Von Christoph Rothenberg.
Zwei Wochen vor Weihnachten steigt in den Straßen von New York die Vorfreude auf das Fest der Liebe. Ein älterer Mann verabschiedet die letzten Gäste seiner nachträglichen Geburtstagsfeier, spült eine Packung Schlafmittel mit Whiskey runter und stirbt.
Was klingen mag wie der Beginn einer modernen Haltungsgeschichte, ist ein Blick in den Rückspiegel. Ein Bericht über einen bemerkenswerten Mann und seine Zeit. Ein Bericht darüber, wie die Haltung der Eifrigen und das Schweigen der Opportunisten einen unangepassten, integren Menschen vernichteten. Einen Menschen, dessen Name Bartley C. Crum und dessen einziges Verbrechen seine Überzeugung war. Er wurde eines von zahllosen Opfern einer Hetzjagd, die als Rote Angst und als McCarthy Ära im Gedächtnis bleiben wird. Der Bericht und seine Geschichte werden 1959 in New York enden und sollen heute erzählt werden; auch damit sie nicht 2019 in Berlin ihre Fortsetzung finden.
Es beginnt am 27. Oktober 1947. Das Komitee für unamerikanische Umtriebe des US Repräsentantenhauses führt seit einer Woche eine öffentliche Untersuchung zur befürchteten Kommunistischen Unterwanderung der Filmindustrie. Nachdem in der Woche zuvor verschiedene einflussreiche Hollywoodgrößen wie Walt Disney, Gary Cooper oder Ronald Reagan als „friendly witnesses“, als die „Guten“ und Kronzeugen der vermeintlichen Kommunistischen Verschwörung gehört worden waren, sind jetzt zehn “Rote“, die Hollywood Ten, an der Reihe.
Spätestens jetzt geht es nicht mehr um Erkenntnisgewinn oder eine unvoreingenommene Untersuchung. Im Scheinwerferlicht der Kameras findet der erste Schritt einer Hexenjagd statt, die binnen weniger Wochen zur Einrichtung einer Schwarzen Liste für tatsächliche oder vermeintliche Kommunisten führen wird. Es geht um Eitelkeiten, um Angst, um Einschüchterung und um Vernichtung des politischen Gegners. Die Hollywood Ten, offiziell als „unfriendly witnesses“ und tatsächlich als Opfer vorgeladen, weigern sich zu erklären, ob sie Kommunisten sind oder waren. Sie weigern sich, andere als Kommunisten zu denunzieren. Sie berufen sich auf ihre Meinungsfreiheit.
Sie haben keine Chance. Am Ende der Woche werden alle zehn zu Haft- und Geldstrafen und zur jahrelangen öffentlichen Ächtung verurteilt sein. Wenige Wochen später werden Hollywoods Studiobosse bekanntgeben, dass keiner, der sich nicht unter Eid vom Kommunismus distanziert, mehr in Hollywood arbeiten wird. Die Blacklist ist geboren. Hunderte werden zu Opfern. Die Hollywood Ten waren die ersten Opfer. Bartley C. Crum war einer ihrer Anwälte.
Ein Irrtum, den er bitter bezahlen würde
Er war ein Mann mit vielen Eigenschaften: Anwalt, Bestsellerautor, Zeitungsherausgeber, Berater von Hollywoodstars und US-Präsidenten. Ein Idealist und Freigeist. Ein Mann, der zeitlebens glaubte, dass das Recht der Meinungsfreiheit und die Verfassung der Vereinigten Staaten ihn schützen würden. Ein Mann, der nicht glauben mochte, dass die bloße Verteidigung von Mandanten und Idealen ihn zum Verfolgten machen könnten. Ein Irrtum, den er bitter bezahlen würde.
Was mag diesem Mann durch den Kopf gegangen sein, als unter den Scheinwerfern der versammelten Presse Leben und Existenzen seiner Mandanten zerstört wurden. Als ihnen die Möglichkeit genommen wurde, sich zu erklären. Was mag er gedacht haben als Anwalt, der miterleben musste, wie Grundsätzen der Verfassung und des fairen Verfahrens ihr Inhalt geraubt und ein Parlamentsausschuss zum Inquisitionstribunal gemacht wurde; als Journalist, der sah, wie die Hexenjagd aus dem Inquisitionstribunal in die Öffentlichkeit getragen wurde, um Existenzen zu zerstören und Angst zu säen; als Politiker, der zeitlebens für die Freiheit der Meinung und des Diskurses gekämpft hatte und nun mit ansehen musste, wie diese Freiheit Schritt für Schritt starb.
