Wolfgang Röhl / 19.10.2011 / 07:50 / 0 / Seite ausdrucken

Blutrache! Warum wir Ex-Stasi-Leute schützen müssen

Größere Blätter und Magazine beschäftigen CvDs (Chefs vom Dienst). Die verbringen ihre Zeit im Büro, um Artikel der reportierenden Kollegen zu redigieren und akribisch an der Blattmischung zu feilen. Und sie passen auf, dass sich Titel, Themen und Tendenzen nicht augenfällig beißen. Wenigstens nicht in ein und derselben Ausgabe. Wenn, sagen wir, ein „Spiegel“-Reporter heute die unerhörten Leistungen der Windkraftindustrie besingt, wird man eine Schamfrist wahren, bis man – möglich ist manches im Spiegel – gelegentlich auch mal ein Stückchen druckt, in dem leichte Zweifel an der Sinnhaftigkeit dieser Form von Energieerzeugung abgehandelt werden. Im aktuellen Spiegel (Heft 42/2011) haben diese Kontrollmechanismen kongenial versagt. Nicht bei den „erneuerbaren Energien“, sondern beim Umgang mit jüngerer deutscher Historie.

Auf Seite 44 („Brauner Bluff“) flöht der Spiegel ein neues Buch aus, das die oft geglückten Versuche von Angehörigen der Waffen-SS behandelt, sich nach Kriegsende von ihren Verbrechen rein zu waschen, um Übergangsgelder und Renten kassieren zu können. Im Umgang mit der Nazi-Elitetruppe, nacherzählt das Magazin, seien die Volksparteien SPD und CDU „erstaunlich gutgläubig“ gewesen. Sie, etwa vertreten vom SPD-Politiker Helmut Schmidt, hätten den SS-Ablegern einen bloß behaupteten, in Wahrheit nie vollzogenen Gesinnungswandel abgekauft. Grund sei auch das Schielen auf Wählerstimmen gewesen. Später hätten Konservative wie der Philosoph Hermann Lübbe die Gründergeneration der Bundesrepublik „für ihren sanften Umgang mit der SS-Truppe gelobt.“ Deren „Integration“ habe die Stabilität der jungen Demokratie „erst sichergestellt.“ Der Spiegel lässt - genauso wie das Buch - keinen Zweifel daran, dass eine derartige Sichtweise blauäugig war und ist.

Dem kann man gewiss zustimmen.

Fast unmittelbar nach der Buch-Rezension druckt der Spiegel einen Essay („Stasi und kein Ende“) von Richard Schröder. Der Autor ist Theologe und Beiratsvorsitzender der Stasi-Unterlagenbehörde. Er beschäftigt sich mit dem Zorn, der viele Opfer der DDR-Diktatur befiel, als sie erfuhren, dass in seiner Behörde sage und schreibe 45 ehemalige hauptamtliche Stasi-Mitarbeiter wirken. Dass sich also die Stasi, zumindest zum Teil, selbst um die Aufarbeitung ihrer Verbrechen kümmern darf. Eine Nummer, so abenteuerlich, dass wahrscheinlich sogar linke Amerikaner („liberals“) jeden für jeck erklären würden, der versuchte, das ernstlich zu rechtfertigen.

Im Essay des Kirchenmannes ist von „Versöhnung“ die Rede. Den Ex-Stasi-Mitarbeitern sei rechtlich nichts vorzuwerfen, zieht Schröder den Behördenleiter Roland Jahn heran. Welcher aber, anders als Schröder, gleichwohl der Meinung ist, die gewesenen Rotgestapisten müssten, wenn schon nicht aus dem Staatsdienst, so doch aus der Stasi-Aktenstelle verschwinden. Einfach aus Anstand den Opfern gegenüber.

Schröder dazu: „Ich sage, die Gefühle der Opfer dürfen rechtsstaatliche Grundsätze nicht relativieren. Das Rechtssystem, in dem die Opfer ohne Richter agieren, ist das System der Blutrache.“

Ferner hat sich Schröder eine Metapher gedrechselt, die aus dem Kleingärtnermilieu stammen könnte: „Die rotierenden Klingen eines Rasenmähers können schwere Verletzungen verursachen, aber nicht, wenn sie abgeschraubt auf dem Tisch liegen. Ein ehemaliger Stasi-Mitarbeiter ohne Stasi hat für uns seinen Schrecken verloren. Alles andere ist Gespensterfurcht.“

Blutrache! Diese Strafvollzugsform hatte ich bisher eher bei rivalisierenden Kosovaren-Clans verortet. Muss da was übersehen haben. Wurden Ex-Stasi-Mitarbeiter, die in der Stasi-Unterlagenbehörde Akten „aufarbeiten“, von ihren ehemaligen Opfern schon mal rächend aufgeschlitzt? In ihrer Behörde mit Kugeln blutig niedergestreckt? Gab es Sprengstoffanschläge? Wurden Angehörige der Stasi-Erben entführt, gefoltert, ermordet?

Müsste man googeln.

Und „Rasenmäherklingen“? Die, abgeschraubt, harmlos auf dem Tisch rum liegen? Könnte man, wenn man im Spiegel vier Seiten zurückblättert, nicht zum Schluss kommen, dass Waffen-SS-Männer ohne die SS nach dem Krieg doch auch irgendwie - abgeschraubt waren? Dass es also törichte „Gespensterfurcht“ gewesen wäre, sie nicht – segensreich - in die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft zu integrieren?

Sind so Fragen.

Eine ganz kleine hätte ich noch. Warum verliert der Spiegel, der doch ein Furcht erregendes Archiv unterhalten soll, in seinem Artikel „Brauner Bluff“ nicht ein Sterbenswörtchen über jene Nazis, die sich nach Gründung des „Sturmgeschützes der Demokratie“ alsbald in einflussreiche Pöstchen der Spiegel-Redaktion einbrachten? Weil nicht nur der SPD-Politiker Helmut Schmidt und der CDU-Kanzler Konrad Adenauer „erstaunlich gutgläubig“ waren, sondern auch der Spiegel-Gründer Rudolf Augstein? Welcher nicht mal die Entschuldigung vorweisen konnte, nach Wählerstimmen fischen zu müssen? Wollte der junge Rudi vielleicht auch - „integrieren“? Kam deshalb erst viel später raus, dass auch ein Günter Grass…?

Hohl scheppert es im Glashaus, wenn die steilen Thesen fliegen. Liebe Spiegel-CvDs: bitte besser aufpassen!

 

 

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