Rupert Reiger
Pax Christi startete im Mai 2012 seine Aktion „Besatzung schmeckt bitter“ und rät zum Kaufverzicht von Lebensmitteln, wenn es sich dabei um Produkte aus Siedlungen in den besetzten Gebieten handeln könnte.
Ja gut, der gesunde Mensch mag auf Orangen, wenn sie „Siedlungsprodukte“ sind, verzichten. Ist der Mensch krank, hat er andere Präferenzen. Oder anders gesagt: Ein kranker Mensch wird um israelische Pharmazeutika, Diagnostik, Medizintechnik usw. froh sein, Orangen hin oder her.
Ein Boykott wie der folgende, zu lesen hier (http://www.salamshalom-ev.de/bds.html), ist für Juden wie Palästinenser nachteilig, für die Boykotteure unter Umständen tödlich:
Unser Vorschlag: Keine Produkte aus den israelischen Siedlungen in den Einkaufskorb, weil das Unrecht, das dort geschieht, durch unser Kaufverhalten nicht unterstützt werden soll! Aber dann mit allen Konsequenzen!
Welche Produkte soll man meiden?
Vor allem Obst und Gemüse. Die großen israelischen Export-Unternehmen heißen u.a. Adafresh, Agrexco, Arava, Mehadrin. Weitere Marken-Namen: Alesia, Carmel, Carmel Bio Top, Dalia, Jaffa, Jordan Plains. In Siedlungen hergestellt werden auch der beliebte Sprudler Sodastream (vormals Soda-Club) und die Wasserfilter von Brita, Kosmetika der Marken Ahava, Arad, Gilead, L´Oreal, Generika der Marke Teva (hat vor kurzem die deutsche Firma Ratiopharm gekauft).
Israels größter Textilhersteller Delta Galil Industries, der soeben die deutsche Firma Schiesser gekauft hat, liefert Kleidung und Unterwäsche an Marken wie Gap, J-Crew. Calvin Klein, Playtex, Victoria´s Secret.
Als nur nachteilig zu werten, wäre der Boykott von Orangen bis Victoria´s Secret, natürlich auch bezüglich der damit verbundenen Arbeitsplätze. Als potentiell tödlich zu werten, wäre ein Boykott von Produkten wie denen von TEVA: http://www.tevapharm.com/Pages/default.aspx.
Vergleichbares gilt für alle Produkte der israelischen medizintechnischen, pharmazeutischen Industrie. Erklären Sie das mal einen kranken Menschen oder einem Einkäufer in einem Krankenhaus oder einem behandelndem Arzt.
Im vergangenen Jahrzehnt machte auch die Gen- und Biotechnologie Israels enorme Fortschritte. So war bereits vor 15 Jahren der israelische Pharma-Riese TEVA der weltgrößte Hersteller von Antibiotika. Nach einer Reihe von Unternehmenszukäufen entwickelte sich TEVA zu einem der acht bedeutendsten Pharmaunternehmen der Welt. Besonderes Augenmerk wurde in der Branche auch dem medizinischen Apparatebau geschenkt, vor allem in den Bereichen diagnostisches und therapeutisches Imaging. Über 60% aller israelischen Startup-Unternehmen widmen sich dem Erhalt und der Wiederherstellung der Gesundheit.
Na, dann boykottiert mal schön!
Man lese auch:
Biotechnologie & Pharma, Medizintechnik, Diagnostik, Ernährung vom 14.03.2012:
BMBF fördert deutsch-israelische Kooperationen in der Biotechnologie
Auf der Grundlage eines Rahmenabkommens besteht eine Zusammenarbeit zwischen dem deutschen Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und dem israelischen Ministry of Science and Technology (MOST). Das Gebiet der Biotechnologie (DISNAT) wurde 1976 einbezogen. Seit dem Jahr 2000 findet eine inhaltliche Neuorientierung von DISNAT statt. Ziel ist es, insbesondere anwendungsorientierte Kooperationsvorhaben zwischen israelischen Forschergruppen und deutschen Unternehmen zu unterstützen. Bewerbungsschluss ist am 2. Mai 2012.
(http://www.bio-pro.de/medtech/biopharma/aktuelles/index.html?lang=de&artikelid=/artikel/07769/index.html)
So mögen die Boykotteure doch mal dem kranken Menschen erklären, auf welche Mittel und Hilfen er verzichten sollte, um gegen die israelische Bsatzungspolitik zu demonstrieren. Viel Erfolg!
Siehe auch:
Aus der Krisenregion Nahost ist mittlerweile der Wirtschaftsraum Nahost geworden. Vor allem Jordanien, Palästina und Israel sind sich im vergangenen Jahrzehnt wirtschaftlich näher gekommen. Die während der Intifada ausgesetzte Errichtung so genannter QIZ (Qualified Industrial Zones) wurde seit 2006 beschleunigt vorangetrieben. Seither sind ein gutes dutzend dieser bi- und trilateralen Industrieparks in den Grenzgebieten entstanden. Hier kommen israelisches Know-How, ausländisches Kapital und immer qualifiziertere jordanische und palästinensische Arbeitskraft zusammen, um zu günstigsten Bedingungen für den Export in die EU und die USA zu produzieren. Das BIP per capita Palästinas hat sich von 1600 USD im Jahr 2004 auf immerhin 4300 USD 15 Jahre danach gesteigert; für Jordanien ist die Entwicklung sogar noch günstiger verlaufen.
2016 wurde der, zu großen Teilen von der Weltbank und der KWA finanzierte Kanal zwischen Rotem und Totem Meer in Betrieb genommen. Er ermöglicht seither den drei Anrainern Israel, Jordanien und Palästina die Produktion umweltfreundlichen Stroms durch die hydroelektrische Nutzung des Gefälles von 400 Metern und die Speicherung einer fast unbegrenzten Menge an Sonnenenergie in sog. Solarbecken. Diese Energie wird heute zur groß angelegten Meerwasserentsalzung genutzt, um dem akuten Wassermangel in der Region zu begegnen. Entlang des Kanals verläuft die Transrapidtrasse, über die Jordanier, Palästinenser und Israelis in 35 Minuten von Sdom nach Eilat/Akaba reisen. http://israel.ahk.de/israel/ausblick-ins-jahr-2020/
Und schließlich: Handlungsanweisungt für Israel-Boykotteure:
http://www.youtube.com/watch?v=AbIQto3KPUM
Dr. Rupert Reiger arbeitet in einem Forschungszentrum der Luft- und Raumfahrtindustrie an Software und Algorithmen.