Was mag er gedacht haben als integrer Mensch, der zusehen musste, wie sein amerikanischer Traum zum Albtraum wurde. Ein anderes späteres Opfer gibt seine Antwort: Es war wie „ein Traum, der mit etwas Lächerlichem beginnt, um sich dann zu Schrecken und Terror zu verzweigen, zu wuchern, zu kriechen, zu einem Albtraum zu wachsen.“
Zu einem Albtraum, in dem aus komplexen Schriften einzelne Sätze herausgebrochen und verdreht werden, um den Verfasser öffentlich zu denunzieren. Ein Albtraum, in dem ein Lächeln an der falschen Stelle ausreichen kann, zum Opfer zu werden. In einem solchen Albtraum wird auch der Anwalt zum Sympathisanten denunziert, wird jeder Verteidiger schnell zum Verdächtigen, jeder Kritiker zum Feind.
Wie vermeintliche Freunde ihm den Rücken zudrehten
Bartley Crum erging es nicht anders. Er wurde als Verteidiger der Gegner des Systems zur Zielscheibe der Verfolgung. Seine Tochter erinnert sich heute, 70 Jahre später, wie er aufgrund seines Einsatzes für die Redefreiheit in der öffentlichen Hexenjagd als Feind und Sympathisant gebrandmarkt wurde und seine wichtigsten Mandanten verlor. Wie vermeintliche Freunde ihm den Rücken zudrehten, wenn er den Fahrstuhl betrat. Wie er öffentlich so sehr verfolgt wurde, dass er beim abendlichen Spaziergang über einen FBI Spitzel, der im Gebüsch lauerte, stolperte. Er wurde vom Gegner der Hexenjagd zu ihrem Angeklagten und Opfer. Als vermeintlicher Sympathisant wurde er abgehört, geschnitten und seiner Reisefreiheit beraubt. Jeder seiner Schritte wurde verfolgt und in seitenlangen Akten akribisch dokumentiert.
Wie schwer muss ein solcher Druck auf dem Opfer der Verfolgung lasten?
Auf Bartley Crum lastete dieser Druck so schwer, dass er zunehmend zu Alkohol und Zigaretten griff, um ihn ertragen zu können. Schließlich aber half auch dies nichts mehr, und er selbst wurde zum Täter, der andere verriet, um der Verfolgung zu entkommen. Alle Fähigkeiten, Verbindungen und Taten konnten Bartley Crum in den aufgeheizten Tagen der Hexenjagd nicht davor schützen, stigmatisiert, verfolgt und denunziert zu werden. Vom Druck der Verfolgung und vom Missbrauch von Alkohol und Medikamenten gezeichnet, wurde das Opfer selbst zum Täter gegen seine eigenen Ideale. Der Albtraum, in dem er gefangen war, erlaubte keinen Unterschied mehr zwischen Opfer und Täter.
Jahre später sagte Dalton Trumbo, einer der Hollywood Ten, dazu:
„Die schwarze Liste war eine Zeit des Bösen, die keinen, der sie überlebte, gleich auf welcher Seite er stand, unversehrt gelassen hat. Jeder reagierte, wie es seine Natur, seine Bedürfnisse, seine spezielle Überzeugung diktierte. Es wird nichts Gutes bringen, nach Schurken, oder Helden oder Heiligen zu suchen … denn es gab keine; es gab nur Opfer. Das ist, warum keiner von uns – sei er rechts, links, oder in der Mitte – aus jenem langen Albtraum ohne Sünde herauskam.“
Bartley C. Crum, ein bemerkenswerter Mann, überlebte den Albtraum nicht. Und auch der Namensgeber der dunklen Zeit, Senator Joseph McCarthy, wurde zu ihrem Opfer. Als der Widerstand wuchs, als die Stimmen der Opfer lauter wurden und sich erst einige und dann immer mehr Menschen trauten, gegen das Unrecht „Erklärungen des Gewissens“ öffentlich zu machen, flüchtete auch er aus dem Albtraum, den er mit geschaffen hatte, in Alkohol, Drogen und letztlich den Tod. Joseph McCarthy starb gut zwei Jahre vor Bartley Crum. Für Bartley Crum aber kam dieses Ende der Ära zu spät; er war bereits ein gebrochener Mann.
„Furcht, Ignoranz, Bigotterie und Hetze“
Beide waren Täter und Opfer einer „Zeit des Bösen“, in der Meinungskampf zum Meinungskrieg geworden war, in der „Furcht, Ignoranz, Bigotterie und Hetze“ zu Waffen gemacht worden waren, den Gegner zu vernichten und einzuschüchtern.
