Rainer Grell / 26.12.2017 / 14:00 / Foto: Joel Ormsby / 12 / Seite ausdrucken

Bosheit und Genie

Vor Jahren gab es mal einen Unternehmer in NRW, der ungeniert verkündete, er habe keinen Respekt vor Gesetzen, weil er die Leute kenne, die sie beschlossen hätten – überwiegend „verkrachte Existenzen“, die im normalen Leben nichts auf die Reihe brächten. Unterstellt, er hätte mit seinem Urteil über unsere Parlamentarier Recht: Wie begegnete man einem solchen „Argument“?

Zunächst könnte man einwenden, die Abgeordneten beschließen die Gesetze nur, sie machen sie aber nicht. Die Entwürfe stammen durchweg aus der Ministerialbürokratie, und die Initiativen dazu nicht selten auch. Aber selbst bei Gesetzesvorlagen „aus der Mitte des Bundestages“ (Artikel 76 Absatz 1 Grundgesetz) haben in der Regel Fachleute aus den Ministerien zuvor „Formulierungshilfe“ geleistet.

Hinzu kommt, dass es keinen zwingenden Zusammenhang zwischen Intelligenz, Charakter und „Werk“ gibt. Ein Verbrecher bringt „im bürgerlichen Leben“ auch nichts auf die Reihe, seine Tat kann aber ein Beleg überragender Intelligenz sein. Oskar Schindler gehört zu den Gerechten von Yad Vashem, weil er über Tausend jüdische Zwangsarbeiter vor ihrer Ermordung durch die Nazis gerettet hat („Schindlers Liste“). Er konnte seine besonderen Fähigkeiten aber offenbar nur in diesem Umfeld zur Geltung bringen. Nach dem Krieg legte er mehrere Pleiten hin und lebte zurückgezogen und mit finanzieller Unterstützung einiger von ihm geretteter Juden.

Und damit bin ich bei meinem eigentlichen Anliegen, dem Verhältnis des Künstlers zu seinem Kunstwerk. Diese uralte Frage hat durch die in letzter Zeit öffentlich gewordenen sexuellen Übergriffen bekannter Künstler neue Aktualität gewonnen. Über das strafrechtlich und moralisch Verwerfliche ihrer Handlungen, brauchen wir kein Wort zu verlieren. Aber was ist mit der Qualität ihrer Kunst?

„Böse Männer, gute Künstler“

Boris Pofalla (Jahrgang 1983), eigentlich Kunstkritiker der FAS, schrieb kürzlich in der „Welt“ einen Beitrag zu diesem Thema: „Böse Männer, gute Künstler“. Die Namen, die er nennt, können einen erschauern lassen: „Alle haben etwas Verwerfliches getan, waren oder sind Sexisten, Antisemiten, Kinderschänder, Mörder.“ Dennoch haben sie etwas Großes geschaffen, das wir bewundern und das unser Leben bereichert.

Bei anderen sind wir großzügiger: Martin Luther war ein Antisemit schlimmster Prägung (Zeitgeist hin oder her), trotzdem sagen sich die Protestanten nicht von ihrem Reformator los und singen im Gottesdienst weiterhin seine Lieder. Und Max Webers erbärmliches oder bejammernswertes Sexualleben, das Joachim Radkau in seiner Biographie „Die Leidenschaft des Denkens“ (2005) enthüllte, hat nicht dazu geführt, den „Klassiker der Soziologie“ von seinem wissenschaftlichen Thron zu stoßen.

Und auch die Werke von Vincent van Gogh (der sich im Wahn ein Ohr abschnitt, falls nicht Paul Gauguin der Täter war) und Franz Kafka (schrieb 100-seitigen „Brief an den Vater", schickte ihn aber nicht ab, verlobte und entlobte sich mehrmals) genießen Weltruhm, während die Persönlichkeit der beiden alles andere als vorbildlich war. Thomas Mann war wohl ein arroganter Zeitgenosse, von dem sein Nachbar im kalifornischen Exil, Albert Einstein, einmal schrieb, er habe immer Angst gehabt, dass Mann eines Abends zu ihm rüberkommen würde, um ihm seine eigene Relativitätstheorie zu erklären. Diese und weitere Attitüden („Wo ich bin, ist deutsche Kultur“) ändern jedoch nichts daran, dass Thomas Mann ein Magier der Sprache und von schier unerschöpflicher Phantasie, Beobachtungsschärfe und Gedankentiefe war.

