ein Paradies und selbst am Oberlauf war der Forellen-und Äschenbestand nie mangels Jungfischen ein Thema. Er war intakt.
Den grünen Phantasten ist ganz einfach vollständige Inkompetenz zu bescheinigen: Ideologie ersetzt keinen Realismus.
@Rudhart M.H. : für nachhaltigen Waldbau zitieren Sie bitte auch Heinrich von Cotta, dessen Grab sich mitten im Tharandter Wald befindet.
Ich fasse mal zusammen, was ich verstanden habe: Die Brände sind auf der tschechischen Seite entstanden. Man soll da nicht West und Ost denken, sondern Nord und Süd. Deshalb ist eine Ausbreitung auch in der Westwindzone nach DE nicht ausgeschlossen. Weil man aus dem Wald nicht die umgebrochenen Bäume entfernt hat und nicht mit dem Rasenmäher durch gefahren ist, hat sich das Feuer auf die deutsche Seite ausgeweitet. Die Verwaltung (vermutlich hauptsächlich schnatternde Frauen in einem Hochhaus in Dresden) hat erst gar nichts mitgekriegt. Die haben zwar 1200 Mal Personalkosten aber keine effektive Waldbrandüberwachung. Die Schuld hatten aber deutsche Wanderer, bei denen nicht genau zu sehen war, ob sie rauchen, aber zu vermuten ist das allemal. Es ist falsch, den Wald einfach Wald sein zu lassen, Vielmehr ist es unabdingbar, jetzt wo „das Kind in den Brunnen gefallen ist“, das Betreten des Waldes in den nächsten 180 Jahren streng zu verbieten. Wenn ich noch was vergessen habe, kann mich ja jeder korrigieren, der will.
Das mit dem Borkenkäfer gilt für alle deutschen Nationalparks; In der Kernzone nix tun= Borkenkäferzuchtanstalt, darum notgedrungen wenig tun. Und sonst hoffen, daß der Borkenkäfer dabeleibt, was er aber nicht tut. Das ist so, als wenn ein Bauer beim Brand sagt: den Stall müßt ihr löschen, der ist modernisiert, aber den alten Wohntrakt, da dürft ihr nicht löschen, den will ich eh abreißen.Frage: Was würde die Feuerwehr nun machen? Aber genau das ist das Konzept der Borkenkäferbekämpfung in Nationalparks.
Frau Meyer, das mit den Scherben ist Käse.. Sie können das ja gern probieren. Weit über 90 Prozent sind Funkenflug, Zigaretten etc., und häufig (zumindest bisher in Südeuropa) absichtlich gelegt. An der Bastei waren es mit hoher Wahrscheinlichkeit die Shisha-Raucher (Holzkohle!) und auf der böhmischen Seite lt. Aussage des Nationalparkdirektors schwarze Camper, die ein Lagerfeuer gemacht haben.
Ich bin natürlich kein Gaffer.
Ich verschaffe mir lediglich einen „Überblick über die Gesamtsituation“ und versuch die derzeitige Situation „fotografisch zu dokumentieren.“
Mit all den Gaffern, die genau dasselbe Machen, habe ich überhaupt nichts zu tun! Ich bin was besseres.:)