Mit einer Flasche Schlafmittel enden vor sechzig Jahren ein bemerkenswertes Leben und eine außergewöhnliche Geschichte. Ein Leben und ein Tod, die zeigen: Es ist nicht der Furor und die Engstirnigkeit der ideologisch Reinen und selbsterklärt Gerechten, es ist die Gleichgültigkeit, die Angst und der Opportunismus der Schweigenden, die einen Albtraum ermöglichen und wachsen lassen.
Der Schluss dieses Berichts über einen außergewöhnlichen Mann, der an den Geschehnissen zerbrach und zu ihrem Opfer wurde, gehört einem anderen Opfer der Hexenjagd, das die Kraft, die Zeit und die Möglichkeit fand, sich zu wehren:
Es kann mir passieren, es kann Ihnen passieren und es kann hier passieren.
Hat es schon angefangen?
Christoph Rothenberg, Jahrgang 1970 geboren, war unter anderem als Bankkaufmann, Vorstandsreferent, Unternehmensberater und Geschäftsführer tätig und ist seit 2001 Rechtsanwalt und Mediator in Hamburg.
In der Zeit der großen Einwandererströme in die USA ist es sehr schnell, nach altheimatlichem Vorbild, zur Herausbildung von Mafiastrukturen gekommen. Nach dem 1. Weltkrieg standen sich vor allem zwei Fraktionen gegenüber : die durch die Prohibition an Reichtum und Macht gewinnende Mafia und ein riesiges Heer arbeitsloser " weißer " Amerikaner , Kriegsheimkehrer etc. , die durch die wirtschaftliche Repression bedrängt waren. Zur Bekämpfung des Alkoholschmuggels und seines immensen mafiösen Einflusses hat man eine Gegenmacht quasi militärisch aufgestellt, die sogenannten Prohibitionsagenten. Dennoch ist es der Mafia gelungen, gewaltigen Einfluß auf Regierungskreise auszuüben. Nach der Prohibition, die in jeder Hinsicht ein Fehlschlag war, kamen die Jahren der Grossen Depression, die für Millionen Amerikaner schwere Folgen hatte. Sozialismus und Nationalsozialismus gewannen für viele Amerikaner, die zunehmend ohne eigene Schuld durch Banken-u. Konzernmacht verarmten ,an Attraktivität. Es war die Geburtsstunde des Folk. Zahllose amerikanische Autoren ( Steinbeck z.B.) wurden populär. Hollywood ( Frank Capra ) wurde " links ". Gleichzeitig wurden alle Bemühungen der Gewerkschaften, der Aufhebung der Rassentrennung niedergebügelt, u.a. mit Hilfe der vorwiegend italoamerikanischen Mafia, unterstützt von geschmierten Regierungskreisen. ( Durch den Einstieg ins Drogenbusiness hatte man Geld wie Heu). Dann kam, etwas verzögert, der Kriegseintritt. Staatliche Überwachung und Mafia hatten einen gemeinsamen Feind und operierten völlig ungestört nebeneinander. So wurde Las Vegas gross.Hoover und Konsorten waren beschäftigt mit dem inneren Feind ( Japaner und andere Nazis, Sabotage etc. ) Nach dem Krieg gab es eine neue Generation von Heimkehrern ,denen man im Anspruch auf Wiedereingliederung Einhalt gebieten musste, denn die fundamentalen Ungerechtigkeiten in der amerikanischen Gesellschaft waren , trotz der Kriegserfahrung immer noch da.
@Johannes Schuster: «Unlängst hatte ich mich bei Achgut über die Generation “ähm” echauffiert und eine McCarthy - Welle im Modelleisenbahnformat damit generiert.» Unlängst war am 15.12., d.h. vorgestern, und die McCarthy-Welle fand im Eierbecher statt. Zudem ging es –soweit ich es verfolgt habe – gar nicht um Ihre „ähm“ und „äääh“-Kritik, sondern um die herablassende (und zudem entmutigende) Tendenz dieser Kritik. Gern hätte ich Sie als 18- oder 20-jährigen Klassenprimus vor Publikum und einer Kamera ohne Füllwörter druckreif reden hören. Lassen wir beim Vergleichen die Kirche lieber im Dorf, wie der Volksmund es ohne „ähm“ ausdrückt.