Als Achtzehnjähriger habe ich mal eine Erzählung gelesen, in der ein Junge meines Alters einen Schriftsteller verehrt, nicht eher ruht, bis er eine persönliche Begegnung erreicht – und dann furchtbar enttäuscht ist von der Trivialität des „Vorbildes“. Leider ist es mir trotz intensiver Recherchen nicht gelungen, die Erzählung zu identifizieren. Ich bilde mir ein, sie wäre von Tolstoi gewesen.

Shakespeare hat Glück – wir wissen wenig über ihn

Nobelpreisträger Günter Grass galt eine Zeitlang als „moralische Instanz“. Weiß der Teufel, wer ihn dazu gemacht hatte. Als dann seine SS-Vergangenheit ans Licht kam, war der Lack plötzlich ab. Haben sich seine Bücher dadurch verändert?

Shakespeare kann wahrlich von Glück sagen, dass wir so wenig über sein Leben wissen, wer weiß, was sonst aus den Werken dieses Genius aus Stratford-upon-Avon geworden wäre.

Die Sopranisten Edda Moser hat kürzlich über den in die Kritik geratenen „Stardirigenten“ James Levine gesagt: „Als Musiker kann ich ihn nur in höchsten Tönen preisen. Bei Mozart und Verdi war er unschlagbar. Er ist Jude, hatte anfangs ein schwieriges Verhältnis zu Wagner, das hat er mir mal gesagt, aber auch da hat er schnell Geniales geleistet.“ Und: „James Levine ist ein Genie. Aber eben ein sterbliches Genie mit sehr, sehr großen menschlichen Schwächen! Und nun ein gefallenes Genie.“ Klar, auch ein Genie kann sich nicht alles leisten und muss die Konsequenzen seines Fehlverhaltens tragen. Strafe muss sein. Aber wird der Wert seiner Kunst davon berührt?

Juristen lernen schon bald im Studium den Satz kennen, das Gesetz ist klüger als der Gesetzgeber. Und genauso halte ich es seit langem mit Kunstwerken, egal welchen Genres. Mozarts Musik in all ihren Erscheinungsformen begeistert mich immer wieder auf's Neue, wenn ich auch vielleicht mit ihrem Schöpfer nicht unbedingt gerne befreundet gewesen wäre.

Die Großen sind mitnichten deshalb groß geworden, weil sie so lieb und nett und sympathisch waren, sondern weil sie Großes geleistet haben. Ihre Macken liegen auf ganz anderem Gebiet. Sartre bleibt ein großer Philosoph und Schriftsteller, auch wenn er sich von Anwalt Klaus Croissant vor den Baader-Meinhof-Karren spannen ließ. Und Otto Hahn bleibt ein großer Wissenschaftler, auch wenn sein Verhalten gegenüber seiner langjährigen Mitarbeiterin Lise Meitner alles andere als vorbildlich war.

Und so halte ich es auch mit allen anderen, wobei es mir bei einigen leicht fällt, weil ich ihre Namen zum ersten Mal im Zusammenhang mit ihren Verfehlungen gehört habe. Die Gnade der Ignoranz gewissermaßen.

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Leserpost (12)
Sabine Schubert / 26.12.2017

Entweder ist der Autor ein Chauvi und erwähnt deshalb keine einzige große Frau oder er ist ein Charmeur, der es Frauen einfach nicht zutraut ebenfalls abgrundtief böse zu sein. Es mag wirklich zu wenig Frauen mit echter Größe geben, aber meinen zweifelhaften Charakter lasse ich mir nicht nehmen ;-)

Wolf-Dieter Schleuning / 26.12.2017

Schoen , aber Lise Meitner war keine Mitarbeiterin von Max Planck sondern von Otto Hahn, mit dem Sie sich lebenslang gut verststanden hat .

Viola Heyer / 26.12.2017

Wo bleiben die bösen Frauen?  Das ist diskriminierend!

Dirk Jungnickel / 26.12.2017

Ein Plädoyer für die selektive Wahrnehmung, dem ich nicht in allen Fällen folgen kann.

Gerhard Zollenhut / 26.12.2017

“Über das strafrechtlich und moralisch Verwerfliche ihrer Handlungen, brauchen wir kein Wort zu verlieren.” Sowohl das eine wie das andere bedarf des Beweises. Dann werden wir Worte verlieren. Oder nicht.

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