Gegen die Massen-Morde in der UdSSR und in China im Bürgerkrieg sind die Verrücktheiten in der McCarthy-Zeit ein laues Lüftchen. Denn es kamen die meisten davon, und sie waren selten Arme. Man soll bedenken, dass die USA bereits vollbestückt mit Spionen des Ostens waren. STALIN wollte seine eigene A-Bombe. Sowie alles an sonstigem Kriegsgerät. Die Verräter ROSENBERG haben Stalin die Grundlagen dazu geliefert. Der Lend&Lease;-Vertrag war ausgelaufen, es gab aus den USA nichts mehr geschenkt. Mr. McCarthy meinte, dass sich die amerikanische Demokraten, im Gefühl des Kriegssieges, nicht genügend gegen Unter-wanderung wehren würden. Wäre Russland heute die bessere Demokratie als die USA , ich würde solche Zwangs-Anhörungen von Russen-Freunden verdammen.
Ich erinnere mich an einen Eintrag bei Facebook. Da hatte einer kritischen Schreiberin jemand geantwortet, es würde sicher ihren Arbeitgeber (Name und Adresse und Abteilung der Firma wurden explizit genannt) interessieren, was seine Angestellte so von sich gibt. Eine unverhohlene Ankündigung einer Denunziation. Seitdem postete diese Schreiberin nur noch Katzenbilder. Ob sie ihre Stelle noch hat, weiß ich nicht. Vielleicht hatte sie ja mehr Glück als der hessische Filmbeauftragte, der dummerweise mit dem Leibhaftigen zu Mittag speiste.
Noch was fällt mir ein zu den Schwarzen Listen. In der Schweiz wurden im Zuge der "Fichenaffäre" ca. 1990 alle Linken, die erfasst wurden - also solche von der SP, die zu Honecker reisten oder Sowjetanhänger, PdA'ler (CH-Kommunisten, gibt es nicht mehr, haben sich in die Grüne Partei integriert) - gesellschalftlich rehabilitiert und die Leute, die sich in der Gefahrenabwehr betätigten demonisiert und verfolgt. Das mit den Fichen viele Mafiosi und andere Kriminelle auch gelöscht wurden verschlimmerte den Schaden nur noch. Wo ist die Schweiz heute, 30 Jahre nach der "Affäre"? Heute herrschen Zustände die in Frankreich vor 30 Jahren geherrscht haben und wir damals froh waren, dass wir davon verschont wurden. Natürlich ist die CH besser dran als D, F oder GB heute, aber nicht besser als die CH vor 30 Jahren, und darauf kommt es an.
Seit der "Kampf gegen Rechts" eine damals liberalkonservative AfD traf, die seitdem und heute noch einen Zweifrontenkrieg gegen rechte Unterwanderer und eine linke Brüllpresse führt, seit im Fall "Chemnitzer Hetzjagden" dt., rechte Verbrechen erfunden wurden, um ein "linkes" Flüchtlingsverbrechen aus der Wahrnehmung zu streichen, seit eine Ankündigung der AfD, sie werde gegen ihren rechten Rand vorgehen, ausreichte, um diejenigen, die nicht noch mehr AfD-Wähler wollen, zur Intensivierung des Gebrülls gegen eine jetzt ohne eigenes Zutun "rechtsextrem" genannte Partei anzureizen, seit der Rausschmiss der tatsächlich rechtsextremen Doris v. Sayn-Wittgenstein aus der AfD nicht zum Kommentar "Gut gemacht, weiter so!", sondern zu einem SPIEGEL-Aufreißer "Radikale übernehmen die AfD" führte und vor allem, seit die Denunziation angeblicher Rechtsradikaler im Rahmen eines "Nazi-Notstandes" offen verlangt und belohnt wird, seitdem hat eine linke Inquisition in D angefangen. Der Vergleich dürfte stimmen und die nächsten Jahre in D werden eher mit der Mc-Carthy-Ära in den USA übereinstimmen als mit den noch viel schlimmeren Ären der Gestapo und der GPU. Aber das ist kein Trost für die Opfer.
In Hollywood und anderen Refugien der Kunst und sogenannter Kulturbetriebe sind verwirrte Köpfe mit überwiegend linkslastiger Prägung sehr häufig. Das war früher so und ist heute nicht anders. Früher wehrte man sich dagegen, wenn auch sehr überzogen, aus heutiger Sicht. Heute lässt man es weitgehend durchgehen und fördert es finanziell und medial massiv. Ich sehe hier keine Wiederholung der Geschichte. Ganz im Gegenteil. Fortsetzung dessen, was damals abgewehrt wurde, wenn auch ziemlich derb bzw. überzogen.